27.01.2014

JUSTIZDie schäbige Stadt und der Tod

Dreieinhalb Jahre nach der Duisburger Love Parade steht die Anklage bevor. Doch den Opferfamilien droht eine Enttäuschung: Offenbar wird weder die Polizei belangt noch jener Dezernent, der sich besonders machtvoll dafür eingesetzt hat, dass die Party steigt.
Gut, dass sie den Advent hinter sich hat. Die Zeit der Besinnung. Wenn all ihre Sinne nur sagen, dass der Schmerz nicht zum Aushalten ist. Die Zeit der Lichterketten, der Schleifen. Und auf den Küchentischen die Kipferl, die Kränze, die Kerzenlichter.
Hier, an diesem Küchentisch, hat Eike immer gesessen, auf dem Stuhl hinten in der Ecke. Und hier, in ihrer Küche, hat Stefanie Mogendorf an einem Abend vor dreieinhalb Jahren gewartet, auf ihren Sohn. Dann schellte es, draußen stand ein Polizeiwagen, und sie wusste, was das hieß. Am Abend der Duisburger Love-Parade-Katastrophe.
Advent ist seitdem für die anderen. Für Menschen, die noch nicht den Glauben verloren haben, den Glauben an die Welt und dass diese Welt eine heile sein kann. Für die Mogendorfs in Belm bei Osnabrück ist Advent die schlimmste Zeit im Jahr. Keine Lichterkette, keine Schleife, kein Kranz. Im Advent waren sie diesmal in Vietnam.
Erst Heiligabend kamen sie zurück, um Weihnachten auf der Betonrampe in Duisburg zu sein. Da, wo es passiert ist, wo sie ihren Eike verloren haben. Klaus-Peter Mogendorf hat an der Gedenkstätte gestanden, er hat mit seinem toten Sohn gesprochen, hat alles gesagt, was ihm durch den Kopf ging, und natürlich stellte er die Frage, die er Eike hier immer stellt: "Menschenskind, Eike, warum bist du nicht mehr da?"
Die entscheidende Frage. Die Mogendorfs begleitet sie jeden Tag, seit dem 24. Juli 2010, demnächst wird die Staatsanwaltschaft in Duisburg eine Antwort darauf geben. Ihre zumindest. Denn im Februar, gut dreieinhalb Jahre nach der Katastrophe, wollen die Ermittler Anklage erheben. Wollen erklären, wer aus ihrer Sicht Schuld daran hatte, dass bei der Techno-Party 21 Raver starben. Junge Menschen, die damals einfach nur Spaß haben wollten und ihre Lust am Leben mit dem Verlust ihres Lebens bezahlten. Erdrückt, erstickt in einem Menschenberg, am Fuß der Rampe, die zum Festplatz hochführen sollte, aber nachmittags zur Sackgasse wurde. Zur Todesfalle.
21 Familien hatten damals darauf vertraut, dass ihre Kinder, ihre Angehörigen sicher sind. Sie hatten sich auf die Stadt Duisburg verlassen, die das Spaß-Spektakel genehmigte, und auf die Polizei, die mit mehreren Hundertschaften angerückt war, um die Party zu sichern. Familien, die sich nicht vorstellen konnten, wie viel der Veranstalter Lopavent riskieren würde, um mit der Parade für die Muckibuden-Kette McFit zu werben. Wie viel die Stadt durchgehen lassen würde, um sich mit dem Event eine Frischzellenkur gegen ihr Image vom sterbenden Ruhr-Ort zu verpassen. Und wie lange die Polizei die Lage unterschätzen würde, bis ihre verzweifelt kämpfenden Beamten in den Tunneln und auf der Rampe nur noch zuschauen konnten, beim Sterben.
Aus Vertrauen ist für 21 Familien Trauer geworden, nun können sie noch auf die Ankläger hoffen. Doch nach einem der größten Todesermittlungsverfahren der deutschen Justizgeschichte, mit mehr als 3000 Zeugen und einer rund 35 000 Seiten starken Hauptakte, die der SPIEGEL in großen Teilen einsehen konnte, zeichnet sich ab: Auch die Strafverfolger werden die meisten Angehörigen enttäuschen.
