13.01.2014

KINOFrüchte des Zorns

Der Regisseur Jia Zhangke porträtiert in seinem Film „A Touch of Sin“ die Verlierer der Modernisierung Chinas. In Jias Heimat ist das Werk verboten.
Zwei chinesische Kommunalbeamte bei der Arbeit: Der eine verprügelt gerade einen Mann, eine Strafaktion, er drischt konzentriert mit einer Schaufel auf den Kopf des Opfers ein, während sein Kollege zusieht und die Attacke kommentiert. "Du schlägst wie ein Golfspieler", sagt er.
Der Gewaltausbruch, eine Szene im Kinofilm "A Touch of Sin" des chinesischen Regisseurs Jia Zhangke, offenbart Chinas Fortschritt, auch den an Zynismus, den das Land in den vergangenen Jahrzehnten gemacht hat. Noch vor 20 Jahren hätte dort wohl kaum ein Beamter gewusst, wie man Golf spielt. Jetzt hat der Wohlstand auch die untere Mittelschicht erreicht, sogar die Kleinkriminellen auf dem Land kennen sich inzwischen mit teuren Hobbys aus, also jene Leute, die die Drecksarbeit erledigen für die richtigen Gangster, die Herren mit den guten Anzügen und besten Kontakten zur Partei.
Es ist der Bodensatz von Chinas Kapitalismus, den Regisseur Jia in "A Touch of Sin" mit vielen verstörenden Details beschreibt: Korruption in der Provinz, Wanderarbeiter am Rande des Wahnsinns, Schicksale, die in keiner Exportbilanz auftauchen. Der Film gewann 2013 beim Festival von Cannes den Drehbuchpreis und kommt diese Woche in die deutschen Kinos. In China war "A Touch of Sin" noch nicht zu sehen; der Regisseur ringt seit Monaten mit der Zensurbehörde um die Freigabe, bisher vergebens. Die Propagandaabteilung der Kommunistischen Partei hat einheimische Journalisten per Dekret angewiesen, nicht über den Film zu berichten.
Jia Zhangke, 43, der bekannteste unter Chinas jüngeren Regisseuren, dreht vor allem halbdokumentarische Dramen. In "Still Life" (2006) zeigte er die Folgen der Staudammbauten am Yangtze. Seine Filme sind Ausnahmen, die meisten chinesischen Regisseure meiden heikle aktuelle Themen. Jias weltberühmter Kollege Zhang Yimou zum Beispiel, einst ein subtiler Kritiker des Regimes, beschwört mittlerweile in historischen Kostüm-Epen Chinas Größe. 2008 durfte er die Eröffnungsfeier der Olympischen Spiele in Peking inszenieren. Jia kritisierte Zhang öffentlich für seine Anbiederei.
Doch auch Jia ist kein Dissident. Er will nicht nur Cineasten im Westen erreichen, sondern auch die Massen in seiner Heimat. Vorübergehend genoss er sogar das Wohlwollen von ganz oben. Xi Jinping, heute Staats- und Parteichef, prahlte vor dem US-Botschafter mit Jia, nachdem "Still Life" beim Festival von Venedig den Goldenen Löwen gewonnen hatte. In dem Gespräch mit dem Botschafter, das später durch WikiLeaks an die Öffentlichkeit drang, lobte Genosse Xi auch Hollywood: Amerikanische Filme zeigten deutlich den Unterschied zwischen Gut und Böse, und in der Regel gewinne der Gute.
Daran gemessen ist das Unbehagen der Behörden über "A Touch of Sin" verständlich. Eindeutige moralische Urteile erlaubt sich Jia nicht, vielmehr konterkariert er die offizielle Fortschrittsrhetorik mit grimmigem Realismus. "A Touch of Sin" zeigt in vier miteinander lose verknüpften Episoden, wie einfache Bürger beim Kampf um Würde und Wohlstand unter die Räder kommen und schließlich durchdrehen. Einige greifen zur Waffe, sie laufen Amok, üben Selbstjustiz oder holen sich ihren Anteil mit Gewalt. Eine der Hauptrollen spielt Zhao Tao, Jias Ehefrau; der Regisseur selbst hat einen kurzen Auftritt als Freier in einem Bordell, "weil sonst niemand die Rolle übernehmen wollte".
Was die Geschichten besonders beunruhigend macht: Sie sind keine Fiktion, sondern beruhen auf echten Kriminalfällen. Jia entdeckte die Storys in den Kommentarspalten von Weibo, der chinesischen Variante von Twitter, einem Medium, das oft zu schnell ist für die Zensurbürokraten.
Der Held einer Episode ist ein Mann, der ganz allein gegen die Korruption in seinem Dorf kämpft. Dort stecken der Bürgermeister und ein Unternehmer die Gewinne der kommunalen Kohlenmine in die eigene Tasche. Jeder weiß es, jeder sieht es - der Unternehmer fährt Maserati -, aber niemand hilft dem Protestler, aus Angst vor Repressalien oder aus Sorge um den eigenen Schmiergeldanteil.
Als der Mann mit einer Anzeige bei der Disziplinarkommission in Peking droht, schicken die Abzocker ihre Schläger, die Männer mit der Schaufel. Nach der Attacke besuchen sie ihr Opfer im Krankenhaus, mit Blumen und Bargeld. Aber der Mann lässt sich nicht kaufen, er holt sein Gewehr. Einige Sequenzen des Films haben eine Wucht wie "Taxi Driver", der Thriller von Martin Scorsese.
Regisseur Jia sagte in einem Interview, Auslöser für "A Touch of Sin" sei sein Zorn gewesen. Schon das Tempo der Veränderungen in China sei "ein Akt der Gewalt".
Von Martin Wolf

DER SPIEGEL 3/2014
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