17.02.2014

ABSTÜRZEIm Schloss

Die Affäre Wulff war auch ein Eingeschlossenen-Drama: hier das Präsidentenpaar und seine Berater, draußen Medien und Öffentlichkeit. Der Film „Der Rücktritt“ rekonstruiert die Vorgänge aus Sicht der Belagerten.
Der 5. Dezember 2011 ist ein ruhiger, der Jahreszeit entsprechend kühler Tag. Im Norden und in Bayern ist der erste Schnee gefallen. Gegen Mittag hat Bundespräsident Christian Wulff seine engsten Berater zu einer vorweihnachtlichen Besprechung gebeten. Die Runde ist guter Laune, es wird gelacht und gescherzt, bis Amtschef Lothar Hagebölling eine Anfrage der "Bild" zur Finanzierung des Hauses vorträgt, welches das Ehepaar Wulff in seiner niedersächsischen Heimat besitzt.
Der Kreditvertrag für diesen Kauf interessiert die Presse schon seit vielen Monaten, nicht nur "Bild". Es gibt Gerüchte, dass ein reicher Gönner dem Ehepaar mit einem Darlehen ausgeholfen habe. Der Name des Finanzunternehmers Carsten Maschmeyer wird immer wieder genannt, auch der von Dirk Rossmann, Eigentümer der gleichnamigen Drogeriekette.
Die Runde einigt sich nach einiger Diskussion, den Kreditvertrag zur Einsicht freizugeben, allerdings nur, wenn der Name des wahren Kreditgebers, einer engen Wulff-Freundin namens Edith Geerkens, nicht veröffentlicht wird. Auch die Bankauszüge des Bundespräsidenten, die dessen Zinszahlungen belegen, sollen auf Nachfrage gezeigt werden.
Wulff sträubt sich ein wenig gegen die Offenlegung seines Hauskredits. Er habe nicht den Eindruck, dass er da auskunftspflichtig sei, sagt er. Aber am Ende beugt er sich dem Drängen seines Pressesprechers Olaf Glaeseker, nur durch Transparenz lasse sich die Geschichte aus der Welt schaffen. "Gut, du machst das", sagt Wulff. Es ist einer der Sätze, an die er sich so später nicht mehr erinnern wird.
74 Tage bleiben Wulff von diesem Moment noch bis zu seinem Rücktritt.
Die Öffentlichkeit hat sich bislang vor allem auf die Vorwürfe konzentriert: die schier endlose Liste von Upgrades, Einladungen und Vergünstigungen, von denen außer einem Oktoberfestbesuch im September 2008 für die Staatsanwaltschaft Hannover allerdings nicht viel Verwertbares übrig blieb. Am 27. Februar soll das Urteil fallen. Die meisten Beobachter gehen davon aus, dass das Verfahren mit einem Freispruch enden wird.
Die Vorgänge im Schloss Bellevue selbst haben bis heute eher am Rand interessiert. Dabei ist kein Rücktritt unvermeidlich, auch der von Wulff war es nicht.
Politische Krisen verlaufen selten linear, das macht sie so spannend. Sie können unerwartete Wendungen nehmen, manchmal brechen sie sogar abrupt ab. Anders als im Wirtschaftsleben entscheidet in der Politik das Publikum über das öffentliche Schicksal. Das aber ist oft wankelmütig und in seiner Meinung beeinflussbar, weshalb schon mancher von den Medien Getriebener seinen Kopf wieder aus der Schlinge ziehen konnte.
Am 25. Februar wird die Nico-Hofmann-Produktion "Der Rücktritt" mit Kai Wiesinger als Bundespräsident auf Sat.1 noch einmal aufzurollen versuchen, was genau sich in den 74 Tagen abgespielt hat, die schließlich zu Christian Wulffs Untergang führten. Nicht die Korruptionsvorwürfe stehen dabei im Mittelpunkt, sondern die Akteure im Schloss, ihre Überlegungen und Strategien, eine als bald ausweglos empfundene Situation doch noch zu wenden.
