27.01.2014

KARRIERENDer Kassierer

Mathias Döpfner, Chef von Axel Springer, zerlegt seinen Verlag. Zugleich verspricht er eine neue Ära des Journalismus. Er sehnt sich danach, ein bedeutender Verleger zu werden.
An einem lichtlosen Berliner Wintermorgen steigt Mathias Döpfner in ein Flugzeug von Easyjet, um seine Firma zu verkaufen. Sein Schneider hat ihn einmal bei 2,02 Metern vermessen, er sitzt in der ersten Reihe, damit er genug Platz hat. Er verdient ungefähr zehn Millionen Euro im Jahr, aber wenn der Typ mit dem Teewagen kommt, muss er sich sagen lassen, dass seine Beine im Weg sind. Er bestellt einen Cappuccino für 2,50 und gibt 3 Euro.
Döpfner ist Vorstandsvorsitzender des Axel-Springer-Konzerns, er fliegt von Berlin-Schönefeld nach Barcelona, er muss zu einer Roadshow von Morgan Stanley, wo er Analysten und Fondsmanager trifft. Er macht so was zwei-, dreimal im Jahr, und er macht es eigentlich ganz gern. Man kann von morgens bis abends reden. Ein Drittel aller frei verfügbaren Springer-Aktien sind in der Hand dieser Leute, die Milliardenbeträge verschieben. Von der Frage, ob sie kaufen oder verkaufen, ob sie Döpfners Darstellung glauben oder nicht, hängt ab, ob der Aktienkurs raufgeht oder runter. Bei Döpfners Roadshow geht es darum, dass er seinen eigenen Laden schönredet. "Also, ich kann mich darauf jetzt richtig freuen", sagt Döpfner.
Er trägt eine Tüte mit der Aufschrift "Die Welt" bei sich. "Die Welt" ist eine der letzten Zeitungen aus einem Verlag, der sich langsam auflöst. Döpfner scheint die "Welt"-Tüte wie eine Erinnerung bei sich zu tragen. Er transportiert darin Papiere, die ihm die Abteilung "Investor Relations" mitgegeben hat. Finanzgeschichten.
In einem Papier geht es um die Werbeerlöse für gedruckte Zeitungen. 55 Millionen Euro Minus in den ersten neun Monaten des letzten Jahres. Döpfner betrachtet die Zahl durch eine große Lesebrille mit goldfarbenen Bügeln. "Traurig", sagt er. 55 Millionen Minus heißt in der Logik von Investor Relations: verkaufen.
Döpfner ist jetzt 51 Jahre alt. Als er vor 12 Jahren Vorstandsvorsitzender wurde, machte das Unternehmen 200 Millionen Euro Verlust. Axel Cäsar Springer hatte im letzten Jahrhundert ein großes Zeitungshaus gebaut, er war ein grandioser Erfinder. Er erfand die "Bild"-Zeitung, das "Hamburger Abendblatt", die "Hörzu", mit dem Fernsehprogramm für die Großen und dem Igel Mecki für die Kleinen. Springer war eine Erfolgsfirma der alten Bundesrepublik, ein Königreich aus Papier. Als sich die Welt neu sortierte, begann es zu zerbröseln.
Heute macht die Firma über 300 Millionen Euro Gewinn, sie hat aber mit Journalismus immer weniger zu tun. Döpfner hat Springer mit allerlei digitalen Geschäften aufgepumpt, die gut laufen. Man bekommt bei Springer Pflegetipps für die Frau und Kaufempfehlungen für Salzstreuer, man kann über Springer Flüge buchen, Wohnungen finden und erfahren, wo es in der Nähe billige Schweinekoteletts gibt. Döpfner hat aus einem Verlag einen Supermarkt gemacht, in dem es an der Kasse auch ein paar Zeitungen gibt.
Im Sommer vergangenen Jahres schien er jeden Halt verloren zu haben. Er verkaufte ein großes Paket von Zeitungen für 920 Millionen Euro an die Essener Funke-Gruppe, darunter waren die "Hörzu" und das "Hamburger Abendblatt". Springers Stammzellen, ausgespuckt wie verdorbenes Essen.
Merkwürdig ist, dass Döpfner in dem Moment, als die Zeitungen weg waren, damit begann, eine neuen Epoche des Qualitätsjournalismus herbeizureden. Wenn Döpfner redet, scheint erst mal alles vollkommen logisch zu sein. Es gibt in seinem Reden keine Unebenheiten, keine Engstellen, kein Gefälle, keinen Tempowechsel. Sein Reden ist ein breiter, schneller Fluss, der alles mitreißt.
