13.01.2014

KRIMINALITÄTDie Wolfsjagd

FBI-Fahnder Gregory Coleman hat den Betrüger verfolgt, dessen Story nun in „The Wolf of Wall Street“ ins Kino kommt. Der Täter saß in Haft, sein System überlebt. Besuch bei einem Polizisten, der die Gierigen überwacht.
Es gibt eine einzige stille Szene in dem dreistündigen Film "The Wolf of Wall Street". Sie zeigt den FBI-Beamten, der den Finanzbetrüger Jordan Belfort endlich überführt hat, bei der U-Bahn-Fahrt nach Hause. Er sitzt mit all den anderen New Yorker Feierabendfahrgästen im Waggon. Sie tragen die Hautfarben der ganzen Welt, es ist spät, sie sind müde, die Subway rattert. Die Szene kommt ganz am Ende eines Films, in dem drei Stunden lang gevögelt, gekotzt, Kokain geschnupft, Champagner getrunken und mit Geld sowie kleinwüchsigen Menschen um sich geworfen wird. Es werden Sportwagen, Helikopter, Flugzeuge zerstört und eine Motoryacht versenkt, die einmal Coco Chanel gehörte.
Die U-Bahn-Fahrt nach dieser Orgie fühlt sich an wie eine Erlösung.
Dennoch schaut sich der FBI-Agent so niedergeschlagen im New Yorker Subway-Waggon um, als zweifle er am Sinn seines Lebens.
Daran muss man denken, wenn man den Polizisten besucht, der im richtigen Leben Jordan Belfort zur Strecke brachte, den Wolf der Wall Street. Er heißt Gregory Coleman, ist 51 Jahre alt und sitzt in einer der oberen Etagen eines 42-stöckigen, hässlichen Bürohauses an der Spitze Manhattans. Man kann mit der U-Bahn fast direkt bis zum Eingang fahren, sich unter die Menschen mischen, die im Januarwind zum Haupteingang eilen. Sie sehen so grau aus wie der Turm, in dem sie verschwinden. Sie könnten Verbrecher sein oder Verbrecherjäger.
Man passiert sehr viele Schleusen, Detektoren und gutausgerüstete Beamte, bevor man ins Gebäude darf. Im 28. Stock öffnet sich die Tür zu einer Art Heimatmuseum des FBI. Ein paar Fotos, ein paar Urkunden, Medaillen, Pistolenkugeln sowie ein silbernes Modell des Bullen von der Wall Street, mit dessen Proportionen irgendetwas nicht stimmt.
Neben dem Silberbullen wartet FBI-Mann Gregory Coleman. Jordan Belfort, der Wolf der Wall Street, beschreibt ihn in seinen Lebenserinnerungen als einen Mann mit feinen Zügen und kurzen dunklen Haaren, die an den Schläfen ein wenig grau werden, wahrscheinlich, so vermutet Belfort, weil er sechs Jahre lang einen Mann wie ihn jagen musste. Im Film wird Coleman vom gutaussehenden Kyle Chandler gespielt.
Der Mann neben dem silbernen Bullen kann da nicht mithalten. Er ist klein, untersetzt und unauffällig, wahrscheinlich kein Nachteil in seinem Beruf. Special Agent Gregory Coleman beschäftigt sich seit über 20 Jahren mit Organisierter Kriminalität, sein Spezialgebiet ist die Geldwäsche.
Den silbernen Bullen hat er in der Wohnung eines Verbrechers konfisziert, den er zur Strecke brachte.
"Er ist angeblich 60 000 Dollar wert. Dabei sieht er gar nicht wie ein Bulle aus", sagt Coleman, "eher wie ein Schwein."
Man muss an den ganzen Irrsinn denken, für den Jordan Belfort Geld ausgab, als er seine Investmentfirma Stratton Oakmont betrieb. Er hat die Yacht, die einst Coco Chanel gehörte und später "Nadine" hieß, wie seine zweite Ehefrau aus Bay Ridge, Brooklyn, ein bisschen erweitern lassen, damit sein neuer Helikopter draufpasste. Einmal hatte er eine Hotelrechnung von 700 000 Dollar. Ein anderes Mal ließ er sich seine Quaalude-Pillen mit der Concorde von Amerika nach England fliegen, weil er sich so niedergeschlagen fühlte.
