13.01.2014

MEDIZIN„Mehr Geld für gute Ärzte“

Der Gesundheitsfunktionär Josef Hecken über ein Ranking der Krankenhäuser und den Trend, kindliche Wut und andere Alltagsphänomene als seelisches Leiden einzustufen
Hecken, gelernter Jurist und Mitglied der CDU, leitet seit Juli 2012 den Gemeinsamen Bundesausschuss (G-BA), das mächtigste Gremium des deutschen Gesundheitswesens: Hier entscheiden Vertreter von Ärzten, Krankenkassen und Krankenhäusern darüber, welche Leistungen und Medikamente die gesetzlichen Krankenkassen bezahlen müssen. Auch an der Preisfestlegung für neue Arzneimittel ist der G-BA beteiligt. Der Koalitionsvertrag weist ihm nun eine Reihe neuer Aufgaben zu. Hecken, 54, war in den neunziger Jahren Norbert Blüms Büroleiter und später Gesundheitsminister im Saarland.
SPIEGEL: Herr Hecken, im Gegensatz zu Ihnen ist der neue Bundesgesundheitsminister - Ihr CDU-Parteifreund Hermann Gröhe - völlig neu in der Gesundheitspolitik. Haben Sie einen guten Rat für ihn?
Hecken: Traue niemals irgendeinem der zahlreichen Akteure - also Ärzten, Apothekern, Krankenkassen, Pharmaindustrie und Patientenvertretern -, bevor du nicht mit allen Beteiligten gesprochen hast! Es geht um die Verteilung von 200 Milliarden Euro. Dass da mit harten Bandagen gekämpft wird, merke ich Tag für Tag.
SPIEGEL: Ärzte und Krankenhauslobbyisten laufen immer wieder Sturm gegen Sie, die Pharmaindustrie setzt Top-Juristen auf G-BA-Entscheidungen an ...
Hecken: ... und ich bekomme auch sehr viele Briefe und E-Mails direkt von den Patienten. Jeder betrachtet seine Erkrankung als die wichtigste und findet, dass man sie zum Gegenstand eines nationalen Aktionsplans machen sollte. Bei lebensbedrohlichen Leiden ist das völlig verständlich. Aber auch bei harmlosen Gebrechen wird die Bezahlung der Eigenblut- oder gar Eigenurinbehandlung gefordert - oder des Heilers, der um den heißen Stein tanzen lässt.
SPIEGEL: Ein Politiker - der Sie ja auch mal waren - muss solche Wünsche seiner Wähler ernst nehmen.
Hecken: In der Tat. Die Mitglieder des G-BA werden aber nicht von den Bürgern gewählt, und so müssen wir zum Glück nicht politisch opportun entscheiden. Ob ein Medikament, eine andere Therapie oder ein Diagnoseverfahren für die rund 70 Millionen gesetzlich Versicherten bezahlt werden soll, entscheiden wir allein auf der Basis wissenschaftlicher Erkenntnisse. Am Ende allerdings hat die Politik dann natürlich doch mehr Macht: Sie könnte den G-BA wieder abschaffen.
SPIEGEL: Viele Politiker und Ärztefunktionäre preisen unser Gesundheitssystem als das beste der Welt. Im Koalitionsvertrag kündigen die Regierungsparteien nun eine Qualitätsoffensive an. Warum ist das notwendig?
Hecken: Patienten sind keine autonomen Marktteilnehmer, die sich eine medizinische Leistung aussuchen können wie den besten Toaster. Sie müssen sich darauf verlassen können, dass ihnen immer und überall hohe Qualität geliefert wird. Doch das ist leider nicht so.
SPIEGEL: Wie wollen Sie die Medizin besser machen?
Hecken: Nach dem Prinzip "Pay for Performance" sollen gute Krankenhäuser - und damit gute Ärzte - in Deutschland künftig mehr Geld erhalten als schlechte.
SPIEGEL: Die Idee ist nicht neu.
Hecken: Aber es ist bislang noch nie gelungen, sie umzusetzen. Weil man dafür Qualität messen können muss. Hunderte Unternehmensberater mit Lackschühchen sind schon durch die Krankenhäuser gelaufen und haben gesagt: Alles kein Problem, wir können da ein paar Regelungen erfinden. Aber dies am Ende auch wissenschaftlich einwandfrei und gerichtsfest hinzukriegen, das ist eben sehr schwer. Deshalb will ich, dass wir ein neues, unabhängiges Institut für Qualitätssicherung im Krankenhaus gründen.
SPIEGEL: Wie weit sind Sie damit?
Hecken: Wir sondieren, wo es Leute gibt, die sich in der Materie auskennen und sich vorstellen könnten, so eine Behörde binnen neun Monaten aufzubauen. Der Etat soll bei 16 Millionen Euro liegen.