Schon lange war klar, dass weder der Lopavent- und McFit-Chef Rainer Schaller noch der inzwischen abgewählte Oberbürgermeister Adolf Sauerland auf der Anklagebank sitzen werden. Beide, so sehen es die Strafverfolger, waren persönlich zu weit weg von den tödlichen Entscheidungen; gegen sie wurde nicht mal ermittelt. Aber auch von den bisher 16 Beschuldigten werden wohl nur 10 angeklagt. So wie es aussieht, trifft es 4 Mitarbeiter der Firma Lopavent, die für Schaller die Sause organisierte, und 6 Vertreter der Duisburger Stadtverwaltung, alle aus der Baubehörde; an ihrer Spitze den inzwischen pensionierten Dezernenten Jürgen Dressler.
Nicht vor Gericht muss dagegen wohl der Mann, der nach Lage der Akten im Rathaus den größten politischen Druck gemacht hat, dass die Love Parade stattfand: Ordnungsdezernent Wolfgang Rabe. Auch auf Dressler, der sich mit seinen Leuten vom Bauamt gegen die Veranstaltung gestemmt hatte, übte Rabe offenbar so viel Druck aus, dass die Bauverwaltung kurz vor der Katastrophe einknickte und abnickte, was niemals eine Freigabe hätte bekommen dürfen.
Fehlen wird auf der Anklagebank zudem ein Vertreter der Polizei. Gegen den einzigen Beschuldigten, den Einsatzleiter Kuno S., wird die Staatsanwaltschaft das Verfahren voraussichtlich einstellen. Und das, obwohl die Akten nun einen weiteren, grotesken Fehler der Polizei offenbaren, der möglicherweise dazu beigetragen hat, dass die Raver übereinanderfielen und sich auftürmten zu einem tödlichen Menschenberg: Um 16.51 Uhr, als sie auf der Rampe immer mehr zu einem Paket von Körpern zusammengequetscht wurden, drückte sich ein Polizei-Bulli durch die Massen - mit zwei Beamten, die auf dem Love-Parade-Gelände die Besatzung eines Gefangenentransporters ablösen sollten. Dem Fahrer hatte vorher keiner gesagt, in welches Chaos er hineinsteuert.
Doch die Ankläger verfolgen offenbar die Linie, dass mit der Genehmigung bereits alle entscheidenden Fehler gemacht waren. Am Tag der Love Parade habe die Katastrophe dann nur noch ihren vorgezeichneten Lauf genommen.
Für Klaus-Peter Mogendorf, Eikes Vater, setzt sich das Staatsversagen damit nur fort: "Wenn weder Rabe noch der Einsatzleiter der Polizei vor Gericht kämen, wäre das ein Schlag ins Gesicht für alle Angehörigen", sagt er.
Die Planungsphase der Love Parade in Duisburg zog sich über mehr als drei Jahre hin, von 2007 bis zum Juli 2010. Wenn in den nächsten Wochen die Anklage erhoben wird, beschreibt sie nicht nur das Chaos dieser Planungszeit, sie wird auch ein zynisches Zeugnis sein: über Schlaue und Dumme. Die Schlauen erkennt man daran, dass sie in der Anklage nicht vorkommen. Die Dummen sind die, deren Namen an der Genehmigung kleben. Namen, die sonst keinen interessiert hätten, wenn die Love Parade zum Fest geworden wäre, nicht zum Fiasko.
Die Ankläger konzentrieren sich deshalb auch nur auf den Teil der Geschichte, auf den es strafrechtlich ankommt. Zur ganzen Geschichte gehört indes, dass viele die Veranstaltung in Duisburg wollten, aber keiner die Verantwortung dafür.
Worauf sich die Stadt einlassen würde, konnte Ordnungsdezernent Rabe schon im Februar 2009 ahnen, eineinhalb Jahre vor der Love Parade. Damals bekam er einen sarkastischen Brief aus dem eigenen Haus, von seinem Ordnungsamt. Darin regte sich Amtsleiter Hans-Peter Bölling über die nassforschen Kollegen vom Stadtmarketing auf, die in der Lokalzeitung so taten, als wäre die Suche nach einer sicheren Strecke für die Love Parade ruck zuck erledigt. Da sei er aber sehr gespannt, ätzte Bölling, anscheinend kenne er sich in seiner Stadt nicht so gut aus wie die Leute vom Marketing. Er selbst könne sich nämlich "keine Strecke in Duisburg vorstellen", die für eine Million Besucher "unbedenklich ist". Das wolle er den Werbern auch noch sagen.