Jordan Belfort hat 210 Millionen Dollar veruntreut, Gregory Coleman hat ihn 1998 geschnappt. Er war nur einer der vielen Finanzverbrecher, die Coleman in seiner Karriere zur Strecke brachte. Aber Belfort hat das Bild des Special Agent geprägt. Er hat zwei Autobiografien geschrieben, in denen Coleman auftritt. Der erscheint dort als ein Mann, der von Belfort besessen ist. Im ersten Buch steht, der FBI-Mann bewundere den Wolf wie einen Star. Im zweiten Buch nennt Belfort seinen Gegenspieler Coleman nur noch "die Zwangsneurose".
Nun gibt es den Film zum Buch. Martin Scorsese hat Regie geführt. Terence Winter hat das Drehbuch geschrieben. Leonardo DiCaprio spielt die Hauptrolle. Größer geht es nicht in der Welt des Films. Die Figur Coleman hat eine Nebenrolle. Einmal wirft ihm DiCaprio von der Reling der Yacht "Nadine" 100-Dollar-Scheine auf den Kopf. Belfort hat Coleman unsterblich gemacht. Die Welt sieht den Polizisten durch die Augen des Verbrechers.
Coleman ist der Mann, der den Wolf der Wall Street jagte. Eine Art Actionfigur. Eine kleine.
Deswegen wird er an diesem Januarnachmittag von einer jungen Frau begleitet, die beim FBI für Öffentlichkeitsarbeit zuständig ist. Sie heißt Kelly J. Langmesser, trägt ein gepanzertes Kostüm und ein eisernes Lächeln.
"Wir reden nicht über den Film", erklärt Langmesser.
Warum nicht?
"Wir sind das FBI und keine Filmkritiker", sagt sie.
"The Wolf of Wall Street" hat in den USA eine Kontroverse ausgelöst. Die einen feiern ihn als Innenansicht einer verrotteten Finanzwelt, die anderen verdammen ihn als Verherrlichung des Exzesses. Die einen sagen, es sei Scorseses schlechtester Film, die anderen meinen, es sei sein bester. In Foren melden sich die Opfer von Jordan Belfort zu Wort. Nach einer Pressevorführung in Los Angeles stürzte ein Kritiker auf Scorsese zu und brüllte ihm ins Gesicht: Schämen Sie sich.
Der Regisseur und sein Hauptdarsteller reisen durchs Land und erklären ihren Film und die Seele des Menschen.
In einem Interview mit dem "Hollywood Reporter" erläuterte Leonardo DiCaprio die Rolle der menschlichen Gier im Verlauf der Evolution, als wäre er Anthropologe. Man hofft natürlich immer, dass wir diese abstoßenden Eigenschaften im Laufe der Zivilisation ablegen können, sagte er.
"Und?", fragte der "Hollywood Reporter" interessiert.
"Ich glaube, wir brauchen noch ein bisschen Zeit", sagte der Mann, der einst mit der "Titanic" unterging und später mit Gisele Bündchen zusammenlebte.
Kelly J. Langmesser führt in einen Raum, der an das FBI-Zimmer erinnert, in das Jordan Belfort vor 15 Jahren geführt wurde. "Billige Ledersessel, billiger Konferenztisch, keine Fenster, nur Neonlicht", schreibt der Wolf in seinen Erinnerungen. Special Agent Coleman wirkt im Schlepptau der verpanzerten, glattgeföhnten Öffentlichkeitsarbeiterin wie ein Gefangener.
Hat er den Film gesehen?
Ja.
Wie oft?
Coleman öffnete den Mund.
"Wir wollen hier nicht ins Detail gehen, Greg", sagt Langmesser. Haifischlächeln, gelangweilter Blick, sägende Stimme.
Coleman sieht sie an, sein Mund ein Strich. Er hat sich einmal mit Kyle Chandler getroffen, dem Mann, der ihn im Film spielt. Chandler war nett. "Er sorgt für den Tupfer Anständigkeit, den dieser Film dringend braucht", schreibt die "Los Angeles Times". Coleman würde sich über diese Dinge wohl gern austauschen. Aber er darf nicht.
Er ist in diesem grauen New Yorker Turm eingesperrt.
