17.02.2014

ZENTRALAFRIKA„Schwer traumatisiert“

Die Amerikanerin Joanne Mariner, Krisenbeauftragte von Amnesty International, über ihre Reise durch den Bürgerkrieg
Eine Kollegin und ich fahren seit fast einem Monat mit einem Geländewagen durch die Zentralafrikanische Republik, drei Notizbücher habe ich vollgeschrieben, viele hundert Fotos und Videos gemacht. Überall werden Muslime von christlichen Milizen attackiert. Wir beobachten fast täglich ethnische Säuberungen. Ich war im Kosovo, aber der Hass und die Brutalität hier sind zehnmal schlimmer. Wir sehen jetzt viele Dörfer und Städte, aus denen die komplette muslimische Bevölkerung verschwunden ist. Gestern waren wir in Boguéra, im Westen des Landes; nach einem Massaker dort sind Zehntausende geflohen. Nur ein paar hundert Angehörige des Hirtenvolks der Fulbe waren geblieben, sie wollten ihre Herden nicht im Stich lassen. Ihre Leichen liegen jetzt in der ganzen Stadt verstreut, geschändet. Hunde fressen die Reste. Auch eine Babyleiche fanden wir. Die ganze Stadt wurde geplündert, die Situation ist außer Kontrolle. Wir sprachen mit dem Bezirksleiter, er hatte beim Militär um Hilfe gebeten, aber niemand kam. Wir fragten auch die Kinder, ob es noch Muslime in der Stadt gebe, und sie sagten, ein elfjähriges Mädchen verstecke sich noch in einem Haus. Wir fanden das Mädchen, es hatte seit Tagen nichts gegessen. Der Vater wurde ermordet, die Mutter wohl auch. Sie selbst sagte uns, dass ihr Bauch und ihr Kopf schmerzten, sie war schwer traumatisiert. Wir brachten sie in eine katholische Mission, wo sie sicherer ist. Im Dorf Boboua wurden der Bürgermeister und seine zwei Söhne getötet, kurz bevor wir kamen. Ihre Leichen lagen vor der Moschee. Als wir weiterfuhren, sahen wir fliehende Muslime, die um Hilfe baten. Ein paar Kilometer später sahen wir eine kleine Einheit Soldaten der Afrikanischen Union - sie kamen zu spät.

DER SPIEGEL 8/2014
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