13.01.2014

Serie (III)Offensive bis zum Äußersten

Der Erste Weltkrieg mit seinen ungeheuren Opfern dient der modernen französischen Republik als Heldenepos. Das Land stand im August 1914 vor der Katastrophe - und erlebte die rettende Wende als „Wunder an der Marne“. Frankreich
Ein Staatsbegräbnis hatte der alte Mann, wenn die Rede davon in den letzten Jahren seines biblisch langen Lebens ging, beharrlich abgelehnt. Kurz vor seinem Tod, gedrängt von den Medien wie von der Politik, gab er doch noch sein Einverständnis für eine feierliche Zeremonie, "ohne viel Tamtam und ohne große Parade, im Namen aller, die ihr Leben verloren, Männer und Frauen".
Lazare Ponticelli war der letzte anerkannte Veteran des Ersten Weltkriegs in Frankreich, der letzte Davongekommene von gut acht Millionen, die von der Republik zu den Waffen gerufen worden waren. Von ihnen hatten 1,4 Millionen das große Schlachten nicht überlebt. Als Ponticelli am 12. März 2008 in Le Kremlin-Bicêtre bei Paris dahinschied, 110 Jahre alt, bewegte sein Schicksal die Nation.
"Le dernier poilu", "le der des der", eine volkstümliche Abkürzung für den "letzten der Letzten" jener einfachen Frontsoldaten des "Großen Kriegs", die im Schlamm und im Schmutz der Schützengräben, ungewaschen und unrasiert (daher die liebevolle Bezeichnung "poilu", haarig), unter größten Entbehrungen die Stellung gehalten hatten, ging als Ikone in die mythologische Bilderwelt des kollektiven Gedächtnisses ein.
Das Fernsehen übertrug den Trauerakt live aus dem Pariser Invalidendom. Die Staatsführung hatte ihre höchsten Würdenträger aufgeboten: den Präsidenten Nicolas Sarkozy und seinen Vorgänger Jacques Chirac, die Präsidenten der Nationalversammlung und des Senats, den Premier mit den wichtigsten Mitgliedern des Kabinetts. Elf Soldaten der Fremdenlegion trugen den Sarg.
Ponticelli, 1897 in Italien geboren, war mit neun Jahren nach Frankreich gekommen, ohne lesen und schreiben oder auch nur ein Wort Französisch zu können. Bei Kriegsausbruch meldete er sich zur Legion und log über sein Alter, um angenommen zu werden: "Ich wollte Frankreich verteidigen, weil es mir zu essen gegeben hatte." Die französische Staatsangehörigkeit bekam er erst 1939.
Nun wurde er mit einem Gottesdienst in der Kathedrale Saint-Louis und mit militärischen Ehren verabschiedet. Der Schriftsteller und Historiker Max Gallo, ein Großmeister im Verfassen patriotischer trikolorer Literatur, sprach den Nachruf auf den Verstorbenen, "Mann des Friedens, bescheiden und heldenhaft, Italiener von Geburt und Wahlfranzose". Der Schüler Guillaume Kaleff trug ein Gedicht vor, das seine neunte Klasse für das Andenken der Poilus und deren Kampf für die Freiheit geschrieben hatte. Die Fahnen an den öffentlichen Gebäuden waren auf halbmast gesetzt, Schulen und Behörden hielten inne für eine Schweigeminute.
"Wenn wir zum Sturmangriff antraten", hatte Lazare Ponticelli immer erzählt, "versprachen wir einander: Wenn ich sterbe, musst du an mich denken." Diesem Schwur ist Frankreich treu geblieben, und das Land wird ihn, kein Zweifel, im 100. Gedenkjahr des Großen Krieges feierlich bekräftigen.
Anders als in Deutschland ist dieser Krieg in Frankreich keineswegs entrückte und entemotionalisierte Geschichte, sondern plastischer Gegenstand einer "sozialen und kulturellen Praxis", eines "Aktivismus 14/18", so hat es der Historiker Nicolas Offenstadt beschrieben. Die Nation, innerlich zerrissen, von Selbstzweifeln geplagt, mehr denn je in Gefahr, im Konkurrenzkampf der globalisierten Weltwirtschaft den Anschluss zu verlieren, sucht Schutz und Zuflucht im Innern ihrer selbst.
