24.02.2014

ZENTRALAFRIKA„Es gibt noch Hoffnung“

Übergangspräsidentin Catherine Samba-Panza soll die Gräueltaten im Land beenden - dabei hat sie weder Milizen noch ihre eigene Armee im Griff.
Samba-Panza, 59, hat in Frankreich Jura studiert und war eine erfolgreiche Anwältin. Im Frühjahr 2013 ernannte der Putschist Michel Djotodia sie zur Bürgermeisterin von Bangui, der Hauptstadt der Zentralafrikanischen Republik, am 20. Januar wählte ein provisorisches Parlament Samba-Panza zur Übergangspräsidentin. Sie fordert mehr internationale Truppen, um weitere Massaker verhindern zu können.
SPIEGEL: Die Gewalt in Ihrem Land eskaliert, Christen jagen Muslime, weit über tausend Menschen sind bislang gestorben, Menschenrechtsorganisationen sprechen bereits von Völkermord. Trifft die internationale Gemeinschaft eine Mitschuld, weil sie es versäumt hat, die französischen und afrikanischen Friedenstruppen zu verstärken?
Samba-Panza: Die internationale Gemeinschaft engagiert sich vorsichtig. Sie kann nicht überall sein, dafür verfügt sie nicht über genügend Truppen. Man muss den Einsatz der 1600 französischen Soldaten und der 5000 Mann der Afrikanischen Union anerkennen - von Mitschuld kann keine Rede sein.
SPIEGEL: Sie sind Christin. Besteht die Gefahr, dass alle Muslime im Land umgebracht oder vertrieben werden? Ist es womöglich schon zu spät?
Samba-Panza: Nein, es gibt noch Hoffnung. Und es ist nicht so, dass es in ganz Zentralafrika zu Gewalt gegen Muslime käme. Priester und Imame versuchen vielerorts, die Leute zu beschwichtigen. Ohne diese ökumenische Arbeit wäre die Situation noch viel dramatischer.
SPIEGEL: Sie werben international um mehr Friedenstruppen für Ihr Land. Erwarten Sie einen deutschen Beitrag?
Samba-Panza: Wir haben schon Zusicherungen aus Brüssel: Die EU wird Truppen entsenden und auch finanzielle sowie humanitäre Hilfe leisten. Deutschland ist maßgeblich daran beteiligt, und ohne deutsche Fürsprache wäre es wohl nicht zu diesen Versprechen gekommen.
SPIEGEL: Warum sollte die EU Ihrem Land helfen? Es gibt etliche Beispiele gescheiterter Friedenseinsätze in Afrika.
Samba-Panza: Hilfe ist zunächst eine Frage der Solidarität. Die Länder der Europäischen Union sind Mitglieder der Vereinten Nationen. Daher sind sie verpflichtet, Mitgliedstaaten in Not zu unterstützen.
SPIEGEL: Bis vor kurzem war die Zentralafrikanische Republik nicht für religiöse Konflikte bekannt. Jetzt scheint Ihr Land zum Frontstaat im Kampf der Kulturen zu werden. Wie konnte es dazu kommen?
Samba-Panza: Christen und Muslime haben hier immer friedlich zusammengelebt. Der Konflikt begann nicht als Auseinandersetzung zwischen den Religionen. Zuerst gab es eine politische Rebellion der Seleka-Milizen gegen die Zentralmacht. Dieser Truppe gehörten vor allem Muslime an, die großteils aus dem Sudan und dem Tschad stammten. Zur Verteidigung ihrer Dörfer haben sich Christen dann in Gegenmilizen, den Anti-Balaka, zusammengeschlossen. Unter die Kämpfer auf beiden Seiten mischten sich Banditen. Es sind vor allem kriminelle Elemente, die die Gewaltakte begehen.
SPIEGEL: Wer sind die Hintermänner der Milizen?
Samba-Panza: Das sind Leute, die politische Interessen verfolgen, wie zum Beispiel François Bozizé, der vor einem Jahr entmachtete Präsident. Sie säen Chaos, um wieder an die Macht zu kommen.
SPIEGEL: Könnten die bislang noch muslimisch kontrollierten Teile der Zentralafrikanischen Republik zu einem Rückzugsgebiet für Islamisten werden?
Samba-Panza: Die internationale Gemeinschaft ist von dieser Gefahr genauso betroffen wie die Zentralafrikanische Republik. Wir müssen wachsam sein, damit es nicht so weit kommt. Ich werde nicht zulassen, dass unser Land geteilt wird.
SPIEGEL: Wie wollen Sie das schaffen? Sie kontrollieren ja nicht einmal Ihre Armee, die sich an den Gräueln beteiligt.
Samba-Panza: Ich bin vier Wochen im Amt und kann in einem Monat nicht alle Probleme lösen. Aber ich bin die Staatschefin und werde mir Autorität verschaffen.
SPIEGEL: Sie sind erst die dritte Präsidentin an der Spitze eines afrikanischen Staates. Kann es helfen, dass Sie eine Frau sind?
Samba-Panza: Es ist ein Trumpf für das Volk, das seit 20 Jahren unentwegt von mörderischen Krisen heimgesucht wird. Ich wurde von der Bevölkerung sofort akzeptiert. Ich glaube nicht, dass das so gewesen wäre, wenn ein Mann in diesem Moment an die Staatsspitze gelangt wäre. Denn Männer gelten als Täter. In unserer Kultur herrscht Respekt gegenüber Frauen, vor allem Frauen eines gewissen Alters.
SPIEGEL: Wie kann eine Gesellschaft jemals das Trauma überwinden, das solch ein Bürgerkrieg hinterlässt?
Samba-Panza: Sehr wichtig ist die Rolle der Justiz. Wir müssen jede Form von Straffreiheit ausschließen. Wir müssen Kriminelle bestrafen. Nur so können sich die Zentralafrikaner wieder versöhnen. Der Staat muss seine Autorität neu aufbauen. Dann werden wir Wahlen organisieren.
Interview: Jan Puhl, Petra Truckendanner
Von Jan Puhl und Petra Truckendanner

DER SPIEGEL 9/2014
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