13.01.2014

ISLAMISTENSignal zum Aufstand

In Syrien und im Irak gerät die Terrorgruppe Isis in die Enge. Rebellische Sunniten wollen sich den IslamFanatikern nicht unterwerfen.
Das Sprichwort ist weltweit geläufig, und oft werden ihm arabische Wurzeln zugeschrieben: Der Feind meines Feindes ist mein Freund. Doch ausgerechnet in ihrer angeblichen Heimat gilt die Formel nicht mehr.
Aus Iraks legendärer Aufstandshochburg Falludscha wurde vergangene Woche gemeldet, die Fahne des Qaida-Ablegers "Islamischer Staat in Irak und Syrien", Isis, wehe über der Stadt. Die Aufregung war groß, es schien, als habe Isis nach einem brutalen Siegeszug in den syrischen Rebellengebieten nun auch noch den angrenzenden Westirak unterworfen.
Doch inzwischen ist klar: Auch der Feind meines Feindes kann mein Feind sein. Denn was Iraks schiitischer Premier Nuri al-Maliki als Qaida bezeichnen ließ, sind in Wahrheit überwiegend sunnitische Stammeskrieger, die gegen Isis kämpfen, ebenso wie gegen Maliki. Und in Syrien vertrieben die Rebellen zur selben Zeit die Islamisten binnen einer Woche aus fast allen Orten - obwohl Isis doch vorgibt, ebenfalls gegen das Assad-Regime anzutreten.
Die Lage in den Kampfgebieten des Nahen Ostens ist somit noch komplizierter geworden, als sie es zuvor schon war. Aber dafür sieht es so aus, als hätten es die Isis-Krieger, die finstersten der Islamisten, bei weitem nicht mehr so leicht wie noch vor ein paar Wochen.
Im Irak begann das Drama ganz friedlich: Anfang Dezember entstanden Protestcamps in den Städten Ramadi und Falludscha, mit Podien und Petitionslisten. Es ging den Sunniten dort um Mitspracherechte unter der Regierung des Schiiten Maliki und um freie Wahlen. Doch plötzlich griff Malikis Armee, die seiner persönlichen Kontrolle untersteht, das Camp in Ramadi an. Es sei ein Hauptquartier von al-Qaida, behauptete der Premier. Außerdem wurde das Haus eines populären sunnitischen Parlamentsabgeordneten von Truppen gestürmt, dessen Bruder und mehrere Leibwächter erschossen.
Das war das Signal zum Aufstand: "Denkt daran, dass ihr die Söhne des Irak seid, nicht die Sklaven von Maliki", so der "Militärrat der Rebellen der Provinz Anbar" in einer Videobotschaft. Und damit griffen die Sunniten sowohl die Armee wie auch die Islamisten von Isis an, die das Chaos ausnutzen wollten.
"Wir kämpfen hier an zwei Fronten", sagt ein Polizist aus Falludscha. Der Mann war schon mit dabei, als die US-Armee 2006 die Sahwa-Milizen gründete: Sunniten, die sich erfolgreich gegen al-Qaida wandten. Die Amerikaner versprachen den Sahwa-Leuten, sie würden später in Friedenszeiten in Polizei oder Militär übernommen. Doch Maliki ignoriert das Versprechen jetzt weitgehend, weil er nur seinen Schiiten traut.
Der Irak-Experte Toby Dodge von der London School of Economics vermutet eine Absicht hinter Malikis Attacke auf die Sunniten-Städte und seinem Versuch, die Rebellen dort in Qaida-Nähe zu rücken: "Die kommenden Wahlen im April geben Maliki einen Anlass, die Sunniten in die Enge zu treiben. Je größer die Qaida-Bedrohung, desto sicherer sind ihm die Stimmen der Schiiten."
Zwar ist Isis im Westirak nicht so stark, wie von Maliki dargestellt - eine ernsthafte Gefahr sind die Kämpfer gleichwohl, vor allem in den Großstädten, wo vergangenes Jahr so viele Bomben detonierten wie seit 2007 nicht mehr. In Syrien hingegen haben die Rebellen Isis in den letzten Tagen regelrecht aufgerieben.
