13.01.2014

ZOOLOGIESpeed-Dating der Großtrappen

Vielehe, Vergewaltigung und sogar Sex mit Todesfolge sind in der Tierwelt üblich - die Evolution begünstigt den Geschlechterkampf.
Für das Löcherkraken-Männchen ist nichts wichtiger im Leben als sein überdimensioniertes Kopulationsorgan. Das wurmförmige Teil - entstanden aus einem der Krakenarme - ist länger als das Tier selbst. Seinen gesamten Spermienvorrat speichert die Kreatur in dem Gebilde.
Doch Spaß hat der Meeresbewohner kaum mit seinem Anhängsel. Ist ein Weibchen gefunden, bricht der sogenannte Hectocotylus ab und entwickelt ein Eigenleben. Ähnlich wie ein Wurm kriecht er in die Mantelhöhle der Auserwählten. Ist die Zeit reif, birst das ominöse Samenpaket. Der amputierte Krake ist da schon längst verstorben.
So kann es gehen, wenn zwei sich finden - die Natur hat bizarre Sexpraktiken hervorgebracht und passend dazu recht ungleiche Partner. "Bei vielen Tieren sind Männchen und Weibchen sehr verschieden; manchmal ist es kaum zu glauben, dass sie von einer Art stammen", sagt Daphne Fairbairn.
Die Biologieprofessorin von der University of California in Riverside hat sich auf extreme Tierpaare spezialisiert. Nicht nur der Körperbau, auch das Verhalten und die Lebensdauer vieler Tiere seien eng mit dem Geschlecht verknüpft, sagt sie. Selbst die größten Unterschiede haben nur einen Zweck. "Sie sind entstanden, um die Fortpflanzung zu optimieren", erklärt die Forscherin(*).
Eine beliebte Variation des Geschlechterspiels: Riesenhafte Männchen machen ein ziemliches Gewese um kleinere Weibchen.
Bestes Beispiel dafür sind die Bullen des Südlichen See-Elefanten. Sie wiegen bis zu dreieinhalb Tonnen und damit das Achtfache der Weibchen. Ihr vorrangiges Lebensziel ist es, einen Harem aufzubauen und zu verteidigen, eine Strategie, die "vom Konzept her einfach, aber teuflisch schwierig auszuführen ist", wie Fairbairn feststellt.
In den Kämpfen, bei denen die Bullen ihren Rivalen Brust und Hals blutig beißen, setzt sich das stärkste Männchen durch. Sein Gewinn: der fast exklusive Zugang zu mehreren hundert Weib-
chen, die er Studien zufolge auch tatsächlich größtenteils schwängert.
Wie ein durchgeknallter Sumo-Ringer stürzt sich das Alphamännchen auf die Haremsdamen. "Die Männchen können nicht genug Sex kriegen, und die Weibchen bekommen mehr, als sie wollen oder brauchen", erklärt Fairbairn. Da fast ausschließlich der Despot zum Zuge kommt, leben in manchen Kolonien neun von zehn See-Elefanten-Bullen zwangsweise enthaltsam.
Ähnlich verhält es sich bei der männlichen Großtrappe, einer Art Dragqueen der Vogelwelt. Hier wollen die Männchen mit ihrem Federkleid Eindruck bei den Damen schinden. Zur Brutsaison versammeln sich die Vögel auf traditionellen Balzplätzen. Aufgeregt präsentieren sie ihr prächtiges weißes Gefieder. Um den Schnabel entfaltet sich ein leuchtend weißer Federbart. Dann wird vorgetanzt. Die Damen blicken stumm und wählen mit Bedacht. "Speed-Dating für Vögel", nennt Fairbairn das Spektakel.
Am Ende sind die Hähne so erschöpft, dass sie kaum mehr fliegen können. Und so ist es oft: Die Männchen strampeln sich ab bis zur Selbstaufgabe. Die Weibchen schauen zu.
Bei sehr vielen Tierarten sind die Herren das kleinere Geschlecht. Das Männchen der Gold-Wespenspinne beispielsweise wiegt ein Fünfzigstel des Weibchens. Um zur Auserwählten zu gelangen, muss sich der Winzling auf einen riskanten Pilgergang begeben, der meist schnurstracks in den Tod führt.
