17.02.2014

TÜRKEIWillys Jünger

Der Sozialdemokrat Mustafa Sarigül will Oberbürgermeister von Istanbul werden. Sein Wahlsieg könnte den Anfang vom Ende der Ära Erdogan einläuten.
Zwei Männer, zwei Botschaften. "Fester Wille" lautet die des einen, es ist die Wahlkampfparole des Ministerpräsidenten Recep Tayyip Erdogan, 59, zu sehen überall in Istanbul. Der Premier blickt streng und entschlossen auf diesen Bildern, fast grimmig. Die Türkei, das soll sein Ausdruck wohl suggerieren, erlebt schwere Zeiten, da braucht es einen starken Mann.
Die Botschaft des anderen lautet: "Zeit für einen Wechsel", den Menschen dazu kennen außerhalb der Türkei nur wenige. Er heißt Mustafa Sarigül, ist wie Erdogan für sein aufbrausendes Temperament bekannt, kann jedoch ausgiebig lächeln, verfügt über volles Haar und sieht ein bisschen aus wie Elvis Presley. Sarigül, 57, seit 15 Jahren Bürgermeister des wohlhabenden Istanbuler Stadtteils Şişli, tritt an, die Metropole zu regieren. Und vielleicht eines Tages das ganze Land.
Am 30. März finden in der Türkei Kommunalwahlen statt. Und zum ersten Mal seit den Gezi-Protesten im vergangenen Sommer, einem spektakulären Korruptionsskandal in Erdogans Regierungspartei AKP und dem vorläufigen Ende des Wirtschaftsbooms können die Türken abstimmen: für ein Weiter-so oder für Veränderung.
Beginnen könnte diese Veränderung in Istanbul, wo Mustafa Sarigül von der säkularen Republikanischen Volkspartei CHP gute Chancen hat, die seit 20 Jahren bestehende Herrschaft der Islamisten zu beenden. Umfragen sagen ein Kopf-an-Kopf-Rennen mit Oberbürgermeister Kadir Topbaş von der AKP voraus. Der ist ein ehemaliger Berater Erdogans und bis heute einer seiner loyalsten Diener.
Am Bosporus schlägt das ökonomische und kulturelle Herz des Landes, jeder weiß: Wer Istanbul regiert, regiert die Türkei. Auch Erdogan begann hier seinen Aufstieg zum mächtigsten Mann des Staates. Darum ist es für ihn so wichtig, die Metropole zu halten: Sie ist ein Symbol seiner Macht. Und darum plakatieren seine Leute ihn und nicht Topbaş. So wurde aus einem lokalen Wahlkampf ein nationales Duell: Erdogan gegen Sarigül.
Der Bezirksbürgermeister empfängt in seinem Haus in einem Istanbuler Mittelschichtsviertel. An einem langen weißen Tisch haben seine Berater Platz genommen, eine Frau und fünf Männer, die lächelnd auf die richtige Wortwahl ihres Kandidaten achten. Sarigül sieht sich als türkischen Sozialdemokraten, darum will er zuallererst über die SPD sprechen: "Wissen Sie, ich verehre Willy Brandt, ich sehe mich als seinen Jünger. Mehr Demokratie wagen, das ist es, was die Türkei braucht. Sigmar Gabriel, Christian Ude, Franz Müntefering, das sind meine Freunde. Ich bewundere, wie sie Politik machen."
Bis vor einigen Jahren war die CHP noch stramm nationalistisch. Ihr damaliger Chef Deniz Baykal schimpfte gegen das Kopftuch, gegen die EU, gegen mehr Rechte für Minderheiten. Zeitweilig rutschte die Partei unter 20 Prozent.
Baykals Intimfeind war Sarigül, denn der ehrgeizige Mann aus Șișli wollte seinerseits an die Spitze der Partei. Baykal beschuldigte den Rivalen der Korruption und warf ihn aus der CHP. Dabei ging es um die Vergabe illegaler Baugenehmigungen; eine Anklage wegen Bestechlichkeit wurde später jedoch fallengelassen. Nachdem Baykal dann 2010 über ein kompromittierendes Sexvideo stürzte, holte sein Nachfolger 2013 Sarigül zurück in die Partei, damit der für Istanbul kandidiere. Ein Coup - denn Sarigül ist weit über die Stadt hinaus populär.
"Es gehört zu meinen Qualitäten, dass ich mit allen Bevölkerungsgruppen spreche", sagt Sarigül, ganz der Wahlkämpfer. "Mit Religiösen, Armeniern, Juden. Ich umarme sie alle."