Eine Reihe der Beteiligten hat für das Doku-Drama erstmals über die internen Vorgänge Auskunft gegeben(*). Manches, was bislang fehlgedeutet wurde, und manches, was nur gemutmaßt werden konnte, wird in dem Film nun präzise aufgearbeitet. Fügt man die Teile der Recherche zusammen, entsteht das Bild einer Gruppe von Menschen, die zu lange brauchen, um zu begreifen, in welcher Gefahr sie schweben - und dann, als sie es begreifen, die falschen Schlüsse ziehen.
Es spricht vieles dafür, dass Wulff heute noch im Amt wäre, wenn er an jenem 5. Dezember in seinem Amtszimmer nicht der Entscheidung zugestimmt hätte, den Kreditvertrag für sein Haus zu zeigen, von dem die Presse bis zu diesem Zeitpunkt lediglich vermuten konnte, dass es ihn gab. Wulff hat Glaeseker später wütend vorgehalten, er habe der Veröffentlichung nur unter der Bedingung zugestimmt, dass der Name Geerkens nie in den Medien auftauche.
Das war aber eine Vorgabe, die Glaeseker schlechterdings nicht erfüllen konnte. Als er gegenüber dem "Bild"-Reporter Martin Heidemanns auf eine Zusicherung bestand, den Namen des Kreditgebers vertraulich zu behandeln, ließ dieser ihn abblitzen: Wenn das die Bedingung für das Gespräch sei, sei es sofort beendet. So gab sich Glaeseker mit der Erklärung zufrie-
den, dass auch "Bild" zwischen öffentlichen und privaten Personen unterscheide.
Der eigentliche Sündenfall geschah allerdings früher, und für diesen ist allein Wulff verantwortlich: Mit Einzug ins Schloss Bellevue hatte er begonnen, auch im eigenen Amt mit verdeckten Karten zu spielen. Im Februar 2011 war eine erste Anfrage des "Stern" zu den Modalitäten des Kreditvertrags eingegangen. Glaeseker beantwortete sie nach Rücksprache mit dem Präsidenten dahingehend, dass die BW-Bank aus Baden-Württemberg der Kreditgeber "war und ist".
Dass dies glatt gelogen war, erfuhr Glaeseker zehn Monate später, als er mit Wulff darüber beriet, wie man die hartnäckigen Anfragen der "Bild" parieren sollte. Wulff hatte seinen langjährigen Pressesprecher nicht nur bei den Journalisten desavouiert, indem er ihn eine falsche Erklärung abgeben ließ. Er hatte damit auch einen Vertrauensbruch begangen, über den Glaeseker bis zum Schluss nicht mehr hinwegfinden sollte.
Man kann die Affäre Wulff als Moritat über politischen Machtmissbrauch lesen. Man kann sie aber auch als Beziehungskrise interpretieren. Dann ist es die Geschichte zweier Männer, die gemeinsam aufsteigen, weil sie sich blind vertrauen - und dann alles verlieren, was sie sich aufgebaut haben, als dieses Vertrauen zerbricht.
Die Verbindung zwischen Wulff und Glaeseker ging stets weit über das Verhältnis zwischen einem Spitzenpolitiker und seinem Pressesprecher hinaus. Dass der etwas fad wirkende Jurist aus Osnabrück zu einem der beliebtesten Politiker Deutschlands aufstieg, verdankte er ganz wesentlich dem Mann mit dem Glatzkopf an seiner Seite. Als die beiden noch unzertrennlich waren, nannte Wulff Glaeseker mal seinen "siamesischen Zwilling".
