17.02.2014

UKRAINEIm Namen des Bruders

Als Boxer waren die Klitschkos unzertrennlich. Dann gingen sie unterschiedliche Wege. Vitali wurde Politiker, Wladimir verteidigt die Weltmeistertitel. Nun haben die Brüder wieder ein gemeinsames Projekt.
Es ist schon spät, lange haben sie im Hamburger Geschäftsflieger-Terminal darauf gewartet, dass endlich der schwarze Mercedes vorfährt. Als Wladimir Klitschko am vergangenen Donnerstag dann mit einer halben Stunde Verspätung in einem Privatflugzeug sitzt, kommt der Kapitän zu ihm, um ihn über den bevorstehenden Flug nach Kiew zu informieren. Aber Klitschko hat keine Zeit für ihn, er muss noch telefonieren, bei seinem Bruder anrufen. Abmelden nennt er das.
Abmelden und anmelden, das hat ihnen ihr Vater eingetrichtert, als sie noch Kinder waren. Die Brüder gehörten zusammen, und jeder sollte immer wissen, wo der andere ist. Es ist seit Jahren ihr Ritual, wozu auch gehört, dass sie sich nicht nur mit ihrem Vornamen, sondern nach alter Tradition auch mit dem des Vaters ansprechen.
Wladimir wählt, seine Handynummer ist nicht anonymisiert. Vitali weiß sofort, wer anruft.
"Wladimir Wladimirowitsch!", ruft er dem Bruder nach Hamburg zu, "was gibt es zu berichten?"
"Vitali Wladimirowitsch!", antwortet Wladimir, "wir fliegen jetzt los."
Dann legt er auf. Mehr muss er nicht sagen. Kein unnötiges Wort. Auch das gehört zum Ritual.
Seit dem Teenageralter sind sie eine Einheit, militärisch vom Vater, einem General der sowjetischen Luftwaffe, einander unterstellt, der Ältere verantwortlich für den Jüngeren.
Sie haben zusammen geboxt, zwei "gigantische Türsteher", wie ihr Freund und Geschäftspartner Bernd Bönte sagt. Während der eine im Ring stand, saß der andere mit dem Handtuch in der Ecke. Als Vitali verletzt war, erkämpfte sich Wladimir einen Weltmeistertitel. Als Vitali seinen WBO-Titel verlor, rächte Wladimir ihn im nächsten Kampf. Einer der beiden boxte immer weiter, einer der beiden wurde immer wieder Weltmeister. Und irgendwann waren sie es sogar gemeinsam, jeder der eines anderen Boxverbands. Fünf Jahre und genau zwei Zentimeter liegen zwischen ihnen. Vitali, der Ältere, ist zwei Meter groß, Wladimir 1,98 Meter. Als Paar stellten sie die Boxwelt auf den Kopf, als "Dr. Eisenfaust" und "Dr. Steelhammer", die ersten promovierten Profiboxer der Welt, höflich, gut angezogen, mit Designermänteln von Hugo Boss. "Uns gibt es nur im Doppelpack", sagten sie.
Nun führen sie einen anderen Kampf, wieder steht Vitali im Rampenlicht, und Wladimir folgt ihm. Es ist ihr wohl wichtigster Kampf - und diesmal steht nicht fest, ob sie ihn gewinnen. Seit die Menschen auf dem Maidan in Kiew für eine Anbindung an Europa und mehr Demokratie demonstrieren, seit die Ablehnung des EU-Assoziierungsabkommens Ende November die Proteste auslöste, ist Vitali Klitschko zum Gesicht dieses Aufstands geworden.
Im Westen ist er bekannter als alle anderen Oppositionsführer, in der Ukraine schätzen ihn die Leute, weil er nicht korrupt ist wie die meisten Politiker hier, weil er sich unerschrocken zwischen die Fronten wirft, weil dieser breitschultrige Boxer ihnen Zuversicht gab. Das ist sein Kapital, aber langsam schwindet es.
Die Volksfeststimmung vom Anfang ist großer Ungeduld gewichen, zu der auch Vitali Klitschko beigetragen hat, indem er immer wieder Maximalforderungen erhob und Ultimaten stellte, die folgenlos blieben. So verbraucht sich Autorität, so enttäuscht man Anhänger. Längst ist eine große Mehrheit auf dem Maidan radikaler und rechter, als ihm lieb sein kann. Das weiß er. Und das macht ihm Sorgen.
