10.02.2014

KREDITINSTITUTE„Wir sind gute Handwerker“

Der Vorstandsvorsitzende der HSH Nordbank, Constantin von Oesterreich, 60, über den Stresstest der EZB, die Lasten der Vergangenheit und Ermittlungen wegen dubioser Geschäfte
SPIEGEL: Herr von Oesterreich, angeblich gilt es als ausgemacht, dass die HSH Nordbank den anstehenden Stresstest der Europäischen Zentralbank nicht besteht, weil die EZB schon aus politischen Gründen eine deutsche Bank durchfallen lassen muss. Sehen Sie das auch so?
Oesterreich: Nein, da bin ich absolut anderer Meinung: Dieser Test ist für kein Institut ein Spaziergang. Aber er folgt objektiven Kriterien, keinen politischen. Wir sind gut vorbereitet. Nicht zuletzt, weil die Länder Hamburg und Schleswig-Holstein ihre Garantie für die HSH Nordbank 2013 von sieben auf zehn Milliarden Euro wieder aufgestockt haben. Seitdem ist in Deutschland und im Euro-Raum kaum eine Bank so gut mit Kapital ausgestattet wie wir. Und nur wenige Banken haben so intensiv aufgeräumt.
SPIEGEL: Ob die EZB das genauso sieht? In Ihrer Bilanz für 2013 müssen Sie jedenfalls weiter aufräumen, Ihre Schiffskredite weiter abschreiben und die Risikovorsorge deutlich aufstocken.
Oesterreich: Stimmt, das ist angesichts der immer noch andauernden Schifffahrtskrise allerdings kein Einzelfall. Dank der Garantie haben wir jedoch den bilanziellen Spielraum: Wir treffen in hohem Maße zusätzliche Vorsorge, zeigen wie geplant einen schmerzhaften Verlust und halten dennoch unsere Kapitalquoten sehr hoch.
SPIEGEL: Wie hoch wird der Verlust sein? Knacken Sie die Milliardengrenze?
Oesterreich: Nein, sicher nicht, auch wenn die Zahlen erst im April feststehen werden. Es wird, wie im vergangenen Frühjahr schon angekündigt, ein deutlich dreistelliger Millionenbetrag. Dabei liegt die Betonung auf deutlich. Neben der ausgeweiteten Risikovorsorge verhageln uns jetzt aber auch noch steuerliche Einmalbelastungen das Konzernergebnis. Das sind Themen aus den Jahren 2008 bis 2011. Über eine Steuerrückstellung von 127 Millionen Euro haben wir ja bereits im Dezember berichtet. Wir erwarten nach wie vor für 2014 vor und nach Steuern einen deutlichen Gewinn.
SPIEGEL: Warum haben Sie bei den Schiffen weiteren Wertberichtigungsbedarf?
Oesterreich: Die Prognosen haben sich noch einmal verschlechtert - unabhängige Marktbeobachter und auch unsere Experten sehen nicht so bald eine spürbare Erholung bei den Fracht- und Charterraten. Deshalb haben wir die Werte unserer Schiffskredite stärker korrigiert.
SPIEGEL: Wie schlimm kommt es wirklich?
Oesterreich: Wir haben die Schiffskredite auf inzwischen 23 Milliarden Euro reduziert, davon sind derzeit rund 15 Milliarden Euro in der Kernbank und etwa 8 Milliarden Euro in der Restructuring Unit, in der wir Portfolien und Geschäftsfelder abbauen, die nicht mehr in die künftige Strategie passen.
SPIEGEL: Und wie viel von den 15 Milliarden Euro müssen Sie in den nächsten Jahren noch wertberichtigen? Die Überkapazitäten auf dem Markt steigen ja weiter.
Oesterreich: Möglich, dass da noch etwas nachkommt, aber wir haben dafür aus heutiger Sicht schon vollumfänglich vorgesorgt und das in unserer Planung berücksichtigt.
SPIEGEL: Bisher ging Ihre Planung davon aus, dass sich 2015 das Geschäft mit der Schifffahrt wieder erholt. Da war wohl der Wunsch Vater des Gedankens.
Oesterreich: Keineswegs, die Erholung kommt, die Frage ist nur, wie stark sie ausfallen wird. Die von Analysten teilweise deutlich revidierten Marktprognosen haben wir bereits im Jahresabschluss 2013 aufgenommen.
SPIEGEL: Sie gehen von Schönwetterszenarien aus. Der Stresstest spielt aber eine Rezession durch. Was macht Sie so sicher, dass Sie die Latte nicht reißen?
Oesterreich: In aller Kürze: Unsere hohen Kapitalquoten halten nach unserer Einschätzung jedem ernstzunehmenden Stressszenario stand.
SPIEGEL: Und falls Sie doch durchfallen, woher soll dann neues Geld kommen?
Österreich: Ich sehe diese Situation nicht. Im Übrigen bin ich fest davon überzeugt, dass uns die Länder helfen würden. Als Eigentümer müssen sie ihr Vermögen schützen, alles andere wäre unvernünftig. Dieses Vermögen wirft zwar derzeit keine Dividende ab, für die Garantie erhalten die Länder jedes Jahr allerdings Gebühren von mehreren hundert Millionen Euro. Bis zum Jahr 2025 übersteigt die Summe unserer Gebühren für die Garantie den von den Ländern voraussichtlich zu tragenden Verlust.
