27.01.2014

THAILANDBlut, Bier und Tränen

Beim Konflikt zwischen Regierung und Opposition geht es um Macht und Pfründen, aber die gesellschaftlichen Bruchlinien gehen tiefer. Zu Besuch bei einem Bauernführer im Norden und der Erbin eines Brauerei-Imperiums in Bangkok.
Was ist bloß los mit den Menschen in diesem traditionellen Land der Sanften, das nie fremde Kolonialherren erdulden musste, das seit mehr als 80 Jahren eine konstitutionelle Monarchie ist und wo das Frauenwahlrecht weit früher als in der Schweiz eingeführt wurde? Was passiert da gerade in diesem Urlauberparadies, diesem Tigerstaat, dessen Wachstumsrate 2012 bei 6,5 Prozent lag, die Zukunft voller Hoffnung?
Seit November protestieren Zehntausende Demonstranten auf den Straßen von Bangkok. Neun Regierungsgegner sind gestorben, mehrere Dutzend wurden teils schwer verletzt. Jeder scheint sich zum Kampf gegen jeden verschworen zu haben, und fast täglich werden die Töne schriller, aggressiver, unversöhnlicher. Die "Roten" aus dem rückständigen Bauernland wüten gegen die "Gelben" in der Hauptstadt. Dauerprotestierer, die wichtige Schaltstellen Bangkoks lahmlegen, verspotten eine hilflose Regierung, die sich am Dienstag vergangener Woche nicht mehr anders zu helfen wusste, als für die nächsten 60 Tage in und um die Hauptstadt den Notstand zu verhängen. Mit möglichen Ausgangssperren und verschärften Polizeiaktionen - für Geschäfte und Hotels in der Hauptsaison eine Katastrophe.
Aber nicht allein dieses Selbstzerstörerische ist so verblüffend und deprimierend. Denn anders als bei anderen Aufständen der vergangenen Jahre, bei den orange- oder safranfarbenen Revolutionen in der Ukraine und in Burma oder - wenigstens zum Anfang - auch beim Arabischen Frühling, geht es hier nicht um freie Wahlen oder eine größere Mitbeteiligung des Volkes. In Thailand scheinen beide Seiten das gegenteilige Ziel anzustreben: Weniger Demokratie wagen!
Die jetzige Regierungschefin Yingluck Shinawatra kann sich auf ein Mandat des Volkes berufen und möchte sich am kommenden Sonntag unter den Bedingungen des Ausnahmezustands noch einmal im Amt bestätigen lassen. Sie gilt als Marionette ihres milliardenschweren Bruders Thaksin Shinawatra, der sich während seiner Zeit als Premier viele Feinde gemacht hat, wegen Korruption verurteilt wurde und nun im Exil lebt. Und der einst offen sagte, wer ihn nicht gewählt habe, dürfe nicht damit rechnen, dass er etwas für ihn tue. Der Populist setzte auf Geschenke für die unterprivilegierten, bevölkerungsreichen Nordprovinzen. Für die Eliten und den Mittelstand in den Großstädten hatte er wenig übrig. Seine Schwester führt diese Politik fort. Gegen viele ihrer Vertrauten - und neuerdings auch gegen sie selbst - ermittelt unterdessen die Antikorruptionskommission.
Der Anführer der Straßenproteste ist Suthep Thaugsuban, er fordert die Ministerpräsidentin zum Rücktritt auf - und droht, sie andernfalls zu entführen. Die Regierung will er durch einen nach seinem Geschmack zusammengestellten "Volksrat" ersetzen. "Ich werde diese Wahlen nicht zulassen", sagt der frühere Vizepremier. Erst später, wenn Reformen nach seinen Vorstellungen durchgeführt worden seien, dürften die Thailänder zu den Urnen gehen, um dann wohl möglichst ihn zu wählen.
Es ist ein Krieg zwischen politischen Parteien, zwischen den etablierten Führern mit ihren übergroßen Egos, ein Kampf um Macht und Pfründen. Aber er hat auch eine andere Ebene, und erst da zeigen sich die wahren, tieferliegenden Bruchlinien dieser Gesellschaft. Man kann sie spüren, wenn man einen charismatischen Dorfvorsteher im Nordosten trifft und eine Milliardenerbin in der Hauptstadt. Zwei Kontrahenten, die sich persönlich nur flüchtig kennen - und doch so bedrohlich nahegekommen sind.
