13.01.2014

Serie (III)Gewärmt vom Triumph der Vergangenheit

Viele Briten schwelgen in Erinnerungen an den „Großen Krieg“. Die Chance, den Sieg über Deutschland 100 Jahre später opulent zu feiern, wollen sie sich nicht nehmen lassen.
Das Notizbuch auf Una Barries Wohnzimmertisch wird bald 100 Jahre alt. Es ist nicht viel größer als ein Zigarettenetui und gehörte ihrem Vater Bernard, einem Bankangestellten, der während des Ersten Weltkriegs als Melder der britischen Armee durch die Schützengräben Flanderns kroch. Der Krieg liegt in nebliger Vergangenheit, aber auf Una Barrie, geborene Brookes, übt das Feldtagebuch ihres Vaters plötzlich wieder eine große Anziehungskraft aus.
Die Familie besitzt neun dieser kleinen Bücher, sie lagen jahrzehntelang bei Unas Bruder im Schrank. Vor kurzem beschloss die 80-Jährige jedoch, daraus ein Buch zu machen, mit Fußnoten und Bildern. Es heißt "Der Krieg eines Melders" und ist ihr Beitrag zum 100. Jahrestag des Kriegsbeginns.
Das Buch und sein Zustandekommen sagen viel darüber aus, wie sich die Briten an den "Großen Krieg" erinnern. Sie sind stolz auf ihre Vorfahren und deren Sieg über die Deutschen, auch wenn sie triumphale Gesten vermeiden wollen. Für sie sind die vier Jahre ab 1914 ein wichtiges Kapitel in der glorreichen Vergangenheit des Empire.
Una Barrie lebt in Purley, eine halbe Zugstunde südlich von London, sie ist eine lebhafte Frau, die gern und viel lacht. Neben ihr sitzen ihr Bruder Bobby, 84 Jahre alt, und ihr Mann John, 82. Alle drei kennen den Ersten Weltkrieg noch aus den direkten Erzählungen der damaligen Soldaten. "Unser Vater hatte auch ein bisschen Spaß in Belgien, es war ja nicht alles immer nur Tod und Zerstörung", sagt Una Barrie.
Wenngleich die letzte britische Veteranin aus dem Ersten Weltkrieg, sie kellnerte im Offizierskasino der Air Force, vor zwei Jahren im Alter von 110 Jahren starb: Die Erinnerungsmaschine läuft bereits heiß. Die BBC wird fast 2500 Sendestunden mit Dokumentationen, historischen Dramen und Diskussionen füllen, das Imperial War Museum stellt ein riesiges Archiv mit Porträtaufnahmen, Briefen und Aufzeichnungen von Soldaten aus dem Krieg ins Internet. Das Tagebuch von Una Barries Vater ist nur einer von vielen Augenzeugenberichten, die veröffentlicht werden.
Dem Großen Krieg zu entkommen war in Großbritannien noch nie leicht. Das nationale Kriegsdenkmalarchiv verzeichnet allein 844 Obelisken im ganzen Land, die an die Jahre 1914 bis 1918 erinnern sollen. Doch auf das Jahrhundertgedenken bereitet sich das Land nun vor wie auf ein nationales Volksfest. Die offiziellen Zeremonien beginnen zwar erst im August mit einer Feier in Glasgow, an der Queen Elizabeth teilnehmen will. Eine Ladung Sandsäcke mit "geweihter Erde" von 70 belgischen Schlachtfeldern erreichte die Hauptstadt indes bereits Ende November - für ein Denkmal nahe dem Buckingham-Palast. Insgesamt will die Regierung für die Feierlichkeiten 55 Millionen Pfund ausgeben, rund 66 Millionen Euro.
Una Barries Vater musste im Sommer 1914 nicht lange nachdenken, ob er sich in die Schlacht werfen sollte. Stundenlang wartete er in London ungeduldig vor der Kaserne. "Wir waren alle versessen darauf, uns der Armee anzuschließen", schreibt er in dem Tagebuch. Er war 21 Jahre alt, als er in Le Havre mit seiner Einheit landete, dem 16. Bataillon des London Regiment. Die Euphorie unter den jungen Männern legte sich jedoch rasch. Der Krieg war kalt und rau, sie mussten schlaflose Nächte in schlammigen Schützengräben verbringen.
Bernard Brookes trug ein Gewehr mit aufgepflanztem Bajonett und hatte Nachrichten von den rückwärtigen Kommandostellen zu den kämpfenden Truppen zu übermitteln. "Er hatte eine wichtige Aufgabe", sagt Una Barrie.
Bobbys Mobiltelefon klingelt. Er wischt mit zittrigen Fingern darauf herum, kann das Gerät aber nicht bedienen. Nach einer Weile verstummt das Klingeln wieder. Seine Schwester sagt, sie fühle sich unwohl bei dem Gedanken, dass ein Krieg mit derart viel Aufwand zelebriert wird. Auch ihre Familie ist sich unsicher, wie weit man gehen darf. "Irgendwie muss man diesem Jubiläum aber begegnen", sagt ihr Mann. Heikles Thema, murmelt ihr Bruder Bobby.
In einer YouGov-Umfrage vom Juli sagte eine große Mehrheit der Briten, man müsse vor allem der rund 15 Millionen Toten gedenken und sicherstellen, dass sich der Krieg nie wiederhole. Immerhin ein Drittel meint aber, der britische Sieg solle im Zentrum stehen. Der konservative Oxford-Historiker Hew Strachan, bekannt für seine politisch-historischen Provokationen, warnte davor, das Jahrhundertereignis zu einem gewöhnlichen Jubiläum zu degradieren und "steril und langweilig" werden zu lassen. Mit anderen Worten: Die Briten sollten bei der Party keine falsche Rücksicht auf Freunde in Europa nehmen.
Der Britannien-Patriotismus breitet sich seit Jahren in allen Schichten der Gesellschaft aus, auch das erklärt das wachsende Interesse an 1914. Zudem kämpfen viele Menschen noch immer mit den Folgen der Finanzkrise und flüchten sich in wärmende Geschichten von Triumphen der Vergangenheit.
Die meisten Briten sehen Europa ohnehin kritisch. Sie fürchten sich vor Einwanderern aus Bulgarien und Rumänien, die angeblich kommen, um das Sozialsystem zu plündern. Den Europa-Feinden der konservativen Partei Ukip könnte diese Furcht bei der Europawahl im Mai viele Stimmen bringen, was wiederum die Tories von Premierminister David Cameron unter Druck setzt. Das Gedenken an den Ersten Weltkrieg bietet der Regierung die Chance, den Patriotismus zu beschwören und einen Teil des Volkes hinter sich zu bringen.
Cameron hat die Feiern zu seiner persönlichen Sache gemacht. Gleichzeitig muss er darauf achten, Deutschland und die anderen europäischen Partner nicht mit allzu nationalistischen Tönen zu verschrecken. "Wir werden keine Flaggen schwenken wie militaristische Hurra-Patrioten", sagt Andrew Murrison, Camerons Beauftragter für die Feierlichkeiten. Murrison hat sich mit seinem deutschen Gegenüber Andreas Meitzner mehrmals getroffen, um Missverständnissen vorzubeugen. Trotzdem gebe es Unterschiede zwischen beiden Ländern. "Einen großen Enthusiasmus in Deutschland, des Krieges zu gedenken, sehe ich jedenfalls nicht", sagt Murrison.
Für den Melder Bernard Brookes, den Vater von Una Barrie, wurde der Krieg bald unerträglich. Anfang August 1915 konnte er sich vor dem Granatenhagel der Deutschen nur durch einen Sprung in einen Bombentrichter retten, in dem zwei tote Kameraden lagen. Der Schock fuhr Brookes durch den ganzen Körper. Obwohl er unversehrt blieb, sollte es sein letzter Kriegstag sein: Als traumatisierter, gebrochener Invalide wurde er von der Front abtransportiert.
So verpasste er die große Offensive der Alliierten, die in der mörderischen Schlacht der Briten gegen die Deutschen entlang der Somme von Juli bis September 1916 gipfelte. Es war das größte und brutalste Gefecht des Krieges, eine Million Männer starben oder wurden verwundet. Zum erhofften Durchbruch der Alliierten kam es nicht, auch wenn die Moral der kaiserlichen Truppen danach empfindlich geschwächt war.
Bernard Brookes erholte sich nur langsam von seinem Trauma. "Er steckte im Krieg fest", sagt sein Sohn Bobby heute. Sein Vater starb 1962, aber er sprach zu Lebzeiten oft "vom Krieg", als hätte es nur einen einzigen gegeben. Außerdem sei er sehr reizbar gewesen, seine Nerven waren schwach, sagt Una.
Sein Tagebuch war für die Familie ein Anlass, die traumatischen Erlebnisse kollektiv aufzuarbeiten, denen sich Bernard Brookes nie stellen wollte. Unas Neffe digitalisierte den Text der Tagebücher, ihre Töchter gestalteten den Umschlag und formatierten das Manuskript, ihr Schwiegersohn scannte Fotos und Postkarten. "Es war ein riesiges Projekt für die Familie", sagt Unas Mann John.
Die beiden fuhren in den vergangenen Jahren mehrmals zu den alten Schlachtfeldern nach Belgien und Frankreich, wo Unas Vater durch die Gräben gerannt und Johns Onkel gestorben war. Der Krieg liegt bald 100 Jahre zurück, aber er beschäftigt die Barries bis heute.
Von Christoph Scheuermann

