01.03.2014

BILDUNGSackgasse Uni

Nie hatte Deutschland mehr Studenten, doch der Wirtschaft fehlen gute Auszubildende. Die Regierung will das Problem mit einer Imagekampagne lösen.
Er musste das Studium einfach abbrechen. Das Theoretische lag ihm nicht, der Druck war zu groß, dazu der Nebenjob, um die Miete zu finanzieren. "Ich konnte mich zu nichts mehr aufraffen", sagt Stefan Reinecke. Acht Jahre lang habe er sich an der Universität "gequält", mit Sprachwissenschaften, Politologie und Informatik. Lehrer und Berufsberater hatten ihm vor dem Abitur eingetrichtert, dass ein Studium das Beste für ihn sei.
Seit Jahren schon tut die deutsche Politik sehr viel, um junge Menschen für ein Studium zu motivieren. Sie hat Hochschulprogramme erfunden, Akademisierungsquoten, Exzellenzinitiativen. Und doch kritisiert die OECD jedes Jahr aufs Neue, dass Deutschland zu wenig Akademiker hervorbringe. So versuchen sich mittlerweile selbst diejenigen Abiturienten an einem Uni-Abschluss, denen das Lernen in der Schule schon nicht lag.
Die klassische Berufsausbildung hat unterdessen an Prestige verloren. Abiturienten gelten inzwischen als Verlierer, wenn sie eine Lehre dem Studium vorziehen. Zudem müssen sie damit rechnen, viel weniger Geld zu verdienen als Akademiker. Ein Ausbildungsplatz erscheint heute in etwa so attraktiv wie Urlaub in Eisenhüttenstadt.
Das hat Folgen: Im vergangenen Jahr gab es erstmals mehr neue Studenten als Azubis. Industrie und Handwerk klagen, es gebe zu wenig gute Auszubildende. Unternehmer finden oft keine Fachkräfte mehr, geschweige denn Nachfolger für ihren Betrieb. "Berufliche Bildung ist gleichwertig zur akademischen Bildung - diese Botschaft muss in den Herzen und Köpfen der Menschen ankommen", fordert der Zentralverband des Deutschen Handwerks.
Inzwischen hat die Bundesregierung immerhin registriert, welche Folgen das jahrelange Werben der Politik für das Studium hat. Und sogar ein gewisses Bemühen, den Trend zu drehen, ist zu erkennen. So will Bundesbildungsministerin Johanna Wanka (CDU) das Image der Ausbildung wieder aufpolieren und spricht von "einer großen Aufgabe dieser Legislatur". Ihr Ministerium will sogar ein Programm aufsetzen. Es trägt den Arbeitstitel "Chance Beruf" und ist auch ansonsten nicht allzu originell. Viele Elemente gibt es bereits seit Jahren, wenn auch unter anderem Namen.
Immerhin: Wanka möchte mehr investieren, um jungen Leuten eine Ausbildung schmackhaft zu machen. Sie will mehr Bildungslotsen engagieren, die Schüler von der Mittelstufe in die Ausbildung begleiten. Es soll mehr Potentialanalysen geben, mit deren Hilfe ermittelt wird, welche Berufe für einen jungen Menschen in Frage kommen. Und die Berufsberatung soll gezielter auf die Schüler abgestimmt werden. So will Wanka verhindern, dass Jugendliche sich für den falschen Weg entscheiden. Nicht nur weil gute Auszubildende gebraucht werden, sondern auch weil jeder Studienabbrecher den Staat natürlich Geld kostet.
Zwar solle jeder, der dazu in der Lage ist, die Chance haben, ein Studium aufzunehmen, sagt Wanka. Es müsse aber klarergemacht werden: "Die berufliche Ausbildung ist eine starke Alternative." Schließlich ist die Zahl der Studienabbrecher immens: Zuletzt verließen 35 Prozent der Bachelor-Studenten die Uni, besonders hoch ist der Anteil in den Ingenieurwissenschaften, wo fast 50 Prozent eines Jahrgangs aufgaben.
Damit die Ex-Studenten nicht ohne Ausbildung und damit ohne Perspektive bleiben, wird das Ministerium Ende März das im vergangenen Jahr ausgelaufene "Jobstarter-Programm" neu auflegen und ausweiten. Bislang wurden Projekte gefördert, die neue Ausbildungsplätze schufen. Ab Oktober sollen Betriebe, städtische Projekte und Kammern, die sich explizit um Studienabbrecher kümmern, ebenfalls Fördergelder bekommen.
Um die klassische Ausbildung wieder attraktiv zu machen, wird eine Imagekampagne jedoch kaum reichen. Das System muss flexibler werden, da sind sich auch Experten einig. Leistungen, die ein Lehrling während seiner Ausbildung erbracht hat, müssten bei einem Wechsel an eine Universität ohne Einschränkung anerkannt werden. Und umgekehrt.
Ein Jugendlicher, der die Ausbildung zum Mechatroniker abgeschlossen hat, sollte dann nicht mehr drei Jahre studieren müssen, um den Bachelor-Abschluss als Ingenieur zu erhalten, weil die Kenntnisse aus seiner Ausbildung angerechnet würden. Ein Studienabbrecher wiederum müsste keine dreijährige Ausbildung absolvieren, um Mechatroniker zu werden.
Um das zu erreichen, habe man den Deutschen Qualifikationsrahmen (DQR) eingeführt, sagen Politiker aus Bund und Ländern. Doch der DQR hat einen Haken, denn er ist nur symbolischer Natur: Die deutschen Hochschulen können weiterhin freihändig entscheiden, wen sie zulassen - Deutscher Qualifikationsrahmen hin oder her.
Experten kritisieren zudem, dass die klassische Ausbildung oft nicht zeitgemäß sei. Es gibt immer weniger Berufe, in denen sich die gleiche Tätigkeit ständig wiederholt - diese Jobs haben Maschinen und Computer übernommen. "Heute geht es nicht mehr so sehr darum, Wissen zu wissen, sondern Lernen zu lernen", sagt Jörg Dräger, Vorstandsmitglied der Bertelsmann-Stiftung. Akademikern werde das beigebracht, Azubis jedoch nur sehr selten. Das müsse sich ändern.
Doch die Verbände, die für die Ausbildung zuständig sind, wollen davon nichts wissen. Sie fordern lediglich bessere und verpflichtende Berufsberatung in den Schulen, am besten von der Politik finanziert. Bis dahin konkurrieren sie weiter um die guten Abiturienten und jene Studienabbrecher, die bereit sind, sich weiterzubilden.
Wie Stefan Reinecke. Nach dem spät abgebrochenen Studium bekam er eine Ausbildung zum Kommunikationstrainer, stieg in zwei Jahren zum Trainermanager auf, verdient heute viel Geld - und ist glücklich.
Von Ann-Katrin Müller

