17.02.2014

KRIMINALITÄTBlauer Balsam

Von Nivea bis zu Moët Hennessy: Viele Produkte werden gefälscht, mitten in Europa. Nun will Europol diese Verbrechen verstärkt bekämpfen.
Die 90 Polizisten fahndeten im Rahmen der Operation "Blue Balsam" nach ungewöhnlichen Stoffen: Hautcreme und Haarshampoo. Von einem mobilen Einsatzkommando der europäischen Polizeibehörde Europol angeleitet, durchkämmten sie in Polen Villen, Lagerhäuser und Fabriken. In einem Bauernhof inmitten masurischer Wälder entdeckten sie schließlich, wonach sie suchten: Tausende blaue Dosen mit dem weißen Schriftzug "Nivea".
Auch zehn Tonnen Waschpulver, viele tausend Flaschen Shampoo einer bekannten deutschen Firma und Parfums internationaler Marken beschlagnahmten die Polizisten. "Die Produkte wurden unter primitiven Bedingungen hergestellt", notierten die Ermittler im Polizeibericht, auch mit der Hygiene hätten es die Leute auf dem masurischen Bauernhof nicht so genau genommen.
Der heiße Tipp für die Aktion, bei der sechs Fälscher verhaftet wurden, war von der Hamburger Beiersdorf AG gekommen. Deren wertvollstes Produkt ist die Fettcreme, auf die weltweit viele Millionen Menschen schwören. Dem Unternehmen war aufgefallen, dass immer wieder gefälschte Ware auf den Markt gelangte. In Großbritannien allein wurden im Rahmen von "Blue Balsam" 90 000 blaue Döschen beschlagnahmt, auf denen Nivea zwar stand, aber nicht drin war.
Es gibt Schätzungen, wonach rund sieben Prozent des weltweiten Handels auf gefälschten Produkten beruhen. Über 100 Millionen Artikel werden im Durchschnitt jedes Jahr von den Zollbehörden an den europäischen Grenzen beschlagnahmt. Die Gewinnmargen liegen beispielsweise für nachgemachte Medikamente oft höher als bei Rauschgift. Das zieht kleine Gauner an, aber auch internationale Verbrechersyndikate. Europol hat die Bekämpfung dieser Delikte zu einem der Schwerpunkte ihrer Arbeit gemacht.
Längst sind die gefälschten Louis-Vuitton-Taschen oder Bohrmaschinen vorgeblich schwäbischer Fabrikation nicht mehr nur auf polnischen Wochenmärkten, den Basaren von Istanbul oder in chinesischen Handelshäusern zu finden. Sie werden auch mitten in Europa produziert, sind teilweise von außen nicht von dem echten Produkt zu unterscheiden und finden ihren Weg in den normalen Handel.
Gefährlich wird es, wenn Medikamente oder Lebensmittel gefälscht werden. In Tschechien starben im vorvergangenen Jahr mehr als 40 Menschen, nachdem sie gepanschte Spirituosen getrunken hatten. "Fälschungen können schlimme Gesundheits- und Sicherheitsrisiken für den Konsumenten verursachen", sagt Chris Vansteenkiste, der zuständige Abteilungsleiter bei Europol. Bei den Europolizisten in Den Haag laufen die grenzüberschreitenden Daten der nationalen Polizeibehörden zusammen.
Im Dezember und Januar rückten Fahnder in 33 Ländern für den Sondereinsatz "Opson" (Altgriechisch für Lebensmittel) aus, der bereits zum dritten Mal von Europol und Interpol koordiniert wurde. Mehr als 1200 Tonnen gefälschter Lebensmittel wurden beschlagnahmt. Besonders beliebt unter Betrügern sind Alkoholika, bei denen die Ganoven nicht nur minderwertige Inhaltsstoffe einsetzen, sondern auch noch die Alkoholsteuer sparen können.
In Italien beispielsweise wurden bei der Festnahme dreier Verdächtiger gefälschte Etiketten für 60 000 Champagnerflaschen beschlagnahmt. Kein Wunder, dass private Firmen wie das Champagnerhaus Moët Hennessy, aber auch die italienische Ferrero ("Ferrero Küsschen") oder der größte Lebensmittelkonzern Nestlé mit Europol kooperieren.
Jedes Land kann seine Schwerpunkte selbst setzen. 2012 suchten und fanden die Fahnder in Madrid große Mengen Kaviar, der statt aus Iran aus China kam und dort unter zweifelhaften Umständen produziert worden war. Island kümmerte sich um illegalen Wodka. Die Franzosen nahmen Fälscher von Champagner und Weinen fest.
Die Italiener interessierten sich bei den grenzüberschreitenden Ermittlungen für alle Produzenten von Parmaschinken und der Käsesorten Pecorino, Grana Padano, Parmigiano, Provolone oder Mozzarella. Bei der Aktion "Opson II" wurden 20 Tonnen Schinken und 2,5 Tonnen Käse beschlagnahmt. Die Produkte waren zwar nicht gesundheitsschädlich. Aber die Herkunftsbezeichnungen waren gefälscht, um auf dem Markt einen höheren Preis zu erzielen.
"Die Verbrecher vernetzen sich international immer besser, dann müssen das die Behörden auch tun", heißt es im Bayerischen Landesamt für Gesundheit und Lebensmittelsicherheit, das bisher als einzige deutsche Behörde an Opson teilnimmt.
Die Bayern haben in den vergangenen beiden Monaten geprüft, was in Discotheken so ausgeschenkt wird. Der Verdacht der Kontrolleure bestätigte sich: Statt teuren Markenwhiskys wurde den Kunden oft ein eher billiges Wässerchen eingeschenkt.
Von Christoph Pauly

DER SPIEGEL 8/2014
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