01.03.2014

EIN VIDEO UND SEINE GESCHICHTE:Bitte nicht berühren!

Warum ein Maler in Miami eine alte chinesische Vase zerschlug
Der Anruf kam gegen Abend, es war der vorvergangene Sonntag, Danilo Gonzalez war noch im Büro. Gonzalez betreibt "The Art Place" im Künstlerviertel Wynwood, Miami, Florida, eine Galerie mit einem kleinen Café. Vor kurzem erst sind sie umgezogen, er und seine Leute, und es gibt immer etwas zu tun.
Am Telefon war ein Freund, er klang aufgeregt. Ob Gonzalez es schon gehört habe? Von der Sache im Pérez Art Museum Miami, kurz PAMM? Vom Eklat im wichtigsten Kunstmuseum der Stadt? Von Ai Weiwei, dem chinesischen Aktionskünstler, und von der Vase, die jemand habe fallen lassen?
Gonzalez hatte noch nichts gehört. Er wusste natürlich, dass das PAMM seit Dezember eine Ausstellung von Ai Weiwei zeigt, darunter 16 antike Vasen, etwa 2000 Jahre alt, die Ai in Industriefarben getaucht und dann umgedreht hatte, so dass die Farbe an den Vasen herunterlief. Aktionskunst. Aber nun hörte er von einer zerbrochenen Vase, der Freund erzählte aufgeregt, und ein Name fiel: Máximo Caminero. Jetzt war auch Gonzalez alarmiert.
Er kennt Caminero seit über 25 Jahren, einen Maler aus der Nachbarschaft, seit sechs Jahren stellt er dessen Bilder aus: moderne Malerei in karibischen Farben, die Bilder heißen "Lágrimas de mar", Tränen des Meeres, oder "Gaviotas", Möwen. Beide, Gonzalez und Caminero, stammen aus der Dominikanischen Republik, beide sind Anfang fünfzig. Beide kämpfen dafür, dass die Künstlerkolonie Wynwood ihren lokalen Charme bewahrt.
Aber das ist, im globalen Miami, kein einfaches Vorhaben: Eben wurde das Kunstmuseum umbenannt und trägt jetzt den Namen eines Bauunternehmers, der es zum Milliardär gebracht hat. Jedes Jahr werden hier auf der Art Basel Miami Beach Millionen umgesetzt, die Stadt zieht Geld an, legales und illegales.
Gonzalez versuchte, seinen Freund Caminero auf dem Handy zu erreichen, erfolglos. Der Maler saß bei der Polizei, und er gab zu Protokoll, dass die Sache mit der zerbrochenen Vase kein Unfall gewesen sei, sondern sein Akt des Protests. Er habe, sagte Caminero später, dagegen protestieren wollen, dass internationale Stars wie Ai Weiwei die lokalen Künstler verdrängen.
Gonzalez verteidigt den Protest, es ist ein Protest gegen die Kommerzialisierung, gegen die Macht des Marktes, gegen die Ohnmacht der Künstler.
Es gibt ein Video von der Aktion, zufällig gefilmt von einem Besucher, das Bild wackelt etwas. Auf dem Film ist zu sehen, wie sich Caminero die Vase vorn rechts greift, eine grüne. Er bleibt einen Augenblick stehen, die Vase hält er mit beiden Händen vor der Brust. Dann ist eine Stimme zu hören, möglicherweise jemand vom Wachpersonal. Die Stimme schreit "Don't touch!", vielleicht schreit sie auch "Don't, Sir!", so genau ist das nicht zu verstehen.
In der nächsten Sekunde jedenfalls kracht es: Caminero hat das antike Stück vor sich auf den Holzboden fallen lassen, man sieht in dem Video sehr schön, wie die Vase, mindestens 2000 Jahre alt, in viele kleine Teile zerspringt. Caminero trägt eine rote Fleecejacke, Jeans und eine Art Strickmütze auf dem Kopf. Er steht etwas unschlüssig herum, dann steckt er die Hände in die Hosentaschen und schlendert nach vorn, dorthin, wo der Filmer steht.
Die Vase, schätzt die Polizei, hatte einen Wert von ungefähr einer Million Dollar. Caminero drohen bis zu fünf Jahre Freiheitsentzug. Kurz nach seiner Aktion entschuldigte sich Caminero beim Kollegen Ai Weiwei: Er habe keine Ahnung gehabt, wie teuer so eine Vase sei.
Inzwischen spricht er gar nicht mehr, dazu hat ihm sein Anwalt geraten. Vielleicht hat ihn auch die Aussicht auf fünf Jahre Gefängnis zum Schweigen gebracht. Aber an seiner Stelle redet Gonzalez, sein Freund aus der Galerie. Ihm sei sofort klar gewesen, dass die Vasen-Aktion mit Vandalismus nichts zu tun habe, sagt er. Caminero habe die Vase schließlich nicht zertrümmert, sondern fallen lassen. "Zertrümmern ist ein gewaltsamer Akt. Fallenlassen ist ein Akt der Besinnung." Ein Akt, so sieht Gonzalez das inzwischen, der zum Gespräch einlade.
Und er stellt Fragen. "Sind Ihnen die Fotos im Museumssaal aufgefallen?" An der Wand, hinter den Vasen, hängen drei Schwarzweißbilder, 1,80 Meter hoch, etwa 1,60 Meter breit. Sie zeigen, wie Ai Weiwei eine Vase aus der Zeit der Han-Dynastie auf den Boden fallen lässt, gefertigt irgendwann um Christi Geburt, der Künstler hat den Blick gleichmütig in die Kamera gerichtet. Eine Aktion aus den neunziger Jahren, sie hat damals für Aufsehen gesorgt: Man kann kulturelle Werte zerstören, sagen diese Schwarzweißbilder, und gleichzeitig neue Kunst erschaffen.
Und warum, fragt Gonzalez, stellt Ai seine 16 Vasen ausgerechnet vor die Fotos mit der Han-Vase? Wollte er die Besucher nicht ermuntern, es ihm gleichzutun? Máximo Caminero, sagt sein Freund und Galerist Danilo Gonzalez, habe Ai Weiweis Akt des Protests nicht nur wiederholt. Er habe ihn, an einem Sonntag in Miami, vollendet.
Von Hauke Goos

DER SPIEGEL 10/2014
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