IM HERZLAND DER ROTEN. Udon Thani nennt sich "Hauptstadt der Roten". Mit Kommunisten hat das nichts zu tun, obwohl diese während des Vietnam-Kriegs hier geheime Basen hatten. Rot, das ist die Farbe der Thaksin-Anhänger. Udon Thani ist eine staubige Stadt im Nordosten, knapp 500 Kilometer Luftlinie von Bangkok - und in seiner Entwicklung Lichtjahre entfernt.
Wie eine umgestülpte Mülltonne wirken die Außenbezirke, im Chaos der Hütten haben sich neben den Lagerhallen einige Kleinfabriken für Plastikwaren etabliert. Die Attraktion sind ein Kentucky Fried Chicken und zwei McDonald's. Und doch ist der Lebensstandard in dieser Provinzstadt mit über 200 000 Einwohnern noch ungleich höher als in den umliegenden Dörfern, wo die Farmer auf kleinen Feldern den mäßig fruchtbaren Böden zwei Reisernten pro Jahr abringen. Die Region Isaan gilt als das Armenhaus des Landes, mit Bewohnern, die es allenfalls zu Hilfskräften in der Hauptstadt bringen - wenn sie es überhaupt weg von ihrer Scholle schaffen.
Es gibt nur eines, was im Norden und Nordosten reichlich vorhanden ist: Menschen. Es bedurfte eines gerissenen Geschäftsmannes wie Thaksin Shinawatra, um zu erkennen, was das bedeutet: Wähler. Und zwar: gut ein Drittel aller Wahlberechtigten im Land. Er musste die politisch Uninteressierten und Desillusionierten nur an die Urnen bringen. Thaksin und später seine Schwester versprachen mehr Geld, bessere Straßen, Gesundheitsvorsorge - und zumindest teilweise lieferten sie auch. Seit 2001 hat die Familie keine Wahl verloren, auch diese Wahl könnte sie wieder gewinnen. Und sie schuf mit immer neuen Subventionen überall Strukturen, die absichern, dass das auch so bleibt.
Das Hauptquartier der Rothemden liegt etwa 15 Kilometer außerhalb von Udon Thani auf einem Feld. Ein buddhistischer Altar, Verkaufsstellen für Hemden und Plakate, im zweiten Stock eine Radiostation. Und überall Bilder vom Bauernführer Kwanchai Praipana, mal mit der Premierministerin, mal bei einem Dorffest in einem Meer von Rot.
"Wir sind eine friedliebende Bewegung, keiner von uns trägt Waffen", sagt der bullige Kwanchai Praipana, 62, vom Typ eher Freistilringer in der Schwergewichtsklasse als Bauer. "Deshalb ist es auch ein bösartiges Gerücht, dass wir etwas mit den Anschlägen in Bangkok zu tun haben." Und das Poster im Hauptquartier, das ihn als waffenstarrenden Rambo zeigt? "Eine Fotomontage, ein Geschenk von Freunden", lässt der Bauernführer leicht verlegen seine Tochter erklären, die als Radiomoderatorin ebenfalls in der Bewegung aktiv ist.
Was hält er von den "Gelben"? Er spuckt seine Verachtung förmlich aus: "Verwöhnte Großstädter, die versuchen, die Macht an sich zu reißen. Wir dagegen setzen auf den Willen des Volkes."
Würde denn die Regierung die Wahlen wieder so klar gewinnen? "Wir kriegen mindestens 90 Prozent. Früher gab es hier in der Gegend weder asphaltierte Straßen noch Elektrizität oder fließendes Wasser. Das alles verdanken wir den Shinawatras, den ersten Politikern, die nicht auf uns herabgesehen, sondern uns ernst genommen haben. Wenn Sie mir nicht glauben, fahren Sie doch in eines der Dörfer."
Ku Keaw ist so ein Dorf, mit einer Handvoll Häusern und Hütten zwischen Reisfeldern, 80 Kilometer östlich. Gerade findet ein Treffen des örtlichen Rothemden-Komitees statt. Zwei Männer und ein gutes Dutzend Frauen kauern sich auf dem Boden im Schneidersitz nebeneinander. Wenn die Rede auf "diese Helden-Familie", die Shinawatras, kommt, recken sie die Fäuste. "Wir wollen wählen, und wir wollen, dass unsere Stimme zählt", sagt eine Frau, die ein T-Shirt mit dem Abbild der Premierministerin trägt. "Und wenn unser Führer Kwanchai es will, brechen wir alle nach Bangkok auf."