Es ist Freitag, der 31. Januar, Vitali Klitschko steht auf dem Parkplatz am Schuljany International Airport in Kiew, er trägt einen Anorak gegen die Kälte und eine gefütterte Fliegermütze. Er kommt gerade von einer endlosen Sitzung mit den beiden anderen Vertretern der Opposition, der Präsident hat zuvor das verschärfte Demonstrationsgesetz zurückgenommen. Klitschko sieht blass aus, er ist müde, er kämpft mit einer Grippe. Bis zwei Uhr morgens war er im Krankenhaus bei Dmitrij Bulatow, dem Oppositionellen, der acht Tage als vermisst galt und angeblich gefoltert wurde.
Der Europaabgeordnete Elmar Brok, einer seiner Verbündeten, ist am Vortag wieder abgereist, ohne ihm Hoffnung auf mehr Unterstützung der EU zu machen. Brok war es auch, der ihm sehr dazu geraten hat, zur Münchner Sicherheitskonferenz zu kommen, zu der er jetzt fliegt.
Lange hat er überlegt, ob er fahren soll, ob ihm die Bewegung nicht entgleitet, wenn er sich zwei Tage im Bayerischen Hof mit Politikern trifft. Aber es ist auch eine große Chance. Die CDU erwartet ihn zu einem Parlamentarischen Abend, danach will die EU-Außenbeauftragte Catherine Ashton mit ihm sprechen.
Drei Leute stehen nun vor ihm. Allen hat er versprochen, dass sie ihn im Privatflugzeug nach München begleiten können. Aber der Kapitän schüttelt den Kopf. Einer ist jetzt zu viel.
Klitschko fragt noch einmal. Der Kapitän schüttelt wieder den Kopf.
Muss er sich jetzt auch noch darum kümmern? Einer muss unbedingt dabei sein. Zwischen den beiden anderen soll er entscheiden. Er ist froh, als ihm jemand eine Münze reicht, ein Zwei-Euro-Stück. Adler oder Zahl? Er wirft es hoch.
Sorry, sagt er dann. Es ist Adler. Der "Bild"-Fotograf darf mit, der SPIEGEL-Reporter muss in Kiew bleiben. Es ist ihm wirklich unangenehm.
In München trifft Vitali Klitschko alle, die in den vergangenen Wochen etwas über ihn und die Ukraine in der Zeitung sagten. Am Samstagmorgen den US-Außenminister John Kerry, danach den republikanischen Senator John McCain. Schließlich kommt EU-Außenkommissar Herman Van Rompuy auf sein Hotelzimmer, Bundesaußenminister Frank-Walter Steinmeier wartet in der Kaminstube auf ihn. Sie alle unterstützen ihn.
Kerry sagt: " Die USA und die EU stehen hinter den Menschen in der Ukraine." Steinmeier begrüßt ihn höflich, ein knapper Handschlag, keine Verbrüderungsgeste. Er bietet an, dass die Bundesrepublik den misshandelten Bulatow aufnehmen würde, wenn ihn Janukowitsch ausreisen ließe. Es ist eine freundliche Geste, aber sie bringt Klitschko nicht wirklich weiter. Er lädt den Minister nach Kiew ein.
Klitschko ist der Star der Sicherheitskonferenz, der Exot in dem Heer außenpolitischer Experten, die sich jedes Jahr hier treffen. Jeder Sender, jede Zeitung will ein Interview mit ihm, jeder Minister ein Gespräch.
Er sagt keinem ab, der ihn sprechen will, auch der schweizerischen Delegation nicht und nicht dem norwegischen Außenminister Børge Brende. Mit ihm sitzt er nun in der Tiroler Stube des Bayerischen Hofs. "Wir unterstützen Ihren Kampf für Demokratie", sagt der Minister, "sagen Sie uns, was Sie brauchen." Brendes Berater machen kaum Notizen, aber ständig Fotos, als gelte es, einen historischen Moment festzuhalten.
"Was wir wirklich brauchen, sind Sanktionen", antwortet Klitschko. Er will nicht nur Solidarität, er will mehr - ein Versprechen, dass der Westen Druck auf Präsident Janukowitsch ausübt. Sanktionen, Kontensperrungen, auf jeden Fall nicht nur Worte. Er ist jetzt ein Bittsteller, zum ersten Mal in seinem Leben.
