03.02.2014

SPIEGEL-GESPRÄCH„Das ist Bildungsfernsehen“

RTL-Programmchef Frank Hoffmann, 47, über die Quotenprobleme des Senders, den unerwarteten Erfolg des Dschungelcamps und die Frage, ob Hitler zu RTL passt
SPIEGEL: Herr Hoffmann, es gibt eine hübsche Anekdote, die zeigt, wie wichtig RTL einmal war: Der erste Senderchef Helmut Thoma hatte von der Stadt Köln die Sondergenehmigung, sein Auto praktisch überall parken zu dürfen, wo er wollte. Welche Privilegien genießen Sie?
Hoffmann: Keine, ich muss Sie enttäuschen.
SPIEGEL: Was sagt uns das über RTL heute?
Hoffmann: Wir brauchen keine Privilegien, das entspricht nicht unserer Mentalität. Auf Parkplätze bin ich ohnehin nicht so scharf, ich fahre gern auch mit dem Rad
zur Arbeit. Aber an Dr. Thomas violetten Porsche erinnere ich mich gut. Ein Zweisitzer mit Chauffeur, das war schon speziell. Ich habe mich manchmal gefragt, ob es für die Farbe einen Rabatt gab.
SPIEGEL: Sie sind seit einem Jahr RTL-Chef. Gibt es etwas, worum Sie den Gründungs-Chef Thoma beneiden?
Hoffmann: Nein, das war einfach eine andere Zeit. Als RTL im Januar vor 30 Jahren loslegte, war die Autobahn frei, um mal in dem Bild mit dem Porsche zu bleiben. Da konnten wir Gas geben. Heute sind alle Spuren voll, Überholmanöver sind schwieriger. Umso beachtlicher finde ich es, dass wir die private Konkurrenz meistens im Rückspiegel betrachten.
SPIEGEL: Dafür sind Sie hinter ARD und ZDF zurückgefallen. RTL hat die Marktführerschaft eingebüßt und war 2013 nach Einschaltquoten nur noch Dritter.
Hoffmann: Relevant sind für uns die 14- bis 59-Jährigen. Bei denen liegen wir vorn.
SPIEGEL: Haben wir das richtig verstanden: Es ist Ihnen egal, dass mehr Leute ARD und ZDF schauen als RTL?
Hoffmann: Ein Privatsender muss bei der Altersgruppe gut ankommen, die vom Werbemarkt umworben wird. Daran werden wir gemessen, damit verdienen wir Geld, und wirtschaftlich stehen wir hervorragend da. Der Vergleich mit ARD und ZDF bleibt ein Schönheitswettbewerb. Ein ungleicher noch dazu, angesichts der Milliarden an Gebührengeldern.
SPIEGEL: Aber auch bei den von Ihnen umgarnten jüngeren Zuschauern haben Sie enorm verloren. Noch vor wenigen Jahren erreichte RTL dort 18 Prozent Marktanteil, voriges Jahr nur noch 14,5 Prozent. So schlecht lief es für RTL zuletzt zur Wendezeit. Was machen Sie falsch?
Hoffmann: Vergleiche mit der Vergangenheit sind eher etwas für Nostalgiker. Seit damals ist die Anzahl der Sender explodiert, auch im Internet ist neue Konkurrenz entstanden. Wir arbeiten intensiv am Programm. Dabei machen wir hoffentlich nur wenig falsch, aber bestimmt auch nicht alles richtig.
SPIEGEL: Müssen Sie ausbaden, was Ihre Vorgängerin Anke Schäferkordt versäumt hat?
Hoffmann: Ganz und gar nicht. Anke Schäferkordt selbst war diejenige, die in den Rekordjahren 2010 und 2011 öffentlich angekündigt hatte, dass wir das hohe Niveau nicht werden halten können angesichts immer neuer Sender. Genau das ist eingetreten. Für diesen Ausblick bin ich ihr heute ziemlich dankbar. Denn Quotenrekorde wie beim Dschungelcamp sind zunehmend schwerer zu erreichen.
SPIEGEL: Hat Sie der Erfolg des Dschungelcamps überrascht?
Hoffmann: In dem Ausmaß ja.
SPIEGEL: Die Teilnehmerin Larissa Marolt hat die Show fast im Alleingang getragen. Werden Sie ihr eine Prämie für ihre schauspielerische Leistung als Nervensäge der Nation zukommen lassen?
Hoffmann: War das Schauspielerei? Niemand schafft es, 24 Stunden Tag für Tag in einer Rolle zu bleiben. Ich glaube, sie ist wirklich so. Und im Laufe der Staffel hat sie erheblich an Sympathie gewonnen. Aber lassen Sie mich lieber das RTL-Team loben, das Marken wie das Dschungelcamp zusammen mit den Produzenten über einen so langen Zeitraum gepflegt und weiterentwickelt hat. Journalisten rufen gern nach Innovationen. Dabei ist es eine ebenso große Kunst, erfolgreiche Sendungen immer wieder neu aufzuladen. Ich bin meinen Vorgängern dankbar, dass sie am Dschungelcamp festgehalten haben, obwohl der Druck durch die Presse anfangs ziemlich groß und das Interesse der Werbeindustrie zunächst begrenzt war. Manchmal wirkt die Kritik schon ein bisschen überzogen.
