17.02.2014

GLOBALISIERUNGDas OHIO-Prinzip

Beim G-20-Treffen der Finanzminister werden die Schwellenländer darauf drängen, gemeinsam gegen steigende Zinsen vorzugehen. Die Industriestaaten wollen davon nichts wissen. Ihr Motto: Jeder soll seine eigenen Probleme lösen.
Für Finanzminister Wolfgang Schäuble (CDU) steht Ende der Woche ein vergleichsweise angenehmer Pflichttermin an. Die Anreise wird zwar strapaziös ausfallen, fast 24 Stunden wird er von Berlin bis Sydney im Flugzeug unterwegs sein, doch damit ist dann auch schon die größte Schwierigkeit überwunden.
Bei sommerlichen Temperaturen wird sich der deutsche Kassenhüter im Rahmen der G 20 mit seinen Kollegen aus den Industrie- und Schwellenländern treffen. Wie immer wird die Lage der Weltwirtschaft bestimmendes Thema sein.
Schäuble und seine Mitstreiter aus der Euro-Zone können sich, anders als in den Vorjahren, dieses Mal entspannt zurücklehnen. Niemand wird Deutsche, Franzosen oder Italiener zu beherztem Handeln nötigen, um die Weltwirtschaft vor den Turbulenzen in Europa zu schützen. "Der Euro als solcher ist aus der Aufmerksamkeit der Finanzmärkte als eine Quelle der Beunruhigung entschwunden", stellte Schäuble kürzlich zufrieden fest. Die Euro-Krise hat sich, vorerst, schlafen gelegt, was Schäuble und seine Kanzlerin Angela Merkel freut. Dafür stehen dieses Mal andere am Pranger: die Amerikaner.
Vor allem Vertreter Indiens, Brasiliens oder der Türkei werfen der amerikanischen Notenbank Fed unter Führung der neuen Chefin Janet Yellen vor, mit dem Ausstieg aus der Krisenpolitik ihre Volkswirtschaften ins Unglück zu stürzen. Indem sie Ankäufe amerikanischer Staatsanleihen zurückfahre, sorge die Fed dafür, dass die Zinsen in den USA steigen und Anleger ihr Geld aus den Schwellenländern abziehen, um es im Dollar-Raum anzulegen.
Um den Verfall ihrer Währungen zu stoppen, sahen sich Indien und die Türkei gezwungen, ihrerseits die Zinsen zu erhöhen. Die Maßnahme mag den Wechselkurs stützen, aber sie bremst auch das Wirtschaftswachstum. Deshalb wollen die Abgesandten aus den Schwellenländern das Treffen in Sydney nutzen, um auf ein gemeinsames Vorgehen mit den Industrieländern, vor allem den USA, zu drängen. Die entwickelten Staaten sollen gefälligst Rücksicht nehmen auf die Konjunktur in Asien und Lateinamerika.
Wieder einmal stehen alte Industriestaaten gegen aufstrebende Schwellenländer. So war es schon zu Beginn der Wirtschaftskrise. Damals argumentierten China, Indien & Co. jedoch aus einer Position der Stärke heraus. Mit Verweis auf ihre hohen Wachstumsraten forderten sie Amerikaner und Europäer, die sie nicht zu Unrecht als Verursacher der Krise geißelten, zu mehr Engagement auf, um den Absturz der Weltwirtschaft zu verhindern.
Nun haben sich die Rollen vertauscht. Das Wachstum der Schwellenländer bricht ein, ihre Währungen stürzen ab, weil das Kapital abwandert. Und trotzdem sitzen erneut die reifen Volkswirtschaften auf der Anklagebank.
In Sydney wird es zum nächsten Showdown kommen. Eines steht schon fest: Obwohl sich die Amerikaner während der Euro-Krise oft gegen sie stellten, wollen die Europäer ihnen zur Seite springen. Vor allem auf Finanzminister Wolfgang Schäuble ist Verlass. Er hält die Klagen aus Asien und Südamerika für ungerechtfertigt. Den Kritikern will er entgegenhalten, dass die Risiken für die Weltwirtschaft nicht mehr vom Euro-Raum und von Amerika ausgehen.