Kurz zuvor hatte Bochum die Love Parade 2009 gestrichen, aus Sicherheitsgründen. Dass sich die Image-Polierer im Duisburger Rathaus eine solche Blöße nicht geben wollten, ahnte wohl auch Bölling. Doch nach seiner Warnung könnten die später immerhin nicht "sagen, das haben wir nicht gewusst".
Spätestens im Herbst 2009 war dann klar, wo sich die Stadt eine Love Parade vorstellen konnte: auf dem Gelände des stillgelegten Güterbahnhofs. Aber Rabe blieb vorsichtig, aus gutem Grund. Zuständig für die Sicherheit einer Großveranstaltung im öffentlichen Raum ist in erster Linie das Ordnungsamt, verantwortlich wäre er also am Ende selbst. Wenn etwas schiefgehe, warnte sein Mann Bölling, könne das "sogar strafrechtliche Dimensionen" annehmen.
Gefahren gab es reichlich - und dazu ein Kardinalproblem: Das Bahngelände sollte nur einen Zugang für die Massen haben, die Rampe nämlich, und zu allem Überfluss war die auch nur durch zwei Tunnelröhren zu erreichen (siehe Grafik). Am Fuß dieser Rampe würden sich zwei Menschenströme vereinen, der aus dem Eingangstunnel West und der aus dem Eingangstunnel Ost. Zugleich war die Rampe aber nicht nur der Eingang, sondern auch der Hauptausgang. Und das bei einer Veranstaltung, bei der vorher schon klar war, dass es ein ständiges Kommen und Gehen geben würde, sich kreuzende Ströme, ausgerechnet an einer der engsten Stellen.
Nachdem das Ordnungsamt sicherheitshalber den Panikforscher Michael Schreckenberg konsultiert hatte - auch zur eigenen Absicherung -, beantwortete der schon im Oktober 2009 die Frage nach der Machbarkeit einer Parade auf dem Güterbahnhof laut einem Bölling-Protokoll mit: "eher nicht". Schreckenberg forderte, dass es zumindest einen einfachen Rückweg geben müsse, "ohne Verzahnung mit ankommenden Besuchern".
Damit hatte er auch schon die Antwort auf eine Frage gegeben, die sich Ende Oktober eine große Runde im Rathaus stellte, mit Vertretern von Stadt, Polizei, Feuerwehr und Bezirksregierung Düsseldorf: "Ist ein Zu- und Abweg zur Veranstaltungsfläche, der auch noch in einem Tunnel liegt, ausreichend?" Nein, so die Staatsanwaltschaft heute, war er nicht. Aber abgenickt wurde das Nadelöhr mit der Rampe am Ende doch.
Allerdings nicht von Rabe und dem Ordnungsamt. Solange Rabe noch der Hauptverantwortliche für die Love Parade war, schätzte er ihre Gefahren offenbar höher ein als ihre Chancen für das Image der Stadt. Am 23. Februar 2010 drohte er sogar mit Absage. Die Fläche sei zu klein für die Besuchermassen. Zu klein für die 400 000, mit denen Lopavent damals rechnete, und sowieso zu klein für die mehr als eine Million, die Schallers Leute als Marketinglüge in die Welt gesetzt hatten. Die Eingänge dicht zu machen, wenn die Besuchergrenze erreicht sei, komme aber auch nicht in Frage, so Rabe, weil dann genervte Raver vor den Toren randalieren könnten. Wenn Lopavent glaube, sich das Geld für mehr Fläche sparen zu können, dann müsse man die Love Parade wohl ausfallen lassen.
Doch nur zwei Tage später erfuhr das Ordnungsamt, dass der Veranstalter feste Zäune um das ganze Festgelände ziehen wollte. Das änderte zwar nichts an der Größe der Fläche, aber trotzdem alles.
Eine abgeriegelte Veranstaltung? Dadurch wurde aus dem öffentlichen Raum - juristisch betrachtet - plötzlich eine Art Stadion. Und da galt nun die Sonderbauverordnung; zuständig für Rettungswege und Besucherkapazität war jetzt nicht mehr das Ordnungsamt, nicht mehr Rabe, sondern das Bauamt, mit Stadtentwicklungsdezernent Dressler.
Von da an findet sich in den Akten kaum noch ein Indiz, dass Rabe die Love Parade für zu riskant hielt, im Gegenteil: Für ihn, so der Eindruck, war jedes Problem nur noch eine Petitesse, und wer mit Petitessen nicht klarkam, war selbst das Problem.