Er bietet jetzt Wetten an. Er wettet, dass Springer in fünf Jahren besseren Journalismus herstellen wird als jemals zuvor. Er hat die Fähigkeiten eines Hütchenspielers. Man kann ihm manchmal nur schwer folgen.
Döpfner zieht den Chart mit der Springer-Aktie aus den Papieren. Als er anfing, war die Aktie 19,33 Euro wert. Jetzt liegt sie bei 48,33 Euro. "Fast verdreifacht", sagt er. Zwischen beiden Punkten bricht die Kurve einmal senkrecht in die Tiefe, das war, als Döpfner die Deutsche Post angreifen wollte und sich mit dem Kauf eines Konkurrenzunternehmens verzockte. Da waren 572 Millionen weg. Dann kam die Finanzkrise. "Furchtbar", sagt er. Er nimmt einen Stift, setzt ihn da an, wo die Kurve bricht, zieht die Linie steil nach oben, als hätte es den Absturz nie gegeben, und sagt: "Nicht auszudenken, wenn das so gelaufen wäre."
Das Flugzeug landet am frühen Vormittag in Barcelona. Döpfner hat nur Handgepäck dabei. Er läuft mit langen, elastischen Schritten in die Ankunftshalle und sagt: "So, jetzt müsste hier ein Fahrer warten." Es ist aber kein Fahrer da. Normalerweise ist immer ein Fahrer da. Er lässt sich von einem Taxi zum Arts Hotel bringen, das Morgan Stanley für die Roadshow gemietet hat.
Man muss sich ein Fünfsternehotel, in dem eine Roadshow stattfindet, vorstellen wie einen Luxuspuff. Es gibt verschiedene Etagen mit verschiedenen Zimmern, jede Firma hat ein eigenes Zimmer. Vor den Zimmern stehen junge Frauen auf hohen Absätzen, an denen Männer auf weichem Teppichboden vorbeilaufen. Die Männer tragen Anzug und haben kein Gepäck dabei. Die Frauen klopfen gegen die Tür, die Männer huschen hinein, und nach 40 Minuten laufen sie wieder raus. Dann kommen die nächsten.
Die Aktiengesellschaft Axel Springer ist im Zimmer 606 untergebracht. In der Mitte des Zimmers steht ein runder Tisch. Neben Döpfner sitzen zwei Kollegen von Springers Finanzvorstand und ein Mann aus der Abteilung Investor Relations. Döpfner ist der Einzige ohne Krawatte. Er wird seinen Leuten später erklären, dass Krawatten in diesen Kreisen nicht mehr cool sind. Er trägt einen schwarzen Anzug und ein weißes Hemd. An seinem Jackett steckt ein Namensschild mit einem roten Balken. Rot heißt "Company". Rot tragen die, die Fragen von Leuten beantworten müssen, die Geld investieren wollen. Oder eben auch nicht.
Auf der anderen Seite des Tisches sitzt ein Mann mit grünem Balken auf dem Namensschild. Grün heißt "Investor", Grün tragen die, die Fragen stellen. Die Firma des Mannes verwaltet ein Gesamtkapital von 41 Milliarden Dollar. Das ist mehr als das Bruttoinlandsprodukt von Panama. Ein bisschen davon will Döpfner haben.
Am Handgelenk des Mannes steckt eine Rolex, er hat seine Haare mit Gel nach hinten gekämmt, im Nacken wellen sie sich in die Höhe. So sah Michael Douglas als Finanzhai Gordon Gekko in "Wall Street" aus.
Auf dem Tisch liegt ein Ringbuch mit Zahlen über Axel Springer. Auf der ersten Seite steht: "Our corporate mission: The leading digital publisher", unsere Mission: der führende digitale Verlag. Was die Leute, die in dieses Zimmer kommen, langweilt, ist der Begriff "publisher". Was sie interessiert, ist der Begriff "leading".
Auf der nächsten Seite steht eine Zahl wie ein Appetitanreger. 920 Millionen. Daneben sieht man die Logos von Zeitungen. Die Zeitungen sind weg, die 920 Millionen sind flüssig. Einer aus dem Finanzvorstand sagt: "Wir haben 95 Million Ebitda verkauft."