Die Erinnerung an den letzten siegreichen Krieg der Neuzeit, die Beschwörung jener vier Jahre, in denen Frankreich (jedenfalls in seinem vorherrschenden Selbstverständnis) vereint, heroisch und opferbereit eine Bewährungsprobe der Weltgeschichte bestand, stellt dafür eine Sinnressource erster Güte zur Verfügung. Sie gibt Zuversicht und Halt angesichts der ökonomischen und politischen Verwerfungen. Und sie gestattet eine ökumenische Lesart der Vergangenheit, in der sich Linke und Rechte, Pazifisten und Patrioten, europäische Idealisten und heimatverbundene Nationalisten wiederfinden können.
Der zum Symbol erhobene Poilu, das zeigte die Inszenierung rund um Lazare Ponticelli, dient der Politik als nützlicher Kristallisations- und Orientierungspunkt bei der Rekonstruktion einer unglücklichen, an sich selbst leidenden nationalen Identität, die sich in den Windstößen der Moderne aufzulösen droht.
Unverkennbar sah schon der konservative Präsident Sarkozy, erst recht dann sein sozialistischer Nachfolger François Hollande, im 100. Jahrestag des Kriegsausbruchs eine willkommene Gelegenheit, die nationale Einheit, den Mut und die Opferbereitschaft der Franzosen von 1914 auf die Gegenwart zu übertragen. Die Tugenden von damals lassen sich heute wieder anzapfen: Zusammenhalt, Zusammenrücken, Zusammenstehen sind die wiederkehrenden Schlagworte in einem vaterländischen Diskurs, dem es darum geht, durch die Würdigung vergangener Generationen die jetzt Lebenden in die Pflicht zu nehmen.
Eine Erinnerung, die das schwindende Selbstbewusstsein stärken soll - das ergibt eine ganz andere Gedenkkultur als die deutsche, die vom "Schuldkomplex" (so der französische Philosoph Pascal Bruckner) beherrscht wird. Knapp drei Monate vor Ponticelli war bei Köln der mutmaßlich letzte deutsche Teilnehmer des Ersten Weltkriegs gestorben, Erich Kästner, Oberlandesgerichtsrat a. D., 107 Jahre alt. Bezeichnend war, dass die deutsche Öffentlichkeit vom stillen Tod dieses Veteranen und Namensvetters des berühmten Schriftstellers praktisch nichts erfuhr. Eine Reaktion von offizieller Seite gab es nicht - Briten, Kanadier, Amerikaner und Franzosen interessierten sich mehr für ihn als die eigenen Landsleute.
Für den Historiker Arndt Weinrich, wissenschaftlicher Mitarbeiter am Deutschen Historischen Institut Paris, steht das Beispiel für die "stabile Asymmetrie in der Wahrnehmung der Jahre 1914 - 1918" zwischen Franzosen und Deutschen. Der Zweite Weltkrieg mit dem Holocaust ist der negative Ursprungsmythos der Bundesrepublik, er hat den Ersten weitgehend aus dem kollektiven Bewusstsein verdrängt. "Für Symbolik und Selbstverständnis der Bundesrepublik und in der politischen Kultur Deutschlands insgesamt", so Weinrich, "spielt der Erste Weltkrieg überhaupt keine Rolle."
Für Franzosen ist das schwer begreiflich - so, wie für deutsche Beobachter kaum nachzuvollziehen ist, dass sich 14/18 gerade in den letzten 10 bis 20 Jahren mit dem Kult um die letzten Poilus und dem Countdown ihres Ablebens zu einem positiven Ursprungsmythos des modernen Frankreich entwickelt hat.