Es gibt Vorbehalte, dass Sanktionen wirksam wären, und es gibt Vorbehalte gegen die Opposition, dieses merkwürdige Bündnis der nationalistischen Swoboda-Partei, der Vaterlandspartei von Julija Timoschenko und Klitschkos Udar-Partei. Die Rechten sind ein Problem für Vitali Klitschko, aber er kann sich nur bedingt von ihnen distanzieren, er braucht sie. Die Vaterlandspartei ist auch kein einfacher Partner, mit einer Parteichefin, die aus ihrer Gefängniszelle heraus ihren Fraktionschef Arsenij Jazenjuk rüffelt, der Klitschko wiederum als erfahrener Politiker Konkurrenz macht.
Samstagmittag sitzt Vitali Klitschko in seiner Suite im Bayerischen Hof, Zimmer 268. Zum ersten Mal an diesem Tag kommt er dazu, etwas zu essen. Vor ihm steht ein Teller Schulterkrustenbraten vom Jungschwein mit Kartoffelknödeln, es ist das mächtigste Gericht, das auf der Tageskarte steht. Er schlägt sich den Schlips über die Schulter. "Jungs", fragt er seine Bodyguards, "wollt ihr nicht auch was?"
Viele hier in München haben ihn heute einen Freund genannt. Aber das sagen Politiker gern. Er sagt, er könne damit leben, dass alle ein Foto mit ihm wollen, ihn umwerben. Aber er kenne den Unterschied, ob jemand wirklich ein Freund ist oder nicht. "Falsche Freunde sagen dir, du bis der Schönste, Beste und Stärkste. Sie sagen es so lange, bis du glaubst, dass du der Schönste, Beste und Stärkste bist. Dann aber verlierst du einmal, und der Weltmeistergürtel wird an den Nächsten weitergereicht. Und die falschen Freunde sagen plötzlich: Der andere ist jetzt der Schönste, Beste und Stärkste. Und du stehst da allein und schaust ihnen einfach hinterher." Er beklagt das nicht. "So ist das Leben." Die Frage ist, wen er bei der Sicherheitskonferenz häufiger getroffen hat: falsche oder richtige Freunde?
Es klingelt. Zwei Personenschützer stehen vor Suite 268. Seit seiner Ankunft in München folgen sie ihm, sobald er sein Zimmer verlässt. Er findet, dass es in Deutschland nicht nötig sei, dauernd Personenschutz um sich zu haben, und schon gar nicht in einem Hotel wie dem Bayerischen Hof. Mehrmals hat er ihnen das schon gesagt, und vorhin im Fahrstuhl, als es richtig eng wurde, als sich seine Berater und die zwei Personenschützer in den Aufzug neben ihn drängten, da hat er erklärt, er könne ohnehin besser kämpfen, schießen und zuschlagen als sie. Er sagte es mit einem Lächeln.
Jetzt stehen die beiden wie zwei Schuljungen vor der Tür und sagen, dass sie seinen Wunsch respektieren werden: "Wir ziehen uns zurück."
"Ach, Jungs", ruft Klitschko, und schon ist er neben ihnen und hat den Arm um sie gelegt, "seid mir bitte nicht böse." Er nimmt sich Zeit für die beiden, es tut ihm leid. Dann muss er los, Bayerns Ministerpräsident Horst Seehofer wartet auf ihn.
Seehofer stellt Klitschko seine Europaministerin vor, lobt ihn für seine Auftritte auf dem Maidan. Das sei ja übermenschlich, was er da leiste. Dann kommt er schnell auf sich zu sprechen: "Wissen Sie eigentlich, dass ich Ehrendoktor der Agraruniversität von Kiew bin? Ich bekomme dafür lebenslanges Wohn- und Tagegeld." Sie reden jetzt über ukrainische Bauern und Agrarsubventionen.
Klitschko ist ein höflicher Mensch. Er sagt, es tue ihm leid, dass er in diesem Jahr seine Freunde nicht beim traditionellen Weißwurstessen im Stanglwirt sehen konnte. Und er entschuldigt sich bei seinem Freund Ralf Moeller, dass er wegen der Ereignisse in Kiew dessen Geburtstag vergessen hat.