Ebitda ist die Währung, um die es hier geht. Grob gesagt: der Gewinn vor Steuern. Das Zeitungspaket, das Döpfner nach Essen verschoben hat, hatte ein Ebitda von 95 Millionen Euro. Verkauft wurde es für 920 Millionen, weit über Wert. Es war ein großartiges Geschäft für Springer.
Der Gegelte sitzt vor einem Laptop, manchmal schreibt er ein paar Sätze hinein, die ihm interessant erscheinen. Er blickt selten auf. Er nimmt das Ringbuch und blättert darin wie in einer einfallslosen Speisekarte. "Okay. What next?", fragt er. 920 Millionen sind eine Größe aus der Vergangenheit. Er will wissen, was in der Zukunft kommt.
Döpfner redet sich quer durch seine eigene Erfolgsgeschichte. "Unser Geschäft ist nicht, teuer zu kaufen und billig zu verkaufen", sagt er. Er redet davon, vielleicht mal etwas ganz Neues zu erfinden, "eine echte journalistische Innovation, möglicherweise?". Die 920 Millionen nennt er seine "fire power".
Der Weg von Mathias Döpfner bis hinauf in dieses Zimmer ist schwer zu begreifen. Man kann seine Karriere bei Springer vielleicht nur mit der Karriere von Angela Merkel bei der CDU vergleichen. Es sprach eigentlich alles dagegen. Döpfner hat mal Musikwissenschaften studiert. Dann wurde er Journalist und schrieb unauffällige Musikkritiken für die "FAZ". Später wurde er Chefredakteur verschiedener Zeitungen, von denen die meisten unter seiner Führung langsam verdorrten. Jetzt ist er ein CEO, der Gordon Gekko seine Aktie andrehen muss. Für Zahlen scheint er noch mehr Talent zu haben als für Buchstaben.
Erstaunt ihn das alles manchmal auch?
"Es geht immer mehr, als man auf den ersten Blick denkt. Und erst da wird es doch interessant."
Wenn man Döpfner bei so einer Roadshow eine gewisse Zeit lang folgt, erscheint einem der Verkauf seiner Zeitungen irgendwann vollkommen logisch. Sobald Mecki in die Zusammenhänge der internationalen Kapitalmärkte gerät, verschieben sich die Perspektiven.
Für den Rückflug konnte er einen Learjet organisieren. Er hat jetzt endlich Platz für die Beine. Er holt Dosenbier und Nüsse aus dem Kühlschrank und fällt in weiches, beigefarbenes Leder. Das Tischchen vor ihm ist aus poliertem Wurzelholz. Er trinkt das Bier aus und zieht sein MacBook aus der Reisetasche. Er möchte noch etwas schreiben.
Auf dem Laptop öffnet sich eine Datei, über der steht: "Leitbild der Axel Springer AG". Es geht dabei um die Frage, was für ein Laden das eigentlich ist. Ein Verlag oder eine digitale Glücksspielbude. An dem Papier arbeitet Döpfner schon seit vielen Wochen. Er ist sogar mit Führungskräften für drei Tage in den Spreewald gefahren, um an den Formulierungen zu schleifen.
"Es geht um die Sinn- und Wesensfrage dieses Unternehmens", sagt Döpfner. Das Papier ist ihm sehr wichtig.
Er setzt seine Lesebrille auf und beginnt, mit den Worten zu ringen. "Schreiben ist ein erotisches Erlebnis", sagt er. Er löscht Nebensätze und tauscht Begriffe aus. Er streicht "Content" und schreibt stattdessen "Inhalt". Aus "Inhalte-Unternehmen" macht er "Haus des Journalismus".
Das Papier ist zunächst mal für seine Belegschaft gedacht, die unruhig geworden ist. Aber da draußen versteht ihn ja auch keiner mehr.
Wenn in seinem Haus etwas los ist, guckt er gern nach, was das Feuilleton der "Süddeutschen Zeitung" oder der "FAZ" dazu sagt - die Blätter mit Niveau. Er liest da nichts Gutes mehr über sich. Sie halten ihn für einen Schönredner, einen Wachstumsjünger, einen seelenlosen Verlagsmanager. Axel Springer nannte seine Verlagsmanager "Flanellmännchen".
Flanellmännchen. Die Sache nimmt gerade keine gute Richtung.
