10.02.2014

RUSSLANDDas Leben der anderen

Natalja Sindejewa, 42, Gründerin und Direktorin des Kabel- und Internet-Fernsehsenders Doschd, über Schikanen gegen ihren Kanal
SPIEGEL: Wer hat dafür gesorgt, dass Doschd - der einzige unabhängige Sender in Russland - aus den Kabelnetzen verschwindet?
Sindejewa: Das weiß ich nicht genau, aber der Druck auf uns hatte in den vergangenen Monaten stark zugenommen. Kremlnahe Blogger unterstellten uns, dem kaukasischen Terroristenführer Doku Umarow ein Forum zu geben, weil wir auf unserer Website über ihn geschrieben hatten.
SPIEGEL: Geschieht das Ganze auf Anweisung des Präsidenten?
Sindejewa: Jedenfalls kennen Wladimir Putin und Premierminister Dmitrij Medwedew den Vorgang.
SPIEGEL: Sie haben Oppositionellen wie dem Anti-Korruptions-Blogger Alexej Nawalny eine Plattform geboten und vor zwei Jahren die Massendemonstrationen gegen Putin übertragen. Warum hat man Ihren Sender nicht schon eher geschlossen?
Sindejewa: Bei uns saßen auch Minister und Spitzenbeamte im Studio. Wir waren für die herrschende Elite so etwas wie das Fenster zum Leben der anderen. Über Doschd erreichten sie all diejenigen, die kein Staatsfernsehen mehr schauen. Putins Pressesprecher hat uns Rede und Antwort gestanden, und Medwedew hat zu seiner Zeit als Präsident unsere Reporter eingeladen.
SPIEGEL: Wie ist es um die Pressefreiheit in Russland bestellt?
Sindejewa: Bisher habe ich immer geantwortet, dass es sie gibt. Unser Sender war ein Beweis dafür. Das Vorgehen gegen uns ist nun nicht nur ein Anschlag auf die Pressefreiheit, sondern einer auf den Rechtsstaat. Man hätte uns ja vor Gericht ziehen können, stattdessen verbreiten die staatsnahen Kabelnetzbetreiber uns einfach nicht weiter, natürlich auf Druck von oben.
SPIEGEL: Warum erfolgte der Schlag gegen Sie unmittelbar vor den Olympischen Winterspielen in Sotschi?
Sindejewa: Das ist wohl ein Zufall. Alles lief schon länger darauf hinaus. Es stört die Verantwortlichen nicht, wenn dies das Image Russlands im Ausland beschädigt.

DER SPIEGEL 7/2014
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


DER SPIEGEL 7/2014
Titelbild
Der digitale SPIEGEL
Diese Ausgabe jetzt digital lesen

Die digitale Welt der Nachrichten. Mit interaktiven Grafiken, spannenden Videos und beeindruckenden 3-D-Modellen.
Sie lesen die neue Ausgabe noch vor Erscheinen der Print-Ausgabe, schon freitags ab 18 Uhr.
Einmal anmelden, auf jedem Gerät lesen - auch offline. Optimiert für Windows 8, Android, iPad, iPhone, Kindle Fire, BlackBerry Z10 sowie für PC/Mac.

Abo-Angebote

Den SPIEGEL lesen oder verschenken und Vorteile sichern!

Jetzt Abo sichern
Ältere SPIEGEL-Ausgaben

Kostenloses Archiv:
Stöbern Sie im kompletten SPIEGEL-Archiv seit
1947 – bis auf die vergangenen zwölf Monate kostenlos für Sie.

Wollen Sie ältere SPIEGEL-Ausgaben bestellen?
Hier erhalten Sie Ausgaben, die älter als drei Jahre sind.

Artikel als PDF
Artikel als PDF ansehen

RUSSLAND:
Das Leben der anderen

  • Englands Trainer nach rassistischen Vorfällen: "Wir haben ein Statement abgeliefert"
  • Optische Illusionen: Alles höchst verwirrend
  • Größer geht nicht: Kreuzfahrtschiff im Kanal von Korinth
  • Videoanalyse: Kurden schmieden Allianz mit Assad