17.02.2014

Die Kunst der Macht

GLOBAL VILLAGE: Warum ein chinesischer Staatsbildhauer statt Mao Zedong jetzt lieber George W. Bush modelliert
Guo Xuanchang wollte sich und seiner Kunst ein Monument errichten, das sich mit Schloss Neuschwanstein messen kann. Der Rohbau ist nun fertig, er erhebt sich auf einem Kliff über dem Yangtze, zur Rechten führt eine gewaltige Hängebrücke ans andere Ufer, zur Linken sind die Wolkenkratzer der Siebenmillionenstadt Chongqing zu erkennen. Und unten im Tal quälen sich wie seit Jahrhunderten die Lastkähne Chinas mächtigsten Strom hinauf.
Das Schloss ist umgeben von einem 16 Hektar großen Skulpturenpark, in dem acht Gärtner täglich die Magnolien stutzen, um Guos Bronzestatuen zur Geltung zu bringen: einen konfuzianischen Gelehrten, ein Mädchen mit Hund, einen pinkelnden Jungen sowie Helden aus der glorreichen Geschichte der Kommunistischen Partei. Dazwischen steht Guo Xuanchang, Porträtbildhauer, Dekan der Kunsthochschule von Chongqing, vor allem aber ein Staatskünstler, der seinen Meister fand und wieder verlor: den kunstsinnigen und ehrgeizigen Politiker Bo Xilai, bis 2012 Parteichef von Chongqing.
Guo Xuanchang ist ein höflicher, drahtiger Mann, der hinter jeden Satz ein Ausrufezeichen setzt. Er genießt es, sich einen Basthut aufzusetzen und Gäste über seine Baustelle zu führen. Das Schloss soll die Krönung seines Lebenswerks sein und zugleich seine private Villa. Im Keller hat er einen tiefen Schacht bohren lassen. "Hier werde ich drei Skulpturen versenken", sagt er. "Vielleicht gräbt sie irgendwann ein Archäologe aus!" Guo ist Experte für ewigen Ruhm.
Drei Millionen Dollar habe sein Schloss bisher gekostet, sagt der Künstler. Der Staat zahle Grundstück, Gärtner, Bauarbeiten. Doch wie kommt ein Bildhauer zu einem Haus mit einem Entrée wie in Versailles und einem Schlosspark wie dem von St. James? "Der Parteichef mochte meine Arbeit", sagt Guo. Schon unter Bo Xilais Vorgängern hatte Guo die Nähe der Herrschenden gesucht und ihren Geschmack getroffen, mit seiner Mischung aus Kunst und Kitsch. Vor sieben Jahren wurde der Handelsminister Bo Xilai Parteichef von Chongqing, auch er war hingerissen von Guos Arbeiterbüsten. Unter Bo wurde der Bildhauer zum Star - und Chongqing zu seiner Bühne.
Er setzt sich in sein Auto und lädt zu einer Tour durch die Stadt, vorbei an seinen wichtigsten Werken. Das erste ist ein Einkaufszentrum im Stil der Holzhäuser von Chongqing. Chinesische Blogger fanden das Gebäude fürchterlich, aber den Staatskünstler beunruhigt das nicht: "Dem Parteichef gefiel es."
Danach errichtete er im Auftrag Bos im Stadtzentrum ein Monumentalrelief, das Mao Zedong und seine Getreuen zeigt, umspült vom Yangtze. Guo parkt sein Auto mitten auf der Straße vor dem Relief; dass sich hinter ihm der Verkehr staut, kümmert ihn nicht. "Nur ein paar Wochen lang habe ich an dem Entwurf gearbeitet, fast jeden Abend ging ich hinüber in sein Büro und beriet mich mit Bo Xilai", erzählt er. Hier sei eine Hand kräftiger auszuführen, schlug der Parteichef vor, hier ein Gesichtsausdruck noch entschlossener. "Genosse Bo nahm persönlich Anteil an diesem Kunstwerk!"
Dem Relief folgten Arbeiterdenkmäler in der ganzen Provinz. Vor allem die Statue von Jiao Yulu, einem Arbeiterhelden aus der Mao-Zeit, gefiel dem Gouverneur so gut, dass er Guo 40 Kopien anfertigen ließ und diese an die Bezirksleiter der Kommunistischen Partei verteilte. Denn Bo inszenierte sich als Maoisten, als Erbe und Statthalter des Großen Vorsitzenden.
So wurde Guo zum Hofbildhauer mit großer Zukunft, denn der charismatische Bo, so schien es damals, würde alsbald an die Spitze des Staates aufrücken. Doch 2012 stürzte Bo Xilai. Seine Frau hatte einen britischen Geschäftspartner vergiftet; Bo hatte versucht, den Mord zu vertuschen. Wenige Wochen später war er seine Ämter los - und Guo seinen mächtigen Förderer. "Eine Tragödie", sagt Guo. Mehr will er nicht sagen, denn seitdem Bo zu lebenslanger Haft verurteilt wurde, hat der Wind in Chongqing gedreht. Doch noch bekommen die Gärtner ihr Gehalt.
Der Beruf des Staatskünstlers in China ist riskant, und so hat Guo sich rechtzeitig ein zweites Standbein aufgebaut. Vor Jahren schon hat er sich und seiner Familie eine Aufenthaltsgenehmigung für die USA besorgt. Seine Frau und seine Tochter leben bereits in Kalifornien, mehr als die Hälfte seiner Zeit verbringt er bei ihnen. Und auch in Amerika gibt es Mächtige, die seine Kunst schätzen. Guo hat sie der Reihe nach modelliert, manche im Auftrag, manche einfach so: den ehemaligen Gouverneur Arnold Schwarzenegger, die früheren Präsidenten Gerald Ford, Bill Clinton, Bush senior und junior. Seine Clinton-Büste wurde sogar im Weißen Haus ausgestellt. Clinton, Mao, Bush - für den Hofbildhauer sind das alles nur Gesichter.
Weil auch die private Nachfrage nach Mao-Statuen seit Bo Xilais Verhaftung eingebrochen ist, hat Guo in seinem Souvenirladen nun eine Fotografie von einer Skulptur aus der neuen Zeit aufgehängt: Schwarzenegger in seiner Rolle als Terminator. Den kennen sie sogar in China.
Von Bernhard Zand

DER SPIEGEL 8/2014
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