Dass der Feldzug gegen die ausländischen Dschihadisten der Isis dort gleich flächendeckend losbrach, hat einen Grund und mehrere Anlässe: Isis ist zu weit gegangen, denn die islamistischen Kämpfer haben andere Rebellen und Aktivisten ermordet oder entführt. Und sie wollten die Bevölkerung ganzer Regionen unter strenge Islam-Gesetze zwingen.
Weit im Westen, in der Provinz Idlib, hatten die stets maskierten Sturmtruppen der Isis Ende Dezember den Ort Kafranbil überfallen, der für seine spöttischen Slogans und Cartoons im ganzen Land berühmt geworden ist. "Wir wollen nicht eine Diktatur durch eine andere ersetzen", lautete die knappe Absage der örtlichen Rebellen an die Dschihadisten auf einem Poster. Es zeigte ein Monster mit Assad-Flagge, dem ein kleines Monster entkriecht - Isis.
In der Provinz Aleppo hatten Isis-Männer Abu Rajan verschleppt, einen weithin respektierten Kinderarzt und Lokalkommandeur der Rebellenformation Ahrar al-Scham, der zu Verhandlungen gekommen war. Drei Wochen später tauchte seine furchtbar zugerichtete Leiche auf. Anfang vergangener Woche schlugen die Rebellen dann zurück und vertrieben Isis. Später überrannten sie sogar das schwer- befestigte Hauptquartier der Gruppe in Aleppo.
Einen bizarren Auftakt zum Gemetzel gab es im strategisch wichtigen Grenzort Dscharabulus: Die Islamisten der Isis wollten dort ein strenges Rauchverbot durchsetzen; Rauchen vertreibe die Engel und sei unislamisch. Man mag beklagen, dass der einzige - zumindest gesundheitlich - sinnvolle Vorstoß der Fanatiker auf so wenig Gegenliebe stieß. Auf jeden Fall kam es erst zum Streit mit ein paar Kettenrauchern, dann zu einer Schlacht, in der die Rebellen die Islamisten zusammenschossen.
In ungekannter Einigkeit gingen die Rebellenverbände fast überall im Norden Syriens gegen die ausländischen Dschihadisten vor und nahmen Isis so die taktische Stärke, rasch Einheiten dorthin verlegen zu können, wo Krieger der Gruppe in Bedrängnis gerieten. Denn nun waren sie überall zugleich in Not - und wurden binnen einer Woche aus fast allen Orten vertrieben. "Hätten wir geahnt, wie schwach die in Wirklichkeit sind", so ein Rebell aus Aleppo, "dann hätten wir diesem Spuk viel früher ein Ende bereitet."
Manche Isis-Anhänger haben sich nun in entlegene Quartiere und Bergdörfer zurückgezogen. Die meisten aber versuchten, über die türkische Grenze zu fliehen. Über hundert sollen allein im Grenzort Reyhanli angekommen sein. Am Mittwoch tauchten dort drei abgerissene tunesische Kämpfer der Isis vor einem Imbiss auf. Sie wurden von syrischen Flüchtlingen erkannt und verprügelt.
Ende vergangener Woche konzentrierte sich der Kampf dann auf Rakka, die einzige Provinzhauptstadt, die Isis vollständig unter Kontrolle gebracht hatte. Hunderte islamistische Kämpfer sollen sich da verschanzt haben. Dorthin brachten sie wohl auch jene 30 bis 40 ausländischen Journalisten und Nothelfer, die sie in den letzten Monaten entführt hatten.
In Rakka kam es zu Szenen, die nicht recht in die gängigen Vorstellungen von der syrischen Rebellenszene passen. So waren es Kämpfer der Nusra-Front, nominell ebenfalls mit der Qaida-Führung verbündet, die zwei von Isis besetzte Kirchen einnahmen.
Inzwischen kooperieren die Nusra-Männer dort aber mit anderen Rebellengruppen. Und die Qaida-Ideologie nehmen sie offenkundig nicht mehr ganz so ernst: Sie kündigten an, die beiden Kirchen wieder für Gottesdienste an zurückkehrende Christen übergeben zu wollen.
Von Christoph Reuter und Birgit Svensson

DER SPIEGEL 3/2014
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