17.02.2014

ERNÄHRUNGMein Körper ist ein Tempel

Über das verspannte Verhältnis der Deutschen zum Essen
Wie leicht man den Anschluss an den Zeitgeist verliert, merkt man neuerdings am Esstisch. Neulich saß ich mit Karl Lauterbach in einem Restaurant im Berliner Regierungsviertel, der SPD-Mann gilt in allen Gesundheitsfragen als Kapazität, er hat in Harvard studiert und trägt zwei Doktortitel, und um ein Haar wäre er im Herbst Gesundheitsminister geworden.
Ich bestellte eine Kalbsleber; bei Lauterbach dauerte die Order etwas länger. Er hätte gern Fisch, und zwar ungesalzen, sagte Lauterbach. Der Kellner erwiderte, er könne Lachsfilet anbieten, aber das sei schon fertig mariniert, salzlos gehe also leider nicht. "Okay", seufzte Lauterbach, "dann nehme ich Spinat. Aber in salzlosem Wasser gekocht."
Lauterbach kann aus dem Stand einen langen Vortrag über die Risiken salzhaltiger Kost halten. Wenn man ihm zuhört, dann wirkt der Salzstreuer auf dem Tisch mit einem Mal so gefährlich wie ein Fläschchen Arsen, und jedes Stückchen Kalbsleber, das in einer gut abgeschmeckten dunklen Sauce schwimmt, wird zum Vergehen am eigenen Körper.
Ich wohne im Berliner Stadtteil Prenzlauer Berg, eigentlich weiß ich Bescheid über die Ängste und Neurosen des modernen Großstädters, was das Essen betrifft. Von meiner Wohnung aus erreiche ich innerhalb von fünf Minuten vier Bio-Supermärkte, eine Filiale des Öko-Bäckers Beumer & Lutum sowie das fleischlose Restaurant Vego, zu dessen Spezialitäten der Blumenkohl-Käse-Burger gehört.
Ein salzloses Restaurant gibt es in Prenzlauer Berg meines Wissens noch nicht, aber das scheint mir nur eine Frage der Zeit: Hier wurde noch aus jeder Sorge um das gute Leben ein florierendes Geschäftsmodell.
Die Deutschen haben sich schon vor vielem gefürchtet: vor der Vogelgrippe und dem Atomtod, dem Waldsterben und dem Feinstaub. Am Ende kam es meistens doch nicht so schlimm, aber das heißt nur, dass sich die Angst eben ein anderes Objekt suchen musste. Nun ist es also die Gefahr auf dem Teller.
Insofern war es keine gute Idee, dass Deutschland in der vergangenen Woche mit den Weg frei gemacht hat für die Zulassung einer gentechnisch veränderten Maissorte in der EU. Man mag zur Entschuldigung der Regierung einwenden, dass sie sich im EU-Ministerrat nur enthielt. Außerdem hat die CSU schon erklärt, dass die umstrittene Maissorte 1507 des US-Konzerns Dupont Pioneer in Deutschland ohnehin verboten bleiben solle, Brüssel hin oder her.
Aber wer so argumentiert, hat schon verloren. Essen und Verstand passen in Deutschland nicht so recht zusammen. Wie anders ist es zu erklären, dass die Deutschen inzwischen zu 80 Prozent den Anbau gentechnisch veränderter Pflanzen ablehnen, aber ohne Bedenken Schweine und Rinder essen, die auch mit Gensoja aus Südamerika gemästet worden sind? Und wie kann es sein, dass man inzwischen in fast jedem Restaurant, das etwas auf sich hält, ein glutenfreies Gericht bekommt, aber nur 0,2 bis 0,5 Prozent der Deutschen leiden an einer Glutenunverträglichkeit?
Noch vor ein paar Jahren mag es ausgereicht haben, vernünftig zu essen, heute ist die Nahrung ein Distinktionsmerkmal. Ein besonderer Mensch braucht besondere Nahrung, der Körper wird zum Tempel.
Neulich hat mir eine Kollegin erzählt, dass sie sich mit einer Freundin zerstritten habe, weil die während der Stillzeit ihres Kindes nicht außer Haus essen wollte. Nur daheim, so das Argument der jungen Mutter, könne sie sich die Öko-Kost zubereiten, die sie und ihr Kind nun so dringend brauchten. "Meine Freundin wurde zu einer Bio-Milchkuh", sagte meine Kollegin trocken.
Man mag darüber lachen. Aber vielleicht ist unser verspanntes Verhältnis zum Essen auch eine Art Selbstbestrafung, die Buße für unseren verlorenen Kontakt zur Natur. Alle drei, vier Wochen gehe ich samstags auf den Wochenmarkt bei mir ums Eck, dort steht ein Imker, der zu astronomischen Preisen Honig verkauft.
Er trägt schwere Stiefel und selbst bei Minusgraden nur einen Strickpulli und eine abgewetzte Lederjoppe. Mit seiner gegerbten Haut sieht er so aus, als würde er Sommer wie Winter auf den Wiesen und Feldern Brandenburgs verbringen und sich abends neben einem Lagerfeuer zur Ruhe legen. Neben dem Mann komme ich mir vor wie ein schwächlicher und blasser Bürogeist. Ich kaufe ihm jedes Mal ein Glas Honig ab. ◆
Von René Pfister

DER SPIEGEL 8/2014
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