13.01.2014

PROZESSE„Ich fand das verstörend“

Olaf Glaeseker hält seinen ehemaligen Chef Christian Wulff für das Opfer „schwersttraumatischer Erlebnisse“, spricht über seinen Rauswurf und seinen Auftritt als Zeuge in dieser Woche.
Glaeseker, 52, war von 1999 bis Dezember 2011 Sprecher, Ratgeber und engster Vertrauter des CDU-Politikers Christian Wulff. Acht Wochen vor seinem Rücktritt vom Amt des Bundespräsidenten feuerte Wulff den früheren Journalisten Glaeseker, nachdem Korruptionsvorwürfe aufgekommen waren. Es ging um den Verdacht, dass Glaeseker für den Partyveranstalter Manfred Schmidt Sponsoren akquiriert habe - und sich dafür mit Flugreisen und Ferienaufenthalten habe belohnen lassen. Seit Dezember muss sich Glaeseker vor dem Landgericht Hannover verantworten.
SPIEGEL: Herr Glaeseker, zwei Jahre nach der Aufnahme von Ermittlungen gegen Sie sind Sie erstmals zu einem Interview bereit. Warum haben Sie bis jetzt geschwiegen?
Glaeseker: Für mich war wichtig, die Kleiderordnung einzuhalten. Erst nachdem ich mich gegenüber dem Gericht zu den Vorwürfen eingelassen habe, kann ich mich äußern.
SPIEGEL: Christian Wulff hat das Verhältnis zu Ihnen mal als das siamesischer Zwillinge bezeichnet. Wann hatten Sie den letzten Kontakt zu Ihrem Zwilling?
Glaeseker: Wir haben aktuell kein Verhältnis, was ich - nach dem, was passiert ist - auch für ganz normal halte. Ich habe ihm verziehen und gucke nach vorn. Unsere letzte Begegnung hatten wir im Rahmen seines 53. Geburtstags im Juni 2012.
SPIEGEL: Haben auch Sie sich als siamesischer Zwilling empfunden?
Glaeseker: Die Begrifflichkeit hat Christian Wulff eingeführt. Wenn er damit gemeint hat, dass ich wusste, was er denkt und was er will, dann war das eine zutreffende Beschreibung.
SPIEGEL: Dennoch hat er Sie am 22. Dezember 2011 nach über zwölf Jahren an seiner Seite quasi rausgeschmissen. Wie war das für Sie?
Glaeseker: Erstens heißt es aus gutem Grund, dass politische Beamte jederzeit ohne Angabe von Gründen in den einstweiligen Ruhestand versetzt werden können. Zweitens hat es in den zurückliegenden zwei Jahren viele traurige Momente gegeben - und mein Ausscheiden aus dem Präsidialamt gehört zu diesen Momenten. Wenn Sie nach zwölfeinhalb Jahren derart enger Zusammenarbeit und freundschaftlicher Verbundenheit sich zwei Tage vor Heiligabend plötzlich im Zug von Berlin nach Hannover erleben, die Entlassungspapiere in der Tasche: Das sind schon psychische Grenzerfahrungen.
SPIEGEL: Können Sie das näher beschreiben?
Glaeseker: Mir hat es weh getan zu erleben, wie das Privatleben von meiner Frau und mir an die Öffentlichkeit gezerrt wurde. Ich war immer nur der Mann im Hintergrund, der Arbeiter im Weinberg des Herrn - es ging nie um mich, sondern um das Land und meinen Dienstherrn. Auf einmal selbst Objekt der Berichterstattung zu sein ist bedrückend. Ich konnte hautnah die Bedeutung des Satzes erleben: Der wahre Freund zeigt sich in der Not.
SPIEGEL: Hatte Wulff die Wahl, Sie zu entlassen - oder an Ihnen festzuhalten?
Glaeseker: Das ist Schnee von gestern. Ich kümmere mich jetzt um meine Zukunft.
SPIEGEL: Aber er hat Ihre Entlassung als Befreiungsschlag gesehen?
Glaeseker: Mit dieser Frage sind Sie bei mir an der falschen Adresse.
SPIEGEL: Der nächste Kontakt zu ihm war Wulffs SMS am 4. Januar 2012?
Glaeseker: Da wollte ich eine Stellungnahme für das Bundespräsidialamt anfertigen und den Inhalt mit Christian Wulff abstimmen. Ich schrieb, er sei hoffentlich einverstanden, wenn ich darin aufnehme, dass er im Zusammenhang mit der Veranstaltungsreihe Nord-Süd-Dialog von meiner langjährigen Freundschaft mit Manfred Schmidt und meinen Besuchen bei ihm zu Hause während des Urlaubs gewusst hat.
SPIEGEL: Wulffs SMS-Antwort ist aktenkundig: "Es nützt dir nichts, wenn ich davon weiß, aber es schadet mir massiv, ich steh hier unter Druck ..."