DER SPIEGEL 10/2014
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


DER SPIEGEL 10/2014
Titelbild
Der digitale SPIEGEL
Diese Ausgabe jetzt digital lesen

Die digitale Welt der Nachrichten. Mit interaktiven Grafiken, spannenden Videos und beeindruckenden 3-D-Modellen.
Sie lesen die neue Ausgabe noch vor Erscheinen der Print-Ausgabe, schon freitags ab 18 Uhr.
Einmal anmelden, auf jedem Gerät lesen - auch offline. Optimiert für Windows 8, Android, iPad, iPhone, Kindle Fire, BlackBerry Z10 sowie für PC/Mac.

Abo-Angebote

Den SPIEGEL lesen oder verschenken und Vorteile sichern!

Jetzt Abo sichern
Ältere SPIEGEL-Ausgaben

Kostenloses Archiv:
Stöbern Sie im kompletten SPIEGEL-Archiv seit
1947 – bis auf die vergangenen zwölf Monate kostenlos für Sie.

Wollen Sie ältere SPIEGEL-Ausgaben bestellen?
Hier erhalten Sie Ausgaben, die älter als drei Jahre sind.

Artikel als PDF
Artikel als PDF ansehen

BILDUNG:
Sackgasse Uni

  • Dokumentarfilm "Warsaw - A City Divided": Bisher unbekannte Filmaufnahmen aus dem Warschauer Ghetto
  • Weltraumschrott: Aufräumen in der Umlaufbahn
  • Digitale Forensik: Wie der SPIEGEL das Strache-Video überprüft hat
  • Webvideos der Woche: Einfach umgedreht