Dafür hat er einen gut beleumundeten Zeugen. Der Internationale Währungsfonds (IWF) stuft die USA mittlerweile als Wachstumsmotor ein und hat den Europäern attestiert, dass die Wirtschaft im gemeinsamen Währungsraum die Rezession überwunden habe. Schäuble und seine Helfer halten deshalb das Umschalten von Krisenmodus auf Normalisierung für angemessen.
Bei den Amerikanern ist dieser Prozess schon in vollem Gange. Seit einigen Monaten strafft die Fed die geldpolitischen Zügel und kauft nicht mehr so aggressiv wie zuvor Staatsanleihen auf, um die heimische Wirtschaft mit Liquidität zu versorgen. Diese Zurückhaltung, gepaart mit der anziehenden Konjunktur, sorgt dafür, dass die Zinsen in den USA steigen, was amerikanische Geldanlagen im internationalen Vergleich attraktiver macht.
Kurzum, an den Aktionen der Amerikaner finden die Deutschen nichts zu meckern. Dazu hätten aber auch die Vertreter aus den Schwellenländern keinen Anlass, heißt es im Finanzministerium. Schließlich sei ihnen schon im November 2011 beim G-20-Gipfel in Cannes angekündigt worden, dass die Krisenpolitik der Industriestaaten auf normal schalten werde, sobald es die Lage erlaube. Jetzt sei es so weit.
Schäuble hält sich und seine Finanzministerkollegen ohnehin für die falschen Adressaten der Kritik. Die Notenbanken seien unabhängig in ihren Entscheidungen, also frei und autonom. Auf diesen Sachverhalt will er in Sydney bei Bedarf ebenfalls hinweisen.
Schäuble und seine Kollegen haben zudem das Gefühl, als Sündenböcke missbraucht zu werden. Tatsächlich sind viele der Probleme in den Schwellenländern hausgemacht. Die Wirtschaft der Türkei leidet nicht unter globalen Verwerfungen. Ein großer Teil der Turbulenzen lässt sich mit der Verunsicherung erklären, die der innenpolitische Kurs ihres Ministerpräsidenten Recep Tayyip Erdogan hervorruft. Argentinien, ein weiterer lautstarker Wortführer des USA-Bashings, laboriert an den Folgen einer über Jahrzehnte verfehlten Wirtschaftspolitik.
In Thailand blockieren sich seit Monaten Regierung und Opposition, ein Zustand, der nicht folgenlos für Währung und Wirtschaft bleibt. Und Indiens Regierungschef Manmohan Singh bekommt Korruption und Überregulierung nicht in den Griff.
Europäer und Amerikaner werden ihren Kritikern deshalb eine Politik nach dem OHIO-Prinzip empfehlen, wie es Fachleute nennen. Die Abkürzung steht für "Own House in Order", was frei übersetzt so viel bedeutet wie: "Jeder soll seine Hausaufgaben machen." Deshalb sehen die Vertreter des Westens für ein orchestriertes Vorgehen gegen die Turbulenzen im G-20-Rahmen auch keinen Anlass. "Wir erwarten keine Asienkrise 2.0", sagt ein Schäuble-Mitarbeiter.
Doch es ist keineswegs ausgeschlossen, dass es anders kommt. Gründe gibt es genug, warum das Wirtschaftswunder der aufstrebenden Märkte zuletzt einiges von seinem Glanz verloren hat. China wachse seit zwei Jahren nicht mehr mit zweistelligen Raten, sondern nur noch um durchschnittlich 7,7 Prozent, analysiert Min Zhu, Vizechef des IWF. Das ist immer noch schwindelerregend schnell, verglichen mit reifen Volkswirtschaften wie Deutschland oder Japan, aber eben doch etwas langsamer, als es wichtige Handelspartner und Rohstofflieferanten Chinas wie Brasilien, Indien oder Südafrika jahrelang gewohnt waren.
