13.01.2014

UNTERHALTUNG„Wir lieben Rituale“

Der „Tatort“-Macher Thomas Bohn über Rezepte für gute Krimis und die Frage, was der Zuschauer eigentlich will
Bohn, 53, schreibt Drehbücher für die ARD-Krimiserie "Tatort" und führte bei mehreren Folgen Regie, etwa der "Lena Odenthal"-Reihe des SWR. Sein jüngstes Werk ist der neu auf Sendung gegangene "Tatort" des MDR. Im Februar veranstaltet Bohn gemeinsam mit Heiner Lauterbach das Independent-Filmfestival "Snowdance" in Landsberg am Lech.
SPIEGEL: Herr Bohn, muss es in einem "Tatort" stets um einen Mord gehen?
Bohn: Es gibt im Bereich der Kriminalität und ihrer Aufklärung auch viele andere spannende Bereiche: Sexualdelikte, Drogentaten, Korruption, schweren Raub. Außerdem könnten die Geschichten politischer sein. Ich fände ein "Tatort"-Team beim Verfassungsschutz großartig - gerade heutzutage.
SPIEGEL: Genügend Ermittler gibt es zumindest, jede mittelgroße Stadt scheint inzwischen ein "Tatort"-Team zu haben.
Bohn: Stimmt. Und das ist bei dem Erfolg der Reihe auch nachvollziehbar. Bei so vielen Kommissaren in so vielen Städten darf allerdings nicht Quantität vor Qualität gehen. Das wäre fatal.
SPIEGEL: Sie zweifeln also an der Nachhaltigkeit des "Tatort"-Erfolgs?
Bohn: Ich habe am Format des "Tatorts" nicht den geringsten Zweifel, sorge mich aber um die Richtung, in die es geht. Viele von uns "Tatort"-Machern definieren sich inzwischen über die größtmögliche Originalität ihrer Ermittler. Das ist zu kurz gedacht. Trotz aller nötigen und reizvollen Unterschiede zwischen den verschiedenen Kommissaren sollte man die Erwartungen des Publikums erfüllen.
SPIEGEL: Sie meinen, die Ermittler stehen zu sehr im Mittelpunkt?
Bohn: Ihre Eigenarten werden zu sehr betont. Ohne Krankheit oder psychotraumatische Erfahrungen scheint heutzutage kein "Tatort"-Kommissar mehr auszukommen. Fehlt nur noch, dass ein Ermittler heimlich Sodomist ist und sich deswegen in Therapie befindet. Und der Zuschauer mit ihm. Die Stärke des "Tatorts" war immer, gute, spannende und dramaturgisch ausgefeilte Kriminalgeschichten zu erzählen.
SPIEGEL: Sie haben aber auch schon sehr verkünstelte Folgen entwickelt.
Bohn: Ja, und das mit Lust und Leidenschaft. Nach dem "Tatort", in dem Ufos vorkamen, oder dem Bundeswehr-"Tatort" haben sich viele an den Kopf gegriffen. Jung, wie ich damals war, hat mir das viel Spaß gemacht. Weil wir Anfang der Neunziger einige der wenigen waren, die bestehende Strukturen aufbrechen wollten. Heute will das, angefeuert von einer Handvoll oberschlauer TV-Kritiker, jeder.
SPIEGEL: Ist das ein Plädoyer gegen Originalität?
Bohn: Der "Tatort" ist ein Stück Gesellschaft. Die Deutschen sind ein Volk, das Rituale liebt. Wir mögen die "Tagesschau", die "Sportschau" und früher auch mal "Wetten, dass ...?". Der "Tatort" muss nicht immer spezieller werden, um beim Publikum anzukommen. Sonntagabend, 20.15 Uhr, gute Schauspieler und eine einigermaßen plausible Geschichte - fertig.
SPIEGEL: Wie müsste ein zukunftssicherer "Tatort" denn aussehen?
Bohn: Es braucht fähige Ermittler aus allen kriminalistischen Bereichen, denen man gern bei der Arbeit zusieht. Wenn Kommissare vor einem brutal ermordeten Menschen stehen und sich um die Wette Witze erzählen, wirkt das selbstverliebt. Ermittler, die einen Gehirntumor haben oder so schwer traumatisiert sind, dass sie im Dienst Waschbecken von der Wand reißen müssen, sind unglaubwürdig. Das weiß auch der Zuschauer, er ist doch nicht dumm. Wir sollten uns auf gut erzählte Fälle zurückbesinnen.
SPIEGEL: Dann braucht man aber auch keine teuren Promi-Kommissare wie Maria Furtwängler, Ulrich Tukur, Axel Prahl oder Til Schweiger.
Bohn: Jeder gute Schauspieler, dessentwegen die Menschen einschalten oder ins Kino gehen, ist sein Geld wert. Ohne sie wären wir auch beim "Tatort" aufgeschmissen. Aber es gibt viele hervorragende Kollegen aus der sogenannten zweiten Reihe, die durch den "Tatort" entdeckt werden sollten.
SPIEGEL: Sprechen Sie eigentlich mit echten Polizisten über Ihre "Tatorte"?
Bohn: Ich lasse Polizisten oft meine Geschichten lesen, bevor ich sie einreiche. Da höre ich dann regelmäßig: "Das hast du dir schön ausgedacht, du Künstler, aber das hat mit unserer Realität nichts zu tun." Die Kripo-Leute kritisieren die durchgängig zu dramatische Erzählweise. Würden wir das aber so langweilig aufschreiben, wie die Wirklichkeit oft ist, dann würde kein Mensch mehr meine "Tatorte" schauen. Das verstehen dann auch die Kommissare.
Interview: Martin U. Müller
Von Martin U. Müller

DER SPIEGEL 3/2014
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