13.01.2014

Angetäuschter Ausbruch

POPKRITIK: Kurz vor der Rente veröffentlicht Bruce Springsteen sein 18. Studioalbum - es klingt überraschend jung.
Es gibt Lieder, die kann man erst schreiben, wenn man älter geworden ist, auch in der Rockmusik. "The Wall" heißt das vorletzte Stück auf "High Hopes", dem neuen Album von Bruce Springsteen. Es ist ein trauriger autobiografischer Song: Springsteen steht in Washington vor dem Denkmal für die gefallenen Soldaten in Vietnam, es ist eine lange, schwarze Mauer mit den Namen der Gefallenen. Springsteen gedenkt eines Freundes.
Walter Cichon heißt der Tote. Er war Mitte der sechziger Jahre, als Springsteen anfing, Musik zu machen, dessen großes Vorbild. Cichons Band The Motifs war damals eine lokale Größe in New Jersey, sie wurde nie berühmt, sie brachte nur eine Single heraus, und dann wurde Cichon 1967 eingezogen.
Springsteen steht vor der Memorial Wall und macht sich seine Gedanken. Darüber, dass Cichon damals ein großartiger Musiker war und er selbst erst nur ein Fan. Darüber, dass Cichon zur Armee musste, während er ausgemustert wurde. Und Springsteen fragt sich, ob er seinem Helden nicht etwas schuldig sei, schließlich habe Cichons Tod in Vietnam den Platz für Springsteen frei gemacht. Er singt über ihn und seine Band: "It was the best thing this shit town ever had." Das ist genau der Satz, den Springsteens Fans heute über ihn, den Boss, sagen.
In diesem Jahr wird Springsteen 65 Jahre alt. Er hat in den vergangenen Jahren einige seiner alten Freunde verloren. Sein Keyboarder Danny Federici ist gestorben, genau wie sein Saxophonist Clarence Clemons. Mit beiden spielte er seit den frühen Siebzigern in der E Street Band zusammen.
"High Hopes" ist sein 18. Studioalbum. Der normale Arbeitnehmer würde jetzt in Rente gehen. Tatsächlich kann Springsteen heute auch als 50-Jähriger durchgehen, die Jeanskluft, die er auf dem Cover des Albums anhat, trug er schon vor 30 Jahren. Seine Konzerte dauern Stunden, auch wenn es heute hinter der Bühne aussieht wie eine improvisierte Krankenstation, Sauerstoffflaschen, Kältepads, Massageliegen.
Springsteen hat das Image des Arbeiter-Rockstars, seine Konzerte sind noch immer körperliche Großanstrengungen. Musikmachen ist für ihn eine Feier der körperlichen Arbeit.
Auch deswegen gehören nicht nur die klugen Babyboomer aus der Mittelschicht zu seinen Fans, sondern auch die Pick-up-Fahrer des gewöhnlichen Amerikas, die eigentlich nichts mit den Hippies und den anderen arbeitsscheuen Gestalten zu tun haben wollten und die dennoch nicht mit allem einverstanden sind im Land der Freiheit.
Längst hat Bruce Springsteen den Weg von den kleinen Clubs in New Jersey in die größten Stadien der Welt geschafft. Er ist eine Institution geworden, der Alltagspoet eines Landes, ein Held der Rechtschaffenheit.
Er half den Amerikanern nach den Anschlägen vom 11. September 2001, Orientierung zu finden, sein damaliges Album "The Rising", das im Jahr darauf erschien, ist wahrscheinlich sein bestes. Er begleitete seine Anhängerschaft auch durch die dunklen Jahre der Bush-Ära, mit seinen Songs über Menschen, die ihre Heimat nicht wiedererkennen. Er schwitzte wie sie, er zweifelte wie sie, er erzählte ihnen ihre Geschichten.
Und jetzt? Auf den ersten Blick hat "High Hopes" etwas von einer Resterampe. Keines der zwölf Stücke ist neu. Einige sind bei Sessions zu anderen Platten übrig geblieben und nun noch einmal neu eingespielt worden. Andere gehören seit Jahren zu Springsteens Konzertprogramm.
Die Themen sind die alten: Wie immer geht es um den vielgestaltigen Niedergang der amerikanischen Arbeiterklasse. Ein kleiner New Yorker Gangster wird in dem Song "Harry's Place" besungen und dem jungen Schwarzen Amadou Diallo, den die Polizei erschoss, in "American Skin (41 Shots)" ein Denkmal errichtet.
Aber Springsteen hat die E Street Band, seine alte Begleitcombo, umbesetzt und sich Tom Morello von der Metal-Band Rage Against The Machine als Gastgitarristen geholt. Vor allem deshalb klingt "High Hopes" anders als alle anderen Springsteen-Platten der letzten Zeit. Freier, luftiger, freudiger. Fast sogar ein bisschen jung.
"High Hopes" hört sich an wie der Versuch eines in die Jahre gekommenen Mannes, noch einmal aus seinem Leben auszubrechen.
Es ist eine gute Platte. Es ist aber auch klar, dass der Mann, der den Ausbruch wagt, wieder zurückkehren wird in sein altes Leben.
Von Tobias Rapp

DER SPIEGEL 3/2014
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