SPIEGEL: Sie wirken gerade wie ein geprügelter Hund.
Hoffmann: So fühle ich mich nicht, denn wir befinden uns in guter Gesellschaft. Anlässlich des Deutschen Herbstsalons 1913 wurde über die Werke der Künstlergruppe Blauer Reiter geschrieben, das sei die "Gemäldegalerie eines Irrenhauses".
SPIEGEL: Zu der Gruppe zählten Maler wie Wassily Kandinsky und Franz Marc, die den Expressionismus in Deutschland mitbegründet haben. Wollen Sie RTL mit denen vergleichen?
Hofmann: Nein, ich will nur sagen, dass Kritiker schon immer mit spitzer Feder gerichtet haben.
SPIEGEL: Aber solange Ihre Freunde von "Bild" das Dschungelcamp positiv begleiten, kann es Ihnen doch egal sein, was die seriöse Presse schreibt.
Hoffmann: Mir geht es darum, dass bei aller Kritik am Programm anerkannt wird, was unsere Mitarbeiter leisten.
SPIEGEL: Trotzdem: Das Dschungelcamp allein wird Ihre Marktanteile auf Dauer nicht retten.
Hoffmann: Marktanteile werden gern pauschal interpretiert. Da lohnt der genauere Blick. Wir verlieren die Zuschauer nicht primär am Abend, wo wir maßgeblich unser Geld verdienen, sondern vor allem am Nachmittag. Dort leben wir seit Jahren von Sendungen der gleichen Machart, die mehrere Programmstunden tragen. Anfangs liefen nachmittags nur Talkshows, dann kamen die Gerichtsshows, und jetzt sind es eben gescriptete Dokus wie "Familien im Brennpunkt". Wenn eine solch lange Programmstrecke bröckelt, sinken die Marktanteile mehr, als es einem lieb ist. Wir hatten vergleichbare Situationen schon öfters und haben sie bisher immer gemeistert.
SPIEGEL: Sie haben im vergangenen Jahr eine Informationsoffensive angekündigt. Warum merkt man davon nichts?
Hofmann: Genau das war nicht meine Wortwahl. Gemeint war, dass wir dem erkennbaren Wunsch der Zuschauer nach mehr Relevanz im Programm folgen möchten. Ein Beispiel ist "Mario Barth deckt auf". In der Sendung hat er auf seine Art die Steuerverschwendung in Deutschland angeprangert und aus dem Stand heraus mehr als 20 Prozent Marktanteil erreicht. Das ist authentisches, relevantes Fernsehen. In diesem Jahr strahlen wir auch die Reihe "Reset" aus. Dafür haben wir ein Jahr lang Menschen gecoacht, die inkomplett querschnittsgelähmt sind und eine geringe Chance haben, wieder laufen zu können. Unser Reporter Markus Holubek, der selbst im Rollstuhl gesessen hat, will ihnen im wahrsten Sinne des Wortes wieder auf die Beine helfen. Und Steffen Henssler hat Strafgefangenen das Kochen beigebracht, denen dadurch nach ihrer Entlassung eine Wiedereingliederung in die Gesellschaft hoffentlich leichterfällt.
SPIEGEL: Entschuldigung, aber Ihr Wortlaut war damals, Sie wollten RTL "noch stärker journalistisch positionieren".
Hoffmann: Genau das tun wir. Zum Beispiel mit den Selbstversuchen im "Jenke Experiment" oder den Undercover-Recherchen vom "Team Wallraff".
SPIEGEL: Günter Wallraff war zuletzt im Sommer bei Ihnen zu sehen.
Hoffmann: Er wird noch in diesem Jahr wiederkommen. Investigative Recherchen brauchen eben Zeit.
SPIEGEL: Ist Wallraff das journalistische Feigenblatt im RTL-Programm?
Hofmann: Wir brauchen kein Feigenblatt. Wir haben Peter Kloeppel, Wolfram Kons, Ilka Eßmöller und Steffen Hallaschka, Birgit Schrowange, Katja Burkard oder Frauke Ludowig ...
SPIEGEL: ... aha ...
Hoffmann: ... und wir haben "Guten Morgen Deutschland", das wir sogar auf zweieinhalb Stunden ausgedehnt haben.
SPIEGEL: Heute Morgen haben wir mal in die Sendung reingeschaut: Es ging um Blitzeis, einen PR-Termin der Obamas, den Tag der Jogginghose und das Dschungelcamp. Wo war da die Relevanz?
Hoffmann: Das sind Themen, über die Deutschland spricht. Außerdem gibt es in der "Guten Morgen"-Sendung auch Nachrichten, mit denen wir unsere Chronistenpflicht voll abdecken. Ein anderes Beispiel ist "Wer wird Millionär?", das ist auch eine Art Bildungsfernsehen ...
SPIEGEL: ... es ist ein Quiz!