Einen ersten Knacks hatte die Beziehung im Dezember 2007 erhalten, als Wulff acht Wochen vor der Landtagswahl mitteilte, dass seine Freundin Bettina - im Film gespielt von Anja Kling - von ihm ein Kind erwarte. Was der damalige Ministerpräsident als "freudiges Ereignis" bezeichnete, war aus Glaesekers Sicht kreuzgefährlich. Die Wähler hatten gerade die Trennung von der ersten Frau geschluckt. Wenn sie den Eindruck gewännen, dass Wulff die Dinge forcierte, obwohl er nicht einmal geschieden war, konnte die Stimmung schnell umschlagen.
Es gab wegen der Sache einen Riesenstreit. "Deine Bettina kostet uns alle noch den Job", entfuhr es Glaeseker. Wulff beschloss darauf, alles Private künftig für sich zu behalten, um weiteren Streit zu vermeiden - eine Entscheidung mit weitreichenden Konsequenzen, wie sich in der Affäre zeigen sollte. So ist Glaeseker weder über den privaten Hauskredit hinreichend informiert noch über eine Reihe von privaten Reisen, die dann im Zuge der Affäre zum Skandal werden. Ein Krisenberater, der den Entwicklungen immer hinterherhängt, ist aber auch nur bedingt einsatzfähig.
In Berlin setzt sich die Entfremdung fort. Eigentlich hatten die beiden Männer verabredet, nach Auslauf der Legislatur in Hannover in die Wirtschaft zu wechseln. Zehn Jahre wäre Wulff 2013 Ministerpräsident in Niedersachsen gewesen, ein guter Zeitpunkt für einen Abschied. Aber dann kommt das Angebot aus Berlin, Horst Köhler im Amt des Bundespräsidenten zu beerben, und Wulff bittet seinen Sprecher, ihm nach Berlin zu folgen.
Glaeseker sagt zu, doch er wird in der Hauptstadt nie heimisch. Er sehnt sich nach der alten Vertrautheit der Tage in Hannover, der Übersichtlichkeit der Staatskanzlei, wo er nur über den Gang gehen musste, um mit seinem Freund und Vorgesetzten ein paar Worte zu wechseln.
Auch Wulff verändert sich. Er hört seinem alten Vertrauten weiter zu, aber er folgt ihm nicht mehr. Als am Anfang seiner Amtszeit Artikel erscheinen, in denen die Sprachlosigkeit des Präsidenten beklagt wird, rät ihm Glaeseker, den Kontakt zu den wichtigen Medien zu suchen. Doch Wulff lehnt ab. Er ist jetzt Präsident, was ihm erlaubt, sich von der Presse, die ihn in seinem Leben nicht nur gut behandelt hat, unabhängig zu machen. Er kann nun von oben auf die Zeitungsleute hinabsehen, so denkt er jedenfalls.
Am 15. Dezember 2011 kommt es zum offenen Bruch. Wieder einmal fühlt sich Glaeseker hinters Licht geführt: Diesmal geht es um den Anruf bei "Bild"-Chefredakteur Kai Diekmann, wodurch Wulff einige Tage zuvor die Berichterstattung über seinen Hauskauf hatte verhindern wollen - oder zumindest verzögern.
Der Anstoß zu dem verhängnisvollen Telefonat, so lehrt es der Film, war von Glaeseker gekommen. In einer Reihe von Gesprächen mit "Bild" hatte er versucht, Zeit zu gewinnen, aber dann die Waffen gestreckt: "Ich komme da nicht weiter", sagte er zu Wulff, "du musst Diekmann direkt anrufen." Vergebens hatte sich der Präsident daraufhin bemüht, den Chefredakteur zu erreichen, und schließlich aufgegeben. Was Wulff seinem Sprecher nicht sagte, war, dass er auf der Mailbox eine Nachricht hinterlassen hatte.