Ein paar Wochen vor dieser Reise nach Barcelona saß Mathias Döpfner in seinem Büro in der 18. Etage des Springer-Hochhauses, er wollte erst mal ein informelles Gespräch führen und danach entscheiden, ob er sich eine Zeitlang begleiten lässt oder nicht. Er wollte wissen, worum es genau gehen soll.
Um die Frage, was er eigentlich ist. Ein Verleger oder ein Flanellmännchen.
Wenige Tage später kam eine E-Mail von seiner Sprecherin, in der Betreffzeile stand "Namen". Sie schickte, ohne dass man danach gefragt hatte, eine Liste mit möglichen Gesprächspartnern, die etwas über Döpfner erzählen könnten. Die Liste war sehr lang, sie verlief von Frank Schirrmacher über Lord Weidenfeld bis hinunter zu Guido Westerwelle. Wieder ein paar Tage danach kam die nächste Mail, sie hieß: "Noch mehr Namen". Die neue Liste begann mit Henry Kissinger. Es fehlte jetzt praktisch nur noch Warren Buffett.
Mathias Döpfner hat einen Doktor in Musikwissenschaften. Er kennt zu jeder Gelegenheit das passende Zitat von Fontane. Er hat ein eigenes Museum, ein Stück von ihm aus Stein, etwas, das bleibt. Zu Hause sammelt er "Nudes", Nackte. Er kennt sich inzwischen richtig gut aus mit Nudes. Er hat in der "Welt" mal einen Artikel über ein Gemälde von Gustave Courbet geschrieben, es heißt "L'Origine du monde". Der Artikel war 1323 Zeilen lang und schlug einen Bogen über die komplette Menschheitsgeschichte. Dabei geht es bei dem Bild zunächst mal nur um das behaarte Geschlechtsteil einer Frau.
Flanellmännchen? Pfff.
Im Learjet leuchtet Döpfners Laptop, er ist jetzt fast fertig mit dem Text. Auf der anderen Seite des Learjets sitzt einer vom Finanzvorstand. Döpfner fragt ihn: "Was halten Sie davon, wenn wir das Ganze ,Hausordnung' nennen?" Der Finanzvorstand hat auch einen Laptop geöffnet, arbeitet aber an Excel-Tabellen.
"Find ich gut", sagt er. Dann rechnet er weiter.
Döpfner findet, dass das Ganze noch kompakter werden könnte. Kurz vor der Landung schreibt er "Homepage" darüber und formuliert einen ersten Satz, den man an die Schlosskirche von Wittenberg nageln könnte. "Sinn und Seele des Unternehmens ist der Journalismus."
In Berlin hat Mathias Döpfner eine Verabredung mit Friede Springer. Er hat einen Kleinbus gemietet, um ihr die neue Welt zu zeigen. Friede Springer ist 71 Jahre alt, sie war die fünfte und letzte Frau des Verlagsgründers. Sie sitzt in der Reihe hinter dem Fahrer, am Fenster. Was sie weiß, ist, dass das Geld von den Zugkräften der neuen, digitalen Welt angesaugt wird und sich darin irgend-wie vermehrt. Aber sie hat keine Ahnung, wie es in dieser Welt aussieht. Sie kann E-Mails schreiben und Kurznachrichten verschicken, die sie mit einem Finger in ihr Mobiltelefon tippt. Das ist alles.
Döpfner hat eine Tour zu verschiedenen Start-ups organisiert, jungen Internetunternehmen mit Wachstumschancen. Sie hält eine abgegriffene Ledertasche mit beiden Händen auf dem Schoß. Sie guckt aus dem Fenster und verarbeitet ihre Eindrücke. Sie versucht zu verstehen, wo ihr ganzes Geld hingeht.
Döpfner sitzt auf dem Platz neben ihr. Er trägt einen weiten schwarzen Mantel. Von hinten betrachtet sieht er aus wie ein Kardinal. Er neigt sich hinunter zu Friede Springer und fragt: "Und, Friede? Ist alles gut für dich?"
"Ach, ja, es ist interessant", sagt sie, "aber man versteht ja nur die Hälfte. Höchstens."
