01.03.2014

GEDENKENFledermäuse im Bauch

Zwei Denkmäler sollen an die Revolution von DDR-Bürgern im Herbst 1989 erinnern. Aber weder in Berlin noch in Leipzig wird bislang daran gebaut.
Feucht ist es und kalt. Und ein wenig modrig riecht es auch. Aber die Augen von Ulrike Jacobi leuchten, als wäre sie im Urlaubsparadies. Sie schwärmt von den mehr als vier Meter dicken Wänden und von den Tausenden Holzpfählen, auf denen hier alles ruht. "Welch eine Baukunst", lobt die Frau vom Bundesamt für Bauwesen und Raumordnung, dann zieht sie den Kopf ein und führt in eine weitere Gewölbekammer.
Dort zeigt die Projektleiterin Jacobi auf ein Loch in der Wand. "Da fliegen Fledermäuse durch", erklärt sie, hinein in die Finsternis, die hier gewöhnlich herrsche. "Wochenstube" würden diese Kammern genannt. Und die seien besonders wertvoll. Denn in ihnen könnten die Fledermausweibchen bis zur Geburt der Jungen hängen, ungestört von den Männchen.
Die Säugetiere mit der Wohnanschrift 10178 Berlin, Schloßplatz, nahe Unterwasserstraße, sind derzeit Thema im Kanzleramt, im achten Stock, wo Monika Grütters (CDU) arbeitet. Die neue Kulturstaatsministerin musste zur Kenntnis nehmen, dass die Fledermäuse ein zentrales Projekt ihrer Amtszeit stören. Denn sie bewohnen den Sockel, auf dem einst eine Statue von Kaiser Wilhelm hoch zu Ross stand - und nun ein neues Symbol errichtet werden soll: das Freiheits- und Einheitsdenkmal.
Zum 25. Mal jährt sich in diesem Herbst die Revolution in der DDR - ein Ereignis, das an den zentralen Schauplätzen Leipzig und Ost-Berlin (jetzt Berlin-Mitte) mit eindrucksvollen Monumenten gewürdigt werden soll. Doch mit einer feierlichen Eröffnung beider Bauten ist auf absehbare Zeit nicht zu rechnen: Zeit- und Budgetpläne machen Probleme, der Bau in Leipzig ist vollkommen ungewiss.
Von gleich mehreren "Projektrisiken" sprachen die zuständigen Experten der Baubehörde und des Kanzleramts vor einigen Wochen mit Blick auf das Berliner Denkmal, von "Kostensteigerungen" und schwer kalkulierbaren Genehmigungsverfahren. Die bauliche Realisierung sei "wohl sehr schwierig", sagt Grütters.
Die Errichtung der Denkmäler hatte der Bundestag in den Jahren 2007 und 2008 beschlossen, trotzdem existieren die Projekte bis heute allein auf dem Papier. In Leipzig erinnern nur Schilder an einer Brachfläche am Rande der Innenstadt an das Vorhaben. 70 000 Felder und Podeste in sieben Farben sollen an dieser Stelle einen riesigen, quietschbunten Flickenteppich bilden - als Anspielung auf jene 70 000 Demonstranten, die am 9. Oktober 1989 an der ersten Massendemonstration gegen die SED und die DDR-Staatsführung teilnahmen. So sieht es der Entwurf der Münchner Architekten Marc Weis und Martin de Mattia vor, die im Juli 2012 den internationalen Gestaltungswettbewerb gewonnen hatten.
Doch jene Bürger, die 1989 ängstlich und wütend um den Stadtring marschierten, immer in Sorge, von Armee oder Polizei könnte ein Blutbad ausgehen, können mit dem farbenfrohen Ensemble nichts anfangen. "Es spiegelt sich darin keinerlei Respekt für den Mut der Menschen wider, die damals auf die Straße gingen, um friedlich zu protestieren", heißt es in einem Dialogforum, das die Stadt Leipzig nach zahlreichen Protesten eingerichtet hatte. Sollte der Siegerentwurf zur Ausführung kommen, schrieb ein anderer Bürger, "so müsste man das im wahrsten Sinne der Worte als Einladung sehen an die Touristen aller Länder: Kommt her und tretet die Erinnerung an den Mut der aufrechten Leipziger vom Herbst 89 mit den Füßen!".
Schon den geplanten Standort empfinden die Aktivisten als Zumutung. Das Denkmal soll am Wilhelm-Leuschner-Platz entstehen, einem verödeten Ort, der mit der historischen Demo 1989 wenig zu tun hat. Viele hegen den Verdacht, die Stadt Leipzig wolle die vom Bund bereitgestellten fünf Millionen Euro vor allem für die Aufhübschung einer verlotterten Brache verwenden. Das Denkmal wäre dabei nur Mittel zum Zweck.
Die Stadtväter gaben dem Druck der Bürger - zumindest teilweise - nach und ließen eine Überarbeitung der Entwürfe zu. Dieses Verfahren war rechtlich höchst umstritten, zumal infolge der Proteste der dritte Preisträger auf wundersame Weise zum ersten deklariert wurde. Vorigen Dienstag kassierte das Oberlandesgericht Dresden die Korrektur. Der ungeliebte Flickenteppich hat nun wieder Chancen.
Aber wird das Denkmal für Bürgermut deshalb auch errichtet, gegen den Willen vieler Bürger? SPD-Oberbürgermeister Burkhard Jung, der für den Bau verantwortlich ist, steckt in der Klemme. Einflussreiche sächsische Politiker wie Michael Kretschmer, Generalsekretär der Landes-CDU, wollen den Siegerentwurf unbedingt verwirklichen - ganz im Sinne des unionsgeführten Kanzleramts, das das Vorhaben schließlich weitgehend finanziert. "Die Geschichte wird entscheiden, ob die Menschen das Denkmal schön finden oder nicht", sagt Kretschmer.
