20.01.2014

JUSTIZDie Waffen einer Frau

Klatten-Erpresser Sgarbi sollte zum Jahreswechsel freikommen. Aber weil er der Milliardärin nicht verrät, wo ihr Geld ist, lässt sie ihn in Beugehaft schmoren.
Der Tag, an dem die deutsche Justiz endlich genug hatte vom talentierten Herrn Sgarbi, war der 12. Dezember 2013. Helg Sgarbi, der bekannteste Gigolo der Republik, so begnadet wie gnadenlos, wenn es darum ging, reiche Frauen zu verführen und zu erpressen, verließ seine Einzelzelle mit der Nummer 133 in der Haftanstalt Landsberg.
Er hatte seine sechs Jahre so gut wie abgesessen, auf ihn wartete der Gefangenentransporter, der ihn zur Schweizer Grenze fahren sollte, für die Abschiebung in seine Heimat und in die ersehnte Freiheit. Aber als er in der Haftanstalt Lörrach ankam, der letzten Station vor der Grenze, empfing ihn dort der nächste Haftbefehl. Der giftige Gruß einer Frau, für die die Sache noch längst nicht erledigt ist. Nicht nach sechs Jahren, vielleicht auch nie: Susanne Klatten.
Die reichste Deutsche, geschätzt auf 14,3 Milliarden Euro, hatte dafür gesorgt, dass Sgarbi weiterhin im Gefängnis schmort. Mit aller Härte jagt sie den Millionen nach, die sie und andere Damen an einen Frauenflüsterer verloren haben, der anfangs immer charmant war, am Ende immer schamloser.
Schon im Oktober hatte Klatten, 51, von ihm per Gerichtsvollzieher eine Auskunft über sein Vermögen verlangt. Weil sich Sgarbi aber weigerte und nichts zur verschwundenen Beute sagte, erwirkte Klatten einen Haftbefehl - Erzwingungshaft, damit er redet. Schweigt er weiterhin, und danach sieht es aus, bleibt er noch mal sechs Monate hinter Gittern.
Sgarbi hatte Klatten 2007 beim Heilfasten im Wellness-Hotel Lanserhof in Österreich aufgelauert. Die Quandt-Erbin gilt als harte Geschäftsfrau, doch Sgarbi fand ihre weiche Stelle und brachte sie in den Wochen einer Amour fou so weit, auch beim Geld weichzuwerden. Er habe mit dem Auto in Amerika das Kind einer Mafia-Familie angefahren, log er. Jetzt brauche er Bares, um sich freizukaufen, sonst werde man ihn jagen.
Klatten gab ihm 7 Millionen Euro. Doch mutmaßlich angefeuert vom italienischen Sektenguru Ernano Barretta, dem Sgarbi selbst verfallen sein soll, wurde der Gigolo gieriger: Zuerst verlangte er 49 Millionen Euro, schließlich 14 Millionen. Wenn Klatten nicht zahle, werde er ein Liebesvideo öffentlich machen, von einem Treffen im Münchner Hotel Holiday Inn. Diesmal holte Klatten kein Geld, sondern die Polizei. Mitte Januar 2008 wurde der Erpresser festgenommen, im März 2009 vom Landgericht München zu sechs Jahren Haft verurteilt.
Die musste Sgarbi, 49, absitzen. Die übliche Rabattregel, Entlassung nach zwei Dritteln wegen guter Führung, galt für ihn nicht. Dazu hätte er sagen müssen, wo die Beute geblieben war. Und auch ansonsten hatte sich Sgarbi nicht kooperativ gezeigt, zumindest nicht gegenüber den Behörden, nur weiter gegenüber seinem Herrn und Meister.
Als Barretta, von Beruf Hotelier, von Berufung Wunderheiler, im Juni 2012 in Italien vor Gericht stand, sagte Sgarbi für ihn aus. Ob Signora Klatten oder die anderen betrogenen Frauen - mit den Taten habe Barretta nichts zu tun. Dabei hatten die Ermittler in Barrettas Sakko eine Liste mit Telefonnummern gefunden - Sgarbis Club der reichen Damen. Erwartungsgemäß blieb daher auch das Wunder eines Freispruchs aus. In erster Instanz verurteilte das Gericht Barretta, der alles bestritt, zu siebeneinhalb Jahre Haft; die Fortsetzung folgt mit der Berufungsverhandlung vermutlich in der ersten Hälfte dieses Jahres.
Auch für Klatten, die 2011 im Barretta-Prozess ausgesagt hatte. Ihren Privatkrieg hatte sie da längst angefangen, mit den Waffen des Zivilrechts. Zunächst ließ sie sich die Ansprüche zweier anderer Opfer abtreten. Mit den 7 Millionen Euro, die sie selbst verloren hat, kommt sie damit heute auf 9,5 Millionen Euro, die sie von Sgarbi verlangen kann. Im Oktober 2009 holte sie sich dafür beim Landgericht Augsburg einen rechtskräftigen Titel.
Dabei geht es der BMW-Aktionärin nicht um Geld, sondern um Genugtuung. Das zeigte sich schon, als sie Sgarbi die Armbanduhr im Knast pfänden ließ. Ihre Millionen hingegen, sollten sie je wieder auftauchen, will sie spenden.
Schon vor einigen Jahren hatte Klatten ihren Ex-Lover aufgefordert, eine eidesstattliche Versicherung über sein Vermögen abzugeben - ohne Erfolg. Jetzt, kurz vor dem Entlassungstermin, legte Klatten nach. 30 000 Euro sollte Sgarbi zahlen und damit eine erste Teilforderung erfüllen - die Summe fiel so niedrig aus, um die Gerichtskosten gering zu halten. Für Sgarbi offenbar trotzdem zu viel: Erst schickte Klatten ihm den Gerichtsvollzieher in den Knast; als Sgarbi nicht zahlen konnte und auch keinen Offenbarungseid leisten wollte, beantragte sie den Haftbefehl.
Dass der Schweizer nun gesprächiger wird, gilt als unwahrscheinlich. Weder wird er wohl sagen, wem er die Beute gegeben hat - offenbar um Barretta nicht zu belasten. Noch unter Eid die vermutlich falsche Auskunft abgeben, dass er nicht wisse, wo das Geld geblieben sei. Dafür könnten ihm mehr als jene sechs Monate Extrahaft drohen, die ihn sein Schweigen kostet.
Sein Anwalt Egon Geis ist nicht überrascht, dass Klatten nichts vergibt und nichts vergisst: "Es war zu erwarten, dass Frau Klatten ihre Ansprüche bis zum Letzten durchsetzen will." Das Gesetz gebe ihr die Möglichkeit der Erzwingungshaft, "daran ist nichts zu ändern". Doch ob Sgarbis Rechnung aufgeht, dass in sechs Monaten alles vorbei ist?
Das große Abrechnen übernimmt in diesem Fall Susanne Klatten. Wo auch immer Sgarbi sein werde, heißt es in Anwaltskreisen, sie werde alles tun, um ihn nicht mit dem Geld entkommen zu lassen. Die Welt kann klein werden, wenn die reichste Frau Deutschlands hinter einem her ist.
Von Jürgen Dahlkamp

DER SPIEGEL 4/2014
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