24.02.2014

RECHTSEXTREMISMUSUnter Reißwölfen

Michael von Dolsperg diente dem Verfassungsschutz jahrelang als Quelle aus der Neonazi-Szene. Als der NSU aufflog, schredderte der Geheimdienst seine Akte. Warum? Weil seine Informationen die Mordserie hätten verhindern können?
Das große Holzhaus und ein paar Hütten leuchten ochsenblutrot auf der verschneiten Lichtung. Der Hof heißt "Snaret", zu Deutsch "Gestrüpp". Vor zwölf Jahren zog es Michael von Dolsperg aus Niedersachsen hierher in die Wälder des schwedischen Bezirks Värmlands. Dreieinhalb Kilometer sind es bis zum Briefkasten an der Landstraße, 25 bis zum nächsten Bäcker in Filipstad. Nachts streunen manchmal Wölfe über den Hof. Wer seinem alten Leben den Rücken kehren möchte, kann kaum einen abgeschiedeneren Ort finden.
Viele Jahre lang war Snaret für Dolsperg, 39, sein kleines Öko-Paradies. Jugendliche aus ganz Europa kamen zum Campen auf den Hof.
Seit vergangenem Oktober ist das entspannte Aussteigerleben jedoch vorbei. Neben sein Bett hat Dolsperg einen Holzknüppel gelegt. Nicht wegen der Wölfe, sondern wegen der deutschen Neonazis. Er fürchtet, dass sie Rache nehmen könnten. Denn bevor Michael von Dolsperg in die schwedische Wildnis zog, war er ein Spitzel des Bundesamts für Verfassungsschutz (BfV), Deckname: "Tarif".
Dolsperg, Vollbart, lange blonde Haare, steht neben dem gusseisernen Herd und steckt sich eine Zigarette an. Durchs Küchenfenster blickt er in den Wald. "Wir kommen bald", erzählt er, habe ein Anrufer eines Abends ins Telefon geflüstert. Dolsperg hat daraufhin den Snaret-Wegweiser an der Landstraße abgebaut. Aber das beruhigt ihn kaum. "Ich weiß von damals, wie gut die Kameradschaftsszene in Schweden vernetzt ist. Die wissen genau, wo sie mich finden."
Auch für den deutschen Inlandsgeheimdienst ist das Outing seines einstigen Zuträgers eine Katastrophe. Denn Tarif war nicht irgendein V-Mann. Seine Geschichte wirft viele Fragen auf, die eng mit der Aufklärung der Mordserie des Nationalsozialistischen Untergrunds (NSU) verbunden sind. Doch womöglich bleibt manches für immer ungeklärt, weil Tarifs Akte unter dubiosen Umständen aus dem Archiv des BfV verschwand.
Am Dienstag, dem 8. November 2011, um 15.14 Uhr loggte sich ein Referatsleiter der Abteilung Rechtsextremismus in das Computersystem des Verfassungsschutzes ein. Der Mann mit dem Decknamen Lothar Lingen wählte aus 37 "Forschungs- und Werbungsfällen" 7 Akten aus, die er für den Reißwolf bestimmte.
Es war der Tag, an dem sich mittags Beate Zschäpe der Polizei stellte; vier Tage zuvor hatte Uwe Mundlos zuerst Uwe Böhnhardt und dann sich selbst mit einer Winchester erschossen. Es war also jene Zeit, in der Deutschland erfahren musste, dass es eine rechtsextreme Gruppe gab, die von den Sicherheitsbehörden unbemerkt neun Migranten und eine Polizistin hatte ermorden können.
Sieben Monate später gelangte die Schredderaktion an die Öffentlichkeit. BfV-Chef Heinz Fromm musste zurücktreten, weil Akten von V-Leuten aus der rechtsextremen Szene mit Decknamen wie "Tinte", "Tonfarbe" und "Tusche" vernichtet worden waren, die an einer heiklen Kooperation zwischen dem Bundesamt für Verfassungsschutz, dem Militärischen Abschirmdienst und dem Thüringer Verfassungsschutz beteiligt waren. Benannt war die Zusammenarbeit, bei der Informationen aus dem Umfeld des Terrortrios gesammelt wurden, nach einem beliebten Wanderweg im Thüringer Wald: "Operation Rennsteig".
