17.02.2014

FERNSEHENJagen oder gejagt werden

Die Polit-Serie „House of Cards“ wird für ihren Realismus gefeiert. Ein Treffen mit Hauptdarsteller Kevin Spacey zum Start der neuen Episoden zeigt, dass er für die Rolle fast zu perfekt ist.
Es fehlen eigentlich nur die neuen Manschettenknöpfe, und die Illusion wäre vollkommen. Dann könnte man tatsächlich auf die Idee kommen, dass da gerade nicht Kevin Spacey eine Hotelsuite in London betritt, um für die neue Staffel der preisgekrönten Fernsehserie "House of Cards" zu werben, sondern dass in diesem Moment Francis Underwood hereinkommt, jener diabolische Politiker, den Spacey in "House of Cards" mit sichtbarem Vergnügen spielt.
Natürlich darf man einen Schauspieler nie mit seiner Rolle verwechseln, aber Spacey, 54, zweifacher Oscar-Preisträger ("American Beauty"), scheint es in dieser Situation darauf anzulegen. Er bewegt sich so demonstrativ langsam wie Francis Underwood, wenn der einen Gegner zermürben will; er trägt einen dunklen Anzug wie Underwood; er setzt Kunstpausen zwischen seinen Sätzen wie Underwood. Und Spaceys Gesichtsausdruck gleicht dem von Underwood, wenn der sich mit einem Menschen abgeben muss, dem er sich überlegen fühlt. Also praktisch jedem.
Es wäre auch möglich, dass Kevin Spacey gerade überhaupt nicht schauspielert, sondern einfach Kevin Spacey ist.
Das Paar Manschettenknöpfe bekommt Underwood in der neuen Staffel von "House of Cards" übrigens von seinem Leibwächter zum Geburtstag geschenkt. Auf den Knöpfen sind, in silberner Schrift auf schwarzem Grund, Underwoods Initialen eingeprägt, auf dem einen ein F, auf dem anderen ein U. Im Englischen ist FU die Abkürzung für "fuck you".
Die erste Staffel von "House of Cards" wurde im vergangenen Jahr von der Kritik gefeiert, ein Welterfolg, der nicht nur unter Serienfans diskutiert, sondern auch von Politikprofis ernst genommen wurde. Viele Aspekte von "House of Cards" seien "nicht Fernsehen, sondern Wirklichkeit", schrieb der grüne Ex-Minister Jürgen Trittin in der Wochenzeitung "Freitag", "die Abhängigkeit zwischen Medien und Abgeordneten" zum Beispiel. Doch ist der Politikbetrieb wirklich so kaputt, so menschenverachtend, so mörderisch, wie ihn die Serie zeigt?
"Ich wünschte, es ginge tatsächlich so rücksichtslos effizient zu", sagte Barack Obama dem Chef von Netflix, jener Firma, die die Serie in Auftrag gab. Auch der US-Präsident guckt nämlich "House of Cards", wenn er nicht gerade "Homeland" oder "Breaking Bad" guckt oder Angela Merkels Handy-Rechnung kontrolliert. Jetzt ist die komplette zweite Staffel von "House of Cards" zu sehen(*).
"House of Cards" beruht auf der gleichnamigen Serie der BBC, einem bösen Meisterwerk in der Tradition von Shakespeares Königsdramen; die Hauptrolle spielte Ian Richardson, ein Veteran der britischen Theaterszene. Der Plot: Der Fraktionschef hofft nach dem Wahlsieg seiner Partei auf ein Ministeramt. Als ihm die Beförderung verweigert wird ("Wir brauchen dich in der Fraktion!", sagt der Regierungschef), beginnt er einen heimlichen Rachefeldzug gegen parteiinterne Kontrahenten.
Zu seiner wichtigsten Verbündeten wird, neben seiner loyalen Ehefrau, eine junge Journalistin, die er immer wieder mit exakt dosierten Informationen über seine Rivalen füttert - Geschichten, die auch ihre Karriere voranbringen, vor allem aber seinen Gegnern schaden. Nebenbei verbinden der Politiker und die Journalistin das Nützliche mit dem Angenehmen, indem sie eine Affäre beginnen. Zur erotischen Stimulation verabreicht er ihr streng geheime Gesetzentwürfe, post coitum werden neue Gerüchte über Parteifeinde gestreut.
Die BBC-Serie, vier Folgen, hatte im Herbst 1990 in Großbritannien Premiere. Der Zufall wollte es, dass sich zur selben Zeit ein ganz reales Machtdrama abspielte: der Sturz der damaligen Premierministerin Margaret Thatcher durch die eigenen Leute, ihre konservativen Parteifreunde. Parallelen zwischen den echten Intrigen und der Fernsehfiktion waren unvermeidlich, zumal der Erfinder der Serie, Michael Dobbs, in den achtziger Jahren als Thatchers Stabschef gearbeitet hatte und später stellvertretender Parteivorsitzender der Tories wurde.
Für die US-Version von "House of Cards" wurde die Story aktualisiert und an amerikanische Verhältnisse angepasst, inhaltlich wie formal. In Amerika ist bekanntlich alles ein paar Nummern größer. Also zunächst 13 statt 4 Episoden, glamourösere Kulissen und Kostüme, Hollywood-Stars vor und hinter der Kamera, ein Budget von mehr als hundert Millionen Dollar. Als Co-Produzent stieg, neben Kevin Spacey, auch David Fincher ein, einer der wagemutigen Filmemacher Amerikas ("The Social Network"); bei zwei Folgen führte Fincher auch selbst Regie. Zu den Regisseuren der neuen Staffel gehört die Oscar-Preisträgerin Jodie Foster.
