13.01.2014

KANZLERIN„Es geschah im Engadin“

Wie Merkels Skiunfall die Kreativität der Medien beflügelte
Zu den Entdeckungen der vergangenen Tage zählte fraglos Professor Pol Maria Rommens. Seinen ersten großen Auftritt hatte er am Montag in der 17-Uhr-Ausgabe der "heute"-Nachrichten, und zwar gleich im ersten Beitrag. Es ging um das politische Thema der vergangenen Woche: den unvollständigen Bruch im linken hinteren Beckenring von Dr. Angela Merkel.
Erst wenige Stunden vor Rommens' Auftritt hatte Regierungssprecher Steffen Seibert im Rahmen einer Pressekonferenz über einen Sturz der Kanzlerin informiert. "Sie ist hingefallen. Beim Langlauf. Wir gehen von niedriger Geschwindigkeit aus." Für einen Moment hielt die Republik den Atem an. Merkels Becken schaffte es in den Newsticker von CNN.
Dann der große Moment von Professor Rommens von der Universitätsklinik Mainz. In den "heute"-Nachrichten sah man ihn mit einem vergilbten Modell eines Beckens in den Händen am Schreibtisch sitzen. Er sagte: "Nach den Informationen, über die ich verfüge, nehme ich an, dass die Kanzlerin auf der linken Beckenhälfte gestürzt ist ..." Dann griff Professor Rommens zu einem ungespitzen Bleistift und deutet auf den vorderen Teil des Modells: "... und es zu einem unverschobenen Bruch des Schambeinastes und des Sitzbeinastes gekommen ist." Seit Gründung der Bundesrepublik wurden nie so viele Beckenmodelle in den deutschen Medien gezeigt wie in der vergangenen Woche.
Dazwischen liefen im Fernsehen meist Archivbilder einer ebenso langsam wie unbeholfen durch den Schnee stapfenden Bundeskanzlerin, die unweigerlich die Frage aufwarfen, warum ein solcher Unfall sich erst jetzt ereignet hat.
Auch sonst bescherte Merkels kleines Missgeschick ("Es geschah im Engadin", ZDF) dem Land Sternstunden der politischen Berichterstattung. Ihr Sturz setzte ungeahnte Kreativität frei, keine Metapher war vor den Journalisten mehr sicher. Schließlich ließ sich Merkels Unfall wunderbar mit dem schwierigen Start ihrer Regierung gleichsetzen. Das wird immer gern genommen.
"Ein holpriger Start der Großen Koalition, nicht nur in der Loipe", textete das ZDF. "Angela Merkel hätte also jede Menge Anlass, mal so richtig mit dem Fuß aufzustampfen", erklärte dessen Moderator Claus Kleber. "Das ist allerdings erst mal nicht zu erwarten." In der "Bild" konzentrierte man sich auf die Kabinettssitzung am Mittwoch und auf Vizekanzler Sigmar Gabriel, der seiner neuen Chefin die Akten trug: "Merkel mit Geh-Hilfe und Gehilfe". Und während die "Tagesschau" es etwas nüchterner probierte ("So geht die Kanzlerin mit gedrosselter Geschwindigkeit ins neue Jahr"), legte "heute" am Morgen nach der "Eilmeldung" sprachlich noch einen drauf: "Die Kanzlerin gestürzt - gottlob nur beim Langlauf."
Ausführliche Beachtung fand auch die Beschaffenheit von Merkels Fortbewegungsmitteln: Zunächst ging es um ihre Langlaufski (das bereits 20 Jahre alte Modell "Alpha CS" der Marke Germina) und später - als logische Konsequenz - um ihre Krücken (ein Modell der Firma Ossenberg, geeignet für ein Körpergewicht bis 140 Kilogramm für 46,70 Euro das Paar).
Der Hype um Merkels Becken passt gut in eine Zeit, in der Politik nicht nur vielen Bürgern, sondern auch vielen Medien wahlweise als "zu kompliziert" oder aber "zu langweilig" erscheint. Der Aufbau eines Beckens samt Schambeinast ist eben doch verständlicher als der Aufbau der umlagefinanzierten Pflegeversicherung, weshalb auch dieser Text als sogenannte leichte Geschichte Eingang in den SPIEGEL fand.
Merkel selbst ging mit ihrer Einschränkung genauso unaufgeregt und teilnahmslos um, wie es ihre Art ist. Sie sei dankbar, dass Kanzleramtschef Peter Altmaier einen Teil des Programms übernommen habe, sagte sie am Dienstag beim Empfang der Sternsinger in ihrem Hause. "Weil ich nicht ganz so gut stehen kann und mehr liegen soll, wie man ja gelesen und gesehen hat." Das war es dann mit der Selbstbezüglichkeit. Eingefangen wurde ihr Auftritt von ähnlich vielen Kameras wie sonst nur bei einem Obama-Besuch.
Auch den Neujahrsempfang im Schloss Bellevue zwei Tage später absolvierte Merkel ohne großes Aufheben um ihre Person. Nach dem Gruppenfoto ihres Kabinetts mit dem Präsidentenpaar humpelte sie als Erste aus dem Raum. Nur Scherzkeks Wolfgang Schäuble konnte sich einen Gag nicht verkneifen. "Ich kann Ihnen meinen Rollstuhl anbieten", sagte der Finanzminister.
Bald dürfte die Aufregung um Merkels Becken abebben und der unvollständige Bruch im linken hinteren Beckenring verheilt sein. Dies erklärte - ebenfalls in den "heute"-Nachrichten - auch Professor Pol Maria Rommens. Er rechnet mit drei Wochen. Man könne erwarten, "dass die Schmerzen, die die Kanzlerin bestimmt hat jetzt, in dieser Zeit abklingen werden, und dass nach etwa sechs Wochen eine volle Belastung und Gebrauchsfähigkeit des linken Beines wieder gegeben ist". Über die Gebrauchsfähigkeit der Nachrichtensendungen wird man erst dann wieder urteilen können.
Von Markus Feldenkirchen

DER SPIEGEL 3/2014
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