Man muss an die absurde, grenzenlose Freiheit denken, die Jordan Belfort genoss. In der Eröffnungsszene des Films versucht er im Vollrausch, einen Helikopter im Vorgarten seines Hauses auf Long Island zu landen. Der Hubschrauber tanzt, wackelt, stürzt beinahe ab. Den Ärger, den er dafür bekommt, macht nicht die Polizei, sondern seine Frau, weil er auf dem Weg vom Helikopter zum Haus in den Pool fällt, die Alarmanlage auslöst und ihre Tochter weckt. Außerdem ist Helikopterlanden nicht gut für den kostbaren Rasen, den seine Frau gerade hatte anpflanzen lassen.
Coleman sah sich das sechs Jahre lang an. Er versuchte, die Mitarbeiter von Belforts Investmentfirma auf seine Seite zu bekommen, aber die waren loyal, sagt er im grauen FBI-Turm. Wenn man 21 Jahre alt ist und sieben Millionen Dollar im Jahr verdient, ist man loyal. Außerdem hatte Belfort Leute um sich geschart, die keine Erfahrung an der Wall Street hatten und anfangs davon ausgingen, dass das, was sie taten, legal war. Sie trieben den Preis wertloser Aktien künstlich in die Höhe und verkauften sie dann. Pump and dump nennt man das. Es ist illegal, aber nicht immer leicht zu durchschauen, vor allem nicht für überforderte Staatsanwälte. Belforts bevorzugte Opfer waren wohlhabende Leute, weil die sich nicht so schnell beschweren wie Kleinanleger. Und weil sie Geld haben natürlich. Coleman hat den Fall allein bearbeitet. Und er hatte noch sieben bis acht andere Fälle nebenbei.
Belfort erfuhr, dass Coleman hinter ihm her war, als der das Video seiner Hochzeitsfeier beschlagnahmte. Belfort hatte seine zweite Frau auf einer karibischen Insel geheiratet, all seine Freunde waren dabei sowie jede Menge Drogen, die Party kostete eine Million Dollar. Als Coleman bei der Firma vorstellig wurde, die die Hochzeit filmte, wurden Belforts Anwälte wach.
Es sollte eine Botschaft sein, sagt Coleman.
Es war der Beginn einer Beziehung.
Belfort schreibt, seine Anwälte hätten ihn so beruhigt: "Niemand sonst beim FBI hat irgendein Interesse an dir. Nur dieser Coleman ist besessen. All diese Geschichten von Drogen und Nutten und großem Geld sind ziemlich verwirrend für einen jungen FBI-Agenten, der vielleicht 40 000 Dollar im Jahr verdient. Der sieht auf deine Steuererklärung und begreift, dass du in einer Stunde mehr verdienst als der im ganzen Jahr."
Belfort fühlte sich unverletzlich. Geld hat diese Wirkung. Coleman weiß das. Er trieb einen kleinen Splitter in Belforts durchgedrehte Welt. Der Splitter wanderte. Als Coleman Jahre später Belforts Frau verhörte, war ihre erste Frage: "Was wollten Sie damals eigentlich mit unserem Hochzeitsvideo?"
"Im Herzen hatte Belfort mehr Angst vor seiner Frau als vor mir", sagt Coleman.
Am Ende stolperte der Wolf der Wall Street nicht über sein Hochzeitsfeiervideo, sondern über die Millionensummen, die er unter dem Namen der englischen Tante seiner Frau in Europa vor den amerikanischen Behörden versteckte. Die Tante war eine pensionierte Lehrerin, die mit Geldkoffern durch die Welt reiste. Special Agent Coleman fand endlich einen Staatsanwalt, der verstand, dass sie hier etwas gegen den Wolf der Wall Street in der Hand hatten.
An einem Morgen hielten FBI-Beamte vor Belforts Haus, um ihn zu verhaften. Jordan Belfort fragte nur: "Wer von euch ist Coleman?"
Die erste Begegnung mit seinem Verfolger war ernüchternd. Coleman war so klein wie er und genauso alt. Er stand vor einem amerikanischen Beamtenauto, einem 97er Ford Taurus, kackbraun. Er reichte ihm die Hand, und Belfort entdeckte "eine schwarze Plastikuhr, die um die 59,55 Dollar gekostet haben dürfte".
Nach all den Lamborghinis und Cartier-Uhren wurde er von diesem Mann verhaftet, der es offensichtlich zu nichts gebracht hatte in seinem Leben. Coleman lächelt.
