03.02.2014

Töne verbinden

GLOBAL VILLAGE: Wie ein gelernter Banker die Weltsprache Chinesisch für Nichtchinesen lesbar machte
Die Gasse, in der er wohnt, heißt Houguaibang Hutong. So steht der Name unten am Straßenschild, so steht er im Stadtplan von Peking, so auch auf Google Earth. Und nur so ist die Adresse für Menschen zu lesen, die keine chinesischen Schriftzeichen entziffern können. Der Mann hat sich durchgesetzt.
Zhou Youguang ist 108 Jahre alt und schwerhörig, er sitzt zusammengesunken an einem kleinen Schreibtisch in seiner Wohnung in Peking. Sein Sohn Xiaoping, 79, stellt ihm eine Tasse Tee hin. Zhou schiebt sie weg.
"Wir hatten in den fünfziger Jahren drei Dinge vor", sagt er. "Erstens eine Standardsprache zu schaffen, damit sich alle Chinesen verständigen können, zweitens die alten Schriftzeichen zu vereinfachen - und drittens eine alphabetische Umschrift des Chinesischen zu entwickeln. Mit dieser Aufgabe wurde ich betraut."
Warum Mao Zedong und die anderen Führer der Kommunistischen Partei gerade auf ihn gekommen waren, ist ihm bis heute nicht ganz klar. Er sei ein Amateur, sagte er ihnen damals. "Sie sagten mir: ,Wir sind alle Amateure.'"
So wurde Zhou Youguang zum Schriftreformer Chinas. So fing er an, den Alltag der Chinesen zu verändern und die Weltsprache Chinesisch für andere Kulturen zu öffnen.
Zhou war fast 50 Jahre alt, als ihn der Auftrag ereilte. Doch anders als Mao Zedong hatte Zhou die Welt gesehen: 1906 als Spross einer wohlhabenden Familie im kaiserlichen China geboren, studierte er in Shanghai und Japan Wirtschaft und Linguistik und wurde Banker. 1946 ging er für die Xinhua-Bank nach New York.
Kurz vor der Gründung der Volksrepublik 1949 kam er zurück. "Wie die meisten Intellektuellen war ich damals für die Kommunisten", sagt er. "Sie hatten uns schließlich versprochen, eine Demokratie zu errichten." Wieder schiebt ihm sein Sohn die Teetasse hin, wieder schiebt Zhou sie weg.
Er wurde Wirtschaftsprofessor in Shanghai und schrieb ein Buch über die Vorteile von Buchstabenschriften beim Spracherwerb. Mao hörte von Zhous Buch und schickte seinen Sekretär nach Shanghai. 80 Prozent der Chinesen waren zu der Zeit Analphabeten - die Idee einer simplen Schrift für alle interessierte Mao.
Jahrhundertelang hatten sich Gelehrte den Kopf zerbrochen, wie das Chinesische mit seiner komplizierten Schrift, seinen vier unterschiedlichen Betonungen und seiner Mehrdeutigkeit in Buchstaben zu fassen sei. Viele der gut 400 Silben des Chinesischen sind mit Dutzenden Bedeutungen befrachtet.
Welches Alphabet aber sollte man nehmen? In den fünfziger Jahren drängte sich das kyrillische des sozialistischen Bruderstaates Sowjetunion auf. Der US-Rückkehrer Zhou hielt das für Unsinn. Er plädierte für das lateinische Alphabet - auch um die Sprache für den Westen zugänglicher zu machen.
"Magst du den Tee nicht trinken?", fragt ihn sein Sohn. Zhou schaut genervt.
"Ich hatte 4000 Briefe von Professoren im In- und Ausland zu beantworten, bevor ich sie überzeugte", sagt er. 1958 war seine Umschrift dann fertig. Unter dem Namen Pinyin - wörtlich: "Töne verbinden" - wurde sie von Chinas Parlament beschlossen und 1982 von der Internationalen Organisation für Normung anerkannt. Seither steht fest, wie chinesische Wörter in westlicher Schrift zu buchstabieren sind. Und anders als beim Arabischen oder beim Russischen halten sich alle daran, Amerikaner, Deutsche, Briten, selbst die sonst so eigenwilligen Franzosen.
Noch tiefgreifender hat Zhou Youguang das Leben der Chinesen selbst verändert. Seit Jahrzehnten lernen chinesische Kinder nun seine Umschrift, bevor sie anfangen, die Schriftzeichen zu pauken. "Inzwischen dürften es gut über eine Milliarde Menschen sein, die mit Pinyin begonnen haben", sagt Zhou. Die Analphabetenrate ist so auf unter fünf Prozent gesunken.
Und seit fast alle Chinesen Handys besitzen, tippen sie so lange lateinische Buchstaben ein, bis ihnen das Gerät das gewünschte chinesische Schriftzeichen anbietet. "Mein Vater macht es auch so", sagt Zhou Xiaoping. "Auf dem größeren iPad tut er sich allerdings leichter. Er sieht ja nicht mehr so gut."
Dem Staat ist der alte Mann indes suspekt geworden, mit Ehrungen hielt man sich zurück. Das hängt mit Zhous politischer Haltung zusammen: "Ich bedaure nur eines in meinem Leben", sagt er. "Dass die Kommunisten ihr Wort gebrochen haben und China noch immer keine Demokratie ist." Wie die meisten Intellektuellen wurde er während der Kulturrevolution in den sechziger Jahren aufs Land geschickt.
Er würdige den Fortschritt, den das Land seither gemacht habe, sagt Zhou - doch so stark und so gebildet, wie China sein könnte, sei es noch lange nicht. "Die Fehler sind in den Jahren zuvor gemacht worden. Inzwischen bin ich alt genug, um die Wahrheit auszusprechen: Mao Zedong hat Mist gebaut."
Zum vierten Mal stellt ihm sein Sohn die Teetasse hin, zum vierten Mal schiebt Zhou sie weg. Er hat sich wieder durchgesetzt.
Von Bernhard Zand

DER SPIEGEL 6/2014
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