01.03.2014

ZEITGESCHICHTEHelmut und Helmut

Als Helmut Schmidt noch Kanzler war, quälte er den damaligen Oppositionsführer Helmut Kohl mit beißender Kritik. Nach dem Machtwechsel 1982 nahm der Pfälzer heimlich Rache.
Auf dem Zenit seiner Kanzlerschaft hatte Helmut Schmidt für seinen Herausforderer Helmut Kohl nur Verachtung übrig. "Vorsitzender der Mainzer Provinzialregierung", ein "Biedermann", so ätzte der eher kleine Sozialdemokrat 1976 über den gut zwanzig Zentimeter größeren Kohl, als dieser Rheinland-Pfalz regierte.
Schmidt sprach dem CDU-Chef öffentlich und intern die Kompetenz ab und verbreitete, er habe nur ein Ziel vor Augen: Kohl dürfe nie Kanzler werden. Vor Unions-Granden spottete er sogar: "Hoffentlich behaltet ihr den noch recht lange." Gemeint war: Das würde Schmidt das Amt erhalten.
Doch 1982 wechselte die FDP als Koalitionär von der SPD zur CDU/CSU, und ausgerechnet der geschmähte Kohl wurde Schmidts Nachfolger. Noch bei der Übergabe ließ der Hamburger spüren, wie wenig er den neuen Regierungschef schätzte. Kohl fand ein vollständig geräumtes Büro im Bonner Kanzleramt vor, was ihm bitter aufstieß: "Es gab kein einziges Stück Papier, das er mir hinterlassen hätte."
Zurück blieben die Narben, die Schmidts Schmähungen über die Jahre hervorgerufen hatten. Der Pfälzer sei an dem Hanseaten "fast zugrunde" gegangen, schreibt Kohl-Biograf Hans-Peter Schwarz.
Es mag überraschen, dass der neue Kanzler öffentlich nicht auf Rache aus war. Gelegentlich spottete Kohl über Papiere zur Lage der Weltwirtschaft, die Schmidt auch ihm zuschickte ("unerbetene Ratschläge"). Ansonsten erweckte er den Eindruck, er habe mit dem Vorgänger abgeschlossen.
Aber das war nur Fassade, wie Akten des Auswärtigen Amts aus dem Jahr 1983 preisgeben, die nun das Münchner Institut für Zeitgeschichte veröffentlicht(*).
Ob in Kohls Gesprächen mit dem damaligen US-Vizepräsidenten George Bush, Großbritanniens Eiserner Lady Margaret Thatcher, Frankreichs Präsident François Mitterrand oder Österreichs Kanzler Fred Sinowatz - immer fallen
auch Bemerkungen zu Helmut Schmidt. Freundlich sind sie nie.
Er habe ein "verheerendes Erbe" vorgefunden, lästerte Kohl etwa in London. Sein Vorgänger habe "es sehr an Vorsorge zu Hause fehlen lassen und stattdessen sehr viel über die Weltwirtschaft geredet". Ausgerechnet dem Sozialdemokraten Sinowatz vertraute Kohl an, Schmidt habe "sein Leben lang die Partei verachtet".
Bei Mitterrand empörte sich Kohl darüber, dass der Altkanzler für fürstliche Honorare Reden hielt. Schmidts Beispiel würde zeigen, dass "sich Geld und Politik nicht vertragen". Die Bürger seien in diesem Punkt sehr empfindlich.
Bei anderen Gesprächspartnern träufelte Kohl das Gift, der Rivale von einst spiele "keine politische Rolle mehr", sei "nur noch ein Denkmal".
Mit der Wirklichkeit hatte diese Form der Nachrede wenig gemein. Helmut Schmidt führte bereits im Jahr eins nach seiner Kanzlerschaft die Sympathie-Ranglisten mit großem Vorsprung an und blieb international gefragt. Thatcher lud ihn zum Dinner ein, Mitterrand empfing ihn, ebenso SED-Chef Erich Honecker, Spaniens König Juan Carlos oder US-Außenminister George Shultz.
