17.02.2014

KARRIEREN„Rahn müsste schießen“

Was ändert sich in der Politik, wenn kaum noch einer da ist, der vom Krieg erzählen kann? Zwei Geschichtsstunden mit Wolfgang Schäuble, dem ältesten Minister.
Liebrich, Kohlmeyer, Posipal", sagt Bundesfinanzminister Wolfgang Schäuble am Donnerstag der vergangenen Woche in seinem Büro, "Morlock, Rahn, Fritz Walter, Ottmar Walter, Turek", kurzes Innehalten, "Schäfer, Eckel, Mai." Hat er sie alle? Elf müssten es sein. Durchzählen, ja, es sind elf.
Das Thema dieses Gesprächs sind die deutsche Geschichte und die Politik, es ist ja Geschichtsjahr. 1914, 1939, 1989, die großen deutschen Daten aus dem vergangenen Jahrhundert: Ausbruch des Ersten Weltkriegs, des Zweiten Weltkriegs, Fall der Mauer, 100 Jahre, 75 Jahre, 25 Jahre.
Schäuble, 71, ist neben Bundespräsident Joachim Gauck der letzte deutsche Spitzenpolitiker, der im Krieg geboren wurde. Und nichts hat die bundesdeutsche Politik so geprägt wie die Erinnerung an die Weltkriege, den Holocaust und die Leiden der Nachkriegszeit. Nun ist kaum noch einer da, der aus dem Erleben erzählen kann. Im Geschichtsjahr spielen persönliche Geschichtserzählungen von Politikern aus der Kriegs- und Nachkriegszeit fast keine Rolle mehr. Ändert das etwas? Wird die deutsche Politik enthistorisiert? Zwei Geschichtsstunden mit Wolfgang Schäuble.
Nach einer Viertelstunde ist er beim Fußball, Finale der Weltmeisterschaft 1954, die Aufstellung der Deutschen. Bis dahin hat er keine starken Erinnerungen. Die Schäubles sind ganz gut durch den Krieg gekommen, der Vater war nicht Soldat, keine Bomben. Danach wohnte ein französischer Besatzungsoffizier im Haus, der war nett. Dann schlug Deutschland die favorisierten Ungarn mit 3:2. Für Schäuble gehört das auch ins Geschichtsjahr: 60 Jahre Wunder von Bern. Seine frühe Prägung geschah durch einen Triumph, nicht durch einen Untergang.
Nimmt man die wichtigen deutschen Bundeskanzler, dann waren fast alle stark durch die Jahre von 1933 bis 1945 und deren Folgen geprägt. Konrad Adenauer, Jahrgang 1876, wurde drangsaliert und lebte in der inneren Emigration. Willy Brandt, Jahrgang 1913, ging ins Exil, kehrte phasenweise zurück und arbeitete im Untergrund. Helmut Schmidt, Jahrgang 1918, war Frontsoldat. Helmut Kohl, Jahrgang 1930, erlebte den Krieg als Kind und verlor seinen älteren Bruder. Gerhard Schröder, Jahrgang 1944, verlor seinen Vater. Angela Merkel wurde im Jahr des Wunders von Bern geboren. Sie ist die erste Bundeskanzlerin, die nicht unter dem Krieg gelitten hat.
Verändert das etwas? Nicht viel, findet Schäuble. "Die Erinnerung kommt aus dem Lesen." Es könne das Erleben zu einem großen Teil ersetzen. Schäuble liest viel, zuletzt "Der Große Krieg" von Herfried Münkler, ein Buch über den Ersten Weltkrieg. Was er nicht versteht: dass ständig Sturmangriffe befohlen wurden, obwohl das jedes Mal in der Katastrophe enden musste, angesichts der modernen Waffen. Dass der Mensch nicht lernt.
Er redet eine Weile über die Gräuel von Kriegen. Der Deutsch-Französische Krieg von 1870/71 war auch schrecklich, noch schrecklicher natürlich der Dreißigjährige Krieg. Jakob von Grimmelshausen habe den "Simplicissimus" 1669, einen Bericht von jenen schrecklichen Jahren, übrigens dort geschrieben, "wo heute mein Wahlkreis ist". Er freut sich. Es ist immer eine Freude, wenn man irgendwie an die große Geschichte angebunden ist.
Es sei denn, ihre Schrecken treffen einen persönlich, wie im Leben von Helmut Kohl. Über den lese er nichts, sagt Schäuble. Den hat er lange selbst erlebt, da müsse er nichts mehr lesen. Gute Jahre seien das gewesen, bis auf das Ende natürlich. Da hat ihm Kohl den Weg ins Kanzleramt versperrt.
Kohl war ein Pazifist, weil er den Krieg erlebt hatte. Er hielt die Deutschen aus der Befreiung Kuwaits raus und zahlte lieber 17 Milliarden Mark für die Kriegskosten der Amerikaner und ihrer Verbündeten. Er ließ sich von Parteifreunden nicht dazu drängen, die Kriegsgräuel in Bosnien-Herzegowina militärisch zu beenden. Er war der von Pazifisten meistgehasste Pazifist, weil er die Nachrüstung durchsetzte, aber er hatte die Kraft, das zu tun, weil er dachte, dass neue Raketen dem Frieden dienten. Weil sie das nukleare Gleichgewicht sichern würden.
Kohl machte diese Politik vor allem aus erlebter Geschichte heraus, nicht aus angelesener. Macht das nicht doch einen großen Unterschied? Und das hieße in der Konsequenz: Leitsätze der Bundesrepublik wie "Nie wieder Krieg" oder "Nie wieder Auschwitz" würden allmählich verblassen.
Schäuble sagt: "Für den Satz ,Nie wieder Auschwitz' muss man nicht studiert haben." Klingt kühl. Gemeint ist: Das liegt angesichts des Grauens so auf der Hand, dass es nahezu allen einleuchten muss, auch den Spätgeborenen.