Michael von Dolsperg alias Tarif gehörte zwar nicht zur Operation Rennsteig, doch Referatsleiter Lingen ließ auch Tarifs V-Mann-Akte in jenen Novembertagen vernichten. Darunter waren Berichte über die Treffen des Informanten mit seinem V-Mann-Führer vom Verfassungsschutz.
Dass es sich bei Tarif um eine wichtige Quelle gehandelt haben muss, ergibt sich aus dem Honorar, das er für seine Dienste von Ende 1994 bis 2002 erhielt: 66 000 Mark - mehr als alle anderen Spitzel, deren Deckname mit dem Buchstaben T begann. Es ist gängige Praxis beim Verfassungsschutz, Akten, die "nicht mehr erforderlich" sind, nach bestimmten Fristen zu entsorgen. Es gibt eine Fünf- und eine Zehnjahresfrist. Doch es ist Ermessenssache, ob ein Fall noch wichtig ist oder nicht.
Weder der vom Bundesinnenministerium eingesetzte Sonderermittler Hans-Georg Engelke noch der NSU-Untersuchungsausschuss fanden heraus, warum die Unterlagen vernichtet wurden. BfV-Referatsleiter Lingen berief sich auf sein Zeugnisverweigerungsrecht. Die Schredderaktion verwundert besonders, weil der damalige Amtschef Fromm drei Tage zuvor um "kritische Durchsicht der Akten" nach Bezügen zum NSU gebeten hatte.
Wesentliche Teile der Akte Tarif scheinen auf ewig verloren. Umso erstaunlicher ist, was Michael von Dolsperg über seine Vergangenheit als V-Mann berichtet. Folgt man seiner Darstellung, hatte der Verfassungsschutz ziemlich gute Gründe, den Reißwolf in Gang zu setzen.
Als Dolsperg beim BfV anheuerte, war er bereits tief in der militanten, rechtsextremen Szene verwurzelt. Geboren im thüringischen Leinefelde - Mutter Lehrerin, Vater Fernmeldetechniker -, hatte er sich als Jugendlicher zu DDR-Zeiten Neonazi-Gruppen angeschlossen. Nach der Wende ging er nach Niedersachsen, bandelte dort mit der 1995 verbotenen Freiheitlichen Deutschen Arbeiterpartei (FAP) an. Braune Hemden, rote Armbinden, kurze Haare, Fascho-Tolle - sogar in einer SS-Uniform ließ sich Dolsperg ablichten. Er organisierte Veranstaltungen mit Kriegsveteranen, vornehmlich aus den Reihen von SA und SS.
Gewalt und Agitation gegen Andersdenkende gehörten damals zum Leben des Rechten wie Bomberjacke und Springerstiefel. Vor einer Discothek in Nordhausen ging er im November 1991 zusammen mit zwei weiteren Schlägern derart brutal auf einen Vater und dessen Sohn los, dass die Opfer mit lebensgefährlichen Verletzungen ins Krankenhaus kamen. Für den Gewaltexzess wurde er zu dreieinhalb Jahren Gefängnis verurteilt, aber vorzeitig entlassen.
Wie ein Held, sagt Dolsperg, sei er im Knast empfangen worden, wo so viele Gesinnungsgenossen gewesen seien, "dass man Kameradschaftsabende hätte abhalten können". Der damals 17-Jährige ließ sich von nationalistischen Gefangenenhilfsorganisationen betreuen, wurde Mitglied des Internationalen Hilfskomitees für nationale politische Verfolgte (IHV).
Im Gefängnis begann die nächste Radikalisierungsphase, in der Dolsperg auch zu einem der strategischen Köpfe der Szene wurde - und das Interesse des Referats "Forschung und Werbung" des BfV weckte. Nach seiner Haftentlassung organisierte er Rudolf-Heß-Märsche, wurde Ortsgruppenführer der "Aktion sauberes Deutschland" und des IHV. Eine der wichtigsten Figuren der Neonazi-Szene, der niedersächsische FAP-Chef Thorsten Heise, wurde einer seiner engsten Vertrauten. Heises große Leidenschaft war es, mit Metalldetektoren auf Schatzjagd zu gehen. Und Dolsperg ging mit: "Wir fanden einen Kochtopf mit Hakenkreuzen und NSDAP-Abzeichen." So drang der Thüringer in den Inner Circle vor, war weit über Niedersachsen hinaus vernetzt.