"La Grande Guerre", stellt Weinrich fest, "hat damit im nationalen Symbolhaushalt der Fünften Republik eine Bedeutung erlangt, die mit der Französischen Revolution von 1789 durchaus vergleichbar ist." Dementsprechend verknüpft sich in Paris mit dem Jubiläumsjahr ein geschichtspolitischer Auftrag, dem in Berlin das ebenbürtige moralische Fundament völlig fehlt. Ein wirklich gemeinsames europäisches Gedächtnis gibt es eben nicht.
Die Bekenntnisse zur europäischen Integration und zur deutsch-französischen Freundschaft klingen längst wie rituelle Gebetsformeln beiderseits des Rheins, als gälte es, das karolingische Reich wiederherzustellen. Keine Krise scheint das Paar auseinanderbringen zu können. Doch das Ungleichgewicht in diesem Verhältnis nimmt zu. Frankreich behält einen wachen Blick auf Deutschland, er schwankt zwischen erwartungs-
voll und misstrauisch; Deutschland dagegen läuft Gefahr, dass sein Blick auf den Nachbarn in wohlwollender Gleichgültigkeit, verbunden mit einem Schuss Herablassung, erstarrt.
Die schleichende Entfremdung zwischen Paris und Berlin, selbst unter dem Deckmantel ständiger Versöhnungsfloskeln, wäre vermutlich der Anfang vom Ende des europäischen Abenteuers und der eigentliche Verrat am Vermächtnis der Toten des Ersten Weltkriegs. Schon bald nach 1918 erlegte sich die französische Gesellschaft die doppelte Verpflichtung auf, die Deutschland erst nach 1945 anzunehmen bereit war: niemals vergessen und nie wieder eine solche Katastrophe zulassen. Auf dieser gemeinsamen Erfahrung, wenn auch zeitlich um 30 Jahre versetzt, gründen die Befriedung und die Einigung Europas. Für Frankreich sei der 11. November, der Tag des Waffenstillstands von 1918, so sieht es Patrick Cabanel, Professor für Geschichte in Toulouse, das traurige Pendant zum 14. Juli: "Tod und Wiederauferstehung der Nation" - und Europas, müsste man Cabanels Befund hinzufügen.
Die zahlreichen Meilensteine der deutsch-französischen Aussöhnung - Robert Schumans Plan einer Montanunion von Kohle und Stahl 1951, die Römischen Verträge 1957, der Elysée-Vertrag zwischen Charles de Gaulle und Konrad Adenauer 1963, der Handschlag von François Mitterrand und Helmut Kohl auf den Gräbern vor Verdun 1984, die Einladung Sarkozys an Angela Merkel an das Grab des Unbekannten Soldaten unter dem Arc de Triomphe zum 11. November 2009 -, sie führen allesamt zurück auf 1914/18.
Dieser Krieg schon hätte aus französischer Sicht der letzte sein sollen, getreu der Utopie des Dichters Charles Péguy, der einem Freund geschrieben hatte, kurz bevor er im September 1914 an der Front fiel: "Ich ziehe ins Feld für die allgemeine Entwaffnung, für den letzten der Kriege." Aus diesem Geist heraus wird Frankreich peinlich darauf achten, dem deutschen Partner keine Siegesfeier zuzumuten.
Die Revolution, die strahlende Sonne der Aufklärung mit ihrem universalistischen Anspruch, konnte man zum 200. Jahrestag 1989 mit großem Pomp feiern. Des Großen Krieges kann man nur betroffen gedenken, denn "ein Desaster lässt sich nicht feiern", so der Historiker und Weltkriegsspezialist Stéphane Audoin-Rouzeau. Dass es 1918 in Europa letztlich keine Sieger gab, sondern nur Opfer und Besiegte, deshalb auch keinen Anlass für eine ohnehin schnell verflogene Euphorie, diese Auffassung setzte sich bei den Franzosen schon in den ersten Jahren nach Kriegsende durch.