Weil China seine Investitionswut zuletzt zähmte, geht auch die Preis-Bonanza bei vielen Rohstoffen zu Ende, die manchem Schwellenland hohes Wachstum und üppige Deviseneinnahmen bescherte. Und dann ist da noch die Sache mit dem Zinsdoping. Solange sich in den USA, Europa und Japan die Zinsen im mikroskopisch kleinen Bereich bewegten, konnten sich auch Schwellenländer zu phantastischen Konditionen Geld leihen. Zumal Investoren, die den Untergang des Euro fürchteten und die USA von der Fiskalklippe stürzen sahen, Geldanlagen in Asien oder Lateinamerika plötzlich für unbedenklich hielten.
Seit 2010 flossen jährlich mehr als eine Billion Dollar netto in die aufstrebenden Märkte Asiens, Lateinamerikas, Osteuropas und Afrikas. Doch 2013 ging der Zufluss so stark zurück wie seit 2008 nicht mehr.
"Lange Zeit schien es so, als gäbe es kaum mehr Unterschiede zwischen aufstrebenden Staaten und vollentwickelten Industrieländern", sagt David Solomon, Co-Chef des Investmentbanking bei Goldman Sachs. "Die Risikoaufschläge lagen fast bei null. Nun merken die Leute, dass sie die Schwellenländer überschätzt haben und diese Prämie höher ausfallen sollte."
Noch ist der Kapitalabfluss aus den heißen Märkten der vergangenen Jahre nicht dramatisch. Nachdem die Währungen Südafrikas, Indiens und der Türkei Ende Januar absackten, hat sich die Lage inzwischen wieder ein wenig beruhigt. Die Notenbanken der betroffenen Länder hoben die Leitzinsen an und konnten so die Geldflucht stoppen, wenigstens fürs Erste.
Doch ist die Krise damit beigelegt? Können die Wirtschaftswunderländer zur Tagesordnung übergehen? Wohl kaum. "Es wird weitere Turbulenzen geben, die Probleme der Schwellenländer sind nicht ausgestanden", sagt Scott Mather, Vize-Investment-Chef beim weltgrößten Anleihe-Investor Pimco. Er glaubt aber, dass die Anleger künftig stärker zwischen einzelnen Ländern differenzieren werden. "Die Probleme werden vor allem dort andauern, wo sich ökonomische Verwundbarkeit mit politischer Instabilität mischt, etwa in der Ukraine, der Türkei oder Thailand."
Ökonomisch verwundbar sind vor allem Länder, die viel mehr importieren, als sie im Ausland verkaufen, und deshalb auf hohe Kapitalzuflüsse angewiesen sind. Wenn dann noch hohe Defizite und Schulden hinzukommen, verdampft das heiße Geld der Investoren so schnell, wie es in den Jahren zuvor zugeflossen ist.
Zahlreiche Ökonomen, ob vom IWF, von Banken oder großen Fonds, geben sich dennoch optimistisch. Der gefährliche Mix, der die Finanzkrisen der späten neunziger Jahre auslöste, komme heute seltener vor. "Viele Schwellenländer sind in einer besseren Ausgangsposition als in früheren Krisen", sagt Scott Mather. "Sie verfügen über höhere Währungsreserven, flexible Wechselkurse und in vielen Fällen über eine ausgeglichene oder sogar positive Leistungsbilanz."
Das stimmt nur zum Teil. Zwar hat etwa Brasilien seine Währungsreserven binnen acht Jahren auf rund 350 Milliarden Dollar versechsfacht. Das weckt Vertrauen, das Land ist dadurch widerstandsfähiger. Doch die Regierung hat bislang keine Antwort auf das riesige Minus in der Leistungsbilanz, die Inflation liegt bei sechs Prozent, und das Wachstum pendelt sich bei deutschen Größenordnungen ein (siehe Grafik Seite 62).
