10.02.2014

TIERSCHUTZ„Weder Angst noch Schmerzen“

Der Bremer Neurobiologe Andreas Kreiter, 50, über seine umstrittenen Tierversuche mit Makaken
SPIEGEL: Mehr als fünf Jahre lang haben Sie vor Gericht mit Tierschützern darum gestritten, weiterhin an Makaken forschen zu dürfen. Jetzt haben Sie gewonnen. Ein Grund zum Feiern?
Kreiter: Natürlich. Immerhin stand das Grundrecht der Forschungsfreiheit auf dem Prüfstand.
SPIEGEL: Was passiert während der Tierversuche mit den Makaken?
Kreiter: Die Tiere führen zuvor eingeübte Aufmerksamkeitsaufgaben vor einem Bildschirm durch. Dabei wird die Gehirnaktivität durch Elektroden gemessen ...
SPIEGEL: ... die Sie vorher in die Affengehirne einpflanzen. Tierschützer finden das furchtbar.
Kreiter: Zu Unrecht. Die Affen haben bei den Experimenten weder Angst noch Schmerzen. Sonst könnten sie unsere komplizierten Aufgaben gar nicht lösen. Bei einer Elektrode denken viele an eine Art Nähnadel, die durch die Haut gesteckt wird. Das ist falsch. Ein besserer Vergleich ist ein Herzschrittmacher. Dessen Elektroden sind viel dicker als unsere Mikroelektroden. Schmerzen verursachen sie trotzdem nicht. Genauso ist es beim Gehirn, in dem noch nicht einmal Schmerzrezeptoren existieren.
SPIEGEL: Ihnen wird vorgeworfen, Sie würden die Tiere durstig halten, um sie dann durch das Anbieten von Flüssigkeit zur Mitarbeit zu bewegen.
Kreiter: Das ist falsch. Die Tiere sind nicht durstig. Der angebotene Saft motiviert sie nur.
SPIEGEL: Brauchen Sie für die Experimente denn unbedingt Affen?
Kreiter: Ja. Makaken haben diese ruhige, gelassene Art. Sie sind sehr ausdauernd und gut trainierbar. Das ist für unsere Versuche sehr wichtig. Es gibt auch keinen Grund, keine Affen zu nehmen. Makaken fallen für viele Leute in die Kategorie "süßer Schimpanse". Dabei ist so ein Makak nur ungefähr so schlau wie ein Hund oder eine Katze. Manche Rabenvögel können sich sogar intelligenter verhalten.
SPIEGEL: Kritiker halten Ihre Experimente für irrelevant.
Kreiter: Wir erforschen, wie Aufmerksamkeit im Gehirn funktioniert. Es muss Mechanismen geben, die Nervenzellen dazu bringen, nur für den Moment wichtige Signale zu verarbeiten. Sonst würde man von Sinneseindrücken erschlagen. Diese selektive Aufmerksamkeit ist bei einer Vielzahl von neurologischen Krankheiten gestört.
SPIEGEL: Für die Patienten ist Ihre Forschung aber noch nicht relevant.
Kreiter: Wir sind in einer ähnlichen Situation wie die Herzphysiologen vor 150 Jahren. Deren Experimente waren für damalige Herzpatienten zunächst auch weitgehend irrelevant. Aber genau diese Forschung führte dazu, dass heute Hunderttausende Herzpatienten 80 Jahre alt werden können und nicht schon viel früher sterben.

DER SPIEGEL 7/2014
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