Als die Polizei ihn 1994 präventiv in Gewahrsam nahm, um seine Teilnahme an einer Demonstration zu verhindern,
will Dolsperg zur Besinnung gekommen sein. "Ich wollte einen Job suchen und aus allem raus", erinnert er sich. In einem Brief an das Bundesinnenministerium habe er um Hilfe beim Ausstieg gebeten - und sich als Informant der Kameradschaftsszene angeboten.
Dolsperg lernte daraufhin "Alex" vom Verfassungsschutz kennen, seinen späteren Duz-Kumpel und V-Mann-Führer. Eines Abends im November 1994 habe der Beamte zusammen mit einem Kollegen vor ihm gestanden, vor einem Geschäft in Heiligenstadt. Sie luden ihn zum Essen ein und fragten, ob er sich vorstellen könne, für das BfV zu arbeiten. "Sie wollten nicht, dass ich aussteige, sondern dass ich weitermache", sagt Dolsperg, "zuerst konnte ich es gar nicht glauben."
Dolsperg fragte: "Was ist, wenn das herauskommt?"
Alex antwortete: "Wir haben Quellenschutz und eine Fürsorgepflicht. Neuer Name, neue Identität."
Auch das "Sonnenbanner", ein von Dolsperg herausgegebenes Nazi-Pamphlet, sollte er weiterhin betreiben, habe Alex gesagt. Das sei eine gute Tarnung.
Der Dialog mit dem Geheimdienstmann ist nirgendwo dokumentiert. Es gibt nur die Aussage von Dolsperg. Das BfV wollte sich auf Anfrage zu Dolspergs Darstellungen nicht äußern.
Unstrittig ist, dass der junge Neonazi damals tatsächlich in der Szene blieb und insgesamt 19 Ausgaben des "Sonnenbanners" produzierte, die meisten davon nach seinen Angaben unter den Augen des Verfassungsschutzes. Das letzte Heft von 2001 brachte ihm ein Ermittlungsverfahren wegen Volksverhetzung ein.
"Das BfV bekam alle Ausgaben von mir vorab", behauptet Dolsperg. Änderungswünsche habe es nie gegeben. Nur einmal habe Alex, ein schlanker, rotblonder Typ, der nicht viel älter war als er selbst, Bedenken angemeldet. Es ging um ein Titelbild zur Doppelausgabe 14/15 aus dem Jahr 1998. Dolsperg wollte einen Galgen abbilden, an dem ein Mann hängt: "Um den Hals trug er ein Schild mit der Aufschrift 'Kinderschänder'. Im Vordergrund stand ein Mann mit einer roten Armbinde, der einen Namen auf einer Liste abhakte." Alex habe gesagt: "Den Titel würde ich ändern, sonst könntest du Ärger bekommen." Daraufhin habe er ein harmloses Cover gewählt. Bezahlt habe er die Produktion der Hefte zum Teil von seinen V-Mann-Honoraren, die monatlich zwischen 500 und 600 Mark gelegen hätten.
Der Vorwurf gegen das BfV wiegt schwer. Half das Amt tatsächlich bei der Produktion der rechtsextremen Propagandablättchen und gab ihnen seinen Segen? Der Einfluss des "Sonnenbanners" im Neonazi-Milieu war beträchtlich; es erschien drei-, viermal im Jahr, in unregelmäßigen Abständen.
Heute würde das BfV wohl nicht mehr dabei zusehen, wie einer seiner V-Männer die Szene mit Propaganda versorgt. Nach dem NSU-Debakel, heißt es intern, wäre das "undenkbar".
Auch die damaligen Bombenbastler Böhnhardt und Mundlos gehörten offenbar zur Leserschaft. 1998 stellte die Polizei ein Exemplar der Ausgabe 2 in jener Jenaer Garage sicher, in der die Terroristen Rohrbomben versteckt hatten. In dem Blatt ging es um "Strategien der Zukunft". "Dass man uns sofort erkennt, wenn wir uns uniformieren oder in Skinhead-Klamotten rumrennen", schrieb Dolsperg damals, "dürfte jedem von Euch einleuchten. Logische Konsequenz ist also, dass wir unsere Kleidung so neutral wie möglich gestalten." In der Öffentlichkeit solle man sich prinzipiell jeder politischen Äußerung enthalten, "zu Themen, die durch die Medienhetze negativ belastet sind". Der Ratschlag des "Sonnenbanners": "Bilde Zellen durch Zusammenschluss einiger Personen." Im Nachhinein liest sich der Text wie eine Anleitung für das Leben im Untergrund, das Mundlos, Böhnhardt und Zschäpe fast 14 Jahre lang führten. Sie kleideten sich unauffällig, vertraten keine extremistischen Ansichten und bildeten eine Zelle.