Länder wie Indien oder Indonesien haben ähnliche strukturelle Probleme. Hinzu kommen häufig Korruption und politische Unsicherheit. In den vergangenen Tagen werteten auch die Währungskurse von Ölstaaten wie Russland und Kasachstan ab.
Da können Manager eines amerikanischen Pensionsfonds oder deutscher Versicherungsgelder zu Recht nervös werden. Und wenn die Risikoscheu der Anleger zunimmt und die Herde in eine Richtung rennt, ziehen Investoren eben gern überall Geld ab und analysieren nicht lange die Besonderheiten jedes einzelnen Landes. Die Lage in den Schwellenländern könnte sich also weiter verschärfen, wenn sich das Wachstum dort nicht erholt.
Ob es so kommt, entscheiden die USA. "Die Weltwirtschaft ist im Moment sehr abhängig von der Erholung der amerikanischen Wirtschaft und den anhaltend niedrigen Zinsen", sagt Dennis Snower, Präsident des Instituts für Weltwirtschaft in Kiel. "Doch weil das nicht nachhaltig ist, bleibt die Lage fragil, auch für die Schwellenländer."
Viele Ökonomen halten wie Snower eine Normalisierung in der amerikanischen Geldpolitik für notwendig und letztlich auch im Interesse der Schwellenländer. "Kurzfristig mag die Kurswende in der amerikanischen Geldpolitik den Schwellenländern weh tun, aber letztlich profitieren auch sie davon, wenn die Fed für nachhaltigeres Wachstum sorgt", glaubt Pimco-Manager Mather.
Doch wenn sich die Lage in den Schwellenländern weiter verschlechtert und die Turbulenzen anhalten, könnte dies umgekehrt auch den Aufschwung in den USA gefährden und die Erholung Europas im Keim ersticken.
"Die Gefahr einer negativen Rückkopplung von den Schwellenländern auf die Industrienationen ist groß", findet Gautam Batra von der britischen Vermögensverwaltung Signia. Globale Konzerne seien immer stärker abhängig von den Schwellenmärkten. Unternehmen wie Apple, GM, Coca-Cola oder die Ölmultis erzielen dort einen hohen Anteil ihrer Gewinne. Der Nahrungsmittelkonzern Nestlé räumte kürzlich ein, er habe wegen der Turbulenzen in diesen Märkten seine Umsatzziele verfehlt.
Auch der gebeutelten europäischen Finanzindustrie könnte eine anhaltende Krise in den Schwellenländern neue Sorgen bescheren. Analysten der Deutschen Bank rechneten kürzlich vor, dass Konkurrenten wie Italiens Unicredit, die spanische Santander oder die österreichische Erste Bank einen hohen Anteil ihrer Erträge in aufstrebenden Märkten erzielen und damit anfällig sind.
Dennoch halten Ökonomen wie Snower die Gefahr, dass Europas Erholung durch die Krise der Schwellenländer gestoppt wird, für überschaubar. "Für die deutschen Exporte spielen die Schwellenländer noch immer eine untergeordnete Rolle, die meisten Ausfuhren gehen nach Europa." Allein Italien nimmt etwa so viele deutsche Exporte auf wie Argentinien, Brasilien, Indien, Südafrika und die Türkei zusammen. Daher dürften die politischen und wirtschaftlichen Nöte Italiens Schäuble noch immer mehr Sorgen bereiten als die Turbulenzen am Bosporus oder am Río de la Plata.
Eine versöhnliche Botschaft an die Schwellenländer könnte in Sydney am ehesten von den Europäern kommen: Sie werden wohl vorerst weiter an ihrer lockeren Geldpolitik festhalten.
Von Martin Hesse und Christian Reiermann

DER SPIEGEL 8/2014
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