13.01.2014

Die Bank-Räuber

GLOBAL VILLAGE: Wie in London junge Programmierer daran arbeiten, die Finanzindustrie abzuschaffen
Die Revolution wohnt in einem besetzten Haus gegenüber von Lidl im Osten Londons. Der Eingang ist mit einer Holzplatte verriegelt, man muss eine Treppe hochgehen und steht dann vor einer Tür mit der Aufschrift "Bitcoin-Hauptquartier". Dahinter schauen drei Jungs von ihren Laptops hoch.
Amir Taaki sitzt auf einem Sofa. Er ist 25, trägt einen löchrigen, ausgeleierten Pullover, eine Jogginghose und Turnschuhe. Das Wirtschaftsmagazin "Forbes" hat ihn gerade in die Liste der 30 Technikstars unter 30 aufgenommen, die das Jahr 2014 prägen werden.
Auf dem Tisch stehen ein leeres Gurkenglas, Kaffeebecher, daneben liegt eine Rohrzange. Von hier aus wollen Amir und seine Freunde, die nur ihre Vornamen nennen, das Bankensystem aufmischen. Die Software, die ihnen dabei helfen soll, heißt Dark Wallet, dunkle Geldbörse. Es ist ein Anonymisierungsprogramm - unabhängig vom profitgetriebenen Finanzgebaren klassischer Geldhäuser sollen sich damit Geschäfte abwickeln lassen. Auf der Oberfläche des Programms schlummert ein Online-Konto, das Ganze ist ein Guerillasystem fürs Finanzwesen.
In wenigen Monaten soll sich jeder, der einen Rechner mit Internetzugang besitzt, Dark Wallet herunterladen können. Es soll einfach zu bedienen sein und jedem Nutzer Sicherheit und völlige Anonymität garantieren, egal ob er Waren kauft oder verkauft. Die Währung für den dunklen Geldbeutel heißt Bitcoin, sie wurde in Folge der Finanzkrise entwickelt. Man kann sie online per Kreditkarte kaufen.
Amir wurde in London geboren und wuchs in Südengland auf. Sein Vater stammt aus Iran, die Mutter aus Schottland. Mit 16 brachte er sich die Programmiersprache C++ bei. Seit Jahren schon hat er keinen festen Wohnsitz mehr. Er reist mit seinem Computer von Stadt zu Stadt und lebt entweder in besetzten Häusern oder einer Kommune bei Barcelona, die von ihren Bewohnern "ökologisch-postkapitalistische Kolonie" genannt wird. Dabei sagt Amir, dass er den Kapitalismus eigentlich nicht schlecht finde: "Ich bin wirklich kein Kommunist."
Anarchismus ist ihm fremd. Amir ist ein begeisterter Anhänger des freien Handels, nur die Finanzdienstleister der Marktwirtschaft hält er für korrupt und überflüssig. "Banken sind Mist", sagt er. "Sie haben großen Schaden angerichtet. Zum Glück brauchen wir sie bald nicht mehr."
Neben ihm zündet sich Santi eine Zigarette an. Er ist 32 und hilft Amir bei der Programmierung. Santi hat einen Telefonie-Dienst mitentwickelt, der ebenfalls mit Bitcoin funktioniert und den er als eine anonymisierte Variante von Skype beschreibt. Kommerzielle Telefonfirmen sind von der Idee ebenso wenig begeistert wie Geheimdienste. Amir und Santi haben mächtige Unterstützer. Vor kurzem war Amir bei WikiLeaks-Gründer Julian Assange in der ecuadorianischen Botschaft in London.
Als dem Dark-Wallet-Projekt das Geld ausging, startete Amir einen Spendenaufruf im Netz. Innerhalb von sechs Wochen kamen 52 000 Dollar zusammen, davon kauften sie sich unter anderem Speicherplatz auf Servern und neue Rechner. Der harte Kern der Finanzrevolution ist überschaubar - Dark Wallet programmieren "weniger als zehn Leute", sagt Santi.
Ein junger Mann steckt den Kopf durch die Tür. Es gibt Abendbrot. Im Erdgeschoss haben einige Leute von "Occupy London" einen Topf Reis und Gemüse gekocht, die Programmierer sind eingeladen. Amir verschlingt das Essen wie jemand, dem gerade eingefallen ist, dass er noch einen Körper hat, neben seinem digitalen Ich. Er versteht sich als die Speerspitze einer neuen Freiheitsbewegung.
Einer seiner Mitstreiter ist Cody Wilson, der voriges Jahr erstmals mit einem 3-D-Drucker in den USA eine Schusswaffe gebaut hat. Die Anleitung stellte Wilson anschließend ins Netz. Amir sagt, ihm gehe es nicht um Pistolen, sondern um Autonomie. Ihn faszinierten Projekte, bei denen Menschen mit einfachen Mitteln ein selbstbestimmtes Leben führen. Nur wer alles, was er zum Leben brauche, selbst herstellen könne, sei unabhängig.
Von Dark Wallet, sagt er, könnten auch Dissidenten in Diktaturen profitieren, all jene, die im Verborgenen aktiv sein müssen. Er hofft, dass er im April eine erste Version des Programms präsentieren kann. Eine weitere Anwendung könnte ein dezentraler Handelsplatz sein, auf dem sich Käufer und Verkäufer begegnen, ohne dass ein Vermittler notwendig ist. Wie Ebay ohne ein zentrales Abrechnungssystem. Der Vorteil wäre, dass niemand seine Daten hinterlegen muss.
Der Nachteil ist, dass sich auch Mafiosi, Terroristen und Drogenhändler dunkle Geldbörsen zulegen können. Amir sagt, ihn störe das wenig. "Die größten Gangster arbeiten sowieso bei den Banken." Noch können die Programmierer allerdings nicht ganz auf Geld verzichten. Der Lidl gegenüber akzeptiert noch keine Bitcoin.
Von Christoph Scheuermann

DER SPIEGEL 3/2014
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