Vergleich der Friedens- oder Kriegspolitik von Helmut Kohl, der ständig über Geschichte geredet hat, und der von Angela Merkel, die selten über Geschichte redet: Unter Kohl ist es zu keinem Kampfeinsatz gegen einen souveränen Staat gekommen. Merkel führt Deutschland aus Afghanistan heraus. Sie half den Verbündeten nicht beim Krieg gegen Gaddafi. Die Umfragen und die Lektüre ersetzen ihr das Erleben. Merkel ist klar, dass die Bundesdeutschen im Grunde ihres Herzens Pazifisten sind und dass sich starke kollektive Erinnerungen von Generation zu Generation übertragen. Und auf diesem Weg irgendwann verblassen?
Außenminister Frank-Walter Steinmeier, Jahrgang 1956, und Verteidungsministerin Ursula von der Leyen, Jahrgang 1958, wollen die Bundeswehr stärker im Ausland einsetzen, nicht aber mit Kampfaufträgen. So viel ändert sich nicht. Um mal eine Prognose zu wagen: Bis zum Verblassen wird es lange dauern. Gut so. Was Kampfeinsätze nicht ausschließt.
Geschichte, selbst eindeutige, kann sehr verschiedene Konsequenzen haben. Als Außenminister Joschka Fischer, Jahrgang 1948, daran beteiligt war, die Luftwaffe 1999 in den Krieg gegen Serbien zu schicken, hat er das mit Auschwitz begründet. Die schreckliche deutsche Geschichte sei eine Verpflichtung, die Kriegsgräuel im Kosovo zu beenden.
Das Gespräch dauert eine halbe Stunde, als Schäuble unvermittelt sagt: "Aus dem Hintergrund müsste Rahn schießen, Rahn schießt."
Ein Zitat, es ist ihm gerade eingefallen. So kommentierte Herbert Zimmermann das 3:2 von Bern im Radio. Danach schrie er nur noch: "Toor, Toor, Toor, Toor, Tor für Deutschland." Große Geschichte.
Schäuble sagt: "Zeugenaussagen sind die unzuverlässigsten Beweismittel." Ein Satz gegen die normative Bedeutung erlebter Geschichte.
Sie ist politisch ohnehin nur einsetzbar, wenn sie sich mit einer kollektiven Erfahrung deckt. Viele Deutsche haben nahe Verwandte im Krieg verloren, Kohl konnte ihnen aus der Seele reden. Brandt hatte es schwerer, mit seiner Privatgeschichte zu argumentieren. Exilanten wurden mitunter als Drückeberger verachtet.
Auch Merkel hat ein solches Problem, weshalb sie lange kaum mit ihrer Lebensgeschichte argumentierte. Das Leben im Unterdrückungsstaat DDR, der Geschichtsbruch von 1989 - das sind starke Prägungen, aber nur für den kleineren Teil der Deutschen. Denen im Westen war eine Ostdeutsche zunächst eher verdächtig, weshalb Merkel in ihren frühen Kanzlerjahren mehr oder weniger als privatgeschichtliches Neutrum auftrat.
Hat Schäuble mit ihr darüber geredet? Er rede mit Merkel nicht privat, sagt er kurz. Schade. Sie hätten sich erzählen können, wie ihre Sicht auf Europa entstanden ist. Merkel wird unterstellt, sie habe kein leidenschaftliches Verhältnis zur europäischen Einheit, weil sie spät geboren wurde und DDR-Bürgerin war. Sie könne daher nicht ermessen, wie wichtig die europäische Einheit für den Frieden sei.
Schäuble wird oft das Gegenteil unterstellt. Aber er redet gar nicht so. Er ist kein Geschichtspathetiker à la Kohl. Als er mit dem politischen Denken angefangen habe, sei die europäische Einheit schon Teil des Gedankenguts der CDU gewesen, sagt Schäuble. Er habe sich das zu eigen gemacht. Was seiner Überzeugung, dass die Einheit notwendig sei, nichts nimmt.
Er findet aber, dass man sie nicht mehr so begründen kann, wie es die Generation Kohl getan hat, als Friedensprojekt. Das wurde dann so weitergereicht, bis man, spät, gemerkt hat, dass junge Europäer den Frieden auf ihrem Kontinent nicht bedroht sehen, dass sie eine andere Begründung brauchen.
Die Ängste der Kriegsgenerationen standen da quer zum Alltag der jüngeren Bürger. Was dafür spricht, dass die Alten nicht zu lange bleiben sollten. Auch die Jüngeren erleben etwas, vielleicht nicht immer große Geschichte, aber sie brauchen die passende Politik und die passenden Politiker dazu.
Es wäre etwas taktlos, das mit Schäuble zu besprechen, dem Letzten der Alten im Kabinett, und es kommt ja auch auf die Mischung an. Immerhin ist er einer, der viel liest, und davon gibt es nicht so viele in der Politik. Bei seinen europäischen Kollegen erlebe er, dass sie kaum etwas wüssten von deutscher Geschichte. Und die Deutschen? Das Niveau der Politiker in Frankreich oder Großbritannien sei insgesamt höher als hierzulande.
Dann wird Schäuble nachdenklich und sagt: Man müsse sich mal vorstellen, der Morlock wäre nicht mit der Fußspitze an den Ball gekommen, als es 2:0 für die Ungarn stand. Die Deutschen hätten es wohl nicht geschafft, Weltmeister zu werden. Er schüttelt den Kopf. Unvorstellbar. ◆
Von Dirk Kurbjuweit

DER SPIEGEL 8/2014
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