13.01.2014

HOMESTORYHunderepublik

Wer hilft uns im Kampf gegen die neue Einsamkeit?
Nachbarin B., alleinstehend, die Kinder aus dem Haus, hat jetzt einen Hund, beziehungsweise eine Hündin, Tilda. Und B. bringt Tilda das Sprechen bei, zumindest das Zuhören. Tilda, Menschenskind, sei nicht so ungeduldig, es geht ja gleich los, ich muss nur noch den Schlüssel finden, du willst doch wohl nicht, dass Frauchen ohne Schlüssel das Haus verlässt, und was machen wir, wenn wir wiederkommen, Tilda, hm? Sie hebt ihre Stimme am Ende des Satzes. Am Nachmittag kommen die Kinder, oder hast du das schon wieder vergessen, Tilda? Also wirklich, Tilda, es kann nicht immer nur um dich gehen! Mach sitz! Sitz!! Jetzt lass dich doch nicht immer wieder bitten, Tildaa!
Tilda, klein, braun, fragender Blick, wundert sich wahrscheinlich, soweit das Wundern in ihrer Natur liegt. Sie legt den Kopf schief und fragt sich, was die Alpha-Hündin da von sich gibt, in ihrem Gehirn gibt es wahrscheinlich ein großes Fach für ungeklärte Fragen; aber dann hat sie es auch schnell wieder vergessen, sobald sie einen von ihren Freunden trifft, von denen es wimmelt in unserer Straße: Pauli, Anton, Cecilia.
Schätzungsweise fünfeinhalb Millionen Hunde laufen durch Deutschland; auf 1,3 Milliarden Euro stiegen 2012 die Ausgaben für Fertignahrung und Bedarfsartikel, das sind eine Menge Kauknochen und Leckerli, die jeden Tag verteilt werden. Vorgestern trat mein Jüngster in Hundekot, kurz bevor er ins Auto stieg, wir fuhren schon eine Weile, als wir's merkten. Dann allerdings war es nicht mehr zu ignorieren, ich hätte gern seine Schuhe mit ihren Profilsohlen weggeschmissen, das Auto auch, den Sohn allerdings nicht. Veterinäre haben ein tolles Wort, um die Zusammensetzung der festen Bestandteile in Hundescheiße zu beschreiben: Kotmatrix. Wie heißt es in dem gleichnamigen Film? "Die Matrix ist ein System, Neo, dieses System ist unser Feind."
In meinem System und Dorf haben, nach meiner Zählung, etwa 40 Prozent der Haushalte einen Hund; gefühlt - von mir gefühlt - sind es 99 Prozent. Der Trend geht zum Zweithund: die Innenarchitektin, der Augenarzt. Die Blonde aus dem gelben Haus hat sogar drei Hunde, einer ist ein Pudel, der zu zittern beginnt und wegläuft, sobald er eines anderen Wesens ansichtig wird. Dann allerdings, in sicherer Ferne, beginnt er hysterisch zu bellen.
Ja, es ist laut bei uns. Wenn jemand seinen Hund ausführt, an den Zäunen und Gärten vorübergeht, wird der Hund von anderen Hunden entweder überschwänglich begrüßt oder mit geiferndem Hass überschüttet, ich kann das nicht unterscheiden, und er bellt zurück, andere schalten dazu, für solche Samstagvormittage hat man den iPod erfunden.
Kopfhörer aufsetzen. Mehr bleibt nicht zu tun. Ein Hundehalter erntet allenthalben Respekt, Zustimmung, Anerkennung, allein für das Ausführen, so kommt es mir vor; was dem Grafen oder Großbürger des 19. Jahrhunderts der Ausritt hoch zu Pferde war, ist dem Kleinbürger das präsentable Ausführen des Hundes. Nicht-Hundehalter sind in dieser Rechnung eine zu vernachlässigende Minderheit. Ab und zu kann man kühl und missbilligend gucken.
Als Blinden- oder Hütehund sind Hunde wichtig, wertvoll, sie haben einen Job und tragen Verantwortung. In der modernen Minifamilie hingegen wird der Hund nicht gefordert, sondern bleibt in seiner Entwicklung zurück: ein ewiger Teenager oder ein verwöhntes Kleinkind, das Gäste feuchtwarm anhechelt, beschnüffelt, beschlabbert, anknurrt, die Nase in die Kniekehle drückt oder Welpenschutz reklamiert, obwohl es längst ausgewachsen ist.
Der Hund in seiner Erscheinungsform als ewig neurotischer Teenager ergänzt das vor sich hin alternde Frauchen oder Herrchen. Die Leute leben länger, sie werden älter. Sie verlieren irgendwann, zwangsläufig, den Mann, die Frau. Die Freunde werden krank, unbeweglich.
Ich glaube, diese Art von Einsamkeit ist ein vergleichsweise neues Phänomen. Ich gehöre zu einem geburtenstarken Jahrgang, überall waren Kinder, auf der Straße, am Waldrand, auf dem Fußballplatz, überall wurde gespielt. Unsere Eltern besuchten sich ständig gegenseitig, in den siebziger Jahren wurden Partys gefeiert, Deutschland entdeckte die Geselligkeit. Auch damals gab es Hunde, aber sie vervollständigten die Familie, sie waren nicht die Familie.
Der Hund, als Rudeltier auch ungern allein, ist der natürliche Verbündete im Kampf gegen die Einsamkeit. Seine Verdauung nötigt zu Spaziergängen, das Gebell füllt die Leere.
Es ist einfach, sich darüber zu erheben. Einsamkeit ist der stille Schmerz unserer Zeit, in einer alternden, vereinsamenden Gesellschaft. Beinahe ein Leben lang ist man zu zweit, ein Paar. Aber dann stirbt der Mann, oder die Frau, meistens aber zuerst der Mann.
Und dann bleibt einer oder eine übrig und lebt weiter, ab und zu kommen die Kinder zu Besuch, aber sie studieren, die Tochter in Nürnberg, der Sohn in England, und es tut gut, wenn da ein Tier ist, das bellt, sich regt, das stürmisch Ansprüche geltend macht.
Wenn man dann eines hoffentlich noch fernen Tages seinen Hund, seinen Freund, ausführt, unter den kühlen, missbilligenden Blicken der Nachbarn, dann murmelt man vermutlich in sich hinein: Was wisst denn ihr?
Von Ralf Hoppe

DER SPIEGEL 3/2014
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