In der öffentlichen Wahrnehmung schnitt Schmidt deutlich besser ab als der Nachfolger. Umso mehr überrascht, dass die nun zugänglich gewordenen Akten einen Kohl zeigen, der schon im ersten Regierungsjahr jene Qualitäten demonstrierte, die sich bei den Verhandlungen zur deutschen Einheit 1989/90 als Glücksfall erwiesen: Standfestigkeit, Machtinstinkt, diplomatische Umsicht.
Auf dem internationalen Parkett war nichts von jener selbstverliebten Betulichkeit zu spüren, die ihm Kritiker in der Bonner Regierungszentrale attestierten. Geschickt warb der studierte Historiker bei Gesprächspartnern um Vertrauen, indem er Exkurse in die deutsche Geschichte mit Privatem verband. Er streute Lebensweisheiten seiner Mutter ein ("man solle dem anderen nicht zumuten, was man selbst nicht zugemutet haben wolle"), flachste mit dem sowjetischen Außenminister Andrej Gromyko über ein Bild im Kanzleramt, das Kohls Sohn Peter mit 13 Jahren gemalt hatte (Gromyko: "Ich bin erfreut, dass der Realismus in der deutschen Kunst noch nicht gestorben ist"), und er leistete sich Selbstironie. Ein Beamter notierte während Kohls Besuch im Juli in Moskau: "Heiterer Wortwechsel über die Essgewohnheiten des Bundeskanzlers."
Kohls Sicht auf die Sowjetunion war nüchtern - und erstaunlich weitsichtig. Das Kreml-Imperium sei "ideologisch so schwach wie nie zuvor" und habe "riesige innere Probleme", vertraute er im Dezember 1983 dem irischen Regierungschef an. Die Wirtschaft sei marode, das Minderheitenproblem wiege schwer. Bereits acht Jahre vor dem Untergang des Sowjetreichs sprach Kohl davon, dass der Bankrott "auf der Hand" liege.
Und während Kohls Vorgänger Schmidt immer voller Sorge war, dass ein Generationswechsel im Kreml zu einer aggressiveren Außenpolitik Moskaus führen könne, erkannte Kohl, dass die jungen Leute in Russland "den unseren nicht unähnlich" waren.
Da die Zeit aus seiner Sicht für den Westen arbeitete, plädierte er für eine Fortsetzung der Entspannungspolitik und mahnte die auf Eskalation drängende Margaret Thatcher zu Geduld. Man müsse abwarten, im Übrigen komme es darauf an, "sich nicht an die Diktatur zu gewöhnen, nicht abzustumpfen, sondern an der Idee der Freiheit festzuhalten".
Gegenüber seinen Gesprächspartnern im Ostblock verbarg er höflich, dass er sie für Auslaufmodelle hielt. Kohl sei es meist gelungen, eine "persönliche Atmosphäre zu schaffen", erinnert sich der außenpolitische Berater Horst Teltschik drei Jahrzehnte später, das sei eine "besondere Begabung" des Kanzlers gewesen.
Teltschik nennt es die "Politik der kleinen Gesten": Erwähnte Spaniens Premier Felipe González seine Söhne, brachte Kohl beim nächsten Treffen Geschenke mit. Bush schickte er Pfälzer Leberwurst. Und immer wieder erzählte er vom Schicksal seiner Familie. Ein Onkel im Ersten Weltkrieg, der Bruder im Zweiten Weltkrieg gefallen, die Ehefrau aus dem Osten geflohen. Vom deutschen Boden werde "kein Krieg ausgehen", versicherte er dann.