Vorhin haben sie ein Gebäude besichtigt, das früher, als Springer noch eine rechte Festung war, als Notredaktion diente. Für den Fall, dass Rudi Dutschke das Haupthaus räuchert. Jetzt wuselten junge Start-up-Leute durch die Räume, die von Springer mit Geld unterstützt werden. Die Wände sind mit Graffiti beschrieben. "Saufen, ficken, malen", solche Dinge stehen da. Friede Springer lief in einem tadellos gebügelten Kostüm daran vorbei und ließ sich von den jungen Leuten deren Geschäftsmodelle erklären.
Die meisten sprachen Englisch. Manche Begriffe pfiffen wie Kugeln durch den Raum, von "Hashtags" war die Rede, von "Slash" und "drag and drop". Friede Springer hörte still zu. Als jemand von einem "Banner" sprach, fragte sie: "Ein Banner? Was ist ein Banner?" Mathias Döpfner stand Gott sei Dank direkt neben ihr und sagte: "Im Internet nennt man eine Anzeige ein Banner."
Der Kleinbus ruckelt über die löchrigen Berliner Straßen.
"Weißt du", sagt Döpfner zu Frau Springer, "ich bemühe mich ja immer, verständlich zu sein, aber manchmal geht es nicht anders."
"Ich weiß ja", sagt sie.
Sie halten vor einem Haus, an dem Friede Springer erst mal das schöne Jugendstil-Treppenhaus auffällt. Ein Verlag für Online-Medien hat hier seine Büros. Der Chef ist ein Asiate, der akzentfrei Deutsch spricht.
Das Gespräch dauert eine halbe Stunde. Es ist wieder alles schwer zu verstehen. Am Ende fragt der Asiate, ob Frau Springer noch etwas wissen möchte.
"Ja", sagt sie, "eine Frage habe ich: Sind Sie Japaner?"
"Nein, ich komme aus Südkorea."
"Ich liebe Südkorea", sagt Friede Springer.
Sie greift ihre Ledertasche und läuft das Treppenhaus hinunter. Draußen wartet ihr Fahrer. Döpfner wollte ihr noch sechs andere Start-ups zeigen, aber sie möchte jetzt nach Hause. Sie liest gern gute Bücher auf Papier.
Döpfner klettert in den Kleinbus zurück, er setzt sich auf ihren Platz am Fenster und sieht ein bisschen alleingelassen aus.
Er sagt: "Wir leben in einer neuen Gründerzeit. Wie 1871 oder ab 1946. Wir brauchen journalistische Erfindungen für die digitale Welt. Wir brauchen die große Idee."
Hat er eine?
"Vielleicht hat sie einer im Unternehmen schon, aber ich kenne sie noch nicht", sagt Döpfner.
Am nächsten Morgen öffnet Friede Springer die Tür zu ihrem Büro, es ist nur ein paar Schritte von Döpfners Büro entfernt, aber wenn man hineingeht, glaubt man, dass sie und er in verschiedenen Firmen arbeiten. Die Wände sind mit dem dunklen Holz der Douglasfichte verkleidet, alte, in Leder gebundene Bücher mit Goldschnitt bedecken die Wände wie Schlingpflanzen, auf der Fensterbank stehen gerahmte Fotos von Axel Springer. Früher hat Springer in diesem Büro gearbeitet. Der Kalender auf dem Schreibtisch ist seit seinem Tod nicht mehr umgeschlagen worden. Man erkennt auf blass gewordenem Papier noch das Datum, 22. September 1985.
"Ich habe hier nichts verändert", sagt Friede Springer. Sie lebt in ihrem Büro wie eine stille Museumswärterin. Sie ist eine gläserne, irgendwie züchtige Gestalt, mit der man auf den ersten Blick nichts Mitleidloses verbinden würde.
Kurz vor seinem Tod sagte Springer zu seiner Frau: "Friede, du machst das schon." Sie hat das als wirtschaftlichen Auftrag verstanden, nicht als inhaltlichen. Von Journalismus hatte sie keine Ahnung, von Geld irgendwann schon. Man kann sie leicht unterschätzen.
Sie setzt sich vorsichtig auf einen cremefarbenen Sessel und sagt, man möchte bitte auf dem Sofa gegenüber Platz nehmen. "Da sitzt Mathias immer, wenn es etwas zu besprechen gibt."
Friede Springer ist die Patentante von Döpfners zweitem Sohn. Als neben seinem Grundstück am Heiligen See in Potsdam eine Villa frei wurde, zog Friede Springer ein. Später kaufte Döpfner ein noch größeres Grundstück, er zog weiter. Und Friede Springer zog wieder aus, sie wollte da nicht allein leben. Sie hat Döpfner vor einiger Zeit ein Aktienpaket im Wert von 73 Millionen Euro geschenkt, damit er nie mehr weggeht. "Er hat ja so viele Verbindungen in Amerika", sagt sie.
