13.01.2014

NACHLASSEGurlitt grüßt

Wieder sind bei einem älteren Herrn verschollen geglaubte Kulturgüter aufgetaucht. Diesmal sind es Hinterlassenschaften aus dem Theater der Klassikerzeit. Der SPIEGEL konnte sie einsehen.
Er geht dann doch ans Telefon, seine Stimme ist klar und kräftig. Nein, die ganzen Zeitungsberichte über sich habe er nicht gelesen. "Heute Morgen habe ich das erste Mal bei meinem Doktor gehört, dass ich ein bekannter Mann sei, über den man spricht."
Das sagt Hugo Fetting, 90 Jahre alt, Theaterwissenschaftler im Ruhestand, wohnhaft in Berlin, Prenzlauer Berg. Es ist der Mittwoch der vergangenen Woche. Der alte Mann ist mittendrin in einer Geschichte, die von Ferne an den Fall Gurlitt erinnert, nicht weil es auch diesmal wieder um die Nazis ginge - nein, geht es nicht -, sondern weil es um vertrackte juristische Fragen geht: Wann nämlich sind Kunst- und Kulturgüter Privatbesitz, ab wann kann die Allgemeinheit über deren Verbleib mitbestimmen, und ab wann gehören sie womöglich der Allgemeinheit, gar der Nation?
Am Tag bevor der alte Mann ans Telefon ging, haben die "Frankfurter Allgemeine ", die "Süddeutsche Zeitung" und der "Tagesspiegel" über ihn berichtet beziehungsweise über etwas, was er jahrzehntelang bei sich zu Hause gehütet hat: Die Theaterkorrespondenz von August Wilhelm Iffland, der als einer der größten Schauspieler seiner Zeit gilt und in der Goethe-Ära Theaterdirektor in Berlin gewesen war. Anhand dieses Quellenkonvoluts könne man auf einzigartige Weise nachvollziehen, wie Iffland das Nationaltheater am Gendarmenmarkt zu einer der führenden Bühnen Deutschlands gemacht habe, ja, wie sich überhaupt das Theaterleben der Klassikerzeit gestaltete, es sei "ein Kulturgut von nationalem Rang", heißt es in der Berliner Kulturverwaltung.
Fetting hatte dieses Konvolut jahrzehntelang in Verwahrung gehabt und darin geforscht. Vor gut einem Jahr verkaufte er dann seine umfangreiche Theatersammlung - mitsamt dem Iffland-Konvolut an das Wiener Antiquariat Inlibris, das die Iffland-Briefe jetzt im Januar auf einer Messe in Ludwigsburg veräußern wollte. Ausgelobter Preis: 450 000 Euro.
"Was?!", ruft der alte Mann am Telefon aus. "So viel?!" Er selbst habe doch nur 50 000 Euro für seine komplette Sammlung bekommen.
Doch aus dem Verkauf auf der Antiquariatsmesse wird jetzt nichts. Das Konvolut liegt in Verwahrung bei einer Wiener Rechtsanwältin, denn die Berliner Kulturverwaltung erhebt Anspruch darauf. Es gehöre, so heißt es, als nationales Kulturerbe in den Besitz des Landes Berlin und habe rein rechtlich dort auch immer hingehört.
Fetting versteht das alles nicht. Er sagt am Telefon, er habe die alten Bände vor der Zerstörung gerettet, natürlich sei er davon ausgegangen, dass sie ihm gehören.
Er erzählt, wie er sie gefunden habe. Es müsse im Sommer oder Herbst 1952 gewesen sein. Ost-Berlin war eine Trümmerlandschaft. Einmal sei er an der ehemaligen Generalintendanz der Preußischen Staatstheater vorbeigekommen, einem Gebäude, das gerade abgerissen wurde. "Die Wände standen noch, aber die Fenster waren raus."
"Da waren auch Leute, die die Trümmer durchwühlten. Zwischen den Steinhaufen lagen Papiere und einzelne alte Bände." Zusammen mit einem Freund habe er die Bände in alten Reisetaschen zu sich nach Hause gebracht. "Mehrere Male sind wir gefahren, erst mit der Straßenbahn, Linie 70, dann mit einem Auto." Später "beim Blättern" habe er gesehen, dass das Konvolut mit Iffland zu tun hat.