Glaeseker: Christian Wulff hatte in diesen Tagen wirklich genug mit sich selbst zu tun. Er sah offenbar keine andere Möglichkeit.
SPIEGEL: Sechs Monate später hat die Staatsanwaltschaft Hannover Wulff als Zeugen vernommen. Er hat sich auch in dieser Befragung von Ihnen distanziert - alles sei ohne sein Wissen geschehen. Wie haben Sie das empfunden?
Glaeseker: Ich fand das verstörend. Das, was Christian Wulff in den letzten Monaten seiner Amtszeit, aber auch in den Monaten danach widerfahren ist, müssen auch für ihn schwersttraumatische Erlebnisse gewesen sein. Ich stelle mir das für ihn wie bei einer Massenkarambolage vor. Fragen Sie mal Unfallopfer kurz nach dem Geschehen nach dem Unfallhergang. Da verschiebt sich gelegentlich die Perspektive. An vieles können sich die Beteiligten unmittelbar nach dem Unfall gar nicht mehr erinnern. Aber oft kommt die Erinnerung ja auch wieder.
SPIEGEL: Ein eingeschränktes Erinnerungsvermögen könnte für Sie unangenehm werden: Am 10. Februar soll Wulff in Ihrem Prozess als Zeuge aussagen.
Glaeseker: Da bin ich gespannt wie Sie.
SPIEGEL: Wulff ist nicht nur an seinen Verfehlungen gescheitert. Zurücktreten musste er vor allem wegen seines miserablen Krisenmanagements - nachdem er sich von Ihnen getrennt hatte. Hätte er mit Ihnen an der Seite sein Amt als Bundespräsident halten können?
Glaeseker: Gegenfrage: Würden Sie einen Mitarbeiter einstellen, der über die Gründe des Scheiterns seines vorherigen Arbeitgebers plaudert?
SPIEGEL: Vorigen Freitag hat in Ihrem Korruptionsverfahren Wulffs Ex-Frau Christiane ausgesagt. Liegen inzwischen alle Fakten auf dem Tisch?
Glaeseker: Der Sachverhalt selbst ist transparent und war nie strittig. Ich habe für die private Veranstaltungsreihe Nord-Süd-Dialog in den Ländern Niedersachsen und Baden-Württemberg in den Jahren von 2007 bis 2009 Sponsoren angesprochen, weil dies im Interesse des Landes und des Ministerpräsidenten war. Wulff wollte den Erfolg dieser Veranstaltungen, und wir wollten dafür keine Steuergelder ausgeben. Mein Engagement war nach meiner Auffassung keine Verwaltungsaufgabe, sondern ein Einsatz im Landesinteresse, der über meine Dienstpflichten hinausging.
SPIEGEL: Die Anklage unterstellt Ihnen, dass Sie deshalb so emsig Sponsoren angeschleppt haben, weil Schmidt Sie auf seiner Finca hat wohnen lassen.
Glaeseker: Manfred Schmidt ist seit den neunziger Jahren mein Freund, also weit vor meinem Eintritt in den Öffentlichen Dienst. Meine Frau und ich haben ihn seit vielen Jahren immer wieder zu Hause besucht, dort, wo er lebte - erst in Spanien, später in Frankreich. Wir tun dies bis heute. Es handelt sich gerade nicht um Feriendomizile, sondern um sein Zuhause. Wenn unser Freund nach Castrop-Rauxel eingeladen hätte, würden wir hier heute wahrscheinlich nicht zusammensitzen. Kurzum: Die Besuche bei unserem Freund Manfred haben und hätten stattgefunden ohne eine einzige dieser Veranstaltungen in Hannover und in Stuttgart.
SPIEGEL: Aber hätten Sie während der Veranstaltungsreihe Nord-Süd-Dialog auf Schmidts Freundschaftsdienste nicht besser verzichtet?
Glaeseker: Die Freundschaft zu Manfred Schmidt war nicht die Motivation für mein Engagement. Sie wäre bei jedem anderen Veranstalter genauso gewesen. Es ging darum, dass Niedersachsen im Wettbewerb mit Baden-Württemberg gut aussah. Das ist uns gelungen.
SPIEGEL: Sie werfen sich nichts vor?
Glaeseker: Aber ja, rückblickend habe ich einen Fehler gemacht. Ich hätte etwa einen Vermerk darüber schreiben sollen, dass es das enge freundschaftliche Verhältnis gibt, dass wir uns gegenseitig besuchen und dass ich dies auch gern beibehalten möchte. Ich habe das nur deswegen unterlassen, weil ich wusste, dass der Ministerpräsident dies wusste.
SPIEGEL: Wieso spielt es beim Vorwurf der Bestechlichkeit eine so große Rolle, ob Wulff Kenntnis von den Urlauben bei Schmidt hatte?
Glaeseker: Noch einmal: Ich habe Manfred Schmidt zu Hause besucht!
