13.01.2014

LITERATURAuf dem Schlachtfeld der Krise

Der spanische Autor Rafael Chirbes ist ein überzeugter Marxist. Sein Roman „Am Ufer“ erzählt vom Platzen der Immobilienblase in seiner Heimat und vom totalen moralischen Bankrott eines Landes: ein finsterer Aufruf zum Widerstand.
Die Kleinstadt Ondara liegt am Fuß grünbewachsener Hügel nah am Meer, gleich neben der Küstenautobahn zwischen der stolzen Großstadt Valencia und dem Wolkenkratzer-Irrwitz am Strand von Benidorm. In den strahlend weiß getünchten Häusern im Ortskern von Ondara, der einst von Mauren erbaut wurde, sind die meisten Läden auch zur besten Geschäftszeit verrammelt. "Ich habe mich erst heute Morgen wieder umgesehen", sagt Rafael Chirbes und deutet auf bis zum Boden reichende Blechjalousien und leergeräumte Schaufenster. "Zwei Drittel aller Geschäfte haben dichtgemacht."
Chirbes ist ein lebhafter, nicht besonders großgewachsener Mann. In der Brusttasche seines karierten Hemds, in dem er an diesem milden, sonnigen Januartag durch Ondara schlendert, trägt er ein Notizbuch und zwei Kugelschreiber. Mit einem Lächeln, halb grimmig, halb amüsiert, sagt er: "Ich schreibe über das, was ich sehe. Ich nehme für mich in Anspruch, dass ich mich getreulich an das halte, was ich um mich herum beobachte. An die Art, wie Menschen handeln, an ihre Ansichten, an ihre Siege und Niederlagen. Ich möchte wahrhaftig sein. Ich bin Historiker."
Der Schriftsteller Rafael Chirbes erzählt in seinem Roman "Am Ufer", der nun auf Deutsch erscheint, von einer Gegend am Meer, die der um Ondara gleicht, auch wenn die Orte im Buch anders heißen. Er erzählt von stillstehenden Kränen über genau solchen Betonskeletten, wie sie auch rund um Ondara vor sich hin rotten. Er erzählt von einem Baubonzen auf der Flucht, von einer Altenpflegerin, der ihr dementer Patient abhandenkommt, und von einem Schreiner, der seine Schreinerei wegen einer blöden Spekulation zusperren muss; von sündteuren Edelhuren, die auf den Decks von Luxusyachten herumlungern, und von Billighuren am Straßenrand, die sich "auf Plastikstühlen vor dem Röhricht" die Nase pudern und sich für ein paar Euro an Lkw-Fahrer und Habenichtse verkaufen.
"Am Ufer" ist ein wuchtiger Roman über eine spanische Provinzgesellschaft im Zustand des Bankrotts, niederschmetternd in seiner brutalen Scharfsichtigkeit. Und natürlich zugleich die ziemlich hoffnungsfreie Beschreibung des Krisenlands Spanien überhaupt. Die großen Zeitungen "El País", "El Mundo" und "ABC" haben "Am Ufer", im Original vor neun Monaten erschienen, gerade in seltener Eintracht zum Buch des Jahres 2013 gekürt.
Den Schriftsteller Chirbes, der 64 Jahre alt ist, scheint der Jubel nicht weiter zu kümmern. "Wird sich an meinem Leben dadurch irgendetwas ändern? Nein! Viel-
leicht wird mein Buch von ein paar Leuten mehr gelesen. Aber wird sich dadurch irgendetwas an unserer Gesellschaft ändern oder am Zustand der Welt? Noch mal nein! Literatur ist absolut machtlos. Notwendig ist sie trotzdem."
Chirbes sagt, er sei seit Jugendtagen Marxist. Und er sagt auch, dass er von der Richtigkeit der marxistischen Lehre heute überzeugter sei denn je: "Die Lektüre von Marx hat mir geholfen zu begreifen, was jede Gesellschaft im Innersten bewegt. Um ein guter Schriftsteller zu sein, sollte man sich einen Standpunkt erarbeitet haben. Ich bin, trotz aller Verbrechen, die in Marx' Namen verübt wurden, Marxist und Materialist. In einer Zeit, in der die Religion den meisten Leuten egal ist, in der es keine Ideale mehr gibt, bleibt einem keine andere Wahl."