Mehr als 60 Jahre danach in Wien liegen in der Kanzlei der Anwältin Ingrid Schwarzinger die 34 blau eingebundenen Folianten, leicht zerrupft, aber nicht wesentlich beschädigt, in drei Umzugskartons. Der Sachverständige des Antiquariats Inlibris, Christopher Frey, holt die Bände heraus und erklärt, nicht einzelne der insgesamt 7000 Schriftstücke seien die Sensation, "wirklich einmalig an diesem Fund ist es, dass wir hier einen so enormen Corpus haben". Der Corpus belege, wie Iffland mit seinem ganzen Betrieb - von den Handwerkern über die Schauspieler bis zu den Autoren - dafür kämpfte, die damals manierierte Theaterkunst realistischer, natürlicher zu machen.
In den Folianten sind Handwerkerrechnungen und Strichlisten über ausbezahlte Schauspielerhonorare ("Gratifikationen, welche gezahlt wurden") abgeheftet. Man stößt auf penible Inventaraufstellungen der Dekoration und den offensichtlich kompletten Briefwechsel zwischen Iffland und dem im 19. Jahrhundert vielgespielten, 1819 erstochenen Dramatiker August von Kotzebue, Autor von Lustspielen wie "Das Posthaus in Treuenbrietzen".
Neben amtlichen Anweisungen vom preußischen Hof, in denen beispielsweise der Schauspielerin Karoline Döbbelin im April 1803 per Dekret das Spiel auf einer Sommerbühne in Charlottenburg genehmigt wurde, neben Berichten über abgerissene und wiederangenähte Messingknöpfe und diverse andere Kostümreparaturen finden sich zahlreiche Bitten um Gefälligkeiten, zu denen das bürgerliche und adlige Publikum den Theaterdirektor mehr auffordert als anfleht.
Aus Hamburg wendet sich am 28. Dezember 1804 Johanna Schopenhauer an Iffland, eine damals 38 Jahre alte Kaufmannsfrau und Salondame, die bald eine von ihrem Sohn, dem Philosophen Arthur Schopenhauer, keineswegs sehr geschätzte Erfolgsschriftstellerin werden wird. Sie gibt sich, für gehobene bürgerliche Damen damals üblich, einen französischen Vornamen, nennt sich Jeanette und schreibt: "Mein Herr Direktor! Ich wage es, obgleich Ihnen völlig unbekannt, mich geradezu an Sie zu wenden, um Sie um Erfüllung eines Wunsches zu bitten, der mich dazu bringt, die Gränzen (sic!) der Bescheidenheit ein wenig zu übertreten, welches wohl selten in meinem Leben der Fall gewesen seyn mag. Sie bereiteten mir eine süße Erinnerung auf viele Jahre vor, wenn sie den Wilhelm Tell Mittwochs, statt Freitag gäben. Ich wohne in Hamburg, unser Theater ist soso, wie Sie wohl wissen."
Der Theaterdirektor Iffland soll in seinem Spielplan fix mal den "Wilhelm Tell" umpflanzen! Er antwortet galant und postwendend am 30. Dezember 1804: "Geschmeichelt von Ihrem Vertrauen und dem Anteil, welchen Sie dem Haus widmen, würde ich alles tun Ihren Wunsch ... zu erfüllen, allein in Betreff der Maschinerie stellt sich Unmöglichkeit meinem Willen entgegen."
Einige der prominentesten Aktenstücke allerdings fehlen in den Bänden. Originalbriefe Schillers, Goethes, Achim von Arnims, Wilhelm von Humboldts und anderer Berühmtheiten wurden, so lässt sich anhand eines Ausstellungskatalogs aus dem Jahr 1929 rekonstruieren, aus den Folianten herausgetrennt, sie sind bis heute verschollen.
Das einzige Schreiben Goethes, das sich heute in den 34 Bänden findet, ist ein offenbar diktierter Brief aus der Weimarer Theaterintendanz, in dem es heißt: "Hierbey ein Exemplar Mahomet für Iffland. Sie haben ja wohl die Güte es ihm mit der heutigen Post zuzuschicken und ihm dabei von mir ein freundliches Wort zu sagen." Nur die Paraphe "G" stammt vom Geheimrat selbst.
