17.02.2014

OLYMPISCHE SPIELEKartoffel gegen Knödel

Die deutsche Mannschaft zählt die Medaillen von Sotschi zur Beruhigung der eigenen Nerven. Die Österreicher setzen ihre Siege geschmeidiger ein - als Werbebotschaften.
Kurz nachdem am vergangenen Freitag die Meldung von einem Autounfall Felix Neureuthers kam, schrieb ihm sein österreichischer Konkurrent Marcel Hirscher auf Twitter: "Werd schnell gesund, Buddy!" Neureuther war auf dem Weg zum Münchner Flughafen mit seinem Wagen in die Leitplanke gekracht, er hatte sich ein Schleudertrauma zugezogen.
Bei den Winterspielen in Sotschi wollen beide in dieser Woche im Riesenslalom und Slalom starten, sie dominierten die Disziplinen in dieser Saison. Der Bayer Neureuther und der Salzburger Hirscher sind Freunde, sie nennen sich gegenseitig aber nicht nur Buddy, sondern auch Piefke, Nusser oder Sauhund. Sie spielen das Spielchen mit, das im Sport regelmäßig auf die Spitze getrieben wird: Deutschland gegen Österreich, Groß gegen Klein, Kartoffel gegen Knödel.
Das Duell könnte der Höhepunkt in dem Wettstreit zweier Wintersportnationen werden, die zwar Nachbarn sind, aber ansonsten nicht viel gemeinsam haben. Während es dem deutschen Team in Sotschi darum geht, die Medaillenvorgaben des Deutschen Olympischen Sportbundes (DOSB) abzuarbeiten, dient jede österreichische Medaille als neues Argument für eine ausgeklügelte Vermarktungsmaschine.
Die meisten deutschen Sportler, Trainer und Funktionäre wären zu Winterspielen wahrscheinlich lieber woanders hingefahren, die Österreicher fühlen sich in Sotschi pudelwohl. Das wurde bereits in den ersten Olympiatagen deutlich.
Die Zuschauerränge des Skistadions in Rosa Chutor sind schon leer, als Maria Höfl-Riesch im Zielraum mit ihrem Skistock im Boden herumstochert. Sie hat gerade die Goldmedaille in der Super-Kombination gewonnen, doch sie sieht aus, als wäre sie um ein Haar von einem Zug erfasst worden.
Das Training vor dem Rennen hatte sie verkorkst, Olympia war da nicht einmal zwei Tage alt, auf dem Konto der deutschen Mannschaft standen null Medaillen. Maria Höfl-Riesch sagt jetzt, ihr Sieg fühle sich an wie "die zehnfache Steigerung von Erleichterung".
In ihrem Rücken steht Peter Schröcksnadel und grinst. Schröcksnadel, ein kleiner Mann mit gebräunter Haut und Falten im Gesicht, ist Präsident des Österreichischen Skiverbands. Für Österreich gab es Silber, Nicole Hosp wurde Zweite hinter Höfl-Riesch. Hosp konnte eine Medaille gewinnen. Höfl-Riesch musste.
"Wir sind hier frei und locker", sagt Schröcksnadel, "wir sind in Russland unter Freunden."
Österreichs Skifahrer sind Teil einer Imagekampagne. Die Medaillen, die sie gewinnen, sollen russische Touristen anlocken. "In den Geschäften kaufen die Russen auch nur Gucci und Armani", sagt Schröcksnadel, "und im Winter wollen sie am liebsten dort Skifahren, wo die Sieger trainieren."
Die wichtigste Goldmedaille für diesen Plan hätten die Österreicher schon, sagt der Präsident, dem zu Hause neun Skigebiete gehören. Matthias Mayer aus Kärnten gewann die Goldmedaille in der Abfahrt, der Königsdisziplin.