Damals, zwischen 1920 und 1925, wurden in ganz Frankreich an die 36 000 "Monuments aux morts", Denkmäler für die Gefallenen, errichtet, praktisch eines in jedem Dorf und jeder Gemeinde. Fast überall drückt ihre Architektur den Willen der überlebenden und heimgekehrten Soldaten aus, die Opfer zu ehren, nicht die Sieger zu verherrlichen. Zur Trauer um die 1,4 Millionen Toten kam noch die Notwendigkeit, 4,3 Millionen Versehrte wieder in die Gesellschaft einzugliedern. Rechnet man die 537 000 Gefangenen und Vermissten hinzu, so hatte die französische Armee auf rund acht Millionen Einberufene eine Verlustquote von 78 Prozent zu beklagen (Deutschland: 56 Prozent).
Wie konnte man bei solch horrenden Zahlen von Sieg sprechen? Frankreich hatte nur einen Hauptfeind an einer Front, und es war nicht allein. Deutschland dagegen hatte viel zu viele Feinde - wieso hatten die Alliierten aber dann an der Westfront deutlich höhere Verluste als die Deutschen, die bis zum Ende den Franzosen und den Briten im Handwerk des Tötens überlegen blieben? Und warum fielen im französischen Heer, das bei Kriegsausbruch angeblich bestens vorbereitet war, gleich in den ersten drei Monaten von August bis Oktober 1914 rund 230 000 Soldaten, so viele wie in keinem Zeitabschnitt danach mehr, auch in der Blutpresse von Verdun nicht?
Während der gesamten Dauer des Krieges, fast 52 Monate oder 1564 Tage, fielen im Schnitt nahezu 900 Franzosen täglich. Am 22. August 1914 erlebte die Armee gar ein historisches Desaster: In einer Serie von Gefechten um die Ortschaft Rossignol in den belgischen Ardennen nahe der Grenze wurden 27 000 französische Soldaten an diesem einzigen Tag getötet, viermal so viele wie ein Jahrhundert zuvor bei Waterloo: ein Gemetzel ohne Beispiel davor und danach in der langen militärischen Geschichte des Landes.
Der katastrophale Auftakt im Spätsommer 1914, der Frankreich um ein Haar binnen weniger Wochen in die Niederlage geführt hätte, warf Fragen auf, die erst nach dem Krieg, im Sommer 1919, von einer parlamentarischen Untersuchungskommission aufgegriffen wurden: Wie war es möglich, dass trotz der pannenfrei verlaufenen Mobilmachung der Feind so weit ins Land vordringen konnte? Mit dem Ergebnis, dass die Frontlinie bis zum Schluss über französisches Gebiet verlief? Warum waren die Erzminen von Briey in Lothringen, wichtig für die Rüstungsproduktion, so schnell verlorengegangen? 13 Départements im Osten und im Norden des Landes gerieten ins Kriegsgeschehen und blieben ganz oder teilweise von den Deutschen besetzt. Dazu gehörte das Zentrum der französischen Schwerindustrie, Lothringen war quasi das französische Ruhrgebiet.
Zu klaren Schlussfolgerungen kamen die Abgeordneten des Ausschusses nicht. Schonungslose Aufklärung wäre politisch auch nicht opportun gewesen, denn sie hätte die neuen Helden der Nation nach dem Sieg, insbesondere den Oberkommandierenden der ersten Kriegsjahre, Joseph Joffre, gar zu arg bloßgestellt.
Vor allem aber hätte sie mit der Legende aufräumen müssen, dass Frankreich im August 1914 einen reinen Verteidigungskrieg geführt habe, der Kampf der Nation infolgedessen zutiefst gerecht gewesen sei und die furchtbaren Opfer mithin auch als gerechtfertigt hingenommen werden müssten.
Denn Joffre - ein intelligenter, aber arroganter und misstrauischer Offizier, der seine Kommandeure am kurzen Zügel führte - hatte entgegen der allgemeinen Annahme gar keinen präzisen Operationsplan, sondern vor allem eine Haltung: Angriff um jeden Preis, überall und wo immer die Truppen auf den Feind stießen. Einen richtigen Verteidigungsplan gab es nicht, wie schon Joffres erste Weisung an alle Armeebefehlshaber vom 8. August unterstrich: "Die Schlacht mit allen vereinten Kräften suchen, die Offensive mit niederschmetternder Wucht führen."