Rabe wurde damit im Rathaus in den folgenden Monaten zum wohl größten politischen Freund der Schaller-Truppe, und die hatte einen Freund dringend nötig. Denn auf der anderen Seite stand die Baubehörde. Jetzt verantwortlich. Jetzt schuldig, wenn etwas schiefgehen würde. Jetzt auf der Seite der Paragrafen, nicht der Parade - vor allem die zuständige Amtschefin Baurecht Anja Geer. "Unser Hauptgegenspieler", wie es im April 2010 in einer Mail von einem Lopavent-Anwalt hieß. Die sei, Vorsicht!, eine "Juristin mit Geltungsbewusstsein".
Dabei schwebte die Berliner Lopavent, wie interne Mails zeigen, in Duisburg mit der Haltung ein, dass die "schäbige Stadt" doch froh sein sollte, mit dem hippen Hyper-Hyper-Event beschenkt zu werden. Dass Geer und ihre Leute sich bei der zulässigen Besucherzahl und Breite der Fluchtwege ständig an die Sonderbauverordnung klammerten, empfanden die Macher offenbar als puren Undank.
Schon im März 2010 sprach der Lopavent-Anwalt von einer "Schwachsinns-Idee", dass Geer auf einer genauen Besucher-Zählung bestehen könnte. Da müsse man früh gegenhalten und sich Bündnispartner suchen. Denn so was werde bestimmt nicht nur teuer: Je mehr "wir kontrollieren können", umso mehr Verantwortung habe Lopavent am Ende auch.
Verantwortung, davon wollten offenbar aber auch die Parade-Planer so wenig wie möglich haben. Die sollte bei der Stadt Duisburg liegen. Und dort, im Rathaus, könne man dann die "Zuständigkeiten" gegebenenfalls "gegeneinander ausspielen", hieß es in einer weiteren Mail der Veranstalter. Für den Lopavent-Anwalt zählte, dass selbst im schlimmsten Fall kaum eine "persönliche Haftung für einen von uns" in Frage käme. Also werde man die Auflagen erfüllen. Die Frage war aber, wie man dafür sorgen konnte, dass die Auflagen nicht so streng ausfielen.
Was also tun? Der Anwalt empfahl als Strategie, die Bauverwaltung zu einem größeren "Maß an Kooperation" zu bewegen. Love-Parade-Manager Stephan S. gab die Parole aus: Statt zu streiten lieber mit "Frau Geer ,kuscheln' gehen". Die Lopavent würde also die Raver zum Tanzen bringen, das Bauamt die Paragrafen.
Für das erste Problem, die maximale Besucherzahl, lieferte Lopavent ein Rechenmodell. Danach würden immer nur so viele Raver kommen und gehen, dass nie mehr als 250 000 gleichzeitig auf der Fläche sein würden. Das sei natürlich "alles Scharlatanerie", gab der Lopavent-Anwalt in einer Mail an Produktionschef Stephan S. zu; alles nur für den Fall, dass Geer nachfrage. Vorsichtshalber solle man auch keine Kopien solcher Berechnungen machen oder gar verteilen. Aber die Zahlen seien immerhin so plausibel, dass man damit durchkommen könne.
Tatsächlich sollte die Geer-Mannschaft das Rechenmodell am Ende akzeptieren, und was das Zählen der Besucher anging: Das werde man der Lopavent zwar vorschreiben, aber aus dem Amt werde eben keiner zur Love Parade gehen, um das zu kontrollieren. "Diese Lösung finde ich doch charmant", schrieb Geer im Mai an einen Kollegen.
Das zweite Problem blieb dagegen auch aus Sicht des Lopavent-Anwalts der "potentielle Killer": die Fluchtwege, zusammen nur 155 Meter breit. Bei 250 000 Besuchern verlangten die Vorschriften mindestens 500 Meter, da ließ sich auch nichts schönrechnen.
Am 18. Juni 2010 kam es deshalb zu einem Krisengespräch von Stadt und Lopavent; Geer wehrte sich, pochte auf die vorgeschriebene Breite der Fluchtwege. Auch sie hatte offenbar genug davon, dass Lopavent den Rhythmus vorgab und "wir zu tanzen haben", wie einer ihrer Mitarbeiter geklagt hatte. Doch an diesem Tag hatte Ordnungsdezernent Rabe seinen großen Auftritt.