In einem zweistöckigen Glasbau im Tal von Krasnaja Poljana dröhnt AC/DC aus den Boxen, knapp 300 Menschen wedeln mit Österreich-Fahnen über ihrem Kopf, auf den Tischen fallen Biergläser um. Matthias Mayer, 23, betritt am Abend nach seinem Olympiasieg das Austria Tirol House, die Heimat der österreichischen Mannschaft in Sotschi. "Scho cool, wia die Leit si für mi g'frein", sagt Mayer, dann dreht er eine Runde, umarmt Freunde und Fremde, im Gesicht ein Dauergrinsen.
Vor dem Tirol-Haus lässt sich Josef Margreiter in einen zur Couch umgebauten Sessellift fallen. Margreiter ist Geschäftsführer der Marketingfirma Tirol Werbung, die das österreichische Haus sponsert. Er sagt, es sei "der perfekte Tag" gewesen.
Wenige Stunden vor Mayer hatte Wladimir Putin vorbeigeschaut, er saß in der Stubn-Ecke, zwischen Harfe- und Akkordeonspielern, er schunkelte und trank Zillertaler Bergheubrand, Himbeer-Apfel.
Das sei eine "unbezahlbare Stärkung der Marke" gewesen, sagt Margreiter. "Wir sind das Sportland Nummer eins in den Alpen, und bei den Winterspielen können wir das beweisen, wir nutzen Olympia zur Markenpflege."
Tirol ist unter russischen Touristen die beliebteste Skidestination in den Alpen. Die Schweizer, sagt Margreiter, hätten zwar auch Berge, aber es fehle ihnen an Gastfreundlichkeit. "Wir haben die Hardware, aber auch die Software", sagt er. Deutschland erwähnt er gar nicht.
Salzburg hatte sich ebenfalls um die Olympischen Spiele 2014 beworben, doch das IOC gab Sotschi den Zuschlag. Nach der Niederlage suchten Politiker nach einem Weg, trotzdem von Olympia zu profitieren.
Österreichische Firmen modernisierten das Krankenhaus in Sotschi, sie erweiterten den Flughafen, bauten die Häuser im olympischen Dorf und rüsteten das Skigebiet in Krasnaja Poljana mit Seilbahnen und Schneekanonen aus. Selbst die Startnummern, die die Sportler bei den Winterspielen tragen, sind österreichischer Herkunft. Das Land kam durch die Winterspiele auf Investitionen von knapp 1,3 Milliarden Euro.
Jetzt treffen sich im Tirol-Haus österreichische Promis und Manager mit russischen Reiseveranstaltern, Firmenchefs und Oligarchen zum Networking, dazwischen stehen Olympiatouristen aus Polen und Reporter aus den USA. Die Ski-Bar im Erdgeschoss ist für jeden geöffnet. Klein-Österreich ist der Schmelztiegel bei den Winterspielen in Sotschi.
Rund 800 Meter entfernt, auf der anderen Seite des Flusses Msymta, steht das Deutsche Haus. Die Heimat des DOSB ist von der Außenwelt abgetrennt, durch einen Bauzaun und eine blickdichte Plane, darauf ein Schriftzug: "Wir für Deutschland."
Es soll ein Rückzugsort sein für Athleten und Funktionäre, ein Ruheraum, den kein Filmteam betreten darf. Hier können sich die Deutschen abgrenzen von Olympischen Spielen, mit denen sie nicht richtig warm werden.
In der ersten Olympiawoche wurde geschimpft. Langlauftrainer Andreas Schlütter bezeichnete den Zustand der Sprintstrecke als "Katastrophe". Sein Kollege David Selbach von den Snowboardern hielt die Halfpipe für "nicht olympiareif". Der Chef der Ski-Freestyler, Heli Herdt, nörgelte über das Publikum, weil es nur russische Athleten anfeuern würde.
Im deutschen Team will kein Olympia-Feeling aufkommen, was vielleicht auch daran liegt, dass sich die Athleten ständig für ihren türkis-grün-gelb-weißen Teamanzug rechtfertigen müssen.