Die französische Führung hatte den Krieg nicht gesucht und nicht einmal herbeigewünscht. Aber sie hatte immer mit ihm gerechnet, und wenn er denn ausbrechen sollte, würde er "offensiv bis zum Äußersten" ("offensive à outrance") geführt werden, gemäß den Thesen, die Oberst Louis de Grandmaison bereits 1906 entworfen hatte. Solchen Überlegungen lag die Überzeugung zugrunde, dass die moderne Waffentechnik und die Mobilisierung von Massenheeren eine schnelle Entscheidung zwingend machten. Weder wirtschaftlich noch moralisch, glaubte man in Deutschland wie in Frankreich, sei ein langer Abnutzungskrieg durchzuhalten.
So war Frankreich vorbereitet, politisch und militärisch. Der neue "Plan XVII", von Joffre zwischen April 1913 und April 1914 entwickelt, sah schnelle und massive Angriffe auf die 1871 verlorenen Gebiete im Elsass und in Lothringen vor. Denn die ehemaligen Départements an der Mosel und am Rhein mit den Städten Metz, Straßburg und Mülhausen sollten dem "Erbfeind" wieder entrissen werden.
Die allgemeine Mobilmachung, die am 1. August beschlossen wurde, zwei Tage vor der deutschen Kriegserklärung, stellte für Präsident Raymond Poincaré und seinen Regierungschef René Viviani einen kritischen Moment der Unwägbarkeit dar. Kurz zuvor, am 31. Juli 1914, hatte ein nationalistischer Student den Sozialistenführer Jean Jaurès in Paris hinterrücks durch das offene Fenster eines Restaurants an der Rue Montmartre erschossen. Der Politiker, ein mächtiger Wortführer der linken Friedensbewegung, hatte mit einigen Getreuen beim Abendessen gesessen. Der Mord, gewissermaßen eine französische Folgevariante des Attentats von Sarajevo, hätte dramatische Auswirkungen haben können - Aufruhr unter den Arbeitern, Streikaufrufe der Gewerkschaften, Blockade der Eisenbahnen.
Die Regierung rechnete mit dem Schlimmsten. Auf einer schwarzen Liste, dem sogenannten Carnet B, hatten die Behörden 2481 verdächtige Personen erfasst, pazifistische Agitatoren, vermeintliche Aufwiegler und potentielle Spione, die im Notfall festgenommen werden sollten. Doch trotz der Betroffenheit über den Anschlag blieb es ruhig in der sonst so nervösen Hauptstadt. Das französische Proletariat tat seine patriotische Pflicht und folgte dem Ruf zu den Waffen. Am Sarg von Jaurès gelobte der Generalsekretär der Gewerkschaft CGT, Léon Jouhaux, die Arbeiter würden mit einem kraftvollen "zur Stelle" auf die Mobilmachung antworten und sich "erheben, um den Eindringling zurückzuschlagen".
So verlief der französische Aufmarsch in guter Ordnung. 800 000 aktive Soldaten und fast 1,3 Millionen Reservisten rückten in ihre Positionen an der Grenze im Norden und im Osten vor. Vom 2. bis zum 18. August transportierten 4278 Züge die Masse der Armee zu den Bahnhöfen von Sedan, Montmédy, Toul, Nancy und Belfort. Die Streitkräfte requirierten mehr als 600 000 Pferde und Maulesel. Zugleich begann die Marine, Kolonialtruppen aus Algerien und Tunesien heranzuführen. Erst im Jahr zuvor hatte Frankreich, um die numerische Überlegenheit Deutschlands auszugleichen, den Wehrdienst von zwei Jahren auf drei Jahre verlängert.
In der Abgeordnetenkammer rief Präsident Poincaré am 4. August zur "Union sacrée" auf, die alle Parteien, Konfessionen und Klassen in einer heiligen Einheit zum Schutz der Nation zusammenführen sollte - keine Kleinigkeit in der politisch tief gespaltenen Republik, die erst 1905 in einem erbitterten Kulturkampf mit der katholischen Kirche die staatliche Laizität durchgesetzt hatte. Der Burgfrieden hielt fast den ganzen Krieg über.