Sie hat ihn vor vielen Jahren bei einem Abendessen im Haus des Historikers Arnulf Baring kennengelernt. "Alles, was er sagte, gefiel mir. Ein Journalist mit Unternehmergeist - da dachte ich: Solche Leute brauchen wir."
Möglicherweise haben die 2,02 Meter eine Rolle gespielt. Von einem, der 2,02 Meter groß ist, muss man annehmen, dass er weit sehen kann. Außerdem ist es schon ein Unterschied, ob man mit 1,80 Metern Fontane zitiert oder mit 2,02 Metern.
Warum hat sie ihn eigentlich zum Vorstandsvorsitzenden gemacht?
"Wir Frauen haben ein schnelles Gefühl", sagt sie.
Es gibt ein Schwarzweißfoto von Axel Springer, auf dem er neben einer Druckmaschine steht, mit dem "Hamburger Abendblatt" in der Hand. Es ist ein Foto voller Stolz. Man fragt sich, ob Friede Springer alles richtig findet, was Döpfner mit ihrem Unternehmen macht.
"Ich sehe ja, dass es mit den Zeitungen", ihre Fingerspitzen zeigen zu Boden, "nach unten geht, nicht?"
Sie bekommt jeden Morgen eine Mappe mit dem Wichtigen auf den Schreibtisch. Das Wichtigste sind die Kurven. Die Kurven, die nach unten laufen, sind die Zeitungskurven. Die Kurven ihres Mannes, wenn man so will. Die Kurven, die nach oben gehen, sind die Digitalkurven. Döpfners Kurven.
Über die Richtung sind sie sich einig, der Rest ist seine Sache. "Ich vertraue ihm. Er will und wird dafür sorgen, dass wir ein Verlag bleiben. Wir sind uns einig, dass wir hier nicht mit Matratzen handeln", sagt Friede Springer.
Irgendwann im Frühjahr vergangenen Jahres kam Döpfner herüber. Sie hört immer schon an seinen Schritten, wenn etwas Wichtiges ist. Er stand vor ihrem Schreibtisch und sagte: verkauft.
Wie ging es ihr, als Döpfner zum ersten Mal mit der Idee kam?
"Als ich das gehört habe, habe ich einige Fragen gestellt und dann zugestimmt. Natürlich hatte ich auch eine Träne im Auge. Das ist ja DNA von Axel Springer."
Sie nennt ihren Mann immer Axel Springer, wie einen Fremden. Oder ein Idol. Aber so wertvoll, dass sie damit untergehen würde, ist Axel Springers DNA dann auch wieder nicht.
Wer Friede Springer einmal in ihrem Büro besucht hat, versteht, dass sie ein romantisches Verhältnis zu ihrem Mann hat, nicht zu dem, was er vor vielen Jahrzehnten mal aus der Druckmaschine gezogen hat. Sie kann das eine offenbar vom anderen trennen. Sie hat ein wirtschaftliches Interesse an ihrem Unternehmen, kein journalistisches. So gesehen hat Mathias Döpfner freie Bahn.
Alfred Neven DuMont war 24, als er von Köln nach Hamburg zog, um beim "Hamburger Abendblatt" ein Volontariat zu machen. Sein Vater war Zeitungsverleger, Neven DuMont musste das Handwerk lernen. Alle 14 Tage kam Axel Springer in die Redaktion und baute Zeitungsseiten zusammen. Neven DuMont konnte Springer dabei zusehen. "Er hat das mit einer unglaublichen Liebe gemacht, er war ein Blattmacher von Geblüt", sagt er.
Neven DuMont erzählt über seine Begegnungen mit Springer in seinem Kölner Büro, in dem er sich einen Schlafplatz eingerichtet hat. Er ist 86 Jahre alt, kommt aber immer noch jeden Tag in den Verlag. Er besitzt eine Reihe von Regionalzeitungen, einigen davon geht es im Moment nicht besonders gut. Als Mathias Döpfner schon irgendwelche Internetportale einsammelte, kaufte Neven DuMont die angesehene, aber kranke "Frankfurter Rundschau". Wirtschaftlich hatte er eine falsche Entscheidung getroffen. Aber er dachte, man müsse die Zeitung retten.
