01.03.2014

PLAGIATELeises Gurgeln

Edle Weine erzielen mitunter fünfstellige Summen - pro Flasche. Ihre Echtheit ist selbst für Experten kaum zu überprüfen. Das lockt Betrüger.
Die Domaine de la Romanée-Conti (DRC) im französischen Burgund zählt zu den edelsten Weingütern der Welt. Ihr Spitzenprodukt, von dem jedes Jahr nur ein paar tausend Einheiten abgefüllt werden, erzielt auf dem internationalen Markt bis zu 10 000 Euro pro Flasche. Der sortenreine Pinot Noir ist so begehrt, dass er nur an ausgewählte Kunden abgegeben wird.
Im vergangenen Dezember bekam das Gut, das auf eine 1500-jährige Geschichte zurückblickt, Besuch von deutschen Polizisten. Kommissare des hessischen Landeskriminalamts (LKA) hatten eine Flasche des Jahrgangs 2009 mit der Herstellernummer 03645 im Gepäck - und baten den Kellermeister zur Weinprobe. Dieser beäugte Glas und Etikett, öffnete die Flasche, nahm ein paar Tropfen auf die Zunge, roch, schmeckte und spuckte den Saft angewidert in einen Blechnapf. Sein Urteil: Das ist kein Romanée-Conti. Mit einem leisen Gurgeln verschwand der Rest des Flascheninhalts im Ausguss.
Die LKA-Beamten hatten mit dem Befund gerechnet. Denn seit die Preise für Spitzenweine explodieren, tummeln sich vermehrt Kriminelle auf dem Markt. Der Fall aus Hessen ist der jüngste Erfolg im Kampf gegen Plagiate und wahrscheinlich nur die Spitze des, pardon, Weinbergs. Die Täter fälschen bevorzugt jüngere Jahrgänge, bei denen sie davon ausgehen, dass die Weine erst einmal für viele Jahre in den wohltemperierten Kellern von Sammlern und Anlegern verschwinden.
Die Flasche mit der Nummer 03645 tauchte im Sommer 2013 in Darmstadt auf, wo Jens Bürger den Weinhandel Top Cru betreibt. Der Geschäftsmann hat nach dem Jurastudium sein Hobby zum Beruf gemacht und sich auf den Handel mit Spitzenprodukten spezialisiert. Wenn er über Wein spricht, dann bedächtig und ausführlich; geduldig erklärt er dem Laien die Grundlagen des Marktes.
Dazu gehört, dass etwa eine Flasche des berühmten Château Margaux aus dem Bordeaux vor einigen Jahren rund 80 Euro kostete - und heute für das Zehnfache gehandelt wird. Der Boom hat viel mit neuen Käuferschichten zu tun, die sich in Schwellenländern wie Russland und China
gebildet haben. So konnte sich der Saft der Reben zum Anlage- und Spekulationsobjekt entwickeln, insbesondere wenn er von Top-Erzeugern wie Petrus, Henri Jayer oder eben Romanée-Conti stammt.
Das Problem ist nur: So ein Wein, insbesondere von DRC, ist relativ leicht zu fälschen. Es reicht, eine günstigere Lage des Gutes zu kaufen und das Vorder- und Rückenetikett auszutauschen. Flaschen und Kapseln sind identisch. Der Inhalt ist dann nur noch am Brandzeichen auf dem Korken zu identifizieren. Dazu müsste man jedoch die Kapsel öffnen, was niemand machen wird, weil die Flasche dann beschädigt wäre und an Wert verlöre.
Jens Bürger hat Kunden, die händeringend nach den Top-Erzeugnissen der weltbesten Winzer suchen. Als ihm Mitte vergangenen Jahres von einem Mann namens Alexej Kudrin ein paar Flaschen Romanée-Conti angeboten wurden, war er sofort interessiert.
Weil reiche Russen häufig teure und prestigeträchtige Rotweine im Besitz haben, war der Händler nicht übermäßig misstrauisch. Der Oligarch Roman Abramowitsch beispielsweise ist als DRC-Freund bekannt. Und Kudrin konnte mit reichlich Fachwissen aufwarten, etwa dass die Romanée-Conti ihre Weine meist im Assortiment abgibt: eine Kiste mit zwölf Flaschen verschiedener Lagen, davon nur eine Flasche des Spitzenweins.
Kudrin nannte eine Adresse in Como, wo er mit seiner Familie lebe. Er schickte Fotos der Flaschen, ihrer Vorderseite und der Rückseite, um anhand der Etiketten die Echtheit zu beweisen. Sogar eine Rechnung des Weinguts schickte er per Mail. 5036,48 Euro kostete danach das Assortiment des Jahres 2009.
Etwa genauso viel wollte er nun für eine Flasche des Top-Weins haben. Bürger fand das einen angemessenen Preis.
Der Russe kam am 15. Juli 2013 im Taxi, er sprach sehr gutes Englisch mit russischem Akzent, er gab sich weltläufig und wortgewandt, ein Mann mit Manieren und Geschmack. Im Gepäck hatte er drei Flaschen, jeweils die DRC-Spitzenlage der Jahrgänge 2006, 2007 und 2008.