Michael von Dolsperg hat auf dem Küchentisch in seinem tiefverschneiten Haus Fotos ausgebreitet. Es sind Bilder von "Liederabenden", die er in den Jahren 1996 und 1997 organisierte. In die Gaststätte "Zum Grünen Wald" in Weilrode beispielsweise lud der V-Mann den Nazi-Barden Oliver P. von der Skinhead-Band Hauptkampflinie.
Dolsperg sucht auf den Fotos nach Böhnhardt und Mundlos, die mindestens an einem Abend auch im "Grünen Wald" gewesen sein sollen. Er findet sie nicht, bleibt aber an einem Bild hängen, das einen engen Kumpel von damals zeigt: André K. Feist sitzt der Aktivist vom "Thüringer Heimatschutz" und Organisator des Nazi-Treffens "Fest der Völker" in der Kneipe am Tisch.
"Wir haben damals viel telefoniert und uns gegenseitig eingeladen", erinnert sich Dolsperg, "ich fuhr zu Demos und Veranstaltungen nach Thüringen, und K. kam mit ein paar Jungs zu meinen Liederabenden."
In einem Telefonat im Jahr 1998 - Mundlos, Böhnhardt und Zschäpe waren gerade abgetaucht - soll K. Dolsperg auf die Gesuchten angesprochen haben, die ja auch auf einem seiner Liederabende dabei gewesen seien. K. habe dann gefragt, ob Dolsperg die drei verstecken könne. "Ich bat um Bedenkzeit und rief meinen V-Mann-Führer Alex an", erinnert sich Dolsperg. Dieser habe Rücksprache mit Vorgesetzten halten müssen.
Wenn die Darstellung zutrifft, hätte das BfV in den folgenden Stunden eine Entscheidung treffen können, die die Mordserie des NSU vielleicht verzögert, vielleicht verhindert hätte.
Grundsätzlich ist die Behauptung plausibel: Schon 1996 rechnete die Landespolizei Thüringen Uwe Mundlos und André K. laut einem internen Papier "zum engeren Führungskreis der rechten Szene Jena". Später sammelte K. den Ermittlungen des Bundeskriminalamts zufolge Geld für die Untergetauchten und stimmte sich eng mit dem als mutmaßlicher Helfer angeklagten späteren NPD-Funktionär Ralf Wohlleben ab. "Wenn ich dem Trio einen Unterschlupf besorgt hätte und es danach zu einer Festnahme gekommen wäre, wäre ich womöglich als V-Mann enttarnt worden", sagt Dolsperg heute, "und der Verfassungsschutz hätte eine Quelle in der Szene verloren." Diese Überlegung habe offenbar das BfV getrieben. Alex habe jedenfalls angerufen und ihm eine Absage erteilt.
K. bestreitet, Dolsperg damals um Hilfe für die drei gebeten zu haben. Zu dem Zeitpunkt habe er schon lange keinen Kontakt mehr zu Dolsperg unterhalten. Dem widerspricht das Foto von K. beim Liederabend im "Grünen Wald". Denn die Veranstaltung fand nur wenige Monate vor dem Abtauchen des Trios statt.
Hatte das BfV damals tatsächlich die Chance, das NSU-Trio verhaften zu lassen? Und ließ es diese Chance ungenützt?
Im BfV findet sich heute dem Vernehmen nach kein Hinweis auf Dolspergs Schilderung. Insgesamt 280 Seiten der geschredderten Tarif-Originalakte hat der Verfassungsschutz rekonstruiert, indem die "Deckblattmeldungen" aus dem Archiv des Auswertungsreferats herangezogen wurden. Die Mitglieder des NSU-Untersuchungsausschusses konnten das Material einsehen. Sie fanden eine Aktennotiz, wonach Tarif gebeten wurde, sich nach dem Trio umzusehen - aber keine Spur von Dolspergs Version.