Die meisten aus dem Dorf waren vor kurzem schon einmal mit einem vom Bauernführer angemieteten Bus in der Hauptstadt. Gefallen hat es keinem dort. "Der Schmutz, der Verkehr, die Preise, und überall diese Gelben!"
Besorgt es sie gar nicht, dass die Regierung jetzt schon seit Monaten nicht mehr für ihre Reislieferungen bezahlt? Denn die Regierung hatte den Bauern feste Abnahmepreise versprochen, und zwar weit mehr, als auf dem Weltmarkt zu erzielen ist. Dass die Gelder ausblieben, liege an der demonstrierenden Opposition, sagen die Frauen. Aus anderen Landesteilen berichtet Thailands Presse allerdings, dass manche Bauern wegen eingefrorener Zahlungen beginnen, sich gegen die Regierung zu wenden.
Das Feindbild von Kwanchai Praipana und seinen Anhängern verkörpert eine Frau ganz besonders: die 28-jährige Milliardenerbin eines Brauereikonzerns, Chitpas Bhirombhakdi. Sie ist bekannt für ihre besonders feurigen Reden bei den Protestkundgebungen der Gelben, und sie gehört auch politisch zum inneren Zirkel der Opposition. Vor kurzem sagte sie: "Vielen Thais fehlt das richtige Verständnis für Demokratie, besonders denen in ländlichen Gebieten."
Kwanchai sieht darin dieses "hässliche Stereotyp der Dummen, Ungebildeten, Rückständigen im Norden, sie treibt
einen Keil zwischen uns Thais. Dabei müsste sie doch wissen, dass ein großer Teil ihrer Unternehmensgewinne von uns kommt." Deshalb hat er eine Demonstration gegen einen Betrieb der Brauereikette gestartet und zu einem Boykott des besonders populären Singha-Biers aufgerufen. Der Verkauf ging zeitweise drastisch zurück.
Aber nicht nur deshalb ist der Bauernführer aus dem Nordosten zur Hassfigur für die Gelben geworden. Er steht mit seiner einfachen Herkunft, seinem Selbstbewusstsein und seinem wachsenden Einfluss für alles, was die Radikalen von der anderen Seite verabscheuen. Und was die Militärs fürchten. "Sollte die Armee einen Putsch wagen, garantiere ich, dass alle Nordprovinzen aufstehen und das Land in Flammen aufgehen wird", droht der Bauernführer von Udon Thani.
Am vorigen Mittwoch, keine 48 Stunden nach dem Treffen mit dem SPIEGEL, wird Kwanchai Praipana von Unbekannten vor seinem Haus niedergeschossen. Etwa 30 Kugeln werden abgefeuert, die Täter können fliehen. Kwanchai überlebt schwerverletzt - und will seinen Kampf jetzt noch entschlossener fortsetzen.
IM ZENTRUM DER GELBEN. Wo steckt die Erbin des Bierimperiums, die in den ersten Tagen der Massendemonstrationen gegen die Regierung so gegenwärtig war, das schönste Gesicht des Aufstands, die Jeanne d'Arc des Großkapitals, die Ikone der Möchtegern-Revolution?
Frau Chitpas habe sich vorübergehend zurückgezogen, heißt es am Victory-Monument, einem der sieben Hauptversammlungsplätze der Gelbhemden in Bangkok. In einer knappen Erklärung entschuldigt sie sich für die "Missverständnisse", sie habe nie auf die Menschen im nördlichen Bauernland herabgeblickt.
Der Boykott hat offenbar Wirkung gezeigt. Es gibt Ärger mit der Familie, die Eltern bestehen darauf, dass sie ihren Namen ändert, um ihre politischen Ambitionen zu verfolgen, ohne dem Geschäft zu schaden. Und doch sagen Experten der glamourösen Tochter der Oberschicht noch eine große Karriere voraus, vor allem bei einer Machtübernahme der derzeit so wenig auf Demokratie setzenden Demokratischen Partei.