Bürger prüfte die Flaschen, er ließ sich die Herkunft aus Kudrins väterlichem Weinkeller schriftlich bestätigen und kopierte den Pass. Dann ging er zur Bank, hob 17 000 Euro ab und übergab sie dem Verkäufer. "Bargeld ist in diesem Geschäft nicht unüblich", sagt Bürger.
Drei Tage später bot der Russe erneut zwei Flaschen an, diesmal Jahrgang 2009, zum Preis von 12 500 Euro. Der Ablauf war nahezu identisch, nur dass der Verkäufer diesmal einen Mann namens Dmitrij für die Übergabe schickte, angeblich seinen Fahrer. Es war heiß an dem Tag, um die 30 Grad, doch der Wein war kühl. Bürger gab Dmitrij das Geld.
Ein paar Tage später wollte der Russe noch einmal liefern. Fünf Minuten vor der Übergabe bekam Bürger jedoch einen Anruf von einem Schweizer Geschäftsfreund, der ihn vor DRC warnte. Gerade sei in Essen eine Fälschung verkauft worden.
Der Weinhändler ließ das Geschäft unter einem Vorwand platzen und schickte dem Anrufer die Passkopie, und siehe da: Der erkannte den Mann. Unter einem anderen Namen hatte er bei ihm DRC-Weine gekauft, günstigere Lagen für 500 bis 1000 Euro die Flasche. Derselbe Mann, erfuhr Bürger, habe früher einmal bei einem Weinhändler in der Schweiz gearbeitet, das Unternehmen aber wegen Unregelmäßigkeiten verlassen müssen.
Bürger schwante Böses. Er nahm sich die Flasche vor, die auf dem Vorderetikett die Nummer und auf dem Rücken den Namen des einzigen Importeurs für DRC in Deutschland trug: Reinhard Böhm.
Der Geprellte griff zum Telefon, doch allzu groß war Böhms Hilfsbereitschaft nicht. Damit entspricht der Importeur durchaus der Haltung des Erzeugers, die sich etwa so beschreiben lässt: Wir machen tolle Weine, die wir nur an ausgesuchte Kunden abgeben, und wer irgendwo eine Flasche kauft, die sich als Fälschung herausstellt, ist selber schuld.
Am liebsten wäre es dem Weingut, wenn seine edlen Produkte gar nicht erst in den freien Verkauf kämen. "Der DRC-Handel ist ein Markt der Zuteilung", sagt Böhm, der seit 30 Jahren im Geschäft ist. Rund 6000 Flaschen Romanée-Conti produziert die Domaine in normalen Jahren, zuletzt war der Ertrag jedoch eher gering.
Da die Nachfrage immer das Angebot um ein Vielfaches übersteigt, könnten DRC und der Importeur astronomische Preise aufrufen. Aber das, so Böhm, widerspreche der Tradition des Hauses.
Die Domaine diktiert die Regeln, die Preise stehen weitgehend fest. Wer eine Kiste erwerben darf, ist sofort ein paar tausend Euro reicher. Böhm verkauft deshalb vor allem an Stammkunden. "Wir wollen Spekulation vermeiden", sagt der Importeur, der jede Flasche persönlich ausliefert.
Die Flasche mit der Nummer 03645, sagt Böhm, habe er tatsächlich einem Kunden verkauft. Wie der Fälscher an die Belege kam, könne er sich nicht erklären.
Doch selbst DRC kann nicht verhindern, dass nach dem Tod eines Sammlers die Erben mitunter mehr Spaß an klingender Münze haben als an der Leidenschaft, eine Zig-Tausend-Euro-Flasche zu besitzen. Oder dass ein Afficionado in Geldnot gerät. Und egal von wem man die edlen Tropfen erwirbt: Das Risiko, betrogen zu werden, ist schwer auszuschließen.
Sogar Experten wie Charlie Trotter, Inhaber eines Sterne-Restaurants in Chicago, werden Opfer von Betrügern. Voriges Jahr verkaufte Trotter eine Magnumflasche DRC, Jahrgang 1945, für 46 200 Dollar. Doch im Jahr 1945 hatte DRC keine einzige Magnumflasche abgefüllt.
Der Darmstädter Weinhändler Bürger widerstand der Versuchung, die fünf mutmaßlich gefälschten Romanée-Conti zu versilbern. Er ging zur Polizei und nahm wieder Kontakt zu Alexej Kudrin auf.
Die nächste Lieferung sollte aus vier Flaschen der Jahrgänge 2009 und 2010 bestehen. Der Preis: 21 500 Euro. Am 17. Oktober wollte der Russe kommen.
Polizisten in Zivil sicherten die Straßen um Bürgers Weinhandel ab. Doch Kudrin erschien nicht.
Am Tag zuvor hatten Polizisten in Italien einen Weinfälscherring auffliegen lassen, ein Vater und sein Sohn kamen in Untersuchungshaft. Ermittler vermuten, dass Kudrin zur Bande gehörte. Er wird jetzt mit Haftbefehl gesucht.
* Kopie des mutmaßlich gefälschten Ausweispapiers.
Von Andreas Ulrich

DER SPIEGEL 10/2014
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