17.02.2014

KUNSTFUNDEFinstere Schatzkammer

Cornelius Gurlitt hat Gemälde im Wert von mehreren Millionen Euro in Salzburg zurückgelassen. Der schwerkranke Mann ist offenbar kaum noch Herr der Lage.
Der kleine graue Herr aus dem grauen Haus kam zuletzt nur nachts. In der Hand seinen alten karierten Koffer mit den braunen Lederecken. Nachbarn sahen ihn aus dem Taxi steigen und durch die Tür huschen, es war auch stets dunkel, wenn er wieder verschwand.
Cornelius Gurlitt wollte unsichtbar bleiben, doch eben deshalb fiel er in dem schillernden noblen Wohnviertel Aigen in Salzburgs Süden auf. Das winzige Häuschen verwahrloste in all den Jahren, als rundherum die Villen der Industriellen und Sportmillionäre immer pompöser wurden. Gurlitt war Gesprächsthema in den Gärten von Aigen, aber niemand ahnte, dass dort Gemälde unter anderem französischer Impressionisten im Wert von zig Millionen Euro aus dem Erbe seines Vaters Hildebrand Gurlitt lagern wie in einem dunklen Grab.
Einmal beschwerten sich Nachbarn, weil aus dem Garten Sträucher auf die Straße wucherten. Die Polizei ließ das Haus von der Salzburger Feuerwehr öffnen; als man dort keine menschlichen Lebenszeichen entdecken konnte, wurde ein neues Schloss eingebaut, die Schlüssel kamen auf die zuständige Polizeiinspektion - wo Gurlitt sie dann wohl abholte.
Selbst als der Schwabinger Kunstfund von mehr als tausend wertvollen Bildern, teilweise im Verdacht, Nazi-Raubkunst zu sein, im November durch die Weltpresse ging und die Salzburger Adresse der Familie Gurlitt bekanntwurde, weckte das halbverfallene Anwesen offenbar nicht die Begehrlichkeit von Dieben. Immerhin erhielten Salzburger Polizeistreifen den Auftrag, in der Gegend öfter nach dem Rechten zu sehen - wegen möglicher "Schatzjäger". Doch dass große Ölgemälde von Monet, Renoir, Rousseau oder Pissarro hinter einer alten Holztüre unbewacht an der Wand hingen oder oft nur lehnten, dafür fehlte wohl sogar Kunsträubern die Phantasie.
Dennoch riefen Anwohner die Polizei, als vergangenen Montag ein knappes Dutzend Besucher anrückte und begann, Gegenstände aus dem Haus zu tragen. Die Beamten stießen auf drei Anwälte von Cornelius Gurlitt, zwei Kunstsachverständige, zwei Restauratoren, Sicherheitspersonal und Versicherungsvertreter. Unter dem Schutz der Ordnungshüter verpackte die Gruppe mehr als 60 Ölgemälde und brachte sie an einen unbekannten Ort.
Dass das Depot erst drei Monate nach dem Bekanntwerden des Kunstfunds von Schwabing aufgelöst wurde, liegt am Gesundheitszustand Gurlitts. Am 23. Dezember 2013 stellte das Amtsgericht München Cornelius Gurlitt, 81, deswegen unter die rechtliche Betreuung des Anwalts Christoph Edel.
Wochen zuvor war ein anonymes Schreiben bei Gericht eingegangen; darin wurde angeregt, eine gesetzliche Betreuung für Gurlitt einzurichten. Die Behörde erkundigte sich damals bei der Staatsanwaltschaft Augsburg nach dem Befinden des alten Herrn, gegen den vor allem wegen Steuerhinterziehung und Unterschlagung ermittelt wird. Dort hielt man eine Betreuung nicht für notwendig. Wenig später wurde der schwer herzkranke Mann ins Krankenhaus gebracht. Sein Zustand war so schlecht, dass auch die Ärzte beim Amtsgericht eine Betreuung des Patienten forderten. Diesmal mit Erfolg.
Edels Befugnisse erstrecken sich seitdem auf viele Lebensbereiche Gurlitts. Doch die Betreuung ist vorläufig und wird nach sechs Monaten überprüft. Gurlitts Betreuer müssen, wie gesetzlich vorgeschrieben, dessen Wünsche berücksichtigen. In der Praxis gestaltet sich das meist schwierig. Gurlitts Gesundheitszustand ist schlecht. Er ist zwar generell ansprechbar, aber oft nicht in der Lage, Fragen zu verstehen oder zu beantworten.
Es dauerte lange, bis Gurlitt die Zustimmung zum Betreten seines Salzburger Hauses und zur Abholung seiner Bilder gab. Wie mit den Gemälden, die möglicherweise rechtmäßig im Eigentum Gurlitts sind, weiter verfahren wird, dürfte mindestens ebenso schwer zu klären sein.
Was mit seinen Gemälden passieren soll, wusste der alte Mann wohl schon lange nicht mehr. In Salzburg saß er als Bewacher einer finsteren Schatzkammer vor seiner Kunst, während das Haus um ihn herum verfiel und er nicht wusste, wie er diesen Verfall aufhalten sollte. 2011 war Gurlitt mit dem Chaos in seiner Behausung offenbar so überfordert, dass er den Ort verließ und nach München zog. Die Gemälde französischer Impressionisten litten unter Staub und Feuchtigkeit. Das verlassene Haus zog Ungeziefer an.