Und anders als in Deutschland blieb auch der Primat der Politik über die militärische Führung erhalten, ja, er verstärkte sich im Laufe des Krieges. Joffre musste wegen seiner erfolglosen und verlustreichen Strategie Ende 1916 gehen, sein Nachfolger Robert Nivelle 1917. Als eigentlicher Vater des Sieges ist den Franzosen kein Militär, sondern ein Politiker, der streitbare Republikaner Georges Clemenceau, in Erinnerung geblieben. Der "Tiger", wie er genannt wurde, war ab November 1917 wieder Regierungschef und Kriegsminister, führte danach auch noch die Friedensverhandlungen von Versailles - eine Art französische Erwiderung auf Bismarck 1871. Die Besetzung des Rheinlands, die ab 1919 auf sein Bestreben hin erfolgte, sollte Frankreich eine Sicherheitsgarantie geben - und vergiftete doch nur auf Jahre hinaus die Beziehungen zwischen den beiden Ländern.
Dabei hätte der Krieg im Westen schon nach sechs Wochen, Mitte September 1914, mit der totalen Niederlage Frankreichs enden können, noch schneller, als der deutsche Generalstab es geplant hatte (und wie es 1940 gelang). Die von Joffre befohlenen Angriffe im Elsass und in Lothringen scheiterten, nach dem Fall der belgischen Stadt Lüttich am 7. August eilten drei deutsche Armeen in Gewaltmärschen von bis zu 30 Kilometer am Tag durch Belgien auf die französische Grenze zu. Bei Dinant und Charleroi stießen zwei deutsche Armeen auf die Richtung Namur vorrückende 5. Armee der Franzosen.
Deren Befehlshaber Charles Lanrezac zögerte: Welche Taktik sollte er einschlagen? Die Linie Charleroi-Namur sowie die Ufer der Maas unbedingt verteidigen, wie Joffre es wünschte? Der eigenwillige General, kein Anhänger der geltenden Offensivdoktrin, erkannte die Gefahr, an seiner linken und an seiner rechten Flanke von den Deutschen umfasst zu werden. Ohne seinen Vorgesetzten Joffre zu konsultieren, trat er mit der gesamten 5. Armee den Rückzug an. Manch einer der Offiziere in seinem Stab empörte sich über so viel Verzagtheit. Denn Lanrezacs Entscheidung zwang das Gros der französischen Truppen mitsamt dem britischen Expeditionskorps, auf der gesamten Frontlänge von Osten nach Westen ebenfalls zurückzugehen.
Was wie eine schmähliche Niederlage aussah, trug in Wahrheit zur Rettung der Franzosen aus der Falle des Schlieffen-Plans bei, obwohl das noch niemand erkannte.
Vorerst bedrohten die deutschen Armeen Paris. Die Regierung zog sich nach Bordeaux zurück (wie schon 1871 und wieder 1940). Stadtkommandant Joseph Gallieni bereitete den Belagerungszustand der Hauptstadt vor, die damals noch ein befestigter Platz mit Forts, Mauern und Kanonen war. Er plante sogar, notfalls den Eiffelturm und die Seine-Brücken zu sprengen.
Die unerwartete Wende, die Frankreich vor dem Desaster rettete, ist seither als "Wunder an der Marne" in die Geschichtsbücher aller Schulgenerationen eingegangen. General Alexander von Kluck, der die 1. deutsche Armee am äußersten rechten Flügel, dem entscheidenden im Schlieffen-Plan, kommandierte, änderte plötzlich seine Marschrichtung. Da er annahm, die bevorstehende Entscheidungsschlacht bahne sich auf seiner Linken an, lenkte er seine Truppen nach Südosten, statt Paris wie vorgesehen im weiten Bogen westlich zu umgehen.