Ex-Oberbürgermeister Wolfgang Tiefensee (SPD) dagegen hält nicht nur den Flickenteppich für wenig gelungen, sondern auch die an zweiter und dritter Stelle prämierten Entwürfe im Gestaltungswettbewerb: "Was wir brauchen, ist ein Denkmal, das auch Auswärtige begreifen. Es muss für sich selbst stehen." Er fordert einen neuen Wettbewerb sowie ein Mitspracherecht für die Leipziger; und er würde darüber gern mit der Staatsministerin persönlich reden.
500 000 bis 600 000 Euro, die bereits für Planungen und Wettbewerb ausgegeben wurden, müsste die Stadt in diesem Fall an Bund und Land zurückzahlen. Zudem ist mit Forderungen nach Schadensersatz durch die drei Preisträger zu rechnen. Dies könne das Ende des Denkmalprojekts bedeuten, hatte Grütters' Vorgänger Bernd Neumann (CDU) den Leipziger Oberbürgermeister voriges Jahr bereits gewarnt: Das wäre der größtmögliche politische Schaden.
Vor der eigenen Haustür, in Berlin, gibt es zwar weniger Proteste, dafür aber zahlreiche technische Herausforderungen. Die etwa 50 Meter lange begehbare Schale, die wie eine Wippe bewegt werden können soll, ist als Hommage an die "Bürger in Bewegung" gedacht. Ein "Freudenmal", schwärmte Initiator Günter Nooke (CDU), auf dem "Logenplatz der deutschen Geschichte".
Doch die Vorfreude ist getrübt. Denn das monströse Bauwerk warf zuletzt viele praktische Probleme auf, die das Projekt offenbar schwer kalkulierbar machen. Derzeit werden die "haushaltsbegründenden Unterlagen" erarbeitet, die Baugenehmigung ist noch nicht erteilt. Schuld daran sind nicht allein die Fledermäuse, die sich durch ausdauerndes Herumhängen das Recht auf artgerechte Umsiedlung erkämpft haben. Die zuständigen Behörden haben baulich schwierige Fragen zu bewerten: Wie soll die Schale auch Behinderten zugänglich sein? Und wer garantiert, dass die begehbare Oberfläche im Winter nicht vereist?
Auch die Schützer alter Denkmäler haben noch ein Wörtchen mitzureden. Auf dem zukünftigen Stellplatz der Einheits-Wippe - neben dem im Wiederaufbau befindlichen Stadtschloss - legten Arbeiter guterhaltene historische Mosaike frei, die zum berittenen Kaiser und seinem alten Zuhause passen, nicht aber zur Wippe. Ein Kompromiss muss deshalb her, zwischen Denkmalsschützern und den Wettbewerbsgewinnern vom Büro Milla & Partner. Die sind aber leicht angesäuert, weil das Kanzleramt bereits in ihr Kunstwerk eingegriffen hat.
Laut Entwurf sollten an der Außenseite der Schale möglichst viele Losungen aus dem Herbst 1989 zu lesen sein. Die ganze Vielfalt der Wünsche der Herbst-Aktivisten sollte so sichtbar werden: von "Visafrei bis Hawaii" bis "Stasi in den Tagebau". Grütters-Vorgänger Neumann, der in Bremen aufgewachsen ist, war das zu kompliziert. Wer solle denn über die Auswahl der Losungen entscheiden? Eine Historikerkommission oder frühere Bürgerrechtler? Stattdessen schlug er vor, die Außenseite einfach mit einer Zeile aus der Nationalhymne zu versehen: "Einigkeit und Recht und Freiheit."
Absegnen ließ er sich das von einigen Bundestagsabgeordneten. Vielen Bürgerrechtlern wird diese Umdeutung nicht gefallen. Eine Debatte über die Anleihe aus der Nationalhymne war allerdings bislang nicht möglich - der Änderungsvorschlag blieb bis zuletzt unter Verschluss.
Sollte das Berliner Denkmal irgendwann genehmigt werden, werden sich in der Praxis neue Herausforderungen stellen. Denn so ein Bau will auch geputzt, gewartet und bewacht werden, die laufenden Kosten werden auf rund 130 000 Euro jährlich geschätzt. Aber wer soll dafür aufkommen?
Der Bund will nur die unmittelbaren Baukosten für die Wippe übernehmen. Da der Sockel des zerstörten Kaiser-Denkmals und das Grundstück der Stadt Berlin gehören, soll sie den Unterhalt übernehmen. Das aber mag der Senat nicht - großzügig bietet er deshalb dem Bund die Örtlichkeit zur Übernahme an.
Die Sanierung des Sockelgewölbes geht indes weiter. Stolz zeigt Projektleiterin Jacobi die Fundstücke, die in einem der Räume unter einer Plane lagern. Taucher hatten den Grund eines Grabens abgetastet und alte Munition beseitigt - und fanden nebenbei Teile des alten Reiterdenkmals.
Bei solchen Arbeiten gebe es immer Überraschungen, sagt Ulrike Jacobi. Sie bangt um die schönen Gewölbe, durch die riesige Träger gerammt werden müssen, um die Freiheits-und-Einheits-Wippe zu stabilisieren. Immer vorausgesetzt, der Denkmalschutz stimmt zu.
Und der Zeitplan?
Frau Jacobi, endlich wieder im Freien, atmet tief durch - und zieht es vor zu schweigen.
Von Stefan Berg und Steffen Winter

DER SPIEGEL 10/2014
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