SPIEGEL: Wulff behauptet, dass Sie an Ihren Urlaubstagen für ihn wie vom Erdboden verschwunden gewesen seien. Er habe weder gewusst, wo Sie waren, noch habe es Kontakt gegeben.
Glaeseker: Meine Frau und ich sind in der Trennungszeit allein dreimal mit Wulffs ehemaliger Frau Christiane jeweils für ein paar Tage bei Schmidt zu Besuch gewesen. Zweimal war auch Wulffs Tochter Annalena mit dabei. 2006, als sich das Paar getrennt hatte, war sie zwölf Jahre alt. Die Wulffs haben das gemeinsame Sorgerecht für ihre Tochter.
SPIEGEL: Aber das heißt ja noch immer nicht, dass Wulff wusste, dass Sie Ihre Urlaube bei Schmidt nicht bezahlen.
Glaeseker: Sie argumentieren auf dem Niveau von Bettina Schausten. Die Vorstellung ist völlig abwegig und realitätsfremd, dass Freunde Übernachtungen bei Freunden zu Hause bezahlen. Es gehört zu den normalen gesellschaftlichen Gepflogenheiten, seine Freunde bei sich zu Hause kostenfrei übernachten zu lassen. Das hat Christian Wulff übrigens immer so gesehen und auch öffentlich dargestellt. Ich wohne selber in einer Ferienregion und habe oft Übernachtungsgäste. Glauben Sie, ich wäre je auf die Idee gekommen, dafür Geld zu verlangen?
SPIEGEL: Wulff hat in seiner Vernehmung durch die Ermittler nicht nur bestritten, dass er von Ihren Urlaubsreisen zu Schmidt gewusst hat. Er will auch von der Sponsorensuche durch Sie nichts erfahren haben. Wer soll das glauben?
Glaeseker: Das habe ich nicht zu beurteilen.
SPIEGEL: Wie hat Ministerpräsident Wulff reagiert, als er 2007 zum ersten Mal das Konzept des Nord-Süd-Dialogs sah?
Glaeseker: Zunächst gab es ja überhaupt kein Konzept. Im Zuge des Machtkampfs zwischen VW und Porsche hatte sich das Klima zwischen Niedersachsen und Baden-Württemberg verschlechtert. Wulff und der damalige Ministerpräsident Günther Oettinger sind zwar schon seit vielen Jahren befreundet, aber zwischen ihnen war die Stimmung nicht gut. Da haben beide überlegt, ob es eine Möglichkeit gäbe, statt des einen Konflikts die vielen Gemeinsamkeiten der Länder in den Vordergrund zu stellen. Mit diesem Wunsch sind sie an Manfred Schmidt herangetreten, beide kennen ihn seit vielen Jahren. Beide wussten auch, dass Schmidt die Nummer eins in dem Business ist. Er entwickelte für die Länder dann den Nord-Süd-Dialog.
SPIEGEL: Und wer sollte die Geldgeber auftreiben?
Glaeseker: Da eine Beteiligung aus Steuermitteln für Niedersachsen nicht in Frage kam, lag das Risiko allein bei Veranstalter Schmidt. Weil der Nord-Süd-Dialog aber im Landesinteresse war, der Wunsch ja sogar von den Ministerpräsidenten ausgegangen war, übernahmen Wulff und Oettinger die Schirmherrschaft. Auch beim Zusammenstellen des Gästemix haben die Länder geholfen, und sie waren Türöffner bei der Akquise von Sponsoren.
SPIEGEL: Welche Rolle spielte da Regierungschef Wulff?
Glaeseker: Auch Christian Wulff hat Sponsoren angesprochen und mich darüber informiert. Er war ja im Präsidium des VW-Aufsichtsrats. Volkswagen hat beispielsweise 2007 auf Wulffs Betreiben hin sogar eigens eine Sitzung von Wolfsburg nach Hannover verlegt - damit möglichst alle Präsidiumsmitglieder, von Piëch bis Wiedeking, am selben Abend am Nord-Süd-Dialog teilnehmen konnten. Das war eine Riesennummer und zeigt, von welch vitalem Interesse die Veranstaltung für Wulff war.
SPIEGEL: Wie erklären Sie sich dann, dass Wulff in seiner Zeugenaussage nicht nur bestreitet, von Ihrer Sponsorensuche gewusst zu haben, sondern sogar behauptet, falls es so etwas gegeben habe, sei das nicht in seinem Sinne gewesen?
Glaeseker: Das erklärt sich mir nicht.
SPIEGEL: Am Donnerstag sind Sie als Zeuge im Wulff-Prozess geladen. Was können Sie zur Wahrheitsfindung beitragen?
Glaeseker: Ganz ehrlich - das kann ich Ihnen leider nicht sagen, weil ich nicht weiß, welche Fragen ich beantworten soll.
Interview: Michael Fröhlingsdorf, Alfred Weinzierl
Von Michael Fröhlingsdorf und Alfred Weinzierl