Als Glaeseker davon erfährt, und zwar von seinem Kontakt in der Chefredaktion bei "Bild", kann er sich nicht mehr beherrschen: Ein Riesenfehler sei das gewesen, auf den Anrufbeantworter zu sprechen, schreibt er per SMS: "Der Hauskredit war dagegen Pipifax. Ich sehe schwarz." Man einigt sich darauf, dass Wulff es mit einer Entschuldigung bei Diekmann versucht. Das Telefonat dauert keine zwei Minuten. "Das wird nichts mehr", sagt Wulff in "Der Rücktritt", worauf Glaeseker, der daneben steht und alles mitgehört hat, nur die Achseln zuckt.
Alles bricht nun auf. Wulff wirft seinem Sprecher vor, in Berlin nicht genug "vernetzt" zu sein. Je mehr Glaeseker auf ihn eindringt, endlich die Initiative zu ergreifen und der Presse Rede und Antwort zu stehen, desto mehr beharrt Wulff darauf, dass dies ein Eingeständnis von Schwäche sei, welches die Medien nur ermuntern würde, immer weiter zu bohren: Ein Bundespräsident erkläre sich nicht, sagt er hochfahrend, schon gar nicht auf Drängen eines Boulevardblatts.
Als Wulff sich am 22. Dezember von seinem Sprecher trennt, denkt er, er habe sich Luft verschafft. Tatsächlich hat er den einzigen Mann entfernt, der dagegenhielt, wenn er sich in falscher Sicherheit wog. Die Entlassung ist unausweichlich, als Glaeseker wegen Vorteilsannahme unter Verdacht gerät. Und die Begleitumstände zeigen, wie zerrüttet die Beziehung ist. Als der Präsident gefragt wird, ob er seinen Sprecher noch einmal sehen wolle, bevor der das Amt verlasse, schüttelt er nur den Kopf. Wulff hat für den Mann, der ihm zwölf Jahre seines Leben treu diente, kein persönliches Wort mehr, nicht mal mehr einen Händedruck.
Nachdem Glaeseker weg ist, bleiben noch Amtschef Hagebölling und die stellvertretende Sprecherin Petra Diroll plus die Anwälte, die immer zahlreicher werden. Hagebölling ist selbst Jurist durch und durch, ein Aktenfresser und -vernichter, der eine stille Freude daraus zieht, wenn er bei einem Problem zu einer effizienten Lösung kommt.
Leider ist der Amtschef völlig überfordert, wenn Reaktionsschnelle und Improvisationskunst gefragt sind. Deshalb gelingt es ihm nie, in der Affäre auf Höhe der Ereignisse zu sein. Hier geben plötzlich Kräfte den Takt vor, deren Logik für ihn völlig erratisch bleibt.
Petra Diroll wiederum ist ganz und gar Teil der Wagenburg: Die Angriffe auf den Präsidenten empfindet sie als unfair und ungerecht, auch wenn sie bei ihm im Einzelnen durchaus Fehlverhalten erkennt. Sie ist über die Kampagne der Medien aufrichtig empört, damit fehlt ihr aber die Distanz, die Fehler in der Kommunikation des Bundespräsidialamtes zu sehen und zu benennen.
Je länger die Affäre rollt, desto mehr sieht sich Wulff als Opfer einer Verschwörung. Dass man ihn in den linksliberalen Medien ablehnt: Damit lässt sich fertig werden. Dass sich hingegen die Leitorgane des eigenen Lagers gegen ihn richten, verbittert Wulff zutiefst.
Spätestens mit einem Bericht der "Frankfurter Allgemeinen", in dem über seinen Anruf beim "Bild"-Chefredakteur berichtet wird, verdichtet sich der Eindruck zur Gewissheit. Von nun an ist Wulff fest davon überzeugt, dass sich die beiden Blätter verbündet haben, um ihn "wegzuschießen". An diese Verschwörung glaubt er bis heute.