Solche Bekundungen waren aber auch geboten, denn 1983 drohte ein neuer Kalter Krieg. In den USA regierte Ronald Reagan und versetzte die Kreml-Führung mit martialischen Reden in Kriegsangst. Die Nato wiederum konterte mit dem sogenannten Doppelbeschluss die sowjetische Aufrüstung mit SS-20-Nuklearraketen. Der Beschluss sah vor, ab Ende des Jahres 572 amerikanische Marschflugkörper und Pershing-II-Raketen in Europa zu stationieren - es sei denn, die Supermächte einigten sich zuvor bei Verhandlungen in Genf.
Kohl wollte den Erfolg dieser Gespräche. Er drängte Reagan zu Zugeständnissen und warb in Moskau um Entgegenkommen ("Ich bin kein Kalter Krieger"). Doch als die Sowjets verlangten, auch britische und französische Atomwaffen in die Verhandlungen einzubeziehen, ermunterte der Kanzler die Regierenden in Paris wie in London, hart zu bleiben,
Zeitweilig sah es so aus, als könnte die sogenannte Nachrüstung kippen. In der Bundesrepublik und anderen Ländern protestierten Hunderttausende gegen die Raketenstationierung der USA; die Regierungen in Dänemark, Griechenland, Portugal gingen auf Distanz.
Misstrauisch verfolgten die Amerikaner deshalb jeden Schritt der Deutschen. Als sie vorübergehend den Eindruck gewannen, auch die Bundesregierung schwanke, warnte Bush, die "US-Seite nehme die Durchführung des Zeitplanes sehr ernst".
Eine unnötige Mahnung. Kohl und sein Außenminister Hans-Dietrich Genscher schwankten nicht. Wenn sie vom Doppelbeschluss abgerückt wären, sagt Genscher heute, "wären wir erledigt gewesen".
Im Nachhinein erwies sich die klare Haltung Kohls und Genschers in doppelter Hinsicht als Segen. Wie Michail Gorbatschow später erzählte, überzeugte die Unnachgiebigkeit des Westens das Politbüro von der Notwendigkeit, Reformen einzuleiten - und ebnete ihm den Weg.
Und auch Bush, der während der Verhandlungen zur deutschen Einheit im Weißen Haus regierte, zog Schlüsse, die den Deutschen 1989/90 zugutekamen.
Kurioserweise verdankte Kohl diesen Erfolg ausgerechnet der ihm so verhassten Friedensbewegung. Bei einem Besuch Bushs in Krefeld im Juni 1983 blockierten nämlich Demonstranten die Ausfahrt des Seidenweberhauses, in dem ein Festakt stattgefunden hatte. Kohl saß mit seinem Staatsgast in der Tiefgarage fest.
Als der schwarze Cadillac von Bush schließlich losfahren konnte, gelang es Demonstranten, die Limousine mit Steinen und Erdklumpen zu bewerfen.
Kohl empfand die Szene als Blamage. Bush hingegen schlussfolgerte, dass die Regierung bereit sei, den Preis für Meinungsfreiheit zu bezahlen.
Fortan hielt er die Bundesrepublik für eine stabile Demokratie, die für die Sünden der Vergangenheit bezahlt habe. Als 1989 die Mauer fiel, zögerte Bush nicht, ein geeintes Deutschland in die Souveränität zu entlassen: "Irgendwann muss einmal genug sein."
Kohl genießt heute weltweites Ansehen. Selbst Helmut Schmidt, inzwischen 95, weiß seinen 83-jährigen Nachfolger zu schätzen. 2010 räumte er in der "Zeit" ein, er habe Kohl "lange als Provinzpolitiker empfunden". Jetzt wisse er, der Pfälzer sei ein "Staatsmann".
Einen Seitenhieb vermochte Schmidt sich dennoch nicht zu verkneifen. Seine Neubewertung Kohls habe seine "Sympathien und Antipathien nicht berührt".
* Institut für Zeitgeschichte (Hg.): "Akten zur Auswärtigen Politik der Bundesrepublik 1983". Oldenbourg Verlag, München; 2105 Seiten; 149,95 Euro.

DER SPIEGEL 10/2014
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