DER SPIEGEL 3/2014
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


DER SPIEGEL 3/2014
Titelbild
Der digitale SPIEGEL
Diese Ausgabe jetzt digital lesen

Die digitale Welt der Nachrichten. Mit interaktiven Grafiken, spannenden Videos und beeindruckenden 3-D-Modellen.
Sie lesen die neue Ausgabe noch vor Erscheinen der Print-Ausgabe, schon freitags ab 18 Uhr.
Einmal anmelden, auf jedem Gerät lesen - auch offline. Optimiert für Windows 8, Android, iPad, iPhone, Kindle Fire, BlackBerry Z10 sowie für PC/Mac.

Abo-Angebote

Den SPIEGEL lesen oder verschenken und Vorteile sichern!

Jetzt Abo sichern
Ältere SPIEGEL-Ausgaben

Kostenloses Archiv:
Stöbern Sie im kompletten SPIEGEL-Archiv seit
1947 – bis auf die vergangenen zwölf Monate kostenlos für Sie.

Wollen Sie ältere SPIEGEL-Ausgaben bestellen?
Hier erhalten Sie Ausgaben, die älter als drei Jahre sind.

Artikel als PDF
Artikel als PDF ansehen

Serie (III):
Gewärmt vom Triumph der Vergangenheit

  • ESA-Astronaut Matthias Maurer: Der erste Deutsche auf dem Mond?
  • Seltene Tiefseespezies: Grüner Bomberwurm gefilmt
  • Neues Transportsystem: Katar testet schienenlose Tram für WM 2022
  • Carola Rackete: Retterin äussert sich nach Vernehmung