Der Anwalt des Veranstalters schrieb hinterher, Rabe habe sich "weit aus dem Fenster" gelehnt und das Bauamt zur Kooperation mit Lopavent "verpflichtet". Es gebe keinen Zweifel, dass Rabe "alles tut, was er kann". Und so las sich das auch im Protokoll von Geer: "Herr Rabe stellte (...) fest, dass der OB die Veranstaltung wünsche und dass daher hierfür eine Lösung gefunden werden müsse." Wenn also Panikforscher Schreckenberg am Ende ein Sonderkonzept für die Entfluchtung absegne, dann, so Rabe, müsse das der Baubehörde eben auch reichen. Und damit Schreckenberg zustimmen könne, sollten die städtischen Behörden den Partymachern vorher mit einem Entfluchtungskonzept helfen.
Geer beschwerte sich; das sei doch nicht ihre Sache, so etwas auszuarbeiten, sondern die von Lopavent. Ihr Dezernent Dressler entrüstete sich in einer persönlichen Anmerkung auf dem Protokoll. Er lehnte eine "Zuständigkeit und Verantwortung" seines Amtes ab, so etwas entspreche "in keinerlei Hinsicht einem ordentlichen Verwaltungshandeln".
Am Ende aber gewann Lopavent, offenbar auch dank Rabes Machtwort. Das Bauamt half, ließ sich auf Sonderwege ein, gab das alte Bahngelände schließlich für die Love Parade frei. Es übernahm damit die Verantwortung, auf die seine Mitarbeiter heute von den Staatsanwälten festgenagelt werden: Dressler, Geer, vier ihrer Kollegen.
Sie müssen jetzt dafür geradestehen, dass sie sich haben verbiegen lassen, und ihre Verteidigungslinie könnte sein, dass sie nicht die Love Parade an sich genehmigt, sondern nur das Gelände dafür freigegeben haben. Rabe dagegen kommt offenbar ohne Prozess davon. Genauso Bölling, der Ordnungsamtschef. Der hatte kurz nach dem Krisengespräch im Juni noch ein kluges Papier geschrieben, sehr klug für alle Fälle: Er sehe sich nicht in der Lage, eine Genehmigung der Baubehörde inhaltlich zu bewerten und "mit meiner Paraphe zu dokumentieren", dass er sie mittrage. Als "Ultima Ratio" müsse man eben den Anlass aller Probleme beseitigen, die Love Parade selbst - und die Party absagen.
Aber auch Böllings Warnung konnte die Lopavent-Allianz nicht erschüttern. Dezernent Rabe war offenbar schon unheilbar infiziert von der Lockerheit der Party-Macher.
Am Tag vor der Love Parade inspizierten der Polizeioberrat Rudolf K. und eine Gruppe mit Rabe das Gelände, als ihnen eine junge Lopavent-Frau über den Weg lief. K. sagte nach der Katastrophe aus, sie habe alle per Handschlag begrüßt, nur Rabe mit Küsschen rechts, Küsschen links und einer kurzen "Streichelbewegung".
Es war am Ende nicht die Breite der Fluchtwege, die 21 Menschen zum Verhängnis wurde, auch nicht die Gesamtzahl der Besucher auf dem Gelände. Sondern der eine Weg, der Auf- und Abgang über die Rampe. Und die Menge der Besucher, die hier gegen 17 Uhr aufs Gelände drängte, während andere schon wieder über die Rampe nach Hause wollten.
Das Gutachten des britischen Forschers Keith Still, auf das sich die Staatsanwaltschaft jetzt stützt, lässt keinen Zweifel: Die Genehmigungsbehörde hat komplett versagt. Denn folgt man Still, dann war die Katastrophe kein Unglück, keine Verkettung unglücklicher Umstände, sondern unausweichlich. Es konnte gar nicht gutgehen. Für die Zahl der Besucher, die Lopavent am späten Nachmittag erwartet hatte, waren die Zugangstunnel von vornherein zu schmal. Genauso die Rampe, die aufs Gelände führte und die auch noch teilweise mit Zäunen verengt war, weil dahinter Polizeiautos parkten.