SPIEGEL: Was wäre eine konkrete Aufgabe des Instituts?
Hecken: Je mehr Patienten mit einer bestimmten Diagnose in einem Krankenhaus behandelt werden, desto besser gelingt dort die Behandlung. Deshalb wollen wir für bestimmte Eingriffe sogenannte Mindestmengen einführen. Sagen wir, ein Krankenhaus muss mindestens 50 Knieprothesen pro Jahr einsetzen, um diesen Eingriff überhaupt ausführen zu dürfen. Das neue Institut könnte also, wissenschaftlich fundiert, solche Mindestmengen ermitteln.
SPIEGEL: Für welche Eingriffe würde dies gelten?
Hecken: Neben den neuen Kniegelenken denke ich an den Einsatz künstlicher Hüften, Bandscheibenoperationen und die Versorgung von Frühgeborenen.
SPIEGEL: Was soll das neue Institut noch leisten?
Hecken: Wir müssen herauskriegen, wie man besser als bisher messen kann, zu welchem Ergebnis ein bestimmter Eingriff in einem Krankenhaus führt. Nehmen wir Männer, die sich wegen Prostatakrebs operieren lassen. Wir wissen heute nur, ob sie ein bestimmtes Krankenhaus lebend verlassen und ob sie nach fünf Jahren noch leben. Das sagt aber relativ wenig über die Qualität des Krankenhauses und der Operation aus. Dazu müssten wir nämlich wissen, ob diese Männer nach fünf Jahren impotent oder inkontinent sind. Diese Daten liegen den Krankenkassen ja vor! Aber sie werden bislang einfach nicht flächendeckend und fundiert ausgewertet.
SPIEGEL: Werden Patienten in Deutschland also bald in einer Rangliste im Internet nachschauen können, wo sie sich am besten operieren lassen?
Hecken: So ist es. Es wird ein Ranking der Krankenhäuser für einzelne Operationsbereiche geben.
SPIEGEL: Nirgends in Europa wird so viel operiert wie hier. Studien zufolge sind viele der Eingriffe unnötig. Warum legen sich die Deutschen so gern unters Messer?
Hecken: Mein Eindruck ist, dass viele Patienten nicht richtig aufgeklärt sind. Sie haben irgendwo gelesen: Wenn du eine neue Hüfte bekommst, dann ist die Welt wieder schön. Es wäre daher gut, wenn sie noch mal mit einem anderen Arzt als dem Operateur sprechen würden. Der sagt ihnen vielleicht: Überleg dir das zweimal! Wir bestimmen deshalb gerade vier Leistungsbereiche, wo es sogar verpflichtend sein wird, dem gesetzlich Versicherten spätestens zwei Wochen vor dem geplanten Eingriff zu sagen, dass er Anspruch auf eine zweite Meinung hat.
SPIEGEL: Bisher gehörte es zu den Aufgaben des G-BA, neben neuen auch bereits im Markt befindliche Medikamente zu bewerten. Wenn diese schlecht abschnitten, musste ihr Preis gesenkt werden ...
Hecken: ... aber der Pharmakonzern Novartis zog dagegen vor Gericht!
SPIEGEL: Und prompt haben Sie gefordert, diese Nutzenbewertung im Bestandsmarkt abzuschaffen, was jetzt auch im Koalitionsvertrag steht. Sind Sie vor der Pharmaindustrie eingeknickt?
Hecken: Unsinn, ich bin einfach pragmatisch. Mir war klar: Mit der Bewertung von älteren Arzneimitteln reiten wir ein totes Pferd. Das Landessozialgericht Berlin-Brandenburg hat im Novartis-Verfahren angedeutet, dass eine Pharmafirma, wenn einer ihrer Blockbuster bei einer Überprüfung negativ abschneidet, unter Umständen gegen den G-BA klagen darf. Das heißt, meine Rechtsabteilung wäre jahrelang mit Prozessen beschäftigt. Es gibt Wichtigeres zu tun. In fünf Jahren sind die meisten Patente auf solche Arzneimittel ohnehin abgelaufen. Dann gehen die Preise automatisch runter.
SPIEGEL: Es geht doch nicht nur darum, Geld zu sparen. Allein schon im Interesse der Patienten müssten unwirksame und schädliche Medikamente als solche entlarvt werden.
Hecken: Wenn jemand der Überzeugung ist, dass es negative Wirkungen eines Arzneimittels gibt, kann er heute schon ein Überprüfungsverfahren anstrengen.
SPIEGEL: Der G-BA erhält 300 Millionen Euro für einen Innovationsfonds. Was wollen Sie mit dem Geld machen?
Hecken: Aus dem Fonds würden wir gern unter anderem das Cochrane-Zentrum in Freiburg unterstützen, das medizinische Behandlungsverfahren unabhängig bewertet. Vor allem wollen wir mit dem Geld neue ärztliche Versorgungsmodelle auf dem Land erproben.
