17.02.2014

Grüße aus Fernost

Chinas Spähangriff auf die Bundesregierung
Die E-Mail verhieß Inhalte von weltpolitischer Bedeutung. Ihren Empfängern gaukelte sie einen Informationsaustausch unter den wirtschaftspolitischen Beratern der mächtigsten Politiker der Welt vor, und zwar Anfang September 2013, unmittelbar vor dem Gipfeltreffen der G-20-Staaten im russischen St. Petersburg. Die sogenannten Sherpas waren gerade in der heißen Phase der Konferenzvorbereitung. Doch die E-Mail enthielt keine Informationen, die bei ihren Verhandlungen halfen.
Die gesamte Nachricht war nach Erkenntnissen deutscher Sicherheitsbehörden gefälscht - statt Informationen enthielt sie Spionagesoftware, die die Rechner der Empfänger infizieren sollte. Nach Angaben aus Sicherheitskreisen gingen diese und ähnliche E-Mails an hochrangige Entscheidungsträger in mehreren Bundesministerien und bei Banken. Offenbar gehörte auch der wirtschaftspolitische Berater von Kanzlerin Angela Merkel, Lars-Hendrik Röller, zu jenen, die der Spionage-angriff treffen sollte.
Eine Regierungssprecherin bestätigt Versuche, "die Informationssicherheit im Bundeskanzleramt auf dem beschriebenen Weg zu kompromittieren". Zu Röller als möglichem Ziel äußerte sie sich nicht. Der Angriff sei abgewehrt worden.
Nach internen Erkenntnissen des Verfassungsschutzes kann die Attacke "nachrichtendienstlichen Urhebern zugeordnet" werden. Die Spähsoftware sollte ihre Ergebnisse nach China liefern. Chinesische Geheimdienste spähen demnach nicht mehr nur die hiesige Hightech-Industrie oder Oppositionelle im Exil aus. Sie haben auch die deutsche Politik im Visier.
Weltweit beobachten westliche Nachrichtendienste, dass in den chinesischen Botschaften die Zahl mutmaßlicher Geheimdienstmitarbeiter kontinuierlich steigt. Zudem registrieren sie, dass Chinas Geheimdienste vermehrt dort Zuträger gewinnen wollen, wo internationale Politik gemacht wird - etwa in Brüssel.
Noch auffälliger aber ist die Vielzahl elektronischer Attacken, die die
Sicherheitsbehörden staatlich gesteuerter Spionage aus China zuordnen, auch wenn oft Restzweifel über die tatsächlichen Urheber bleiben.
Ein weiteres Beispiel für einen solchen Angriff ist eine E-Mail an die Außenministerien von fünf EU-Mitgliedstaaten - ebenfalls im Vorfeld des G-20-Treffens in St. Petersburg. Darin erhielten die Diplomaten einen Anhang "US military options in Syria". Bei dem Gipfel sollte tatsächlich über einen möglichen Militärschlag gegen den syrischen Diktator Baschar al-Assad geredet werden. Der Titel des Anhangs sollte die Empfänger wohl verleiten, die Schadstoffsoftware schnell zu öffnen und so zu aktivieren. Auf ähnliche Weise sind nach Erkenntnissen der deutschen Sicherheitsbehörden auch deutsche Botschaften im Ausland, Entscheidungsträger in deutschen Ministerien und Ministerien anderer europäischer Regierungen angegriffen worden.
Besonders häufig werden die staatlichen Hacker aus Fernost im Umfeld von internationalen Gipfeln aktiv. Es geht ihnen offenbar nicht nur darum, die Vorbereitungen der Staaten auf die Treffen auszuspionieren, sie wollen allgemein Spähsoftware in die Ministerien einschleusen. "Der Anlass Gipfeltreffen dient vorrangig dazu, die niedrige Aufmerksamkeitsschwelle im Vorfeld auszunutzen", sagt ein Sicherheitsexperte. Dann herrscht Stress - und Thema und Absender erscheinen zu wichtig, um an Spione zu denken.
* In St. Petersburg 2013.
Von Fidelius Schmid

DER SPIEGEL 8/2014
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