03.02.2014

Gifthauch der Perversion

BUCHKRITIK: Zum 100. Geburtstag von William Burroughs erscheinen Briefe des Bürgerschrecks aus den Jahren 1959 bis 1974.
Es geht um Wahn und Kontrolle in seinem Werk, um Paranoia und Wahrheit, darum, was Widerstand, Lust und Freiheit miteinander zu tun haben - aber wer in William Burroughs immer noch vor allem den Junkie sieht, den Spinner, den Mann, der seine Frau im Rausch erschossen hat: Der hat natürlich nicht unrecht.
Vielleicht sollte er aber wenigstens die Briefe des großen amerikanischen Schriftstellers lesen, der ein Staatsfeind war und ein Patriot, der schwul war und Waffen liebte, der aus dem Mittleren Westen in die Welt drängte und im Alter zurückkehrte, nach Kansas, of all places.
100 Jahre wäre er am 5. Februar geworden, und es ist bei allem, was er sein Leben lang eingeworfen hat, sowieso ein Wunder, dass er es bis ins Jahr 1997 geschafft hat, 83 war er, als er starb - dabei hatte er all die Jahrzehnte davor schon ausgesehen wie ein dunkler Engel des Todes, seine Flügel schienen versengt, sein Atem schien Asche, immer die Not mit dem Geld, immer auf der Suche nach Sex mit schönen Jungs, immer im Streit mit der Sucht.
"Einige abgedrehte Erfahrungen mit diesem schrecklichen Prestonia", schreibt er am 8. April 1961 an seinen Freund Brion Gysin über seine Erfahrungen mit dieser giftigen Blütenpflanze. "Das völlige Alptraum-Halluzinogen. Eine Reise in Die Öfen wie weißglühende Bienen durch Fleisch und Knochen und alles, aber ich war nur dreißig Sekunden in den Öfen, für einen Goi ziemlich gut sagten sie und führten mich auf einem sehr kleinen Planeten herum und dieser rothaarige jüdische Agent von Hassan Sabbah, du weißt schon, war mein Führer. Und das alles im Kampf mit der Grünen Krake -".
Das ist der Burroughs, den man, vielleicht, kennt: der Autor von "Naked
Lunch", sein Meisterwerk aus dem Jahr 1959, ein Schlüsselroman der literarischen Postmoderne - oder, wie es ein Richter sagte, der das Buch 1966 verbieten wollte: "ein widerlicher Gifthauch ununterbrochener Perversion, literarischer Abschaum".
Dann gibt es aber auch noch diesen Burroughs, der erahnte, was heute vielen Realität scheint: "In meinen Augen", schreibt er am 3. November 1969, "besteht die wahre Bedrohung der Freiheit in computergestützter Gedankenkontrolle und nicht in etwas so Bizarrem und Altmodischem wie SA-Männern."
Und diesen Burroughs gibt es auch noch, der tat, was er tun musste, weil er eine Mission hatte: "Die Sprache", schreibt er am 4. Januar 1970, sei "wie eine Landkarte der inneren Ruhe, die sich mit jeder Erschließung neuer Bereiche verändert. So eine Sprache könnte die Waffe einer totalen Revolution sein".
Oder diesen Burroughs, der hart sein konnte, wenn er Feinde erkannte, am 23. Juli 1970 in einem Brief an Truman Capote: "Sie haben Ihre Begabung, die Ihnen von dieser Dienststelle verliehen worden war, verraten und verkauft. Diese Begabung wird Ihnen hiermit von offizieller Seite entzogen. Viel Spaß mit Ihrem schmutzigen Geld. Etwas anderes werden Sie nie mehr haben."
Capote, das war der Grund für den Wutanfall von Burroughs, habe sich mit seinem Buch "Kaltblütig" für die Todesstrafe starkgemacht und sich damit den "Interessengruppen zur Verfügung gestellt die Amerika in einen Polizeistaat verwandeln" - in seinem "Revised Boy Scouts Manual" hatte sich Burroughs schon mal Gedanken gemacht, wie man mit solchen Leuten umgehen sollte, es war eine "erschöpfende Abhandlung über Kunst und Methode der Revolution unter besonderer Berücksichtigung von Mordanschlägen": Listen sollte es geben und Zufallsmorde, Angst und Schrecken, verbreitet durch "schlanke elegante Boys in blauen Uniformen".
Fiktion, natürlich - "alles ist erlaubt, weil nichts wahr ist", das war einer seiner Schlüsselsätze. "Auf dem Umschlag ein hübscher sommersprossiger Pfadfinder, der die amerikanische Flagge in einem Laubhaufen verbrennt", so stellte sich Burroughs das Buch vor. Außerdem, "alter SA-Song", sollte dort noch stehen: "zur jeden massen mord stehen wir bereit". Was man so schreibt, wenn man der Schrecken der Bourgeoisie sein will.
"Wie Mao Tse Tung sagt, der Krieg findet in unserem eigenen Schädel statt", schrieb er am 11. August 1969 an Brion Gysin - ein Brief, der leider in der deutschen Ausgabe nicht zu finden ist: Aus etwas unerfindlichen Gründen wurde die gute englischsprachige Ausgabe noch mal deutlich gekürzt, wodurch einige besonders schöne Sätze und Passagen verlorengegangen sind, etwa die Anweisung an Brion Gysin, wie ein richtiger Brief geschrieben werden sollte: den Schreibtisch frei räumen, wenn möglich ein Bild des Adressaten auf dem Tisch, die alten Briefe noch mal durchschauen und immer " zwischen den Zeilen lesen".
William S. Burroughs: "Radiert die Worte aus. Briefe 1959 - 1974". Aus dem amerikanischen Englisch von Michael Kellner. Verlag Nagel & Kimche, Zürich; 304 Seiten; 19,90 Euro.
Von Georg Diez

DER SPIEGEL 6/2014
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