Im Deutschen Haus steht der Designer Willy Bogner auf einer Bühne und greift sich ein Mikrofon. Die Kritik an seiner Kollektion findet er "gemein". Er dreht sich zu Ski-Freestyler Benedikt Mayr. "Ihr werdet ja im olympischen Dorf immer fotografiert wegen der tollen Anzüge, oder?", fragt Bogner. "Ja, ja", sagt Mayr, "bei diesem Outfit geht auch nie jemand verloren."
Maria Höfl-Riesch und der Rodler Felix Loch holten die ersten Goldmedaillen für das Team. "Spätestens danach fühlten wir uns besser", sagte DOSB-Präsident Alfons Hörmann. Für die Deutschen ist jede Medaille eine Beruhigungspille.
Das Ziel des DOSB ist es, bei Olympia zwischen 27 und 42 Medaillen zu gewinnen. Ein deutscher Trainer sagt: "Die Funktionäre sitzen in ihrer Zentrale und zählen Medaillen. Wenn du die Ziele zu weit verfehlst, dann spürst du das in jedem Gespräch mit ihnen. Wir Trainer können aber nicht ständig an Medaillen bei Olympia denken, sonst entwickelst du dein Team nicht weiter."
Die Österreicher wollen 16 Medaillen gewinnen. Skipräsident Schröcksnadel rechnet mit nur 12. "Das Glück ist ein Vogerl", sagt er.
Das Verhältnis zwischen deutschen und österreichischen Sportlern ist geprägt von seltsamen Scharmützeln, auch in Sotschi passieren schräge Geschichten. In der ersten Olympiawoche erlitt die Ski-Schleifmaschine der Deutschen einen Motorschaden, die Langläufer, Biathleten und Kombinierer konnten ihr Material nicht präparieren. Die Techniker suchten Ersatz. "Wir haben bei den Österreichern und den Schweizern angefragt, aber sie haben abgelehnt", wurde Alfons Hörmann in der "Bild"-Zeitung zitiert. Plötzlich gab es auch einen "Schleif-Krieg mit Ösis".
In Wahrheit hatte die deutsche Delegation nie beim österreichischen Team um Hilfe gebeten.
Der Österreicher Werner Schuster ist Trainer der deutschen Skispringer. Im Pressezelt unter der Schanze in Krasnaja Poljana starrt er auf einen Fernseher, die deutschen Doppelsitzer Tobias Wendl und Tobias Arlt holen gerade die Goldmedaille, die Österreicher werden Zweite. Schuster sagt: "Ich drücke den Deutschen die Daumen, ich bin gut adaptiert."
Schuster hat Psychologie studiert. "In Österreich", sagt er, "ist die Skikompetenz größer, den Menschen sind die Berge näher, es gibt dort eine Identifikation mit den Sportarten. In Deutschland gibt es eine Identifikation mit den Siegern, unabhängig davon, um welchen Sport es geht. Das hat Skispringen zur Mediensportart gemacht, und jetzt fragen mich die Leute: Warum haben wir keinen neuen Sven Hannawald?"
Donnerstag vorige Woche, auf der Sponsorenmeile im Olympiapark stehen Menschen in Schlangen vor Fanshops oder schauen dem Konzert einer südkoreanischen Girl-Band zu. Viele haben Sonnenbrillen auf, es ist fast 20 Grad warm.
Am Ausstellungsgebäude eines deutschen Autokonzerns steht eine LCD-Leinwand, vor der Tänzer im Ganzkörperanzug turnen. Der Sponsor nennt die Show "lebender Medaillenzähler", auf der Leinwand tauchen Flaggen und Zahlen auf. Es ist der aktuelle Medaillenspiegel, der hier nachgetanzt wird.
Im Publikum sitzt das deutsche Team der Kombinierer. Eric Frenzel, der neue Olympiasieger, nickt mit dem Kopf im Takt der Elektromusik.
Österreich wird auf Platz neun getanzt, Deutschland auf Platz eins.
Von Lukas Eberle

DER SPIEGEL 8/2014
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