13.01.2014

KARRIERENAnti-Tusse

Das Model Kate Moss hat Geburtstag. Gratulation an einen Weltstar, über den man angenehm wenig weiß.
Kate Moss wird 40. Und obwohl sie weder durch herausragende Klugheit auffällt noch Talent als Schauspielerin oder Sängerin besitzt, muss man so gut wie niemandem erklären, wer Kate Moss ist. Sie hat es geschafft, als Supermodel ein Weltstar zu werden, und - was die größere Herausforderung war - dieser Weltstar auch zu bleiben. Ihr 40. Geburtstag am 16. Januar wird daran wenig ändern. Trotzdem würde man gern wissen, ob auch Moss manchmal damit hadert, älter zu werden. Aber die Engländerin gibt so gut wie keine Interviews, auf eine Anfrage des SPIEGEL ließ sie ausrichten: "Kate is not participating in any media request." Sie denkt nicht mal daran.
Ihre Verschwiegenheit ist clever, auf diese Weise wahrt sie bis heute etwas Geheimnisvolles. Von ihr gibt es keine Zitate darüber, wie bedeutsam es für sie sei, ihre Tochter zur Schule zu bringen, oder dass sie neuerdings der Kabbala anhinge, Kate Moss twittert nicht, und sie verliert kein Wort über makrobiotische Ernährung. Niemals hat sie sich als ganz normale Frau entzaubert. Es ist ihr gelungen, über 25 Jahre eine Projektionsfläche zu bleiben. Kate Moss zu feiern bedeutet, die reizvolle Unbekannte zu feiern oder eben die eigenen Projektionen auf diese Unbekannte.
Eine Karriere wie die von Kate Moss, die ihr auch heute noch rund zehn Millionen Euro jährlich einbringen soll, war möglich, weil sie in jene Jahrzehnte fiel, in denen die Oberfläche rückhaltlos zelebriert wurde. Mode und Werbung waren in den späten achtziger Jahren zu Kunstformen überhöht worden. Als Anfang der neunziger Jahre die ersten Fotos von Moss erschienen, hatte die allgemeine Begeisterung für die Makellosigkeit ihren Zenit allerdings bereits überschritten. Frauen wie Cindy Crawford oder Claudia Schiffer hatten das Model-Dasein aus der Sphäre der Geistlosigkeit ins Glamouröse erhoben. Doch ihr Lächeln begann zu langweilen. Es war an der Zeit für eine wie Kate Moss, die selten lächelte.
Auf einem Flug von New York nach London fiel sie der Model-Agentin Sarah Doukas auf. Mit ihrem Vater und ihrem Bruder war Moss damals, im Jahr 1988, auf dem Weg aus den Ferien zurück nach Hause. Doukas hatte auf diesem Flug ausreichend Zeit, sie zu beobachten. Dem Magazin der "Süddeutschen Zeitung" sagte die Agentin: "Sie hatte ein sehr einnehmendes Wesen. Ich sah also, okay, sie ist keine 1,80 Meter, sondern nur 1,70 Meter, aber da ist mehr als ein paar fehlende Zentimeter. Zuallererst: Sie hat eine phantastische Knochenstruktur. Das Wichtigste ist: hohe Wangenknochen. Oder zumindest äußerst definierte Wangenknochen. Eine gute Kieferkontur, die mit den Wangenknochen korrespondiert."
Doukas hat auch Cara Delevingne entdeckt, jenes britische Model, das als eines von wenigen die Aussicht hat, Kate Moss nachzufolgen. Wenn Sarah Doukas über Models spricht, als ob sie über Rennpferde redete, dann wirkt das ernüchternd und zugleich befreiend, denn der Ruhm von Kate Moss ist schon mit viel zu viel pseudotheoretischem Geschwafel erklärt worden. Ihr Erfolg ist so unerklärbar wie naheliegend: Moss war immer eine zielstrebige und eine coole Person. Eben keine Tusse.
Sie war knapp 15 Jahre alt, sie hatte die besagte gute Knochenstruktur, und sie lebte in Croydon, einem tristen Außenbezirk von London. Nah genug an der großen Metropole, um zu wissen, was dort Aufregendes geschieht, und um unbedingt dabei sein zu wollen. In einem Gespräch mit ihrer langjährigen Mitarbeiterin und Freundin Jess Hallett sagt Kate Moss: "Erinnerst du dich noch an das Subterranea unter dem Westway? Da bin ich immer mit dem Zug von Croydon hingefahren. Bin um Mitternacht aus dem Haus - meine Mutter hat jedes Mal gefragt: ,Wo willst du jetzt noch hin?!' -, im T-Shirt und mit einem superkurzen Mini, und das war's, genau, und diese Prostituiertenschuhe, mit 15! Das Subterranea war schon irre. Immer knallvoll. Ganz London war da, Boy George, John Galliano, Kylie ... einfach alle."