Wie auf Gitarrensaiten zupft der Spinnenmann am Netz des Weibchens, um die Erwählte günstig zu stimmen. Eine falsche Bewegung, und sie verspeist ihn - bevor er seine Spermien loswerden kann. Entgeht das Männchen der Kannibalin und kommt nah genug, krabbelt es auf den Bauch der Partnerin und steckt seinen Embolus in ihre Epigyne.
Im besten Fall gelingt das dem Spinnenmännchen zweimal hintereinander; die Geschlechtsorgane sind paarig angelegt. Danach beendet das Tier sein Leben: Wie von Zauberhand verlangsamt sich der Herzschlag. Noch im Tod verteidigt es seine Gene: Der Embolus bleibt stecken - und vermiest folgenden Bewerbern den Sex. Mehr will der Spinnenmann nicht vom Leben, selbst auf Nahrung verzichtet er weitestgehend.
Aber es gibt noch drastischere Beispiele. In der Tiefsee, beim Riesen-Angler, verschmilzt das winzige Fischmännchen mit dem Bauch des 60-mal so großen Weibchens und wird zu dessen Parasit. Sogar die Blutkreisläufe der Gefährten verwachsen. Zeitlebens ist das Männchen fortan damit beschäftigt, Samenzellen zu produzieren, die es ausstößt, sobald die Gattin ablaicht.
Wie konnte es so weit kommen? "Extreme Lebensräume rufen extreme Anpassungen hervor", erklärt Fairbairn. Der Anglerfisch tue gut daran, mit seinem Partner eins zu werden. Wer in der Einsamkeit der Tiefsee einen halbwegs akzeptablen Lover gefunden hat, sollte klammern, was das Zeug hält.
Anders bei den See-Elefanten: Die Weibchen versammeln sich in großen Kolonien, um ihre Jungen zu gebären. Danach sind sie wieder paarungsbereit. Das Überangebot versetzt die Männchen in kollektiven Aufruhr. Der Stärkste aber hat den Rüssel vorn. So treibt die Evolution den Riesenwuchs voran.
Allerdings kann derlei Gigantomanie auch in die evolutionäre Sackgasse führen. "Jede extreme Entwicklung hat eine natürliche Grenze", sagt Fairbairn. Werden die Männchen der See-Elefanten zu groß oder zu aggressiv, könne die Art in Not geraten, erläutert die Biologin. Als Beispiel führt sie den Riesenhirsch an, ein Huftier, das vor rund 8000 Jahren ausstarb. Sein Geweih hatte mehr als drei Meter Spannweite und schindete sicher mächtig Eindruck. Möglicherweise kostete die Stirnzier am Ende aber auch so viel Energie, dass dem Wiederkäuer die Kraft fehlte, Notzeiten zu überstehen.
Und der Mensch? Ein echter Langweiler in Sachen "Geschlechtsdimorphismus", wie Biologen den Unterschied zwischen Mann und Frau nennen. Die Monogamie ist schuld. "Es gibt beim Menschen vergleichsweise wenig Konkurrenz zwischen den Männern", sagt Fairbairn.
Langweilig also, kein Wunder, dass die Biologin sich mehr für animalische Pärchen begeistern kann. Eine ihrer Lieblingspartnerschaften ist die Vielehe des Osedax-Wurms, der in der Tiefe der Meere auf Walknochen lebt.
Zunächst war unklar, wo eigentlich die Männchen der Art herumgeistern. Das Rätsel ist gelöst. Die Weibchen halten sich einen ganzen Männer-Harem im Haus, will heißen: in der Schleimröhre, in der sie leben. Die winzigen Männchen sind dabei kaum mehr als "ultraspezialisierte, Spermien liefernde Einheiten", erläutert Fairbairn.
"Sie nehmen den Eidotter, den ihnen ihre Mutter mitgegeben hat, und verwandeln ihn in Spermien", sagt die Forscherin - eine "äußerst bemerkenswerte Verkürzung des männlichen Lebenszyklus".
* Daphne J. Fairbairn: "Odd Couples: Extraordinary Differences between the Sexes in the Animal Kingdom". Princeton University Press; 328 Seiten; 27,95 Dollar.
Von Philip Bethge

DER SPIEGEL 3/2014
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