13.01.2014

SPANIENFelipes Stunde

Der König ist gebrechlich, seine Tochter muss vor Gericht erscheinen, die Hälfte des Volkes ist die Monarchie leid. Retten könnte sie der Kronprinz.
Mitte vergangener Woche machte der japanische Außenminister König Juan Carlos die Aufwartung. Überraschend durfte er auch dessen Sohn die Hand schütteln. Kronprinz Felipe in tadellosem grauem Business-Anzug strahlte in die Kameras.
Die Berater im Königspalast der Zarzuela von Madrid schieben ihn in diesen Tagen gern in den Vordergrund. Denn Felipe, 45, ist inzwischen der einzige Trumpf, der dem Königshaus noch geblieben ist.
Für die Bourbonen hat das neue Jahr finster begonnen: Ein Untersuchungsrichter in Palma de Mallorca hat die Königstochter Cristina der Geldwäsche und Steuerhinterziehung beschuldigt. Er ermittelt gegen ihren Ehemann, der Millionen öffentlicher Gelder auf Konten einer privaten Firma gelenkt haben soll, die aber zur Hälfte Cristina gehörte. Ein "Martyrium" nannte ein Sprecher des Königs das Verfahren.
Und da ist noch mehr, was den Monarchen, 76 Jahre alt, derzeit quält. Er musste sich in den letzten Monaten fünf Operationen unterziehen, seit er sich bei der Elefantenjagd in Botswana die Hüfte gebrochen hatte. Zudem veröffentlichte die Zeitung "El Mundo" gerade die Ergebnisse einer Meinungsumfrage, wonach über die Hälfte der Befragten die Monarchie abgeschafft sehen will. Und schon 62 Prozent - bei den unter 30-Jährigen sind es sogar mehr als drei Viertel - sprachen sich dafür aus, dass zumindest Juan Carlos abdanken und den Thron für Felipe räumen soll.
Denn in dieser schwersten Krise der spanischen Monarchie, seit Juan Carlos nach dem Tod des Diktators Franco vor 38 Jahren den Thron bestieg, ist nur der Kronprinz unbelastet. Er hat sogar den Kontakt zu seiner Schwester abgebrochen.
Und so könnte bald Felipes Stunde kommen, obwohl der König noch in seiner Weihnachtsansprache versichert hat, er wolle weiter seine Pflicht erfüllen. Einer der bekanntesten Rundfunk-Kommentatoren, Iñaki Gabilondo, warnte vergangene Woche Juan Carlos vor "falschen Freunden": Die Schmeichler würden verhindern, dass er klar erkenne, "wann der Moment gekommen ist, sich ablösen zu lassen".
Während die konservative Volkspartei von Regierungschef Mariano Rajoy jeden Kommentar vermeidet, bekräftigen Oppositionelle Zweifel an der Institution der Monarchie. Schon vergangenes Jahr, als in Belgien und den Niederlanden die junge Königsgeneration nachrückte, hatten führende Sozialisten Juan Carlos aufgefordert, dem Beispiel der adligen Rentner zu folgen.
Sein einziger Sohn, Don Felipe Juan Pablo Alfonso de Todos los Santos de Borbón y Grecia, Prinz von Asturien - so Felipes Titel -, ist zweifellos fit für den Thron. Nach dem Abitur in Kanada, wohin die Eltern ihn geschickt hatten, absolvierte er eine Offiziersausbildung in allen Waffengattungen. Danach studierte er in Madrid Recht und Wirtschaft. Und daran hängte er noch ein Masterstudium für Internationale Beziehungen mit Schwerpunkt Lateinamerika und Naher Osten an der Georgetown-Universität in Washington. Felipe sei das beste Beispiel seiner Generation, sagte der investigative TV-Reporter Jordi Evole, der selbst als Idol der spanischen Jugend gilt: "Er ist sehr gut präpariert, aber sie lassen ihn nicht ran."
Das könnte sich jetzt ändern. Schon im letzten Jahr hat er häufig seinen Vater vertreten, der immer wieder krankheitsbedingt ausfiel. Erstmals nahm Felipe die Militärparade am Nationalfeiertag im Oktober ab. Er reiste auch nach Panama zum Gipfeltreffen der lateinamerikanischen Staats- und Regierungschefs - die er ohnehin besser kennt als Juan Carlos, weil er an den Amtsübergaben teilnimmt.
Wenn der fast zwei Meter große Prinz mit den blauen Augen und den leicht ergrauten Haaren irgendwo auftritt, wird er von Menschen mit gezückten Handys eingekreist, die sich mit ihm fotografieren wollen. Er besucht Unfallopfer, er redet mit dem Volk, er macht alles richtig.
Vor zehn Jahren setzte er die Hochzeit mit der berufstätigen Bürgerlichen Letizia Ortiz bei seinen Eltern durch. Die zudem noch geschiedene frühere Nachrichtenmoderatorin geht mit ihm ins Kino, schleppt ihn zum Essen beim Asiaten um die Ecke und kauft Kleidung für die beiden Töchter auch im Supermarkt.
Einmal im Jahr hat ihr Mann Gelegenheit, seine Gedanken öffentlich auszusprechen. Bei der Verleihung der begehrten Preise seiner Prinz-von-Asturien-Stiftung hält er eine Rede, die weder sein Vater noch die Regierung für ihn schreiben. Gern verweist er auf die demokratische Verfassung, nach der in Spanien das Volk der Souverän ist und nicht der Monarch. Auf dem Thron will er "ein bescheidener und treuer Diener des spanischen Volkes sein". Er jagt weder Elefanten noch Schürzen.
Felipe ist also etwas langweilig im Vergleich zum charismatischen Vater - aber vielleicht deshalb der richtige König für ein Land, das der Extravaganzen des Vaters müde ist.
Von Helene Zuber

DER SPIEGEL 3/2014
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