13.01.2014

LANDWIRTSCHAFTAckern für Anfänger

Zwei Essener haben aus der Sehnsucht vieler Städter nach dem Landleben ein Geschäftsmodell gemacht. Sie vermieten Gemüsebeete an Hobbybauern.
Natürlich hätten sie gern das nächste große Internet-Ding erfunden, sagt Tobias Paulert, das neue Zalando oder Instagram. Dann wären er und sein Geschäftspartner Birger Brock jetzt vermutlich steinreich. Verlockende Vorstellung, findet er. Dass sie nun ihr Geld mit Miet-Äckern verdienen? Auch gut.
Die beiden Essener hatten zwar schon immer ein Faible fürs Gemüsepflanzen; sie überlegen außerdem genau, welche Strecken sie im Auto zurücklegen. Und Fußballfan Brock würde im Stadion nie eine Bratwurst essen, weil die nicht bio ist. Trotzdem haben die beiden wenig gemeinsam mit Alpaka-Pulli tragenden Weltverbesserern, die ihren Kontostand für eine vernachlässigenswerte Größe halten.
Tatsächlich könnte das Büro der "Ackerhelden", wie sie ihr Start-up genannt haben, auch das einer Werbeagentur sein: Kickertisch, Retrosofa, auf dem Schreibtisch zwei MacBooks. Brock und Paulert, 38 Jahre alt, wollen beides sein: öko und schick.
Vor einem Jahr haben sie deshalb ihre gutbezahlten Jobs bei einem Sportartikelhändler und einem Energieversorger gekündigt. Seitdem vermieten die Neu-Unternehmer Parzellen an naturhungrige Menschen.
Für 248 Euro kann jeder Hobbygärtner bei ihnen saisonweise ein 40 Quadratmeter großes Feldstück mieten und mit ein wenig Geschick von Mai bis November Radieschen, Tomaten und andere Sorten in Bioqualität ernten. Geräte und ein 60-seitiges Handbuch zum Gemüseanbau sind inbegriffen. Zeitaufwand: nicht mehr als zwei Stunden pro Woche, versprechen die Gründer.
Es ist ein Angebot für genau jene Konsumenten, denen Fertig-Lasagne vom Discounter zuwider ist, die aber keine Ahnung haben, wie Grünkohl wächst. Und die schon gar nicht aus ihren komfortablen Stadtwohnungen auf den Bauernhof ziehen wollen.
Tatsächlich profitieren die Ackerhelden von einem so erstaunlichen wie ungebrochenen Trend. Ausgerechnet Städter, die sich schon aufregen, wenn ihr Supermarkt um 20 Uhr schließt, zieht es ins Gemüsebeet. Schrebergärten führen lange Wartelisten, Urban Gardening und Selbsternte-Projekte im Stadtumland haben sich zu einer weltweiten Bewegung entwickelt. Von Rio bis Leipzig graben, pflanzen und jäten Stadtbewohner. Gärtnern ist nicht nur hip, sondern mitunter ein politisches Statement: gegen gierige Investoren, zumindest aber gegen die globale Agrarindustrie. Statt zur Demo geht die urbane Mittelschicht lieber auf die Scholle.
Eine Revolution wollen die Essener Gründer nicht anzetteln. Sie konzentrieren sich aufs Geschäft. Beide haben Sportmarketing studiert; bevor sie den Firmennamen festlegten, haben sie mehrere Varianten getestet, lange an Logo und Werbebroschüren gefeilt. Paulert sagt Sätze wie: "Wir haben bei der Marke nichts dem Zufall überlassen." Sie soll erdverbunden wirken, aber bloß nicht nach Birkenstock-Öko klingen.
In der ersten Saison seien viele Studenten und Rentner unter ihren Kunden gewesen, trotzdem spreche ihr Konzept wohl eine Zielgruppe besonders an, sagt Brock: die sogenannten Lohas - junge, konsumbewusste Menschen, oftmals mit hoher Bildung und überdurchschnittlichem Einkommen.
Für die kommende Saison hat das Start-up nach eigenen Angaben schon mehr als hundert Parzellen vermietet, fast alle Kunden aus dem Vorjahr seien wiedergekommen. Bis Saisonbeginn wollen die Unternehmer expandieren: Ackerflächen an rund zehn Standorten zwischen einem Viertel- und einem ganzen Hektar sollen hinzukommen, verteilt über ganz Deutschland.
40 Parzellen liegen in Mönchengladbach-Venn, vom Ruhrgebiet aus in einer Dreiviertelstunde erreichbar. In einem eingezäunten Areal neben einem Hofcafé trippeln Hühner umher, man kann die Autos von der A 61 rauschen hören. Auf dem Feldabschnitt, den die Ackerhelden gepachtet haben, liegen ein paar verwelkte Rosenkohlblätter, Unkraut hat sich breitgemacht.
Kristin Gruden, 25, stapft über den feuchten Boden. An dieser Stelle habe sie noch vor einigen Wochen Mangold und Spinat vom Feld geholt, sagt sie. Gemeinsam mit ihrem Freund beackerte sie bis in den Spätherbst zwei Parzellen. Ein- oder zweimal pro Woche seien sie draußen gewesen. Am Ende hätten sie Gemüse im zwei- bis dreifachen Wert des Mietpreises geerntet. "Nur Möhren und Wirsing sind nichts geworden."
Nicht immer sind die Amateurlandwirte allerdings so erfolgreich wie die Studentin. Als Tobias Paulert im vorigen Frühjahr auf der Anlage in Teltow am Rand von Berlin nach dem Rechten sehen wollte, habe er einen Schrecken bekommen. Die Kunden hatten ihr Gemüse zu viel gegossen. "Der Acker sah stellenweise aus wie ein Reisfeld."
Von Ann-Kathrin Nezik

DER SPIEGEL 3/2014
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