Am Nachmittag stauten sich die Musikfans draußen vor den Tunneleingängen. Aufgeputscht, oft auch angetrunken oder zugedröhnt, steigerten sie sich in Rage, drückten sich in Massen durch den Sperrzaun, als eine Lücke für einen Rettungswagen geöffnet wurde, überliefen sie zwei Polizeiketten in den Tunneln und drängten zur Rampe. Dort jedoch kamen ihnen von oben schon wieder andere Besucher entgegen, die nach Hause strömten und eine dritte Polizeikette durchbrochen hatten. Die drei Ströme - der aus dem Westtunnel, der aus dem Osttunnel und der vom Partygelände - trafen im Nadelöhr Rampe aufeinander. Dort schob nach Stills Berechnung dann die Kraft von etwa 45 000 Körpern den tödlichen Menschenberg zusammen. Wie der Experte meint, hätten die Risiken der Engstelle auch vorher schon klar sein müssen: im Genehmigungsverfahren.
Sein Gutachten sagt aber auch, dass die Katastrophe noch am Tag der Parade zu verhindern gewesen wäre. Schon um 13.05 Uhr warnte ein Beamter über Polizeifunk, dass die Einlasssperren bald überrannt werden könnten. Die Staus vor den Eingängen am frühen Nachmittag - für Still waren sie ein klarer Hinweis auf ein "Systemversagen"; selbst Laien hätten das erkennen können. Und Experten hätten wissen müssen, dass sich die Staus nicht mehr auflösen würden, alles noch viel schlimmer käme; zu schmal die Eingänge, die Tunnel, die Rampe. Also hätte man schon früh am Nachmittag eingreifen müssen und die Party abbrechen können.
Umso mehr drängt sich die Frage auf, warum die Staatsanwaltschaft trotzdem offenbar niemanden anklagen will, der am Tag der Love Parade die Entscheidungen traf: nicht den Crowd-Manager, der für die Lopavent das Öffnen und Schließen der Eingänge steuern sollte. Und auch keinen von der Polizei, die mit mehreren Hundertschaften in Duisburg war, um das Schlimmste zu verhindern. Falls das Veranstalterkonzept versagt.
Lange zählte die Staatsanwaltschaft Kuno S., den Einsatzleiter, zu den Beschuldigten. Er habe zu spät reagiert, obwohl das Desaster schon früh absehbar gewesen sei. Fest steht: Den Polizisten auf der Rampe und in den Tunneln gelang es nicht, die Katastrophe aufzuhalten. Die Beamten mussten außerdem ständig mit Funklöchern kämpfen, und eine funktionierende Anlage für Lautsprecherdurchsagen, die der Veranstalter stellen sollte, gab es nicht. Zumindest nicht dort, wo sie am dringendsten gebraucht wurde.
Doch warum hatte Kuno S. nicht schon viel früher die Eingänge rigoros schließen lassen? So wie es dann erst um 15.46 Uhr angeordnet wurde, ziemlich erfolglos, und gegen 16.48 Uhr, nun endlich mit genügend Kräften? Da war schon alles zu spät, bald darauf meldeten Polizisten ein "Gedränge vom Allerfinstersten", "akute Lebensgefahr", "mehrere Tote", eine Lage "wie auf dem Schlachtfeld". Und wo blieb die Verstärkung für Tunnel und Rampe? Er warte schon die ganze Zeit auf "die längst angeforderten Kräfte", rief ein Polizist an der Rampe um 17.03 Uhr in sein Funkgerät.
Aus Sicht der Staatsanwaltschaft reicht das alles offenbar nicht für eine Anklage: Denn Kuno S. hat sich womöglich darauf verlassen können, dass die Stadt alles geprüft hat, demnach hätte er bei den ersten Problemen nicht sofort mit einer Katastrophe rechnen müssen. Der Anwalt von Kuno S. sieht daher keine Schuld bei seinem Mandanten; die Verteidiger von Rabe, Bölling und den Beschuldigten, die jetzt angeklagt werden sollen, wollten sich auf Anfrage nicht äußern.
So wird es voraussichtlich zwar zu einem der größten Prozesse der deutschen Justizgeschichte kommen, so groß, dass wohl nicht im Duisburger Landgericht verhandelt wird, sondern möglicherweise im Düsseldorfer Messe- und Kongresszentrum. Dennoch wird vieles ungeklärt bleiben, und auch ein schier unfassbarer Fehler der Polizei wird, wenn überhaupt, wohl nur am Rande eine Rolle spielen. Der Bulli auf der Rampe um 16.51 Uhr.