Selbst Berührungsängste mit der Bewegung des muslimischen Predigers Fethullah Gülen hat Sarigül nicht, auch wenn er das so offen nicht sagen will. Das Thema ist für seine Parteifreunde heikel - als die Frage fällt, erntet er sogleich einen besorgten Blick seiner Berater. Denn es war die Gülen-Bewegung, die einst bei der Entmachtung der Kemalisten half und lange Zeit zu Erdogans engsten Unterstützern zählte.
Allerdings berichtete schon 2005 die US-Botschaft in Ankara, dass Sarigül unter den Fethullahçi und der Nakschibendi-Bruderschaft Sympathisanten habe. Sarigül pflege sorgfältig sein Bild als gläubiger Muslim und habe so über 70 Prozent der Wähler in Șișli gewinnen können, hieß es in der von WikiLeaks später veröffentlichten Analyse.
Ein alter Mann, der Sarigül oft in der Eyüp-Sultan-Moschee trifft, bestätigt das: "Ja, der Bürgermeister kommt regelmäßig zur Freitagspredigt. Er ist sehr herzlich, mich hat er auch schon umarmt." Vielleicht ist es das, was Erdogan an Sarigül fürchten muss: dass dieser nicht in das traditionelle Schema passt, wonach die Opposition aus ungläubigen, elitären Snobs besteht. Sarigül ist das Gegenteil: volksnah und religiös. Und mehr als das.
Genau wie Erdogan stammt auch Sarigül von ganz unten: Der eine wuchs in einem Istanbuler Arme-Leute-Viertel auf, der andere in einem ostanatolischen Dorf. Erst später zog Sarigül nach Istanbul, wo sein Vater als Hausmeister arbeitete. Als gute Voraussetzung für ihren bissigen Aufstiegskampf brachten beide, Erdogan wie Sarigül, ein ausgeprägtes Ego mit.
Doch anders als der Premier blieb Sarigül stets unideologisch, obwohl er früh in die Jugendorganisation der CHP eintrat. Dadurch bekam er einen Job beim städtischen Verkehrsunternehmen; später heiratete er in eine gute Familie ein, wurde Geschäftsmann, lernte die richtigen Leute kennen. "Sarigül ist eigentlich nie ein richtiger Kemalist oder Linker gewesen. Er ist im Grunde vor allem eins: pragmatisch", sagt der Journalist Yavuz Baydar.
Das erklärt zugleich seine Beliebtheit bei vielen Türken wie auch die Zweifel an ihm - etwa unter vielen Aktivisten der Gezi-Bewegung, die ihm Selbstherrlichkeit vorwerfen. Dabei ist es genau diese Bewegung, die Sarigül für sich gewinnen will. Als die Polizei Ende Mai vergangenen Jahres brutal gegen Demonstranten vorging, die den Istanbuler Gezi-Park schützen wollten, erklärte sich Sarigül mit den Besetzern solidarisch und schickte ihnen mobile Toilettenhäuschen. "Gezi war ein Weckruf für die Nation, ein Aufstand gegen die Ungerechtigkeit", sagt er heute.
Und wie soll verhindert werden, dass Großprojekte weiterhin gegen den Willen der Bürger umgesetzt werden? "Ich möchte, dass alle Organisationen ihre Ansichten vortragen dürfen. Ich bin für Bürgerentscheide. Und ich bin absolut gegen die verrückten Projekte des Premiers."
Die verrückten Projekte, wie Erdogan sie sogar selbst voller Stolz nennt, das sind: ein zweiter Durchbruch zwischen dem Marmarameer und dem Schwarzen Meer, eine dritte Bosporusbrücke und eine riesige Moschee auf dem Çamlica-Hügel. Gebauter Größenwahn, mit dem sich Erdogan ein Denkmal setzen will - zu Lasten von Anwohnern, Steuerzahlern und der Natur. Sarigül verspricht, all diese Projekte zu verhindern.
Und was ist mit seinen weiteren Zukunftsplänen? Blickt ein Mann mit seinen Ambitionen nicht auch auf das ganze Land? "Nun, es ist Zeit für einen Wechsel. Es ist Zeit für Erdogan zu gehen. Ich bin bereit, ihn herauszufordern."
Auch was seinen Ehrgeiz angeht, orientiert sich Sarigül an der deutschen SPD: Er hofft, ein türkischer Gerhard Schröder zu werden, der war ebenfalls ein Aufsteiger, pragmatisch und selbstbewusst. Sein Freund Christian Ude taugt dagegen weniger zum Vorbild, der blieb ewiger Oberbürgermeister von München.
Von Daniel Steinvorth

DER SPIEGEL 8/2014
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