SPIEGEL: Neuerliche Staatshilfen würden der EU-Kommission kaum gefallen. Ohnehin hat sie schon 2011 deutlich gemacht, dass sie ein funktionsfähiges neues Geschäftsmodell von Ihnen erwartet - und dass ihr das, was Sie bisher auf diesem Feld gezeigt haben, nicht reicht.
Oesterreich: Neuerliche Staatshilfen sind nicht das Thema. Wir sind in einem laufenden EU-Verfahren, und natürlich müssen wir da liefern. Das tun wir auch. Wir etablieren uns als Bank für Unternehmer zusehends und schreiben gutes Neugeschäft - 2013 waren es fast acht Milliarden Euro zu auskömmlichen Margen. Dabei rangieren das Immobilien- und Firmenkundengeschäft sowie die Bereiche Energy & Infrastructur mittlerweile weit vor den klassischen Schiffskrediten. Darauf schaut die EU-Kommission, der wir unsere Pläne für die nächsten Jahre im April zur Verfügung stellen. Sie sind eine gute Grundlage für die Gespräche mit der Kommission.
SPIEGEL: So richtig originell ist Ihr neues Geschäftsmodell nicht. Auf erneuerbare Energien, Immobilien und Mittelstandsfinanzierung setzen auch Ihre Konkurrenten - von der BayernLB bis zu den großen Sparkassen.
Oesterreich: Unser Geschäftsmodell funktioniert. Originell oder nicht: Wir sind gute Handwerker, haben gewachsene Kundenbeziehungen und den richtigen Blick für das Wesentliche. Diesen Anspruch honorieren unsere Kunden im Norden und im übrigen Bundesgebiet. Wir haben gerade in unserer Heimatregion eine günstige Situation, denn die Bankendichte ist im Norden deutlich geringer als anderswo.
SPIEGEL: Dennoch, neue Kunden dürfte weiterhin das schlechte Image der Bank abschrecken. Der komplette Ex-Vorstand steht derzeit vor Gericht, und vor ein paar Monaten war das Bundeskriminalamt in der Bank, weil Kunden in Geschäfte mit der kalabrischen Mafia verwickelt sein sollen.
Oesterreich: Das nehmen wir anders wahr. Für unsere Kunden ist das abgehakt. Sie unterscheiden sehr wohl zwischen dem aktuellen Management und den damaligen Verantwortlichen. Die neue HSH Nordbank arbeitet hart daran, das Vertrauen zurückzugewinnen.
SPIEGEL: Auch das neue Management ist nicht unbelastet. Die Steuerzahler haben die HSH Nordbank mit Milliarden gerettet und mussten Ende vorigen Jahres erfahren, dass diese Bank den Fiskus zwischen 2008 und 2011 um einen dreistelligen Millionenbetrag betrogen haben soll, indem sie Steuervergünstigungen für Aktiengeschäfte doppelt kassierte.
Oesterreich: Das ist in der Tat beschämend. Der Impuls zur Aufklärung ging aber von uns aus. Nach ersten vagen Hinweisen im Spätsommer 2012 sind wir der Sache im Schulterschluss mit dem Finanzamt intensiv nachgegangen. Seit Dezember 2012 arbeitet eine Kanzlei den Sachverhalt in unserem Auftrag auf. Die Behörden waren immer genau im Bilde. Ende März erwarten wir den Abschlussbericht.
SPIEGEL: Wer war denn damals Risikovorstand?
Oesterreich: Ich. An dieser Stelle nur so viel: Es ging um Kapitalmarktgeschäfte aus dem Eigenhandel, die zum Handelsergebnis beigetragen haben. So etwas ist heute nicht mehr möglich, der Eigenhandel ist mittlerweile eingestellt. Aus Risikogesichtspunkten war es absolut unauffällig, weil das Kursrisiko abgesichert war. Wir müssen jetzt die endgültigen Ergebnisse unserer internen Prüfung abwarten und dann Konsequenzen ziehen.
SPIEGEL: Mittlerweile scheint es, als hätten Ihre Anteilseigner langsam die Lust an der HSH verloren. Der Hamburger Finanzsenator Peter Tschentscher hat neulich in einer nichtöffentlichen Sitzung über einen "Plan B" nachgedacht: die Abwicklung der Bank oder ihre Fusion mit der hannoverschen Nord/LB.
Oesterreich: Das mag bei Ihnen so angekommen sein, ich sehe das anders. Die Anteilseigner stehen vollständig zu uns. Richtig, eher unspektakulär und längst klargestellt ist auch, dass der Finanzsenator die Parlamentarier lediglich über einen Wechsel bei den Beratern der Länder im EU-Prüfverfahren informiert hat. Und Berater sind natürlich in der Pflicht, in allen Szenarien zu denken.
SPIEGEL: Das schließt aber eine Fusion mit der Nord/LB nicht aus.
Oesterreich: Da müssen Sie die Länder fragen. Schlussendlich müsste ja etwas herauskommen, das besser ist als beide Institute allein. Es ist meine Verantwortung, die Bank mit ihren 3000 Beschäftigten durch diese schwierige Phase in eine sichere Zukunft zu führen.
Interview: Martin Hesse, Gunther Latsch, Jörg Schmitt
Von Martin Hesse, Gunther Latsch und Jörg Schmitt

DER SPIEGEL 7/2014
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