Offiziell will sich das BfV nicht zu der Darstellung seines früheren Mitarbeiters äußern. Erst nach Erscheinen des SPIEGEL werde es ein Dementi geben.
Es steht also Aussage gegen Aussage. Und es ist nicht das einzige Rätsel, das Dolspergs Geschichte aufgibt.
Der Untersuchungsausschuss des Bundestags ging der Frage nach, wie der Referatsleiter auf die Tarif-Akte gestoßen sei. Angeblich suchte er bei seiner Computer-Recherche mit den Begriffen "Thüringen", "Thüringer Heimatschutz" und "THS", weil das NSU-Trio dort aktiv gewesen sei. Als der Sonderermittler Engelke das Vorgehen wiederholte, landete er 33 Treffer bei "THS". Nur: Die Akte Tarif war nicht darunter. Auch bei den anderen Suchbegriffen tauchte sie nicht auf. Wie kam der Referatsleiter auf die Idee, diese Akte vernichten zu lassen? Engelke vermutet: Der Referatsleiter müsse wohl eine vage Erinnerung an Tarif gehabt haben.
Michael von Dolsperg hat die Fotos aus den Neunzigern wieder auf einen Stapel sortiert. Er sagt, er bedaure seine Zeit als Neonazi in der Kameradschaftsszene sehr; vor allem die lebensgefährlichen Tritte vor der Discothek in Nordhausen. Gewalt lehne er inzwischen grundsätzlich ab. Mit seinem Ausstieg in die schwedische Wildnis will er schon vor zwölf Jahren dem braunen Milieu den Rücken gekehrt haben. Dass er als V-Mann den Verfassungsschutz über Aufmärsche und sonstige Umtriebe "absolut gefährlicher und gewaltorientierter Neonazis" informierte, habe er für sein Land getan. Das klingt so pathetisch wie verschroben.
Wie glaubwürdig ist also der Spitzel, der die Geschichte des NSU womöglich um ein brisantes Kapitel ergänzt? Einen Grund, sich am Bundesamt für Verfassungsschutz zu rächen, hätte er durchaus. Als der SPIEGEL ihn im September 2012 in Schweden anrief und mit ihm über seine V-Mann-Zeit sprechen wollte, erbat er sich einen Tag Bedenkzeit. Erstmals seit mehr als zehn Jahren, so Dolsperg, habe er wieder Kontakt zum BfV aufgenommen. Alex meldete sich prompt zurück. Er solle auf keinen Fall auf die Anfrage eingehen. Dolsperg folgte dem Rat.
Wenige Wochen später reiste der Ex-Spion zu einem Treffen mit Alex nach Bayern: "Für das Treffen hatte das BfV einen Tagungsraum in einem Hotel angemietet", wo neben Alex zwei weitere Beamte am Tisch saßen. Man habe ihm versprochen, er werde in das Schutzprogramm des Geheimdienstes aufgenommen, falls der SPIEGEL über seinen Fall berichten sollte. Auch den Wunsch K.s, seinerzeit das NSU-Trio zu verstecken, will Dolsperg in dieser Runde zur Sprache gebracht haben; der Vorgang, so sein Eindruck, sei allen drei BfV-Beamten bekannt gewesen.
Der SPIEGEL verzichtete damals auf einen Bericht über Dolsperg. Ein Jahr später sendete das ARD-Magazin "Fakt" einen Beitrag über ihn. "Das war wie ein Keulenschlag", sagt der Aussteiger. Dolsperg suchte erneut Kontakt zur BfV-Zentrale in Köln, traf sich ein paar Tage später mit Verfassungsschutzbeamten am Strand von Warnemünde. Die erklärten ihm während einer Bootsfahrt das Procedere: weitere Treffen, neue Papiere, den Abbruch der Kontakte zu Familie und Freundin. Er würde vorübergehend ins Ausland gehen und dann ein neues Leben beginnen. Irgendwo in Deutschland oder Schweden. Dolsperg will eingewilligt haben.
Doch im November, so schildert es der Ex-Spitzel, habe der Geheimdienst einen Rückzieher gemacht - angeblich auf Anweisung der Amtsleitung.
Seither übernachtet Dolsperg nur noch selten auf Snaret. Und wenn, dann liegt der Knüppel neben seinem Bett. Sein Hof steht zum Verkauf.
* Fahndungsfotos von 1998.
Von Hubert Gude

DER SPIEGEL 9/2014
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