"Das ist für Leute wie Belfort nicht zu verstehen", sagt er. "Sie begreifen nicht, was ich davon habe. Er nennt mich ,Zwangsneurose'. Soll er. Es gibt schlimmere Namen. Ich finde es toll, dass ein Typ wie ich, der nicht mal ein Hundertstel von seinem Geld besitzt, ihn am Ende fängt und einsperrt. Ich. Der mit der Plastikuhr und dem scheißamerikanischen Auto", sagt er.
Man würde gern wissen, wo er groß wurde. Aber er sagt es nicht. Zu gefährlich. Es gibt Leute, die offene Rechnungen mit ihm haben. Und denen möchte er es nicht zu leicht machen, ihn zu finden. Alles, was er sagt, ist, dass er hier aus der Gegend kommt. Belfort wuchs in Queens auf, so wie Coleman spricht, hätte er ein Nachbarsjunge sein können, theoretisch. Sie sind gleich alt und gleich groß, sie haben irgendwann unterschiedliche Lebenswege eingeschlagen. Aber sie kommen nicht voneinander los.
Sie treffen sich immer noch. Ein- bis zweimal im Jahr. Es ist ein professionelles, aber auch ein menschliches Interesse, sagt er.
"Belfort ist ein sehr interessanter Mensch, ein sehr heller Kopf. Ich gehe nicht zu ihm nach Hause und grille mit ihm. Aber ich rede mit ihm. Er ist einer der fünf besten Verkäufer, die ich in meinem Leben getroffen habe. Es ist ein Katz-und-Maus-Spiel. Ich jage gern Leute, die schlauer sind als ich", sagt er.
War Belfort denn schlauer als er?
"Am Anfang schon, vor allem, was die Einschätzung der Märkte anging. Aber am Ende war ich so schlau wie er. Die Frage, die mir am häufigsten gestellt wird, ist: ,Hat er sich verändert?' Ja, er hat sich verändert. Ich glaube auch nicht, dass er noch mal eine Straftat begehen wird. Der Grund ist: Er ist schlau. Er versteht, wie knapp es war. Es hätte nicht viel gefehlt, und er hätte ein Drittel seines Lebens im Gefängnis verbracht", sagt Coleman.
Aber ist er zufrieden? Er hat sechs Jahre lang einen Mann verfolgt, der dann zu vier Jahren verurteilt und nach zwei Jahren entlassen wurde, weil er mit dem FBI kooperiert hat. Einen Mann, der im Gefängnis Tennis spielen lernte und den Tipp bekam, aus seinem Leben ein Buch zu machen.
"Mmmmmh", macht Coleman. Seine Schläfen schwellen, seine Hände ringen miteinander.
"Ich bin dabei, es zu akzeptieren", sagt er schließlich. "Damals wurde diese Art von Kriminalität noch nicht so hart bestraft wie heute, nach Enron und WorldCom und all den Finanzblasen. Es gab einen Mitarbeiter in Belforts Firma, der verhaftet wurde, freikam und noch mal eine vergleichbare Straftat beging. Der bekam für eine 20-Millionen-Dollar-Straftat 85 Jahre. 85 Jahre. Belfort hat 210 Millionen Dollar auf dem Kerbholz. Ich hätte es besser gefunden, wenn seine Strafe höher ausgefallen wäre. Das ja."
Gordon Gekko war ein Vorbild für Jordan Belfort, jetzt ist Belfort ein Vorbild für junge Banker. Gewinnen am Ende die Arschlöcher? Ist das die Moral der Geschichte?
"Der Film verstärkt diese falsche Botschaft natürlich noch", sagt Coleman.
"Wir kommentieren das nicht", sagt Frau Langmesser.
Drehbuchschreiber Terence Winter hat die Frage nach der Botschaft des Films für die heutige Zeit so beantwortet: "Wir lernen nie dazu, und die Dinge ändern sich nicht." Gregory Coleman geht zu seinem Schreibtisch, um seinen Mantel zu holen. Es ist ein riesiger Raum mit vielen Schreibtischen. Er läuft an den Schreibtischen vorbei, vollgekramt, eng nebeneinander, überall stehen Pokale und Familienfotos, von der niedrigen Decke hängen amerikanische Fahnen. Es könnte der Raum sein, in dem Jordan Belfort einst begann, mit seinen Penny-Aktien zu handeln. Ein Boilerroom, irgendwo auf Long Island. Aber es ist die New Yorker Abteilung des FBI für Organisierte Kriminalität.