Er nimmt sich Zeit für Höflichkeiten. Das macht ihn sympathisch, und es bricht mit dem Klischee vom rüpelhaften, raufsüchtigen Boxer. Er nutzt das auch in München, als er am Abend neben dem amtierenden ukrainischen Außenminister Leonid Koschara auf dem Podium sitzt. Er spricht da Deutsch, nicht einfach Russisch, er kämpft mit der Sprache, als er die ukrainische Regierung angreift. Diese Mischung aus Hilflosigkeit und Angriffslust bleibt nicht ohne Wirkung. Aber es strengt an, wenn man so höflich ist, dass man nie jemandem einfach sagen kann, dass er einen in Ruhe lassen soll.
Während der Diskussion sagt er: "Es gibt keinen Sieg ohne einen Kampf - und wir werden kämpfen." Er denkt immer noch wie ein Boxer. Aber die Politik hat ihre eigenen Regeln, es ist nicht unbedingt klar, wer am Ende dieses Kampfes gewinnt, ob es überhaupt einen Gewinner gibt.
Als Koschara erklärt, die Demonstranten auf dem Maidan seien Terroristen, die mit faschistischen Symbolen hantieren und Molotow-Cocktails werfen, verlässt Klitschko wortlos die Bühne. Er kommt mit einem Heft voller Fotos zurück, eine Dokumentation der Polizeigewalt gegen die Demonstranten. Er reicht sie herum, zeigt sie auch dem Außenminister, der kaum daraufschaut. Er tritt vom Podium wie ein Boxer, stumm, er hält eines der Fotos hoch. Zumindest für kurze Zeit sieht er aus wie ein Sieger.
Am Abend sitzt er müde und irgendwie abwesend in seinem Hotelzimmer, er wartet auf seine Frau, die für diese Nacht nach München geflogen ist. Einen Monat lang haben sie sich nicht gesehen. Neben ihm liegt eine Schachtel Grippemittel. Klitschko hat Fieber.
Am nächsten Tag chauffiert ihn der Fahrdienst der Sicherheitskonferenz über die A 92 zum Flughafen. Es sind nur 120 Stundenkilometer erlaubt, der Tacho zeigt 200 an. Klitschko sagt nichts. Er wundert sich nur. Erst eine knappe Stunde später, als er schon längst in der Luft ist, fragt er: "Eine Sache müsst ihr mir jetzt mal erklären. Dürfen die das?" Die Welt der Mächtigen, Chauffeure, die ungestraft Vorschriften überschreiten, das alles ist ihm fremd.
Unter ihm liegt nun Deutschland, das Land, in dem er und sein Bruder eine zweite Heimat gefunden haben, in der sie als Boxer bekanntwurden. Es ist für ihn ein Musterland der Demokratie, ein Vorbild für das, was er erreichen will.
Er erzählt eine Geschichte. Auch er sei in Deutschland einmal zu schnell gefahren. Als die Polizei ihn angehalten habe, habe der Beamte ihm zu seinem letzten Kampf gratuliert. Er sei seit langem ein Fan, habe er ihm erzählt und dann unbeirrt gesagt: Das macht jetzt 30 Euro, bitte. "Genau so muss es sein", sagt Klitschko. Dann schläft er ein und wacht erst wieder in Kiew auf.
Wladimir Klitschko ist zur selben Zeit beim Super Bowl in New Jersey. Auf dem roten Teppich hält er die ukrainische Fahne in der Hand, er redet mit New Yorks ehemaligem Bürgermeister Michael Bloomberg und gibt dessen Hauskanal Bloomberg TV ein Interview über den Kampf seines Bruders in der Ukraine. Er hat die Rolle des Botschafters übernommen, er trägt die Nachricht seines Bruders in die Welt, nutzt sein Netzwerk, um Unterstützer zu werben.
Anschließend reist er weiter nach Nashville und schließlich nach Oberhausen, wo er auf einer Pressekonferenz seinen nächsten Boxkampf ankündigen will. Am 26. April wird er gegen den Samoaner Alex Leapai boxen, der sich "Lion-
heart" nennt, Löwenherz. Es sind sehr viel mehr Journalisten da, als er erwartet hatte. Löwenherz ist im Poloshirt und einer Schlabberhose gekommen. Die Halle wird mit grünen und roten Strahlern nur spärlich beleuchtet, auf der Tribüne steht eine Nebelmaschine.
