17.02.2014

Die Mutter im Nacken

LITERATURKRITIK: Angelika Klüssendorf setzt mit dem Roman „April“ das Porträt einer umtriebigen und getriebenen jungen Frau fort.
Einmal versucht sie noch, ihre Mutter zu beeindrucken, vielleicht sogar Anerkennung bei ihr zu finden. April, wie sie sich selbst nennt, klingelt unangemeldet und bang an der Wohnungstür. Sie ist sichtbar schwanger. Es ist Jahre her, dass Mutter und Tochter sich zuletzt gegenüberstanden.
Sie wird eingelassen. Ihre kleineren Geschwister, die noch bei der Mutter leben, wirken verschüchtert, so wie April es selbst als Kind war. Und in der Küche bejammert die Mutter sofort das eigene Schicksal, schimpft auf den Mann, den sie gerade rausgeschmissen habe ("dieses Drecksvieh"), raucht und trinkt.
Selbstmitleid ist alles, was sie anbieten kann. Ihre unter Alkohol und Tränen vorgetragene Bitte um Entschuldigung für das, was sie ihrer "Großen" angetan hat, geht ins Leere. Im nächsten Moment stellt sie mit Blick auf den Bauch der Tochter die Frage, warum April nicht abgetrieben habe. Mit den Worten "Wird doch sowieso nur ein Krüppel" verabschiedet sie die Schwangere.
Angelika Klüssendorfs neuer Roman "April" ist die beklemmende Geschichte einer jungen Frau, die mit sich, dem Vater ihres Kindes und am Ende auch mit dem eigenen Sohn wenig anzufangen weiß und sich in eine zerstörerische, vor allem selbstzerstörerische Aggression rettet.
Die Vorgeschichte hat Klüssendorf, 55, vor zweieinhalb Jahren in ihrem Roman "Das Mädchen" erzählt, atemlos im Präsens, Szene für Szene ein grelles Schlaglicht auf eine Kindheit und Jugend in der DDR der sechziger und beginnenden siebziger Jahre. Von der Mutter immer wieder in den stockdunklen Kohlenkeller gesperrt oder mit dem kleinen Bruder in der Wohnung allein gelassen, geschlagen, gedemütigt und terrorisiert, flüchtet sich das Mädchen schließlich in ein Heim.
Der neue Roman setzt ein, als April 18 geworden ist. Ihr werden von der Jugend-
hilfe ein Zimmer und ein Arbeitsplatz
zugewiesen. Vom ersten selbstverdienten Geld kauft sie sich einen Plattenspieler, um die Platte von Janis Joplin abspielen zu können, die sie vorher gegen eine von Wolf Biermann eingetauscht hat, für die sie wiederum eine Shakespeare-Gesamtausgabe opfern musste.
Die Rasanz der Erzählung wird - wie schon im Vorgängerroman "Das Mädchen", der es 2011 auf die Shortlist des Deutschen Buchpreises schaffte - bis zur letzten Seite durchgehalten. Und unverändert bleibt auch die Perspektive. Durch die Verwendung der dritten Person wird die Geschichte auf Distanz gerückt, wahrscheinlich auch deswegen, weil der Roman autobiografische Züge trägt. Klüssendorf ist in der DDR aufgewachsen und 1985 in die Bundesrepublik übergesiedelt, wo sie 1990 ihre erste Erzählung "Sehnsüchte" veröffentlichte.
Der Blick auf ihre Heldin ist gnadenlos. Und doch rückt dem Leser diese umtriebige und getriebene April ganz nahe. Wie gelingt der Autorin das Kunststück? Die bedrängende und bedrückende Geschichte trägt ihren Teil dazu bei, aber auch die beste (oder traurigste) Geschichte hilft nichts, wenn sich kein Erzählrhythmus, keine Sprache einstellt.
Die Kunst der Autorin ist die Vermeidung jedweder Künstlichkeit. Scheinbar leicht und widerstandslos läuft der Text dahin - doch dürfte der Ton schwer errungen sein. In der nüchternen Beschreibung eines Selbstmordversuchs wird das Erzählprinzip deutlich: "April plant, sich an diesem Tag umzubringen. Sie ist nicht besonders aufgeregt oder traurig bei dem Gedanken, sie hat es einfach nur satt zu atmen." April wird gerettet, nicht einmal das Sterben gelingt ihr: "Doch wenn sterben genauso anstrengend wie leben ist, kann sie durchaus noch eine Weile leben."
Ein naiver Ton ist das nicht. April erkennt ihre Unfähigkeit zur Nähe. Sie gibt sich alle Mühe, aber selbst die Liebe zum Vater ihres Kindes "strengt sie ungeheuer an". Sobald die "Fetzen fliegen", stellt sie fest, befindet sie sich wieder "auf vertrautem Terrain".
Manchmal quält sie auch Julius, den Sohn, und sieht ihn "mit dem kalten Blick ihrer Mutter", obgleich sie den Wiederholungszwang durchschaut: "Sie erkennt sein Entsetzen, seine Ungläubigkeit, während sie ihn mit harschen Worten niedermacht. Die Verletzungen, die sie ihm so beiläufig, fast unbeabsichtigt zufügt, werden wie eigenständige Organe in ihm wachsen."
Auch als Mitte der achtziger Jahre der Ausreiseantrag der Familie nach langer Zeit überraschend genehmigt wird, hilft die ersehnte Freiheit im Westen kaum darüber hinweg, dass die innere Unfreiheit nicht zu sprengen ist. Von ihrer Mutter hat April über sich hören müssen, "dass ein richtiger Mann sich nie mit ihr abgeben würde". Wechselnde Liebschaften scheinen das eher zu bestätigen als zu widerlegen.
Der Sog dieser Prosa ist enorm. Ausschmückungen und Bilder vermeidet die Autorin. Mit wenigen Ausnahmen. "Manchmal hat April das Gefühl, der Zorn ihrer Mutter würde wie eine Ascheschicht auf ihrem Herzen liegen", heißt es einmal. Das ist aber auch schon das Äußerste, was sich Angelika Klüssendorf an poetischer Sprache durchgehen lässt.
Angelika Klüssendorf: "April". Verlag Kiepenheuer & Witsch, Köln; 224 Seiten; 18,99 Euro.
Von Volker Hage

DER SPIEGEL 8/2014
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