"Sieht nicht besonders gut aus, ich weiß", sagt Coleman. "Aber ich fühl mich wohl hier. Ich will keine Karriere machen. Ich will keinen großen, schicken Schreibtisch. Ich will auf der Straße sein. Ich bin genau da, wo ich sein will. Ich liebe New York. Ich möchte nicht in West Palm Beach sein."
Was reizt ihn denn so an New York?
"Die Vielfältigkeit, die Größe, die Bedeutung", sagt Coleman. "Es ist rauer, und die Geldmengen sind so groß wie nirgendwo." Er hat mit Millionenbeträgen angefangen, heute ist er im Milliardenbereich. Bernie Madoff brach als Erster durch diese Grenzen, sagt er.
Hat sich denn die Mentalität der Finanzverbrecher in den letzten 20 Jahren verändert?
"Kein Kommentar", sagt Kelly J. Langmesser.
Draußen vor den Fenstern zieht der Abend auf, der New Yorker Himmel ist klar, man kann von hier bis nach Harlem schauen. In der Nacht werden die Temperaturen um 30 Grad fallen. Man hat das Gefühl, als könnte man ihnen dabei von hier oben zuschauen.
Special Agent Coleman zieht sich seinen grünen Trenchcoat an, der aussieht, als hätte er ihn sich von den Ausstattern des großen amerikanischen Verschwörungskinos der siebziger Jahre geborgt, es ist der Mantel eines Jägers. Er fährt in die Tiefgarage des langweiligen FBI-Hochhauses, steigt in seinen Ford Taurus, gedeckte Farben, und verschwindet mit ihm in der Stadt, die er so liebt. Der Wind wird bald minus 20 Grad kalt sein.
Man kann sich sein Leben nur vorstellen. Vielleicht auf Long Island, vielleicht auf Staten Island, dort, wo die New Yorker Polizisten leben. Kleines Reihenhaus, mit einem Trampolin für die Kinder. Im Sommer fahren sie an die Jersey Shore oder nach Florida. Orlando. Drei Tage Disney, drei Tage Beach. Vielleicht lebt er auch allein. Geschieden, weil er die Verbrecher, die er verfolgte, mehr liebte als seine Frau. Ein Wohnturm in Midtown, leerer Kühlschrank, fünf Anzüge im Schrank, die alle gleich aussehen. Man weiß es nicht.
Was man weiß, ist, dass es Jordan Belfort wieder gutgeht. Er hat ein Haus am Pazifischen Ozean, auf der anderen Seite des Landes. Eine Villa im toskanischen Stil, mit großen Sesseln und einer neuen blonden Frau mit aufgepumpten Lippen und Brüsten. Aus dem Wohnzimmer schaut er direkt aufs Meer. Er spielt jetzt viel Tennis. Sein Trainer gehört zu den weltbesten Tennisspielern über vierzig. Er bescheinigt Belfort ungewöhnliche Besessenheit. Er sieht jünger aus, als er ist, und viel jünger als Coleman.
Die Produktionsfirma hat über eine Million Dollar für die Filmrechte bezahlt. Neben Leonardo DiCaprio war auch Brad Pitt interessiert. Für seine Auftritte als Motivationstrainer erhält der Wolf Summen im fünfstelligen Bereich. Er schläft immer noch schlecht, wenigstens das.
Gregory Coleman verrät nicht, wie er heute nach Hause kommt. Am schönsten wäre es natürlich, er würde den FBI-Wagen stehen lassen und die U-Bahn nehmen. Er säße in seinem verschossenen grünen Mantel neben den müden New Yorkern, draußen fliegt die raue Stadt vorbei. Wie im Film.
Martin Scorsese hat jetzt gesagt, dass ihm die Subway-Szene die wichtigste war.
"Coleman hat Jordan geschnappt und eingesperrt, ja und? Ändert das was? Hört er deswegen auf zu arbeiten? Nein. Er macht weiter. Hat er jemals Zweifel an dem, was er tut? Ich weiß nicht. Es ist Teil unseres Lebenskampfs. Das müssen wir akzeptieren. Den Kampf."
Während sich Coleman im Film zweifelnd im Subway-Waggon umsieht, läuft das Lied "Mrs. Robinson". Man hört die Songzeile "Our nation turns its lonely eyes to you" und spürt die Verlorenheit dieses großen, durchgeknallten Landes.
Special Agent Colemans Jagd ist nicht vorbei.
Von Alexander Osang

DER SPIEGEL 3/2014
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