Das Gespräch zwischen Moss und Hallett ist einem 3,6 Kilogramm schweren Bildband vorangestellt, der angeblich Kate Moss' Lieblingsfotos von sich selbst zeigt. Es sind weit über hundert Aufnahmen. Sichtbar wird, dass Moss für jeden Fotografen eine andere war.
Ihre Karriere, ihr Leben im Schnelldurchlauf: Das erste berühmte Foto zeigt das Model in einer Anzeige für das Parfüm Obsession ausgestreckt auf einem Sofa liegend, nackter Hintern, eigensinniger Blick. Bald sind Moss und Johnny Depp ein Paar; es erscheinen Fotos von ihr, auf denen sie durchaus mit Absicht dünn, blass und unausgeschlafen aussieht, sie wird zur Ikone des Heroin-Chic, bestreitet aber, jemals Heroin genommen zu haben. Ende der neunziger Jahre lässt sich Moss in eine Entzugsklinik einweisen, um danach nur umso begehrenswerter zu erscheinen, als Frau mit Lebenserfahrung. Eine H&M-Kampagne zeigt sie auf überlebensgroßen Plakaten.
2002 bekommt Moss eine Tochter, wenig später lernt sie Pete Doherty kennen, Musiker und Junkie, eine On-and-off-Beziehung, die die Klatschspalten beschäftigt. 2005 erscheinen Handyfotos, die Moss beim Koksen zeigen; scheinheilige Entrüstung bei ihren Auftraggebern, öffentliches Koksen, das geht gar nicht, Modefirmen wie Burberry kündigen ihre Verträge, aber Alexander McQueen, der geniale englische Designer und ein alter Freund von Moss (der sich 2010 das Leben nimmt), erscheint nach einer Modenschau mit einem T-Shirt, auf dem steht: We love you Kate! Raketenartige Rückkehr ins Geschäft. Die französische "Vogue" druckt eine 50-seitige Fotostrecke mit ihr.
Seitdem gibt es höchstens mal eine rauschende Party wie ihre Hochzeit mit dem Musiker Jamie Hince, aber alles in allem scheint Moss heute ein Leben zu führen, das der Mode und der Arbeit gewidmet ist. Im Frühjahr wird sie bei der britischen "Vogue" anheuern, ab April verkauft der Londoner Topshop eine Kollektion, an der sie mitgearbeitet hat. Und zum Geburtstag schenkte sie sich (40.) und dem "Playboy" (60.) ein Foto-Shooting, das diesem großväterlichen Blatt noch einmal Leben einhaucht. Vermutlich tragen die jungen Mädchen weltweit bald Bunny-Ohren wie Kate.
Von Anfang an muss Kate Moss eine harte Arbeiterin gewesen sein, die vielen Fotos, die es von ihr gibt, sind auch ein Beleg dafür. Ihr Blick ist in all den Jahren eigensinnig geblieben. Es scheint ihr gelungen zu sein, das Vergnügen und die Aufregung zu finden, die sie schon als 15-Jährige suchte, und das zu ihrem Markenzeichen zu machen. Moss war immer irgendwie britisch: ein Hauch Arbeiterklasse, Sinn für Stil und dabei sehr unaufgeregt. Doch sie hat auf ihren Fotos zu viele verschiedene weibliche Rollenbilder verkörpert, als dass man sie mit nur einem davon verlässlich in Verbindung bringen könnte.
Ihr 40. Geburtstag fällt in eine Zeit, in der sich, ähnlich wie zu ihrem Karrierebeginn, eine Müdigkeit gegenüber der Makellosigkeit breitmacht, diesmal sind es die vielen chirurgisch verjüngten und darüber einheitlich gewordenen Gesichter, derer die Betrachter überdrüssig sind. Lange galt der 40. Geburtstag als Verfallsdatum für weibliche Attraktivität. Aber Moss, deren Schönheit auch in jungen Jahren immer schon einen Hauch von Vergänglichkeit hatte, wird dem Älterwerden hoffentlich mit Lässigkeit begegnen. Anders als Madonna, die sich dabei lächerlich macht.
Ihre Tochter wird nun bald in das Alter kommen, in dem Moss war, als sie entdeckt wurde. Eine Herausforderung, aber man wird nicht viel darüber erfahren, wie es dem Supermodel damit ergeht.
Die Tochter heißt übrigens Lila Grace. Die Wahl dieses Namens ist neben der Wahl ihrer Männer (eher schmutzige Rock'n'Roll-Typen) einer der wenigen Hinweise auf die Persönlichkeit dieser fremden Frau.
Lila Grace, hm. Vielleicht ist es wirklich besser, dass die Welt so wenig über Kate Moss weiß. ◆
* Aus der Londoner Ausstellung ",40' - a retrospective of Kate Moss by artist Russell Marshall".
Von Claudia Voigt

DER SPIEGEL 3/2014
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