Gallieni, zu seiner Überraschung entlastet, stellte seine Verteidiger für einen Gegenangriff frei; Pariser Taxen brachten sie im Pendelverkehr an die Front, wo sie Klucks Flanke bedrohten - die Marne-Taxis ("les taxis de la Marne") gingen in die Legende ein. Joffre gruppierte seine Truppen um, stellte zwei neue Armeen auf und erkannte die Gelegenheit, in eine Bresche hineinzustoßen, die zwischen Klucks 1. und der 2. deutschen Armee entstanden war.
Die Schlacht an der Marne begann am 6. September auf einer Frontlänge von über hundert Kilometern. Sie endete eine knappe Woche später mit dem Befehl des entnervten deutschen Generalstabschefs Helmuth von Moltke zum Rückzug. Er ordnete die Befestigung neuer Stellungen am Ufer der Aisne an - es war die Zäsur an der Westfront, der Stellungskrieg in den Schützengräben begann.
Vom Herbst 1914 bis zum Frühjahr 1917, eigentlich sogar bis zur letzten deutschen Offensive im März 1918, blieb die Front, die sich von Ypern in Flandern bis nach Mülhausen im Elsass auf 750 Kilometer Länge erstreckte, mehr oder weniger statisch. Sie beulte sich in die eine oder andere Richtung nie um mehr als 20 bis 30 Kilometer aus. Sämtliche Vorstöße (1915 unter Joffre im Artois und in der Champagne, 1916 unter Falkenhayn bei Verdun, 1917 unter Nivelle am Höhenzug des Chemin des Dames) scheiterten unter immensen Verlusten nach strategisch unbedeutendem Geländegewinn.
Die Marschälle und Generäle sind tote Geschichte. Die Opferkultur hat die Heldenverehrung abgelöst. Geblieben sind im Rückblick Trauer, Fassungslosigkeit und die morbide Faszination des Schreckens. Der Große Krieg bildete den Höhepunkt der katastrophalen Sequenz von 1870 bis 1940, die Frankreich und Deutschland in mimetischer Hassliebe als Erbfeinde aneinanderkettete.
Und doch legte er paradoxerweise schon den Grundstein für die spätere Versöhnung - vielleicht gerade weil er für Frankreich gefühlt mit einem Nichtsieg endete. Im Gedenkjahr sind sich die Todfeinde von damals näher als die seinerzeitigen Waffenbrüder, Franzosen und Briten; die "Entente cordiale" umfasst heute Deutschland und Frankreich, nicht mehr Frankreich und England. Die Vorstellung eines Krieges zwischen europäischen Staaten scheint absurd geworden, die Einigung Europas stellt sich als regionale Verwirklichung des Weltfriedens dar, von dem Immanuel Kant und die Aufklärer geträumt haben.
Der Historiker Antoine Prost, Vorsitzender des wissenschaftlichen Beirats für die Gedenkfeierlichkeiten, sieht darin die wichtigste Veränderung, die 1914/18 bewirkte: Die absolute Souveränität der Nationalstaaten, deren höchster Ausdruck und schrecklicher Kulminationspolitik der Krieg war, wurde in Frage gestellt. Der Staat, der Gott des Gemetzels, verlor seine Legitimität.
Lazare Ponticelli, der letzte Poilu, hätte im Pariser Panthéon, dem Mausoleum der großen Gestalten des Vaterlandes, beigesetzt werden können. Er lehnte es ab und zog das Familiengrab vor. Als Erinnerung waren ihm zuletzt nur die toten Kameraden gegenwärtig: "Ich kann sie nicht vergessen", pflegte er den Besuchern zu sagen, die sein Zeugnis und sein Vermächtnis für die Nachwelt aufschreiben sollten, "was für ein Schlamassel!"
Lesen Sie im nächsten Heft:
Wie die USA im Ersten Weltkrieg erstmals in die Rolle einer Weltpolizei schlüpften. Seit 1914 lösen Kriege in den beteiligten Ländern große Technisierungsschübe aus.
* Mit Frankreichs Präsident Nicolas Sarkozy (erste Reihe, r.) in Paris am 17. März 2008.
Von Romain Leick

DER SPIEGEL 3/2014
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Serie (III):
Offensive bis zum Äußersten