Um 17 Uhr sollten sich zwei Polizisten aus Bochum auf dem Love-Parade-Gelände melden. Die Beamten waren als Besatzung für einen Gefangenentransporter eingeteilt, mussten die Kollegen der Frühschicht ablösen. Mit ihrem VW-Bulli erreichten sie um 16.41 Uhr den Westeingang und wurden zum Tunnel durchgelassen. Sie hätten überhaupt nichts von der Lage weiter vorn gewusst, sagte der Fahrer später aus. Der Polizeifunk sei ausgeschaltet gewesen. Das lag daran, dass sie die Pläne mit den Funkkanälen erst später, am Einsatzort, erhalten sollten. Zunächst sei ihr Bulli im Tunnel aber auch gut durchgekommen, im Schritttempo, mit Blaulicht und Martinshorn.
Da wussten die Beamten nicht, dass die Massen, die hier kurz vorher noch gestanden hatten, die Polizeikette überrannt hatten und nun schon weiter vorn in das Nadelöhr Rampe drückten. Unterwegs sammelte der Bulli vier Sanitäter von den Maltesern ein, außerdem drei oder vier Partygäste, die zu kollabieren drohten. Dann bog der Wagen aus dem Tunnel nach links auf die Rampe ab, und da sei er völlig "überrascht" gewesen, wie "voll es plötzlich war", so der Fahrer. Überwachungskameras erfassten den Bulli um 16.51 Uhr auf der Rampe, exakt in dem Moment, als wenige Meter entfernt der tödliche Menschenberg entstand.
Die Raver standen so dicht, dass der Fahrer fast keine Sicht mehr hatte, "gefühlte 25 Minuten" brauchte er, um sich zentimeterweise durch den Pulk bis zum Rampenkopf zu schieben. Erst später, so der Beamte, sei ihm klargeworden, dass die Menschen genau zu dem Zeitpunkt starben, als "wir uns mit dem Wagen auf der Rampe befanden". Es sei "fatal" gewesen, dass sie im Bulli "keine Ahnung von der Lage" gehabt hätten. Aber sicherlich habe die Durchfahrt "nichts mit dem Unglück" zu tun gehabt.
Kann er sich da wirklich sicher sein? Mike P., der in der Masse eingeschlossen war, erinnerte sich in seiner Zeugenaussage an den Bulli: Als er auf die Rampe gefahren sei, "ging nichts mehr". Aus dem Kleinbus seien Durchsagen gekommen, man solle Platz machen, aber "wir hatten doch selbst keinen Platz". Und der Zeuge Alexander S. schilderte, wie er den Menschenberg erreicht habe, kurz nachdem der Bulli aus dem Tunnel gekommen sei. Der sei "direkt in die Menschenmenge" gefahren, und dadurch sei es "noch enger" geworden. Der Polizist Maximilian E. sagte aus, dass es so eng gewesen sei, dass er und seine Kollegen den Versuch, sich zu dem Bulli durchzukämpfen, abbrechen mussten.
Ob die Fahrt durch die Menge "einen Einfluss auf den Menschenberg nahm", könne "hier nicht geklärt werden", heißt es in einem Bericht der Ermittler, die Überwachungsvideos auswerteten. Im Gutachten von Still taucht der Bulli seltsamerweise an keiner Stelle auf.
Es sind solche Dinge, die es Klaus-Peter Mogendorf in Belm kaum noch möglich machen, die Fassung zu bewahren. Etwa beim Gedanken, Rabe zu begegnen. "Besser nicht, es könnte sein, dass ich mich vergessen würde." Bei diesem Dezernenten, der einfach im Amt geblieben war, als könnte er sich an seine Rolle, seine Verantwortung nicht erinnern.
Und auch nicht an den Brief vom 21. Juli 2010, drei Tage vor der Parade. Da bedankte sich der Lopavent-Anwalt bei Rabe persönlich, dass sich das Verhältnis zum Bauamt "deutlich entspannt" habe, nach dem Krisentreffen, nach Rabes Machtwort. Wenn die Parade erst mal vorbei sei, prophezeite der Advokat, werde man wahrscheinlich ohnehin zu dem Schluss kommen, dass der ganze Ärger um Zuständigkeiten, Verfahren und Wertungen völlig "überflüssig" gewesen sei.
* Ordnungsdezernent Rabe (l.), Veranstalter Schaller (2. v. r.), Oberbürgermeister Sauerland (r.) am 25. Juli 2010.
Von Sven Becker, Georg Bönisch, Jürgen Dahlkamp, Jörg Diehl, Sven Röbel, Barbara Schmid und Fidelius Schmid

DER SPIEGEL 5/2014
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