"Im Nachhinein muss man sagen: Es war wohl ein bisschen zu leidenschaftlich, voll von gutem Willen." Die "Frankfurter Rundschau" war nicht zu retten. Neven DuMont hat das viel Geld gekostet.
Er sitzt hinter seinem Schreibtisch wie ein König. Aus seiner Westentasche hängt die goldene Kette einer Taschenuhr, seine Beine liegen auf einem großen Kissen, das mit weichem Leder bezogen ist. Um ihn herum erheben sich kleine Türme aus Tageszeitungen. Wenn Renoir einen Verleger in Öl gemalt hätte, wäre Alfred Neven DuMont dabei herausgekommen.
"Was Döpfner macht, ist mir unverständlich. Zum einen weil man so mit einem Erbe nicht umgeht. Zum anderen weil ich an die Zeitung glaube", sagt er. "Döpfner betreibt Verrat an der Sache."
Neven DuMont hat ein politisches Interesse an Zeitungen, nicht nur ein ökonomisches. Er ist in der Nazi-Zeit groß geworden. Demokratien beginnen auf dem Boden, sagt er, "und der Boden, das sind für mich die Lokal-, die Regionalzeitungen".
Für Mathias Döpfner sind Regionalzeitungen Wachstumsbremsen. Döpfner hat ein ökonomisches Interesse an Zeitungen, kein politisches. Er hat jetzt noch die "Bild"-Zeitung, die macht immer Geld. Er hat die "Bild am Sonntag", und wenn er da zur Blattkritik eingeladen wird, heißt sein erster Satz: "Sie sind der Stolz des Hauses, denn Sie sind das Blatt mit dem größten Gewinn pro Exemplar." Er hat auch noch die "Welt", die noch nie Geld gemacht hat. Es gibt Leute in Berlin, die sagen, dass es die "Welt" nur noch gibt, damit Friede Springer und Mathias Döpfner auf kultivierten Empfängen sagen können, sie hätten ja auch noch etwas mit Niveau.
Der Wert von Journalismus ist für Döpfner eine Frage der Abwägung. Verkauft er seine Zeitungen, stößt er seine Belegschaft vor den Kopf und reizt das Feuilleton. Verkauft er sie nicht, verängstigt er die Aktionäre und bringt Friede Springer möglicherweise auf dumme Gedanken.
Am Ende geht es ja auch um seinen eigenen Kurswert. Hätte er ein übergeordnetes Interesse an Zeitungen, könnte er dem Gegelten sagen: Hör zu, Mann, wir leisten uns hier Sachen, von denen du nichts verstehst, aber unser Ebitda ist trotzdem Weltklasse. Aber das macht Döpfner ja nicht.
"Ich bin der Spiritus Rector der Redakteure", sagt Alfred Neven DuMont. "Man muss doch Leidenschaften haben. Das Schlimmste für mich wäre, Bankier zu sein und nur noch an das Geld denken zu müssen."
Kann man Mathias Döpfner als Verleger bezeichnen?
Neven DuMont sagt: "Diese Frage hat er selber beantwortet. Hat er irgendetwas davon bewiesen? Eine geistige, publizistische Tat?"
Man kann Alfred Neven DuMont glauben, dass ihn der Wunsch nach gutem Journalismus antreibt. Bei Mathias Döpfner sollte man da vorsichtig sein. Er hat sich für einen Supermarkt entschieden. Wenn er von Qualitätsjournalismus redet, meint er damit wahrscheinlich kleine Ruhezonen. Kleinode, in denen man sich bei dem ganzen Gewimmel niederlassen kann. Wenn er seinen Supermarkt verkleinern müsste, wenn er sich entscheiden müsste zwischen den Ruhezonen und den Schweinekoteletts, dann flögen die Ruhezonen raus. Er könnte vermutlich auch Vorstandsvorsitzender von BASF sein.
Kurz vor Weihnachten lädt Mathias Döpfner ein paar wichtige Leute in die 19. Etage seines Hochhauses in Berlin ein. Es werden Sektgläser und warme Gerichte auf kleinen Tellern herumgetragen. Döpfner hat eine gute Nachricht zu verkünden, die etwas mit Journalismus zu tun hat. Er hat Stefan Aust gekauft. Aust, der ehemalige Chefredakteur des SPIEGEL, wird Herausgeber der "Welt". Außerdem hat Springer Austs Nachrichtensender N24 übernommen. Alles zusammen hat rund hundert Millionen Euro gekostet. In Stefan Aust steckt also gewissermaßen das komplette Ebitda all der Blätter, die jetzt weg sind.