Stephan Holzinger, Pressesprecher von Gurlitt, sagt dazu lediglich, ein Teil der Bilder sei in einem guten, ein Teil in einem eher schlechten Zustand - auch das wohl ein Grund, warum niemand die Fotos sehen soll, die der Trupp von dem Fund und den Räumlichkeiten machte.
Chris Marinello, Anwalt der Erben des Pariser Kunsthändlers Paul Rosenberg, sorgt sich, dass sich auch unter den Salzburger Werken Raubkunst befindet. Er halte es für notwendig, Abbildungen der Werke öffentlich zu machen.
Dieser Logik zufolge "müssten sämtliche privaten Kunstsammlungen weltweit öffentlich gemacht werden", entgegnet Gurlitts Sprecher Holzinger, "ein absurder Gedanke"; die Recherchen zur Salzburger Sammlung hätten bislang keinen Verdacht ergeben, aber "wir vertiefen derzeit die Untersuchungen".
Es spricht einiges dafür, dass sich im Salzburger Haus Gurlitts etliche Gemälde befanden, die sein Vater 1954 für eine Ausstellung in der Villa Hügel in Essen verliehen hatte - darunter eine Landschaft von Rousseau, ein "Abendhimmel" und eine "Waterloo-Brücke" von Monet oder "Felsen am Wasser" von Courbet. Schon die Versicherungssummen, die das Museum 1954 für die Werke auflistete, sprechen für einen außergewöhnlich hohen Wert - allein die Waterloo-Brücke wurde nach dem SPIEGEL vorliegenden Unterlagen damals mit 30 000 Mark veranschlagt.
Hildebrand Gurlitt dürfte die Werke der Moderne während des Krieges erworben haben. Dass die deutschen Staatsanwälte sie nicht ebenso wie seine Sammlung in Schwabing beschlagnahmen konnten, lag an Vorbehalten der österreichischen Justiz.
Bereits im Dezember 2011 stellten die Augsburger ein Rechtshilfeersuchen für eine Hausdurchsuchung an die Staatsanwaltschaft Salzburg. Doch die lehnte ihre Zuarbeit "aufgrund der geschilderten Verdachtslage" ab. In den Schriftsätzen aus Deutschland gebe es keine Hinweise darauf, dass der Vorwurf gegen Gurlitt einen "strafgerichtlichen Tatbestand" erfülle, so ein Sprecher der Staatsanwaltschaft Salzburg; danach habe man nichts mehr von den Augsburger Kollegen gehört.
Offenbar wachsen auch im bayerischen Justizministerium die Zweifel am Vorgehen der Augsburger Staatsanwaltschaft. Das Münchner Ministerium stellt in einem Schreiben an die untergeordnete Augsburger Behörde in Frage, dass man Gurlitt überhaupt strafbares Verhalten vorwerfen kann; sinngemäß heißt es darin, die Staatsanwaltschaft bewege sich auf sehr dünnem Eis.
Umso mehr müssen die Augsburger - und die Task-Force, die in Kooperation mit den Staatsanwälten die Herkunft der Bilder erforscht - nun eine Beschwerde der Gurlitt-Anwälte fürchten, die sich gegen die Durchsuchung von dessen Münchner Wohnung und die Beschlagnahme seiner Bilder richtet. Der Dortmunder Strafverteidiger Tido Park hatte bereits vergangenen Dezember die Rechtmäßigkeit der Beschlagnahme bezweifelt, inzwischen ist er einer von Gurlitts Anwälten.
Ob und wann diese ihre allseits erwartete Beschwerde einlegen, wollte Gurlitt-Sprecher Holzinger vergangenen Freitag noch nicht sagen. Allerdings: "Sollten wir Beschwerde einlegen und sollte diese Beschwerde Erfolg haben, wäre jedwede Weiterarbeit an der Sammlung Gurlitt seitens der Task-Force unserem Rechtsverständnis nach an die Zustimmung des Eigentümers Cornelius Gurlitt gebunden."
Darüber, ob Gurlitt überhaupt willens wäre, eine solche Zustimmung zu erteilen, will Holzinger "nicht spekulieren". Diese Frage stelle sich momentan nicht. Auch zur Frage, inwieweit Gurlitt derzeit überhaupt zu Erklärungen in der Lage ist, will Holzinger "nicht Stellung beziehen".
Allerdings könnte es sein, dass er bald gar nicht mehr fähig sein wird, irgendetwas zu entscheiden, wenn sich sein gesundheitlicher Zustand nämlich noch weiter verschlechtert.
Unklar ist auch, ob es neben dem Salzburger Haus noch weitere Depots gibt. Gurlitts Vater hatte offenbar insgesamt sechs Lagerstätten für seine Kunstwerke - hat also auch Gurlitt noch andere Verstecke? "Wir würden Hinweisen nachgehen, wenn wir sie hätten", sagt Holzinger. Dies sei "gegenwärtig nicht der Fall". Allerdings habe man noch nicht alle Unterlagen prüfen können und womöglich auch noch nicht alle erhalten.
* Eine von etwa 40 Originalversionen des Gemäldes.
Von Dietmar Hipp, Ulrike Knöfel und Conny Neumann

DER SPIEGEL 8/2014
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