Als junger Mann hat Chirbes in Madrid gegen den greisen Gewaltherrscher Franco und den chilenischen General Pinochet demonstriert. Nach dem Fall Francos wurde Chirbes mit Büchern wie "Die schöne Schrift" (1992), "Der lange Marsch" (1996) und "Der Fall von Madrid" (2000) berühmt, in denen er von der Unfähigkeit zur Bewältigung des Traumas schrieb, das der Spanische Bürgerkrieg, der zwischen 1936 und 1939 wütete, und die Franco-Jahre in den Seelen der Alten hinterlassen haben. Mit großem Gespür für die schlimmsten Lügen, aber auch voller Empathie erzählte Chirbes von der stickigen Enge des Kleinbürgerlebens, in dem die jungen Spanier gefangen waren, von ihrer Geldgier und ihrem politischen Zynismus, von Egomanie und lieblosem Sex.
Der Roman "Am Ufer" zeigt, dass der Blick des Schriftstellers Chirbes kälter und unerbittlicher geworden ist. Das Hauptkapitel des Buchs trägt den Titel "Begehung der Schauplätze", als werde alles hier Erzählte von einem über den Parteien und Gefühlen stehenden Berichterstatter unbestechlich protokolliert. Tatsächlich sind die Leser erst mal Zeugen bei der Besichtigung diverser Tatorte.
Der erste Tatort des Romans ist der Strand. Als sich ein junger Araber, der sich als Billigarbeiter im Ort verdingt, auf einem Pfad durch das Sumpfland dem Meer nähert, entdeckt er eine halbverweste menschliche Hand und weitere Überreste mindestens zweier Leichen im Schlick. Panisch nimmt der Junge Reißaus, während streunende Hunde neben einem ausgebrannten Wagen, der zwischen hohem Schilf und brackigen Wasserlöchern liegt, mit den Leichenteilen herumspielen. Der Junge rätselt, ob man ihn mit den Leichen in Verbindung bringen kann und wer die Toten wohl sein mögen. "Vermutlich Immigranten wie er selbst, Leute, die nur kurz hier waren, Mafiosi, an denen eine alte Rechnung beglichen wurde. Vielleicht ein paar Nutten, die von ihren Luden erdrosselt wurden und nach denen keiner fragt."
"Am Ufer" spielt in einer gründlich verkommenen Welt. Vom nahen Yachthafen, für den für viele Millionen Euro Beton ins Meer gekippt wurde, heißt es, dort finde man keinen Menschen, "der sein Leben mit ehrlicher Arbeit bestritten hat". Sogar die Kellner dort würden den Besuchern Angst einjagen, "wenn sie den Blick heben und dich kurz anblicken, während sie ins breite Glas den Glen, den du bestellt hast, auf das gestoßene Eis schütten. Es sind falsche Kellner: Schläger, Bodyguards, Schmuggler, Verbrecher, Drogenkuriere, Killer, Dealer, Strichjungen für die Yachtbesitzer, Dienstboten von schmierigen Mafiosi".
Chirbes erzählt den Fortgang eines großen Dramas, in dem viele kleine und mittelgroße Kriminelle, Politiker und Sparkassenleiter mitspielen und naturgemäß kaum einer ohne Schuld bleibt, im steten Wechsel der Perspektiven. Wir hören dem Hilfsarbeiter Alvaro zu, der seinen Job verloren hat und seinen Kindern die Kleidung und selbst die Schulverpflegung nicht mehr bezahlen kann. Wir erleben die aus Kolumbien eingewanderte Altenpflegerin Liliana, die einen demenzkranken Alten pflegt und dafür plötzlich kein Geld mehr bekommt. Wir erfahren von dem Schicksal des Schreiners Esteban, der wegen dummer Geschäfte "mit einem Fuß im Gefängnis steht" und seiner großen toten Liebe Leonor hinterhertrauert, obwohl sie ihn wegen eines Kumpels, eines großspurigen Schriftstellers, verlassen hat.
Und der Leser lauscht den Verwünschungen eines jungen Muslims, der die Bombenanschläge auf die Vorortzüge im Bahnhof Atocha in Madrid im Jahr 2004 lobpreist, bei denen 191 Menschen ums Leben kamen. "Wir putzen ihre Klosetts, servieren ihnen in den Bars ihre ekelhaften Weine, bauen ihnen ihre Häuser, in denen sie Unreines essen und ohne Waschungen vögeln, doch der Tag ist nah, da wir sie mit einer Kette um den Hals auf allen vieren spazieren führen."
"Am Ufer" ist ein monströses Buch, das bei aller Komplexität auf einer einfachen Erzählsituation beruht. Ähnlich der Männerrunde am Tresen einer Kleinstadtbar erzählen hier mehrere Bewohner des Sumpflands einander davon, was ihnen widerfahren ist seit den Tagen des Wirtschaftsbooms, in denen es aussah, "als werde kein Zentimeter Grund unbetoniert bleiben", wie es im Buch heißt. "Heute hat die Landschaft etwas von einem verlassenen Schlachtfeld oder einem Waffenstillstandsgebiet."