Hoffmann: Nennen Sie es, wie Sie wollen.
SPIEGEL: Haben Sie sich inzwischen damit abgefunden, dass Günther Jauch in der ARD den seriösen Talker gibt und bei Ihnen nur den Quiz-Onkel?
Hoffmann: Seien Sie doch nicht immer so gehässig! Wir freuen uns, ihn regelmäßig im Programm zu haben. Er macht das ganz hervorragend, auch zusammen mit Thomas Gottschalk in "Die 2".
SPIEGEL: Warum setzen Sie nicht auf frische Gesichter, sondern haben den 63-jährigen Gottschalk engagiert?
Hoffmann: Weil ich ihn großartig finde und er auch bei jüngeren Zuschauern sehr gut ankommt. Gleichzeitig suchen wir junge Talente. Wir testen demnächst eine Comedy-Sendung mit Jan Böhmermann und Palina Rojinski. Außerdem entwickeln wir eine wochenaktuelle Comedy mit Kaya Yanar und eine weitere mit jungen Comedians, die an den Erfolg von "RTL Samstag Nacht" anknüpfen soll.
SPIEGEL: Wann wird man denn Ihre Handschrift im Programm erkennen?
Hoffmann: Es geht nicht um meine Handschrift, sondern darum, die Erfolgsstory von RTL fortzuschreiben. Wir arbeiten in allen Genres an vielversprechenden Ideen. In der Fiction etwa haben wir bei den Produzenten Nico Hofmann und Jan Mojto eine Miniserie über Adolf Hitler in Auftrag gegeben, die wir vermutlich 2016 ausstrahlen werden. Darin werden wir unter anderem die zwanziger Jahre beleuchten und zeigen, dass es in Hitlers Leben eine Kontinuität der Lüge gab. Diese Idee geht auf die Hitler-Biografie von Dr. Thomas Weber zurück, er ist einer der Historiker, die das Projekt begleiten.
SPIEGEL: Hitler auf RTL, kann das gutgehen?
Hoffmann: Hitler kann man nur sehr akkurat und nah an der historischen Wahrheit erzählen. Das werden wir tun.
SPIEGEL: Wollen Sie RTL damit einen öffentlich-rechtlichen Anstrich verpassen?
Hoffmann: Schreiben Sie das bloß nicht! Wir wollen Geschichten erzählen, die stark in Deutschland verwurzelt sind. Nächstes Jahr strahlen wir "Die Witwenmacher" aus, einen Film über die "Starfighter"-Affäre, den Michael Souvignier produziert. Außerdem entwickeln wir mit der UFA die Serie "Deutschland", die in der Zeit des Nato-Doppelbeschlusses spielt, die für meine Generation prägend war.
SPIEGEL: Bislang gehörte Zeitgeschichte aber nicht zum Markenkern von RTL.
Hoffmann: Die Idee war nicht: Wir machen jetzt politisches Fernsehen. Wir wollen verstärkt deutsche Themen aufgreifen. So gehen wir auch dem Vergleich mit US- Serien aus dem Weg.
SPIEGEL: Weil Sie da sowieso nicht mithalten können?
Hoffmann: Was die Budgets angeht, ja: In den USA werden schon in eine Pilotfolge drei Millionen Dollar investiert, das kann in Deutschland niemand refinanzieren. Allerdings hilft eine zu Recht hochgelobte Serie wie "House of Cards" auch nicht weiter, wenn sie im Fernsehen zu wenig Zuschauer findet, wie unsere Kollegen von Sat.1 das gerade erleben mussten.
SPIEGEL: Im Herbst zeigen Sie sogar ein urdeutsches Schauspiel: "Götz von Berlichingen", frei nach Goethe. Käme "Fack ju Göhte" beim RTL-Publikum nicht besser an?
Hoffmann: Unser "Götz" ist Popcorn-Kino fürs Fernsehen.
SPIEGEL: Wir sehen schon den Dichterfürsten im Grab rotieren.
Hoffmann: Ich glaube eher, dass Götz von Berlichingen aus dem Grab wiederauferstehen wird, weil Henning Baum ihn so unglaublich überzeugend spielt.
SPIEGEL: Gilt für das RTL-Programm und seine Macher denn noch das Bonmot von Helmut Thoma: "Der Wurm muss dem Fisch schmecken, nicht dem Angler"?
Hoffmann: So lässt sich unser Programm längst nicht mehr charakterisieren. Mit dieser Haltung ließen sich zum Beispiel keine guten Nachrichtensendungen machen, in denen es immer wieder Beiträge gibt, die nicht jedem schmecken. Mir gefällt da eher, was Günther Jauch einmal gesagt hat: "RTL trägt den Rock ein bisschen kürzer." Heute, finde ich, sind wir für jeden Anlass passend gekleidet.
SPIEGEL: Herr Hoffmann, wir danken Ihnen für dieses Gespräch.
Das Gespräch führten die Redakteure Isabell Hülsen und Alexander Kühn in Köln.
Von Isabell Hülsen und Alexander Kühn

DER SPIEGEL 6/2014
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