Ein Stilmittel von "House of Cards", das Fincher und der Drehbuchautor Beau Willimon vom BBC-Original übernahmen (und das die BBC wiederum bei Dramen wie Shakespeares "Richard III." abgeguckt hatte), ist die Aufhebung der sogenannten vierten Wand: Immer wieder spricht Underwood den Zuschauer direkt an, er erklärt seine Taktik, kommentiert die letzten Winkelzüge oder verhöhnt seine Gegner. Underwood macht das Publikum zu seinem Komplizen. "Für die von uns, die es ans obere Ende der Nahrungskette schaffen, gibt es keine Gnade. Es gilt die Regel: Jagen oder gejagt werden", sagt Underwood in der zweiten Staffel.
Spacey, der auch schon Richard III. auf der Bühne gespielt hat, wiederholt diese Methode auch im Interview. Wie echte Politiker ignoriert er oft die Fragen; stattdessen fixiert er sein Gegenüber mit einem mokanten Lächeln und fordert: "Glauben Sie mir." Ein Abgeordneter habe ihm erzählt, sagt Spacey zum Beispiel, dass "House of Cards" zu 99 Prozent die Realität in Washington abbilde.
Welcher Aspekt ist übertrieben? "So schnell wie in unserer Serie kommt nie ein Bildungsgesetz durch den Kongress."
Seit Jahrzehnten ist Spacey ein bekennender Unterstützer der Demokraten. Von Bill Clinton und dessen Vize Al Gore spricht er wie von alten Freunden. Zur Vorbereitung auf die Underwood-Rolle begleitete er Nancy Pelosi bei der Arbeit, die ehemalige Sprecherin des Repräsentantenhauses. "Ich bin in der Welt herumgekommen, ich habe es persönlich gesehen, und ich fälle keine moralischen Urteile über die Figuren, die ich spiele", sagt Spacey. Auch die Vize-Fraktionschefs von Republikanern und Demokraten im Kongress, quasi die echten Underwoods, gewährten Spacey eine Audienz. Vielleicht war es auch umgekehrt.
Sogar Joe Biden, der aktuelle Vizepräsident, hatte kürzlich Zeit für Spacey, ein Treffen auf Augenhöhe, da Underwood zu Beginn der zweiten Staffel selbst zum Vizepräsidenten ernannt wird. "Nur einen Herzschlag entfernt vom Präsidentenamt", sagt Underwood Richtung Kamera, "Demokratie wird so was von überschätzt."
Das neue Amt bringt unangenehme Überraschungen, zusätzliche Sicherheitsmaßnahmen etwa: Underwood darf ohne Bodyguard nicht einmal mehr in den eigenen Garten gehen. Doch vor allem drohen ihn die Geister der Vergangenheit einzuholen, seine Sünden aus der ersten Staffel wie die Affäre mit der jungen Journalistin Zoe (Kate Mara). Underwood versucht, die Spuren zu verwischen.
Wirklich Verlass ist offenbar nur auf Claire (Robin Wright), Underwoods schöne Ehefrau, von Beruf Managerin einer Charity-Stiftung und beinahe so skrupellos wie ihr Gatte. Die Szenen dieser Ehe, getragen vom gemeinsamen unbedingten Willen zur Macht, wirken auch in den neuen Folgen beängstigend wahrhaftig. Man darf vermuten, dass Robin Wright eigene Erfahrungen in die Rolle einbringt: Sie war 14 Jahre lang mit dem Schauspieler Sean Penn verheiratet, einem politisch engagierten Egomanen.
Die scheinbar realistische Abbildung des Politikbetriebs, Politik als Stellungskrieg - das war das Faszinosum der ersten Staffel, und dies tritt in den neuen Episoden in den Hintergrund. Im Kongress gibt es, soweit bisher erkennbar, keinen Gegner, der den Underwoods auch nur annähernd ebenbürtig ist. Stattdessen wird eine zunehmend absurde Krimi-Handlung weitergeführt, mit schönen Schockmomenten zwar, aber ohne den Thrill der vermeintlichen Authentizität. In einer Szene klagt ein Polizist, Telefondaten von Verdächtigen seien schwer zu bekommen. "House of Cards" wirkt plötzlich seltsam aus der Zeit gefallen, geradezu unpolitisch.
Dass das jetzt so kommt, hat auch seine Ursache in der Figur Underwoods, wie sie von Anfang an angelegt war: Underwood ist zwar ein Meister des Machterwerbs, aber letztlich weiß er nichts mit dieser Macht anzufangen. Er hat kein erkennbares Programm, keine Ideen, keine Überzeugungen; er will nicht gestalten. Politisch richtig ist, was ihm nützt und sich durchsetzen lässt. Damit ähnelt Underwood zwar dem ein oder anderen real existierenden Spitzenpolitiker. Aber wer möchte schon eine 13-teilige Fernsehserie über Angela Merkel sehen?
Man würde am Ende gern wissen, was Kevin Spacey durch die Arbeit an der Serie über den Politikbetrieb gelernt hat.
"Meine Ansichten dazu sind wirklich verdammt langweilig", sagt Spacey, und plötzlich wirkt er nicht mehr wie Francis Underwood, "niemanden interessiert es einen Scheiß, was ein Schauspieler über Politik denkt."
Eine letzte Kunstpause, ein Satz zum Abschied: "Glauben Sie mir."
Kevin Spacey
"Niemanden interessiert es einen Scheiß, was ein Schauspieler über Politik denkt."
* In Deutschland beim Bezahlsender Sky, ab 3. März auf Sky Atlantic HD auch in der deutschen Synchronfassung. Die 1. Staffel ist als DVD und bei iTunes erhältlich.
Von Martin Wolf

DER SPIEGEL 8/2014
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