SPIEGEL: Auch die Psychotherapierichtlinie sollen Sie laut Koalitionsvertrag ändern.
Werden Menschen mit seelischen Störungen falsch behandelt?
Hecken: Im Mai ist das neue Handbuch der seelischen Störungen, DSM-5, veröffentlicht worden; es enthält völlig neue Krankheitsbilder. Zum Beispiel wurde die Trauer, wenn sie länger als zwei Wochen dauert, zum behandlungswürdigen Tatbestand erhoben. Und plötzliche Wutausbrüche von Kindern wären demnach eine Krankheit, die bestenfalls mit Ritalin zu behandeln ist.
SPIEGEL: Sie meinen wahrscheinlich die Disruptive Mood Dysregulation Disorder - gibt es sie denn nicht?
Hecken: Na ja, meine drei Kinder hatten durchaus diese unkontrollierten Wutanfälle - sie gingen regelhaft in ebensolche beim Vater über. Wir haben kein Ritalin verabreicht und bemerkt, dass diese Ausbrüche auch so verfliegen. Unter dem Night Eating Syndrome - ebenfalls eine neue Krankheit - leide ich übrigens auch gelegentlich. Ich stehe abends vorm Kühlschrank und habe Lust auf einen Snack. Ich will nichts lächerlich machen, aber wir müssen schon darauf achten, dass wir die Grenzen zwischen Normalität und Krankheit nicht zu sehr aufweichen.
SPIEGEL: Was soll geschehen?
Hecken: Wir wollen die Psychotherapierichtlinie in zwei Jahren so geändert haben, dass Menschen mit seelischen Problemen das Recht auf schnelle fachliche Begutachtung bekommen. Leichte Fälle bekommen nur eine Kurzzeittherapie. Nach zehn Sitzungen ist vielleicht schon eine Heilung herbeigeführt. Wir wollen damit verhindern, dass Menschen mit schweren seelischen Erkrankungen lange auf Therapieplätze warten müssen, weil diese von Menschen mit bloßen Befindlichkeitsstörungen belegt sind.
SPIEGEL: Gesetzlich Versicherte müssen bei allen Fachärzten länger warten als Privatpatienten. Wie wollen Sie dieses Problem angehen?
Hecken: Laut Koalitionsvertrag soll es für gesetzlich Versicherte einen Anspruch auf fachärztliche Behandlung binnen vier Wochen geben. Geschieht das nicht, darf er sich auf Kosten der niedergelassenen Ärzte, also der Kassenärztlichen Vereinigung, in einem Krankenhaus behandeln lassen. Ich halte das für einen sehr, sehr guten Weg.
SPIEGEL: Die Deutschen sind freilich Weltmeister der Praxisbesuche, jeder gesetzlich versicherte Bürger kam einer Studie zufolge durchschnittlich auf mehr als 17 Arztkontakte im Jahr. Hat der Doktor die Rolle des Sinnstifters im Leben übernommen?
Hecken: Für viele Menschen scheint es unter dem Eindruck ständiger Reizüberflutung einfach nicht mehr möglich zu sein, behandlungsbedürftige Tatbestände von Befindlichkeitsstörungen abzugrenzen, mal zu sagen: Okay, jetzt läuft die Nase, ich lege mich mal zwei Tage ins Bett.
SPIEGEL: Herz-Kreislauf-Erkrankungen etwa werden durch den Lebensstil mitverursacht. Inwiefern darf man den Menschen zumuten, ihr Verhalten zu verändern, um das Gesundheitssystem zu entlasten?
Hecken: Die Zumutung steht ja im Sozialgesetzbuch: Der einzelne Kranke hat Anspruch darauf, dass ihm die Allgemeinheit hilft. Und der Einzelne ist verpflichtet, durch seine Lebensführung dazu beizutragen, dass er Krankheiten vermeidet, verhindert und Heilung unterstützt. Klingt toll, aber wir alle wissen: Das Wissen um vernünftige Verhaltensweisen und das Praktizieren derselben sind manchmal zwei Paar Schuhe.
SPIEGEL: Gibt es etwas, das Sie persönlich verändern wollen, um möglichst lange gesund zu bleiben?
Hecken: Ich würde gern aufhören zu rauchen. Es ist völlig widersinnig, wenn ich bei Arzneimittelbewertungen sehe, dass bei jeder zweiten, dritten Krankheit das Rauchen einer der Faktoren ist, die die jeweilige Krankheit befördern - und dass ich trotzdem immer wieder scheitere, damit Schluss zu machen.
Interview: Jörg Blech Veronika Hackenbroch
Von Jörg Blech und Veronika Hackenbroch

DER SPIEGEL 3/2014
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