Den Grund für die Allianz zu seinen Lasten macht Wulff in seiner Rede zur Integration aus, in der er den Islam zu einem Teil Deutschlands erklärte. Dies ist aus seiner Sicht das "Fait accompli", das die konservativen Medien gegen ihn aufgebracht hat. Bei Diekmann und dem "FAZ"-Herausgeber Frank Schirrmacher, den er als treibende Kraft bei der Zeitung aus Frankfurt vermutet, sieht er zudem eine Lust an der Skandalisierung am Werk, ein frivoles Vergnügen an der Kampagne, das beide gegen ihn zusammengeführt hat. Dass man sich in Frankfurt und Berlin schätzt, weiß auch Wulff.
Es ist später viel hineingeheimnisst worden, wie es zu dem Hinweis in der "FAZ" auf die Mailbox-Nachricht kam. Aus Wulffs Sicht ist die Sache klar: Diekmann hat die Abschrift durchgestochen, damit die Affäre, die an Schwung zu verlieren droht, wieder Fahrt aufnimmt.
In Wahrheit ist es etwas komplizierter. Mitte Dezember meldet sich Diekmann bei Schirrmacher und berichtet von dem Vorfall. Es gebe ein Transkript, ob Schirrmacher sich das mal ansehen könne? Er sei unsicher, ob man den Inhalt veröffentlichen solle, sagt er, er würde gern eine Einschätzung von außen hören.
Schirrmacher rät nach Lektüre von einem Abdruck ab: Es gebe in der Öffentlichkeit eh schon Unbehagen über das Vorgehen der "Bild", eine Veröffentlichung würde dies erheblich verstärken. Diekmann antwortet, Giovanni di Lorenzo von der "Zeit" habe ihm das Gleiche gesagt. Damit ist klar, dass zu diesem Zeitpunkt bereits zwei führende Journalisten den Inhalt der Nachricht kennen.
Beim wöchentlichen Jour fixe der Frankfurter Redaktionsspitze vereinbart man, sich aus dem Streit zwischen Wulff und "Bild" herauszuhalten. Man will sich nicht zum Handlanger des Boulevardblatts machen. "Wenn das Material so brisant ist, warum benutzt es Diekmann dann nicht selber?", fragt einer der Herausgeber in die Runde. Zwar hat der "Bild"-Chef mit keinem Wort eine Veröffentlichung außerhalb seines Blattes angeregt, aber alle gehen davon aus, dass eine solche in seinem Interesse läge.
Doch auch in der "FAZ" reden Redakteure miteinander, auch über Dinge, die sie eigentlich nicht wissen oder gar schreiben sollten. Eine erste Andeutung findet am 20. Dezember in einen Artikel von Nils Minkmar Eingang. "In Journalistenkreisen erzählt man sich von umständlichen, gewundenen Mailboxansagen bei Medienchefs", heißt es dort. Aber das geht unter.
In der Neujahrsausgabe der "FAS" berichtet der Redakteur Eckart Lohse dann erstmals konkret über die Nachricht, die der Bundespräsident am 12. Dezember auf dem Anrufbeantworter des "Bild"-Chefredakteurs hinterlassen hatte. Es tauchen einzelne Wörter wie "Rubikon" und "Krieg" auf, die jeden Journalisten alarmieren müssen, der sich mit der Affäre beschäftigt. Lohse habe nichts von der Verabredung seiner Chefs gewusst, auf jede Veröffentlichung zu verzichten, heißt es anschließend. Der für die Politik verantwortliche Herausgeber sei in Urlaub gewesen. Eine Panne also.
In jedem Fall ist nun der Verdacht in der Welt, der Bundespräsident habe unziemlichen Einfluss auf eine für ihn unvorteilhafte Veröffentlichung nehmen wollen. Es wird schnell klar, dass es recht unsinnig ist, ausgerechnet den Chef der größten Boulevardzeitung Europas zum Drohopfer zu machen. Aber der Schaden ist trotzdem da: Wenn Wulff nicht als Zensurhansel dasteht, dann als Trottel, der seinem größten Feind ein unbezahlbares Geschenk gemacht hat.
