13.01.2014

TIERE„Fischfresser schützen Fischbestände“

Der Zoologe Josef Reichholf, 68, über den erstaunlichen Nutzen großer Raubtiere für den Artenreichtum
SPIEGEL: Eine internationale Forschergruppe hat gerade im Fachmagazin "Science" dokumentiert, wie segensreich Löwen, Braunbären oder Wölfe in ihrem Ökosystem wirken. Was genau ist die Rolle der großen Räuber?
Reichholf: Sie halten Huftiere und andere Pflanzenfresser in Schach, was der Vegetation sehr zugutekommt. Sie sorgen aber auch dafür, dass sich kleinere Raubtiere nicht übermäßig ausbreiten. Zum Beispiel gibt es dort, wo Wölfe jagen, weniger Füchse.
SPIEGEL: Und wem nützt das?
Reichholf: In den Regionen Australiens, wo der Mensch die Dingos dezimiert hat, nehmen die Füchse offenbar überhand. Sie setzen dort den kleinen Beuteltieren stark zu - etliche Arten sind bereits in ihren Beständen bedroht. Und in Afrika werden gebietsweise die Paviane zur Plage, weil sie kaum noch Leoparden fürchten müssen.
SPIEGEL: Ist es nicht egal, ob ein großer Räuber oder viele kleinere auf Beutefang gehen?
Reichholf: Nein, große Beutegreifer lassen mehr Nischen übrig. Sie haben ausgedehnte Reviere, die sie aber nicht sehr gründlich bejagen. Für sie lohnt es sich in der Regel nicht, jedem kleinen Beutetier nachzustellen. Ab und zu ein größeres Stück ist ergiebiger.
SPIEGEL: In der Studie ist auch von Seeottern die Rede, die sich gern von algenfressenden Seeigeln ernähren. Wo es viele Seeotter gibt, gedeihen ganze Wälder aus Tang ...
Reichholf: ... und in diesen Tangwäldern wiederum laichen bestimmte Fischarten. Wir finden häufig solche kaskadenartige Effekte bis hinab zur Basis der Nahrungskette. Schauen Sie sich an, was passiert, wenn wie in Deutschland die Seeadler wiederkehren: Sie dezimieren die Graugänse. Nicht übermäßig, aber doch so stark, dass sie die Wasserpflanzen in den Flachgewässern nicht mehr überweiden können. Die erfreuliche Folge: Jungfische haben wieder mehr Verstecke. Ausgerechnet der Seeadler, ein Fischfresser, schützt also die Fischbestände.
SPIEGEL: Die größten Räuber dominieren ihr gesamtes Ökosystem?
Reichholf: Ja, und zwar oft zum Nutzen für den Menschen. Das beste Beispiel haben wir vor der Haustür: Gäbe es hier so viele Wölfe und Luchse wie in Rumänien oder Italien, würden die Rehe weit weniger Forstschäden verursachen.

DER SPIEGEL 3/2014
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