Klitschko trägt einen grauen Flanellanzug, einen anthrazitfarbenen Schlips und eine ukrainische Flagge am Revers. Er redet kurz über seinen Herausforderer für den Weltmeistertitel. Als er gefragt wird, was nun wichtiger sei, sein Kampf oder der von Vitali, sagt er, es gehe nicht darum, den einen gegen den anderen aufzuwiegen, es gehe um einen "Sieg der Familie Klitschko". Wladimir war eigentlich dagegen, dass sein Bruder in die Politik ging. Zu viel Stress, zu viel Undankbarkeit. Aber sein Bruder hat immer gemacht, was er wollte.
Schon seit fast zehn Jahren versucht Vitali Klitschko, mehr als nur ein Boxer zu sein: 2006 kandidierte er als Bürgermeister von Kiew und wurde Zweiter, 2008 scheiterte er erneut. Zwei Jahre später wurde er Vorsitzender der neuen pro-westlichen Udar-Partei. 2012 trat er als ihr Spitzenkandidat an, seine Partei wurde drittstärkste Fraktion im Parlament.
Sein Vater gab ihm immer das Gefühl, dass er eine Pflicht seinem Land gegenüber hat. Als Jugendlicher interessierte er sich wenig für Politik. Aber schon damals hing ein Poster von Arnold Schwarzenegger in seinem Zimmer. Sehr viel später traf er Schwarzenegger in Kalifornien, kurz bevor dieser Gouverneur wurde. Klitschko war fasziniert von dessen Karriere. Wenn ein Bodybuilder ein erfolgreicher Politiker werden konnte, warum dann nicht auch ein Boxer?
Wladimir Klitschko versteht inzwischen die Entscheidung des Bruders, das politische Projekt ist ein gemeinsames geworden. Vitali habe häufig die Richtung vorgegeben, sagt er. Bei der Boxkarriere, bei der Promotion. Wladimir glaubt noch immer, dass der eine den anderen braucht: der Politiker den Boxer und umgekehrt. Der eine macht den anderen größer, erhält den Mythos des Siegers.
Er zieht sein iPhone aus der Hosentasche. Er will zeigen, was sein Beitrag der vergangenen Wochen war. Er kennt viele Prominente, seit er im Film "Ocean's Eleven" für ein paar Sekunden sich selbst gespielt hat. Schon 2004, bei der Orangen Revolution, hatte er damit begonnen, Stars für den Kampf in der Ukraine zu gewinnen. Er bat George Clooney und andere, eine Videobotschaft zu schicken.
Nach den ersten Protesten auf dem Maidan Ende November meldeten sie sich wieder bei ihm. Clooney fragte, was er machen könne; auch Arnold Schwarzenegger, Klaus Meine, Quincy Jones fragten. Beim Super Bowl wollte sogar Bill Clinton ihn treffen. Es klappte dann doch nicht, dafür schrieb er einen netten Tweet: "Hochachtung für die tapferen Ukrainer. Sie können es schaffen!"
Es ist Mitternacht in Kiew, als sich die beiden Brüder am vergangenen Donnerstag im Bistro "Va bene", ihrem Stamm-Italiener in der Innenstadt, treffen, gleich neben der deutschen Botschaft. Die Begrüßung der beiden sei immer spartanisch, hatte Wladimir vorher gesagt, keine Küsschen, keine Umarmung, kein unnötiges Wort, ein fester Blick. Das muss reichen. Vitali hat keine Stimme mehr, er ist müde, unendlich müde. Wladimir wollte ihn hier eigentlich nur abholen und nach Hause gehen. Aber dann reden sie sich fest. Sie sitzen nebeneinander auf der Bank, stecken die Köpfe zusammen und sprechen leise auf Russisch.
Es ist eine schwierige Lage, die Revolution stockt. Präsident Janukowitsch versucht es mit Hinhaltetaktik und hofft wohl, dass sich die Opposition von selbst zerlegt. Stundenlang hat Vitali Klitschko mit ihm verhandelt, Janukowitschs Rücktritt gefordert, dessen Angebot, in die Regierung zu gehen, abgelehnt. Was bleibt jetzt noch? Seit Dezember schreibt Vitali eine Kolumne in der "Bild"-Zeitung, mit der er sich in den deutschen Medien hält. An diesem Abend schreibt er nichts. Was sollte er auch noch berichten?
Auf dem Tisch liegen ihre iPhones. Ein letzter Blick, dann gehen sie schlafen.
* Auf der 50. Münchner Sicherheitskonferenz am 1. Februar.
Von Marc Hujer

DER SPIEGEL 8/2014
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