All dies hat Hugo Fetting jahrzehntelang unter Verschluss gehalten, er hatte, das wird beim Telefongespräch mit ihm deutlich, keinerlei Unrechtsbewusstsein, er glaubt, es habe sich in all den Jahren keiner für die Sammlung interessiert, angeboten habe er sie allen deutschsprachigen Theatermuseen, keines habe sie haben wollen.
Kurz bevor er das Iffland-Konvolut aus den Trümmern geborgen haben will, war Fetting Mitarbeiter der Akademie der Künste der DDR geworden, er hat dort ein Archiv für Darstellende Kunst aufgebaut, dafür gaben ihm später Schauspieler, Tänzer, Regisseure ihre Nachlässe. Fetting blieb bis 1977 bei der Akademie und war dort hochgeschätzt, danach wechselte er zur Akademie der Wissenschaften.
Auch als Privatmann hatte er zu sammeln begonnen und zu Hause etliche Dokumente berühmter Bühnenmenschen gehortet. An den Wänden seiner Wohnung am Prenzlauer Berg hingen Bühnenbildentwürfe.
In den vergangenen Jahren, nun hochbetagt, versuchte Fetting, seine Sammlung zu verkaufen und wandte sich dabei auch an die Akademie der Künste. Die Archivare dort stutzten, viele Briefe, die Fetting ihnen anbot - von der Dresdner Tänzerin Gret Palucca oder von der Schauspielerin Helene Weigel -, gehörten ihrer Meinung nach eindeutig der Akademie. Auch das Iffland-Konvolut, so meinten die Archivare, könne doch eigentlich nicht rechtmäßig Herrn Fetting gehören.
Sie boten ihm etwas an, was sie heute "Finderlohn" nennen, Fetting lehnte ab und wandte sich ans Wiener Antiquariat, das freudig die ganze Sammlung nahm, das Iffland-Konvolut und den Rest.
Dies wiederum passte der Akademie nicht, sie wollte zumindest die Künstler-briefe zurück. Und um sie zu bekommen, machte die Akademie - wie sie vergangenen Donnerstag einräumte - einen Fehler: Sie setzte ein Schriftstück auf, in dem sie festhielt, dass die Briefe zwar nachweislich ihr gehörten, das Iffland-Konvolut aber "Eigentum" des Antiquariats sei. Das Antiquariat sah sich daraufhin als rechtmäßiger Eigentümer. Die Akademie aber hätte niemals eine solche "Eigentumsanerkenntnis" aufsetzen dürfen - weil sie selbst über keinerlei Rechte an dem Iffland-Konvolut verfügte.
Wem gehört das Iffland-Konvolut? Es wird dauern, bis das geklärt ist. Das deutsche Recht unterscheidet zwischen "Besitz", "Eigentum" und "herrenlosen Sachen". Ein "Eigentum" gehört jemandem, ein "Besitz" kann vorübergehend von einem zum anderen wechseln, "herrenlose Sachen" gehören niemandem.
Fetting glaubt, herrenlose Sachen an sich genommen, ja gerettet zu haben. Das Land Berlin sieht sich als Eigentümer und klagt gegen Fetting, ist aber auf eine gütliche Einigung aus. Die Aussichten des alten Mannes, recht zu behalten, sind auch nicht besonders hoch. In den siebziger Jahren schrieb er eine Doktorarbeit, in der er aus dem Iffland-Konvolut zitierte und dabei deren Provenienz wohl verschleierte - seine Gegner sagen heute, daran sei zu erkennen, dass er damals schon wusste, dass er nicht zu Recht im Besitz der Dokumente gewesen sei. Außerdem gibt es da noch diese Künstlerbriefe aus der DDR, bei denen die Akademie glaubt nachweisen zu können, dass Fetting sie wohl nicht legal in seinem Besitz gehabt hatte.
Das Sammeln und Besitzen, Vererben und Schenken ist in Deutschland kompliziert. Der Fall Gurlitt ragt hinein in die finstere Nazi-Zeit. Der Fall Fetting hat seinen Beginn in den Ruinen der jungen DDR.
Wolfgang Trautwein ist Direktor des Archivs der Akademie der Künste. Über seine Arbeit mit den Nachlässen sagt er Ende vergangener Woche mit leichtem Stöhnen: "Wir haben hier fast jeden Tag noch mit den Folgen des Krieges zu tun."
Von Susanne Beyer, Wolfgang Höbel und Sven Röbel

DER SPIEGEL 3/2014
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