DER SPIEGEL 3/2014
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


DER SPIEGEL 3/2014
Titelbild
Der digitale SPIEGEL
Diese Ausgabe jetzt digital lesen

Die digitale Welt der Nachrichten. Mit interaktiven Grafiken, spannenden Videos und beeindruckenden 3-D-Modellen.
Sie lesen die neue Ausgabe noch vor Erscheinen der Print-Ausgabe, schon freitags ab 18 Uhr.
Einmal anmelden, auf jedem Gerät lesen - auch offline. Optimiert für Windows 8, Android, iPad, iPhone, Kindle Fire, BlackBerry Z10 sowie für PC/Mac.

Abo-Angebote

Den SPIEGEL lesen oder verschenken und Vorteile sichern!

Jetzt Abo sichern
Ältere SPIEGEL-Ausgaben

Kostenloses Archiv:
Stöbern Sie im kompletten SPIEGEL-Archiv seit
1947 – bis auf die vergangenen zwölf Monate kostenlos für Sie.

Wollen Sie ältere SPIEGEL-Ausgaben bestellen?
Hier erhalten Sie Ausgaben, die älter als drei Jahre sind.

Artikel als PDF
Artikel als PDF ansehen

PROZESSE:
„Ich fand das verstörend“

Video 04:29

Europawahl in Großbritannien Die Stunde des Mr Brexit

  • Video "Rätsel um Venedig-Stand: War Banksy unbemerkt bei der Biennale?" Video 00:59
    Rätsel um Venedig-Stand: War Banksy unbemerkt bei der Biennale?
  • Video "Nach tödlichem Verkehrsunfall: Polizist knöpft sich Gaffer vor" Video 02:21
    Nach tödlichem Verkehrsunfall: Polizist knöpft sich Gaffer vor
  • Video "Konzept für Nothilfe: Siedlung aus dem 3D-Drucker" Video 01:46
    Konzept für Nothilfe: Siedlung aus dem 3D-Drucker
  • Video "Skandal in der J-League: Schiedsrichter übersieht Tor" Video 00:58
    Skandal in der J-League: Schiedsrichter übersieht Tor
  • Video "Virales Mountainbike-Video: Ausritt mit Onkel Danny" Video 01:41
    Virales Mountainbike-Video: Ausritt mit "Onkel Danny"
  • Video "Cannes: Tarantino feiert Premiere" Video 01:16
    Cannes: Tarantino feiert Premiere
  • Video "Thailand: Auto rast durch Polizeiposten" Video 00:44
    Thailand: Auto rast durch Polizeiposten
  • Video "80-Jährige Mieterin in Berlin: Rauswurf wegen Eigenbedarf?" Video 03:51
    80-Jährige Mieterin in Berlin: Rauswurf wegen Eigenbedarf?
  • Video "Affen als Einbrecher: Poolparty" Video 00:57
    Affen als Einbrecher: Poolparty
  • Video "Naturphänomen: Der horizontalen Sandfälle von Broome" Video 01:00
    Naturphänomen: Der "horizontalen Sandfälle" von Broome
  • Video "Stimmen zur Strache-Affäre: Sowas war keine b'soffene G'schicht" Video 02:46
    Stimmen zur Strache-Affäre: "Sowas war keine b'soffene G'schicht"
  • Video "Zum Tod von Niki Lauda: Rennfahrer, Unternehmer und Legende" Video 02:49
    Zum Tod von Niki Lauda: Rennfahrer, Unternehmer und Legende
  • Video "Widerstand in Ungarn: Anna Donáths Kampf gegen Orbán" Video 04:32
    Widerstand in Ungarn: Anna Donáths Kampf gegen Orbán
  • Video "Riesige Sturmwolke: Gleich geht die Welt unter..." Video 00:42
    Riesige Sturmwolke: Gleich geht die Welt unter...
  • Video "Europawahl in Großbritannien: Die Stunde des Mr Brexit" Video 04:29
    Europawahl in Großbritannien: Die Stunde des Mr Brexit