Eine letzte Chance, die Lage zu wenden, ergibt sich Anfang Januar. Zum ersten Mal zeigt sich der Präsident offen für die Idee, vor die Presse zu treten. Im kleinen Kreis werden die Möglichkeiten erörtert. Ein Auftritt vor der Bundespressekonferenz? Nicht zu kontrollieren, weder vom Ablauf noch von der Länge. Wenn Wulff die Konferenz irgendwann beendet und geht, heißt es anschließend, er sei vor den Fragen geflohen.
Ein Zeitungsinterview? Dann sind alle beleidigt, die es nicht bekommen haben.
Also ein Auftritt im Fernsehen. Nur mit wem? Mit allen Sendern? Das hätte Tribunalcharakter. Man müsse schließlich an die Würde des Amtes denken, gibt einer der Berater zu bedenken.
Man einigt sich auf ARD und ZDF. 20 Minuten zur besten Sendezeit, Aufzeichnung nach Möglichkeit im Schloss Bellevue. Hagebölling und Diroll sollen die Modalitäten aushandeln.
Bleibt die Frage, was man eigentlich als Botschaft setzen will. Die Runde ist sich einig, dass es vor allem gilt, Sympathie beim Publikum zu wecken.
Einer fragt, ob es denkbar sei, die von Journalisten unter der Hand verbreiteten Gerüchte zu der angeblichen Rotlicht-Vergangenheit von Bettina Wulff zum Thema zu machen. Die Öffentlichkeit sei nach wie vor gespalten, wie sie die Affäre bewerten solle. Viele Menschen würden die Rolle der Medien sehr kritisch sehen; der Aufschrei wäre riesig, wenn sie erfahren würden, welche Fragen im Bundespräsidialamt zur Ehefrau eingehen.
Es ist ein riskantes Manöver, das da vorgeschlagen wird. Sollte es gelingen, würde es die Debatte drehen - es wäre der Befreiungsschlag, auf den sie im Team Wulff hoffen, das ist allen sofort klar. Doch Wulff lehnt die Idee ohne nachzudenken ab. Als jemand anregt, sich wenigstens in einem Frage-Antwort-Spiel auf den Auftritt vorzubereiten, lächelt er nur: "Ein Präsident probt doch keine Interviews", sagt er. So verstreicht auch die letzte Möglichkeit, das Blatt zu wenden.
Die verbleibenden Wochen im Präsidialamt gleichen der Endphase eines Trupps unter Dauerbelagerung. Hagebölling laboriert schon länger an einer Gürtelrose. Nach dem TV-Auftritt ist er praktisch nicht mehr einsatzfähig, womit das Amt führungslos dahintreibt und damit selbst zur Quelle von Geschichten wird. Bettina Wulff leidet still und hofft auf ein baldiges Ende. Nur Petra Diroll versucht den guten Geist des Hauses zu geben, ist dabei aber von einer so angestrengten Fröhlichkeit, dass es schmerzt.
Bis zum Schluss gibt es in der Affäre nie eine ehrliche Bestandsaufnahme, kein Strategietreffen, wo sich die Mannschaft einen Überblick verschafft, was noch alles schlummert und von den Medien als Skandalmaterial benutzt werden könnte. Pressesprecherin Diroll erfährt von der Mailbox-Nachricht erst, als die Sache in der Zeitung steht. Niemand hatte es für nötig befunden, sie über die Geschichte in Kenntnis zu setzen.
Bleibt Wulff. Acht Kilo hat er am Ende verloren; der Schneider muss seine Hosen anpassen, damit er sie bei offiziellen Anlässen nicht verliert. Aber trotz aller Anspannung ist er untadelig höflich und beherrscht.
Tatsächlich gibt Wulff mit enormer Disziplin bis zur letzten Minute den "Präsidenten", die Rolle seines Lebens. ◆
* Redakteur Jan Fleischhauer hat am Drehbuch mitgearbeitet.
Von Jan Fleischhauer

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