Der Schriftsteller Chirbes lebt mit zwei Hunden in einem Haus in den Hügeln über Ondara, das er sich nach seinen Jahren in Madrid gekauft hat. Er ist in der Nähe aufgewachsen, als Sohn eines Eisenbahners. Nun blickt er von der verglasten Veranda seines Hauses über Orangenhaine und Obstbäume, zerbröckelnde Gartenmauern und brachliegende Baustellen bis zum Meer.
"Europa hat uns Spanier korrumpiert", sagt er. Angefangen habe das schon nach dem Ende der Franco-Diktatur, als die Europäer mit ihrem Geld dafür sorgten, dass es auch in Spanien plötzlich christdemokratische und sozialdemokratische Politiker gab, "dabei hatten wir bis dahin nur Faschisten und Kommunisten und Anarchisten". Natürlich hätten viele spanische Politiker, Baulöwen, Spekulanten den Zusammenbruch der spanischen Wirtschaft und die Euro-Krise mitverschuldet, das gibt Rafael Chirbes zu. Aber es sei auch das Ergebnis von drei Jahrzehnten europäischer Politik. "Es ist Heuchelei zu verschweigen, wie unglaublich viel Geld dafür bezahlt wurde, dass Spanien, wo man vom Militär die Nase voll hatte, der Nato beitritt. Und dafür, unser Land in eine riesige Badeanstalt zu verwandeln."
Chirbes sagt, "Am Ufer" sei, wie schon sein vorheriger Roman, der "Krematorium" heißt, "ein Testament". Er habe nicht unbedingt vor, noch ein weiteres Buch zu schreiben. Er leidet an Diabetes, das Rauchen hat er aufgehört, auch beim Essen und Trinken muss er sich zurückhalten; dabei hat er neben der Schriftstellerarbeit mehr als zwei Jahrzehnte lang als Kritiker für Spaniens führende Gourmetzeitschrift geschrieben - wie der großmäulige Schriftsteller in seinem Roman.
Die düstere Kraft des Romans "Am Ufer" entsteht auch daraus, dass es ein rigoroses Buch über das Altern, die Vergeblichkeit, den vermeintlich nutzlosen Aufruhr ist, geleitet von dem Wunsch, ein für alle Mal abschließen zu können mit der Trauer und dem Zorn.
Beim Beschreiben der spanischen Zustände sei ihm ein Roman aus dem 19. Jahrhundert durch den Kopf gespukt, sagt der Schriftsteller Chirbes, Michail Lermontows Klassiker "Ein Held unserer Zeit". In dem behauptet der Protagonist: "Schon längst lebe ich nicht mehr mit dem Herzen, sondern nur noch mit dem Kopf. Meine eigenen Leidenschaften und Handlungen beobachte ich und wäge sie mit strengster Neugierde ab, doch ohne Mitgefühl."
Der Marxist Rafael Chirbes sehnt sich nach der Ataraxie, der völligen Abwesenheit aller Leidenschaft. Der geheime Zauber seiner Erzählkunst liegt wohl darin, dass unter der Kälte, nach der er strebt, trotzdem immer das Feuer des Klassenkämpfers lodert. In gewisser Weise ist die Krise ein Glücksfall für den Literaten Chirbes.
"Die neue Ordnung ist gut sichtbar, Oben und Unten klar unterschieden", berichtet einmal einer der Erzähler in "Am Ufer": "Die einen tragen stolz ihre prallen Einkaufstüten, lachen, grüßen und bleiben stehen, um mit der Nachbarin am Eingang zum Einkaufszentrum ein wenig zu schwatzen, die anderen wühlen in den Müllcontainern, in welche die Angestellten des Supermarkts die abgelaufenen Fleischpackungen, das angefaulte Obst und Gemüse kippen."
Bald darauf lässt Chirbes eine seiner Figuren davon träumen, wie es wohl wäre, wenn sich endlich die Gewalt auf den Straßen ausbreitete. "Das ganze Land wäre eine brennende Strohpuppe, was gar nicht so schlecht wäre. Ein neuer Anfang. Aus der Asche wird das Licht neu geboren."
Er spüre keine Resignation, sagt Chirbes und blickt über Schilf und Sumpf hinüber zum Meer. "Wäre ich resigniert, würde ich behaupten, die Welt, die ich beschreibe, sei die bestmögliche aller Welten. Aber ich sage genau das Gegenteil: Es ist die schlechtestmögliche aller Welten."
Rafael Chirbes: "Am Ufer". Aus dem Spanischen von Dagmar Ploetz. Verlag Antje Kunstmann, München; 432 Seiten; 24,95 Euro.
Von Wolfgang Höbel

DER SPIEGEL 3/2014
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