Man kann nicht behaupten, dass Aust eine neue Erfindung wäre. Nicht die große, digitale Idee, die Döpfner brauchte. Aber Aust ist immerhin mehr als ein dazugekauftes Internetportal.
Aust steht in einem Raum, den man bei Springer den "Journalistenclub" nennt. Der Journalistenclub ist ein Salon für ältere Herren, die gern in tiefen Lesesesseln sitzen und zum Cognac eine gute Zigarre rauchen. An den Wänden hängen Bilder und Urkunden aus der ersten Hälfte des vorigen Jahrhunderts. Das Gemälde eines Zeitungsverkäufers, die Lizenz der Militärverwaltung.
Aust reicht Döpfner nicht mal bis zur Schulter. Er steht neben ihm wie sein persönlicher Journalistenpreis. Mathias Döpfners Karriere scheint damit verbunden zu sein, dass er sich zur richtigen Zeit auf kleinere Leute stützen kann. Friede Springer hat ungefähr dieselbe Größe wie Stefan Aust.
Während der Feier kommt noch einmal eine Mail von Döpfners Sprecherin. In der Betreffzeile steht diesmal "Unterlagen". Sie schreibt: "Habe einen Leitz-Ordner mit Lesestoff für Sie." Döpfner hat einen Band mit Zeitungsartikeln zusammenstellen lassen, die er selbst geschrieben hat. Als müsse er sich irgendwo als Journalist bewerben. Der Ordner ist nach Jahrgängen sortiert und beginnt im Jahr 1987.
Unten, vor dem Eingang zum Springer-Hochhaus, werden Umzugswagen beladen. Am Tag, an dem Stefan Aust einzieht, zieht die "Berliner Morgenpost" aus. Sie war ein kleiner Teil des großen Pakets, das Mathias Döpfner verkauft hat.
Am Abend läuft er an den Umzugsleuten vorbei in die Tiefgarage. Er hat für 19 Uhr einen Tisch in der Paris Bar bestellt. Er steigt in einen gepanzerten Audi A8, bei dem man die Lehne des Vordersitzes abgeschraubt hat, damit Döpfner seine Beine ablegen kann.
Morgen Abend, sagt er, mache die "Morgenpost" eine Feier in ihren neuen Räumen. Er sei da eingeladen. Und er werde auch hingehen. "Man darf sich in so einer Situation nicht verstecken", sagt Döpfner.
Er erfährt, dass diese Feier heute ist, nicht morgen.
Er zieht sein Telefon aus der Tasche und ruft im Büro an. "Wann ist diese Feier bei der ,Morgenpost'? Heute oder morgen?", fragt er. Dann bittet er darum, die Reservierung in der Paris Bar um eine Stunde zu verschieben. Sein Fahrer bringt ihn zum neuen Redaktionsgebäude der "Morgenpost", Döpfner läuft mit schnellen Schritten hinauf, er kommt rechtzeitig zu den Reden. Danach muss er einen großen Kuchen anschneiden, mit der "Morgenpost" aus Marzipan obendrauf. Er geht ans Fenster, von hier oben sieht man die Gedächtniskirche leuchten. "Also, die Aussicht ist wirklich unbezahlbar, das muss man sagen", sagt er.
Später in der Paris Bar bestellt er Weinbergschnecken, Huhn und guten Bordeaux. Vor den Schnecken kommt ein Zeitungsverkäufer mit den Blättern von morgen. Döpfner hätte gern eine "BZ" und eine "Berliner Morgenpost".
"1,70 Euro", sagt der Zeitungsverkäufer.
Döpfner zieht sein Portemonnaie aus der Gesäßtasche und sucht nach einem Schein. Vorn in seinem Portemonnaie sind Dollar-Scheine, dahinter Euro-Scheine. Es ist ein internationales Portemonnaie. Ein Springer-Portemonnaie.
"Oh, das tut mir leid", sagt Mathias Döpfner.
Er hat nur einen 200-Euro-Schein. Der Verkäufer geht weiter und versucht, seine Zeitungen an einen anderen zu verkaufen. ◆
Von Matthias Geyer

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