Es war wohl trotz aller großsprecherischen Ankündigungen nie die Absicht der Protestführer, ganz Bangkok lahmzulegen. In den Fünfsternehotels und Einkaufszentren am Fluss Chao Phraya läuft das Leben normal, nur etwas ruhiger als sonst. Die Gelben aber haben mit ihren spektakulären Aktionen wichtige Verkehrsadern blockiert, so wie im Geschäftsviertel Silom. Tausende kampieren da auf den Straßen, treffen sich zu Sit-ins und öffentlichem Händchenhalten. Ganz fried-lich und wohlgesittet geht es zu, T-Shirts und Trillerpfeifen werden verkauft, alles wirkt sehr gut organisiert, auch die kostenlose Essensausgabe.
Doch die Volksfestatmosphäre kann schnell umschlagen. Etwa wenn ein besonders radikaler Block von Studenten die Börse besetzen oder die Behörde für Flugaufsicht stürmen will, was den gesamten Luftverkehr nach Bangkok stoppen könnte. Oder wenn, was in den vergangenen zehn Tagen zweimal passierte, Sprengsätze in die Menge geworfen werden. Wenn Blut fließt.
Auch als der Ausnahmezustand Ende vergangener Woche schon in Kraft getreten ist, nimmt die Zahl der Demonstranten kaum ab. Viele erzählen, dass sie die "einseitige Bevorzugung" der Unterklassen leid seien, dass die Shinawatras mit ihren Milliardensubventionen an die Bauern das Land ruinierten - und dabei die Belange der Mittelklasse sträflich vernachlässigten. "Wir lassen uns von nichts abbringen und kämpfen bis zum Sieg", ruft ihr Anführer Suthep ein ums andere Mal ins Mikrofon.
Wie bei allen Hauptakteuren des Konflikts gehen auch bei ihm die persönlichen und die politischen Motive Hand in Hand: Suthep ist gegen Kaution auf freiem Fuß, wegen seiner Rolle bei den blutigen Unruhen 2010 läuft gegen ihn eine Anklage wegen Mordes.
"Wenn alle Seiten unrecht haben, kann es kein Recht geben", sagt der Bangkoker Kommentator Voranai Vanijaka. "Das Thailand von heute ist die historische Konsequenz unserer feudalistischen Vergangenheit. Wir mögen uns wirtschaftlich, technologisch und auch institutionell entwickelt haben, aber unsere DNA basiert auf einem Netz von Hierarchien, Beziehungen und Vetternwirtschaft."
Die Interessengruppen haben sich ohne Zweifel rettungslos ineinander verhakt - gibt es denn gar keinen, der den Knoten noch entwirren könnte?
"Bricht Gewalt aus und gerät die Lage außer Kontrolle, muss die Armee einschreiten und die Probleme lösen", sagt Armeechef Prayuth Chan-ocha - und betont gleichzeitig, dass er so etwas nicht wolle. Das Militär würde sich wohl auf die Seite der Gelben und gegen die Regierung stellen. Die Generäle fühlen sich den oberen Zehntausend näher als den Millionen vom Land.
Und dann ist da noch der König, von allen verehrt. Auch er gilt als eher den Bangkoker Eliten zugeneigt, auf seine Vermittlungsbemühungen müssten wohl alle hören. Aber Seine Majestät geruht zu schweigen. Zuletzt hat er sich Anfang Dezember mit einem sehr allgemeinen Appell für die Einheit des Landes ausgesprochen. Es war eine kurze Rede, mit brüchiger Stimme vorgetragen. König Bhumibol ist 86 und gesundheitlich angeschlagen; Kronprinz Maha hat nicht ansatzweise die Popularität seines Vaters und gilt als Lebemann.
So warten alle von Bangkok bis Udon Thani auf die nächste Eskalationsstufe, auf irgendeine neue Partei, eine dritte Farbe neben Rot und Gelb, die ein Wunder schaffen könnte.
"Thailand riskiert, ein gescheiterter Staat zu werden, das Ansehen unseres Landes sinkt ständig", klagt der frühere Vizepremier Somkid Jatusripitak. Und nennt als Beleg einen Slang-Begriff, der sich gerade im Internet einbürgert. "Don't Thai to me", was so viel heißt wie: Tu mir das nicht an!
* Am 22. Januar in Udon Thani.
Von Erich Follath

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